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Martin Suter

Allmen und die
verschwundene María

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Erstausgabe erschien 2014
im Diogenes Verlag

 

 

 

 

Für Toni

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2015

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchausgabe 978 3 257 24313 0 (1. Auflage)

ISBN E-Book 978 3 257 60418 4

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5] Prolog

Gut zwei Wochen war es her, dass Allmen International Inquiries den Auftrag erhalten hatte, ein Gemälde wiederzufinden, das es offiziell gar nicht mehr gab: ein Dahlienbild im Wert von dreieinhalb Millionen von Henri Fantin-Latour. Auch der Auftrag kam von jemandem, den es eigentlich gar nicht mehr gab: Dalia Gutbauer. Die heute zweiundneunzigjährige Industrieerbin hatte bis in die späten fünfziger Jahre die Klatschspalten mit ihrem Gesellschaftsleben in Atem gehalten und war nach einer skandalumwitterten Liaison mit einem halbseidenen Liebhaber untergetaucht.

Als Allmen von einer gewissen Cheryl Talfeld ins Schlosshotel bestellt wurde, ahnte er noch nicht, dass das etwas abgetakelte Fünfsternehaus der geheimnisvollen alten Dame gehörte und diese seit über zwanzig Jahren inkognito dessen vierte Etage bewohnte. Und ebenso lange diente ihr Frau Talfeld auch schon als persönliche Assistentin.

Im Schlafzimmer von Madame Gutbauer hatte [6] während all dieser Jahre neben Porträts, die bekannte Künstler von ihr gemalt hatten, das Dahlienbild gehangen. Sie hatte es als junge Frau von einem Mann geschenkt bekommen, der es für sie gestohlen hatte. Und ebendieses Bild war in den vergangenen Tagen verschwunden.

Allmen und seinem guatemaltekischen Diener Carlos wurde schnell klar, dass das Bild nicht ohne Komplizen in der vierten Etage hätte weggeschafft werden können, und sie beschlossen, dass Allmen ins Hotel ziehen und die Beziehungen der Bewohner der vierten Etage sowie der Gäste und Angestellten des Hotels zueinander untersuchen solle.

Bereits am ersten Abend seines Aufenthalts starb im Hotelrestaurant während des Essens Hardy Frey, ein greiser Dauergast. Und wie sich herausstellte, war er zugleich der etwas halbseidene Mann, mit dem Dalia damals durchgebrannt war – und der einst auch die Dahlien für sie gestohlen hatte.

Allmen holte sich als Verstärkung María Moreno ins Hotel, die Kolumbianerin, in die Carlos sich verliebt hatte und die inzwischen bei ihm in der winzigen Dachwohnung des Gärtnerhäuschens lebte. Als Zimmermädchen getarnt, erforschte sie die Beziehungen innerhalb des Personals. Bald fand sie heraus, dass ein gewisser Claude Tenz, Neffe des verstorbenen Dauergastes Hardy Frey und [7] ebenfalls für kurze Zeit Hotelgast, ein Verhältnis mit Madame Gutbauers Assistentin Cheryl Talfeld hatte.

Auch Allmens Nachforschungen waren erfolgreich: Er fand heraus, dass ein weiterer Dauergast, Teresa Cutress, die Frau war, für die Hardy Frey Dalia Gutbauer damals hatte sitzenlassen. Wie Hardy Frey war auch sie mittellos und lebte genau wie er auf Kosten oder – wie ihre Assistentin es nannte – als Trophäe von Dalia Gutbauer im Schlosshotel.

Carlos fahndete von zu Hause aus. Er entdeckte, dass Hardy Freys Neffe zum Bekanntenkreis des Bauunternehmers, Immobilienhändlers und Nachtclubbesitzers Tino Rebler gehörte.

Bei der Eröffnungsparty eines Clubs begegnete Allmen Reblers Geliebten, einer jungen bildschönen Römerin, die ebenfalls Dalia hieß. Und er erfuhr, dass Tino Rebler ihr kürzlich ein anderes Dahlienbild von Fantin-Latour hatte schenken wollen, aber bei dessen Versteigerung überboten worden war.

So schloss sich der Kreis. Es stellte sich heraus, dass Teresa Cutress und Hardy Frey gemeinsam mit Hardys Neffen Claude Tenz den Plan geschmiedet hatten, mit Hilfe der Assistentin Cheryl Talfeld Madame Gutbauers Dahlienbild zu stehlen [8] und es Tino Rebler als Ersatz für das entgangene zu verkaufen. Mit ihrem Anteil wollten sich die beiden alten Leute einen von Dalia Gutbauer unabhängigen Lebensabend ermöglichen.

Allmen gelang es, Dalia Gutbauer davon zu überzeugen, dass sie keine andere Wahl hatte, als das Bild für drei Millionen zurückzukaufen. Claude Tenz ging auf das Angebot ein, aber anstatt es Rebler abzukaufen, stahl er es aus der Wohnung der römischen Dalia und ließ sich von Allmen die drei Millionen aushändigen.

So kam – fast – alles zu seinem guten Ende: Dalia Gutbauer hatte ihre Dahlien zurück, Cheryl Talfeld behielt ihre Stelle, die Firma Allmen International Inquiries bekam ihr sattes Honorar und Allmen zusätzlich eine ansehnliche Provision, die er sich heimlich abzweigte.

Am folgenden Tag jedoch wurden Allmen und Carlos von der Nachricht beunruhigt, Claude Tenz sei gewaltsam ums Leben gekommen. Noch mehr erschreckte sie allerdings die Tatsache, dass María Moreno nicht nach Hause kam.

Als sie auch in der Nacht nicht auftauchte, befürchteten sie Schlimmes.

Es traf am nächsten Tag ein. Ein Entführer rief an und forderte als Lösegeld – die Dahlien.

[9] Erster Teil

1

»Nun gehen Sie schon, Pflegefachfrau Duttli!« Monika Duttli stand unschlüssig in der Tür. Schließlich ging sie. Wenn Dalia Gutbauer sie »Pflegefachfrau Duttli« anstatt »Schwester Monika« nannte, war es Zeit, die Waffen zu strecken.

Die alte Frau hatte ihr den Rücken zugewandt. Als die Tür ins Schloss fiel, ruckte sie ihr Gehgestell in Richtung Bett und bewegte sich darauf zu.

Dalia Gutbauer hatte das in schwarzem Lack und poliertem Ebenholzfurnier gearbeitete Art-déco-Bett mit dem nach hinten gewölbten Kopfteil als junge Frau bei einer Auktion in Paris ersteigert und sich ihr ganzes bewegtes Leben nicht mehr davon getrennt. Jetzt benutzte sie es nicht mehr. Sie schlief in einem anderen Zimmer in einem Hightechkrankenhausbett, dessen Mechanik und Elektronik es ihr erlaubten, sich noch immer ohne Hilfe schlafen zu legen und auch selbständig aufzustehen.

[10] Für das Art-déco-Bett mit der dicken Matratze, dessen Kopfende man nicht hochklappen konnte, war sie inzwischen zu klein, krumm und unbeweglich geworden. Sie schaffte es nur noch, sich halb sitzend, halb stehend an die Bettkante zu lehnen.

Das tat sie jetzt und richtete ihren Blick auf die Wand mit den fünf Bildern, von denen jedes im Licht eines Spots erstrahlte. Die schweren schwarzweißen Seidenvorhänge mit dem geometrischen Muster waren zugezogen, kein Tageslicht drang in den Raum. Vier der Bilder waren Porträts, die sie in verschiedenen Lebensphasen zeigten. Sie hatte sie immer gemocht, weil sie die Künstler gemocht hatte: Niklaus Stoecklin, Rudolf Schlichter, Meredith Frampton und Gertrude Abercrombie. Die Künstler waren das Einzige, was sie mit den Werken verband. Mit der Frau, die sie zeigten, hatte sie nie etwas zu tun gehabt.

Die Gemälde waren Erinnerungen an Menschen und Orte. An den Geruch nach Ölfarben, Firnis und Zigaretten. An Niki Stoecklin und seine seltsame Basler Fasnacht. An Gertrude Abercrombie und eine Jamsession mit Charlie Parker. An Rudolf Schlichter und die Schönheitstänzerinnen der Münchner Bongo Bar. Und an den langsam erblindenden Meredith Frampton und die langen Sitzungen in seinem eleganten Studio in St. John’s Wood.

[11] Dalia Gutbauer angelte sich die Fernbedienung vom Nachttisch und schaltete die Spots aus, einen nach dem anderen, bis nur noch das Dahlienbild von Henri Fantin-Latour hell aus der jetzt dunklen Wand hervorstach.

Schon immer war das Dahlienporträt dasjenige der fünf Bilder gewesen, in dem sie sich am ehesten wiedererkannte. Jede der großen Blüten stellte einen anderen ihrer Gemütszustände und eine andere ihrer Wesensarten dar. Die unbeschwerte Weiße zuoberst neben der kühlen Hellroten und der mondänen Purpurnen, die die geheimnisvolle Blutrote halb verdeckte. Die schüchterne Rosafarbene, die ihre Unschuld mit dem lasziven Himbeerrot ihrer Nachbarin etwas kaschierte. Die arglistige Gelbe, die hinter ein paar Blättern lauerte. Und schließlich die angewelkte Weiße, die schwer über den Vasenrand hing, üppig und verdorben.

Doch jetzt war ihr das Bild fremd geworden. Sie erkannte sich darin noch weniger als in den vier Porträts daneben. Es war, als hätte der zweite Diebstahl es entweiht.

Dalia Gutbauer drückte auf eine andere Taste der Fernbedienung. Einen Augenblick später klopfte es, und der Butler betrat das Schlafzimmer.

Sie deutete mit ihrem krummen Zeigefinger auf die Wand. »Das Bild, bitte, Louis.«

[12] Monsieur Louis zögerte.

»Hierher.« Sie tätschelte gereizt die Matratze neben sich.

Er ging zum Gemälde, nahm es von den beiden Haken, legte es neben sie aufs Bett und sah sie erwartungsvoll an.

»Danke. Das wäre alles.«

Monsieur Louis sah aus, als wollte er etwas sagen.

Die alte Frau kam ihm zuvor. »Sie können gehen.«

»Wünschen Sie Ihr Mittagessen hier?«

»Ich klingle, falls ich Sie brauche.«

Er zog sich zurück.

Das Zimmer lag jetzt im Licht des einzigen Spots, der die leere Stelle zwischen den Porträts erhellte. Die Farben des Bildes, das nun neben Dalia Gutbauer lag, hatten ihre Leuchtkraft verloren, und die Dahlien hoben sich nur noch durch ihre Grauwerte voneinander ab.

Das Bild war ihr nicht nur fremd geworden, es widerte sie an. Es erinnerte sie zwar noch immer an Leo Taubler, den Mann, der es vor bald sechzig Jahren für sie gestohlen hatte. Aber nun war es seine greise abstoßende Ausgabe, die sich Hardy Frey genannt hatte und die im Speisesaal ihres Hotels sang- und klanglos gestorben war. Die Blüten waren jetzt nicht mehr ihre eigenen [13] verschiedenen Facetten, sondern eine Versammlung der Geliebten, mit denen er sie betrogen hatte.

In all den Jahren war das Kunstwerk der romantische Liebesbeweis eines verrückten Liebhabers gewesen. Jetzt war es ein banaler Gegenstand geworden. Ein Gegenstand mit einem Preis: drei Millionen plus ein Menschenleben.

Dalia Gutbauer stemmte sich von der Bettkante hoch und manövrierte sich und ihr Gehgestell zum Schminktisch, dessen schwarzer Lack im schwachen Licht glänzte. Sie öffnete eine der Schubladen, entnahm ihr ein Lederetui und klappte es auf.

Es enthielt ein Maniküreset aus Edelstahl. Sie wählte eine kleine, sehr spitze Hautschere.

2

Allmen hatte sein Handy wie etwas Vergiftetes so weit von sich weggeschoben, wie es die Tischplatte des kleinen Sekretärs erlaubte.

Carlos saß vornübergebeugt in einem von Allmens ledernen Lesesesseln und hielt das Gesicht in den Händen verborgen.

Die Sonne schien, die Rollos des Glasdachs waren heruntergelassen und tauchten die Bibliothek in ockerfarbenes Licht.

[14] Allmen wollte etwas Tröstendes sagen, aber es fiel ihm nichts ein.

Nun richtete sich Carlos auf und ließ die Hände sinken. Er hatte sie so stark gegen das Gesicht gepresst, dass helle Abdrücke auf der Haut zurückblieben. »¿Qué dijeron?«, wollte er wissen.

»Sie sagten, sie wollen das Bild.«

»Sonst?«

Allmen hätte sich gerne um diese Antwort gedrückt. Er suchte nach einer schonenden Formulierung.

Aber Carlos sprach es aus: »Si no la van a matar.«

Allmen blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

Carlos verbarg wieder das Gesicht in den Händen. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Dann fragte er: »¿Cuanto tiempo tenemos?«

Allmen zuckte mit den Schultern. Der Anrufer hatte ihm keine Frist gesetzt. Er hatte nur gesagt, Allmen solle sich bereithalten, er werde bald weitere Details erfahren. Das erklärte er Carlos. »Er sprach italienisch«, fügte er hinzu.

»Como los gorilas del Señor Rebler«, ergänzte Carlos. Das Blut war ihm aus den Wangen gewichen, und seine braune Haut wirkte grau.

Auch Allmen zweifelte nicht daran, dass Rebler hinter der Entführung steckte. So wenig wie daran, [15] dass dieser auch Claude Tenz auf dem Gewissen hatte.

Carlos kam in den Sinn, dass in dem Polizeibericht Folterspuren erwähnt wurden. »La van a torturar«, stieß er hervor und schlug wieder die Hände vors Gesicht.

Allmen wünschte, er wäre woanders. Das alles war ihm entschieden zu ernst geworden. So hatte er sich den Beruf des Kunstinvestigators – seine momentane Lieblingsberufsbezeichnung – nicht vorgestellt. The Art of Tracing Art war eine elegante Beschäftigung, bei der er sich in Kreisen des gehobenen Geschmacks mit Kavaliersdelikten im finanziellen High-End-Bereich zu beschäftigen gedachte. Da flossen weder Blut noch Tränen.

Dennoch beugte er sich vor und tätschelte Carlos unbeholfen die rechte Schulter.

»¿Qué hago?«, fragte der, ohne aufzuschauen.

Diese Frage aus dem Mund des Mannes, der immer wusste, was zu tun war, machte Allmen noch ein bisschen hilfloser. Woher sollte ausgerechnet er wissen, was zu tun war? »La Policia«, sagte er und merkte sofort, dass es mehr wie eine Frage als eine Antwort geklungen hatte.

Carlos, in dessen Heimat bei Entführungen die Polizei oft selbst beteiligt war, hob den Kopf. Wieder zeichneten sich die Stellen ab, wo er die [16] Handflächen gegen das Gesicht gepresst hatte. »Wenn die Entführer es erfahren, ist María tot.«

»Wir sind nicht in Guatemala«, entgegnete Allmen. »Hier kann man der Polizei vertrauen.«

»Nur Idioten vertrauen der Polizei«, antwortete Carlos.

Allmen versuchte, es nicht persönlich zu nehmen.

Carlos gab sich einen Ruck und stand auf. »Wenn die Entführer die Dahlien wollen, sollen sie die Dahlien bekommen.«

Allmen sah ihn verwundert an. Das war keine von Carlos unverbindlich klingenden sugerencias.

»Madame Gutbauer wird damit nicht einverstanden sein«, gab Allmen vorsichtig zu bedenken.

»Ya veremos«, antwortete Carlos entschlossen.

3

Den Eames Lounge Chair hatte sich Cheryl Talfeld von ihren Eltern zum Abschluss der Hotelfachschule gewünscht. »Wozu brauchst du einen Polstersessel, bei dem Zigeunerleben, das du von nun an führen wirst?«, hatte ihr Vater sie gefragt.

»Als Heimat«, hatte sie geantwortet. Damals war sie fünfundzwanzig gewesen, und in den siebenundzwanzig Jahren, die seither vergangen [17] waren, hatte der Sessel sie zu jeder ihrer Arbeitsstellen begleitet.

Jetzt saß sie darin, hatte die Beine auf seiner Ottomane hochgelagert, nippte an einem Black Label mit vier Stück Eis und blätterte in einem People-Magazin voller Prominenz, wie sie längst nicht mehr im Schlosshotel abstieg.

Die vier Fenster ihres Wohnzimmers standen weit offen, denn sie rauchte, und Dalia Gutbauers feine Nase roch Rauch durch alle Ritzen. Sie beschwerte sich darüber, obwohl sie selbst heimlich paffte.

Die Nachricht von Claude Tenz’ gewaltsamem Tod hatte sie seltsam ungerührt gelassen, wie eine rasch überflogene Meldung in ›Vermischtes‹. Diese Gefühlskälte beunruhigte sie ein wenig. Aber ebenfalls nicht mehr als die Tatsache selbst. Vielleicht, dachte sie, sollte sie sich einfach damit abfinden, dass sie ein kalter Arsch war, wie ein Liebhaber sie einst genannt hatte.

Eine Vase mit noch fast geschlossenen Tulpen stand auf einem runden Tisch beim Fenster. Die tiefe Aprilsonne warf den langen Schatten des Straußes auf das Parkett. Das Bild brachte ihre Gedanken auf ein anderes Blumenstillleben: die Dahlien von Henri Fantin-Latour.

Seit drei Tagen befand sich das Werk wieder im [18] Besitz von Dalia Gutbauer, und seither hatte diese es mit keinem Wort erwähnt. Als wäre das Thema mit der Zahlung des Lösegeldes und des Honorars von Allmen International Inquiries für sie abgeschlossen. Allmen hatte offenbar Wort gehalten und Cheryls Rolle beim Verschwinden und Wiederauftauchen des Bildes nicht verraten. Aber sie hatte damit gerechnet, dass Dalia sich zumindest Gedanken darüber machen würde, wer vom Personal Claude Tenz’ Komplize war. Oder Komplizin. Denn selbst wenn sie Allmen geglaubt hätte, dass Tenz durch sein Fachwissen als ehemaliger Alarmanlagenspezialist in Madame Gutbauers Etage hätte eindringen können, wäre es ohne Mittäter schwierig geworden, das Bild hinauszuschaffen.

Wie sie Dalia Gutbauer kannte, konnte sie jederzeit unvermittelt auf das Thema zurückkommen. Aber auch diese Möglichkeit ließ Cheryl seltsam gleichgültig.

Eine rasch dahinziehende Wolke schob sich vor die Sonne und verdunkelte den Raum. Cheryl sah erwartungsvoll von ihrer Zeitschrift auf, wie vom Programmheft zur Bühne.

Als hätte es auf dieses Zeichen gewartet, begann ihr Mobiltelefon zu klingeln.

»Allmen. Verzeihen Sie die Störung.«

»Sie stören nicht.«

[19] »Können wir uns treffen?«

Cheryl Talfeld hatte die Begegnung mit Johann Friedrich von Allmen in guter Erinnerung. Der etwas aus der Zeit gefallene Dandy mit den vollendeten Umgangsformen hatte sie amüsiert und ihr geschmeichelt. Die Vorstellung, ihn nach so kurzer Zeit wiederzusehen, gefiel ihr. »Worum geht es denn?«, fragte sie.

»Das möchte ich Ihnen lieber persönlich sagen. Ich will Sie nicht überfallen, aber würde es Ihnen zum Beispiel – in einer halben Stunde passen?«

Cheryl ließ das kurze Auflachen vernehmen, mit dem die hoffnungslos Ausgebuchten auf Terminvorschläge reagieren.

Allmen wartete.

Cheryl suchte nach dem richtigen Zeitpunkt. Nicht zu bald, damit sie nicht das Gesicht verlor, und nicht zu spät, damit er es sich nicht anders überlegte. »In anderthalb Stunden«, schlug sie vor. »Allenfalls.«

»Einverstanden. Im Hotel?«

Cheryl wollte nicht, dass es sich um die Art von Treffen handelte, die auch an ihrem Arbeitsort stattfinden konnte. »Machen Sie einen besseren Vorschlag.«

»In der Goldenbar.«

Als er aufgelegt hatte, schloss sie die Fenster, [20] ging ins Bad und zog sich aus. Das Licht, das durch die gelben Vorhänge fiel, schmeichelte ihrem knochigen Körper. Es machte die Konturen weicher und glättete die schlaffen Stellen. Die Brüste waren zu klein, um zu hängen, und ihre Pobacken und Oberschenkel zu mager für Orangenhaut. Ihr Körper war gut gealtert, fand sie. Zwar um den Preis eines etwas harten und strengen Gesichtsausdrucks, aber es gab Männer, die das mochten.

Cheryl unterstrich das Gouvernantenhafte ihrer Erscheinung noch durch die schwarzen Lid- und Augenbrauenstriche, den hellen Fond de Teint, den dunkelroten Lippenstift und das hochgesteckte Haar, dessen graue Strähnen sie durch eine pechschwarze Färbung zum Verschwinden brachte.

Sie warf einen letzten Blick in den Ganzkörperspiegel und drapierte vorsichtig eine geblümte Duschhaube über die Turmfrisur, bevor sie sich unter die Dusche stellte.

Was mochte der Grund sein, dass Allmen sie so dringend sehen wollte? Etwas Geschäftliches? Wohl kaum. Den geschäftlichen Teil hatten sie abgeschlossen. Es musste sich um etwas Persönliches handeln. Ihre Beziehung war ja ziemlich bald über das rein Geschäftliche hinausgegangen. Er wusste viel über sie. Und sie allerhand über ihn. Der Abschied vor drei Tagen war beinahe freundschaftlich [21] gewesen. Vielleicht wollte er diese entstehende Freundschaft aufrechterhalten. Vielleicht wollte er sogar, dass mehr aus ihr wurde. Die fünf, sechs Jahre, die sie älter war, fielen in diesem Alter nicht mehr so ins Gewicht. Und sie passten zusammen. Beide besaßen, auf eine etwas klassische Art, Stil.

Sie verließ die Dusche, trocknete sich ab und cremte sich mit einer teuren Bodylotion ein, der sie die noch immer akzeptable Spannkraft ihres Gewebes zuschrieb. Sie öffnete die Schublade ihrer Kommode und suchte mit Bedacht die Unterwäsche aus, die ihm gefallen könnte.

4

Es roch nach feuchtem Mörtel, wie während der Regenzeit in der Hütte aus Zementblöcken, in der sie aufgewachsen war. Das einzige Licht fiel durch einen Schacht, der mindestens ein Stockwerk hoch war und sich ab und zu für einen Moment verdunkelte. Vielleicht durch einen Fußgänger oder ein Fahrzeug.

Der Raum besaß eine provisorische Tür, die wohl aus einem Abbruch stammte und von außen mit einem Vorhängeschloss verriegelt war, das hatte sie inzwischen mitbekommen.

[22] Sie befand sich in einem Rohbau. Morgens um sechs – man hatte ihr ihre Uhr gelassen – war durch den Lichtschacht Baulärm gedrungen. Er hatte, von drei Pausen unterbrochen, den ganzen Tag angedauert und war Schlag fünf Uhr verstummt.

Das einzige Mobiliar war eine Matratze auf dem nackten Betonboden. Und ein grüner Kunststoffeimer, der ihr als Toilette diente.

In einer Ecke des Raumes lag eine Schachtel mit der Aufschrift: »Plötzlich Pizza!!« Der, den der andere »Due« nannte, hatte sie mitgebracht. Er hatte die Pizzaschachtel neben die Matratze gelegt und María angestarrt. Bis der andere hinter der Tür gerufen hatte: »Due! Andiamo!« Daher wusste sie, dass er »Due« hieß, »Zwei«.

Sie hatte die Pizza nicht angerührt. Zuerst, weil sie keinen Appetit hatte, und später, als sich der Hunger bemerkbar machte, aus Protest.

Da stand auch eine Anderthalbliterflasche Evian im Raum. Davon hatte sie ein wenig getrunken, außerdem hatte sie eine Ecke der Wolldecke damit befeuchtet, um das Auge zu kühlen, das von einem Schlag zugeschwollen war. Due hatte ihr eine geknallt, als sie ihn hijo de puta genannt hatte, Hurensohn. Sie hätte wissen müssen, dass Italiener dafür genug Spanisch verstehen.

Die Entführung war ganz banal vor sich [23] gegangen. Kurz nach ein Uhr war sie von den Dr. Hubers losgegangen, und weil es ein schöner Tag war, hatte sie sich zu Fuß auf den Weg zur Villa Schwarzacker gemacht. Diese lag auf dem gleichen Villenhügel, einfach noch ein wenig weiter oben. Sie hörte ein Auto herannahen und sah sich um. Es war ein weißer BMW, der langsam fuhr und auf ihrer Höhe die Geschwindigkeit auf ihr Schritttempo reduzierte. Der Fahrer schien etwas zu suchen. Er hielt, beugte sich über den Beifahrersitz und öffnete das Fenster. »Scusi«, sagte er. Ein junger, gutaussehender Italiener.

María war stehen geblieben und bückte sich zum offenen Beifahrerfenster hinunter. Da wurde die Tür des Fond geöffnet, und jemand stieg aus, den María nicht beachtete. Der Fahrer sagte ein Wort, das mit »Straße« endete und das María nicht verstand.

Plötzlich schrie sie auf vor Schmerz. Jemand hatte ihr grob den Arm auf den Rücken gedreht und zwang sie auf den Rücksitz. Dann setzte er sich neben sie und schloss seelenruhig die Tür. Der Fahrer fuhr davon. Ohne Eile, wie ein Herrschaftschauffeur.

Das alles hatte sich vor einer dichten Gartenhecke abgespielt. Niemand konnte etwas gesehen haben.

Due hatte ihr eine Pistole gezeigt, verstohlen [24] wie ein Kind einem anderen Kind ein neues Spielzeug, und ihr bedeutet, dass sie sich anschnallen solle. María hatte gehorcht.

Sie waren schweigend den Villenhügel hinaufgefahren, bis die Häuser vom Stadtwald abgelöst wurden. Nach einer Weile bog der Fahrer in einen Seitenweg ab und von da aus in einen ungeteerten Waldweg.

María hatte, schon als ihr klar wurde, dass die Fahrt in den Wald ging, begonnen, mit dem Leben abzuschließen. Jetzt, als der Wagen mitten im Dickicht hielt, schloss sie die Augen und seufzte: »Dios mío.«

Due half ihr vom Beifahrersitz, fesselte ihre Hände mit einem Seil hinter dem Rücken und stülpte ihr einen schwarzen Sack über den Kopf, den er mit einem Klebeband um den Hals zusammenraffte. María begann zu schluchzen.

Sie hörte, wie der Kofferraum geöffnet wurde. Plötzlich wurde sie hochgehoben, eine Mischung aus Nikotin und Alkohol stieg ihr in die Nase. Due verstaute sie unsanft im Kofferraum und schlug den Deckel zu.

Das einzige Geräusch, das sie vernahm, war ihr Schluchzen.

Jetzt fuhr der BMW an und holperte über den Waldweg weiter. Nach kurzer Zeit wurde die Fahrt [25] ruhiger, sie hatten wieder eine Asphaltstraße erreicht. María versuchte, sich zu entspannen.

Die Luft war abgestanden, es roch nach Gummi und Benzin. Sie lag mit angezogenen Beinen auf der Seite. Etwas Hartes drückte sie in die Taille, eine Tasche oder ein Koffer.

Immer wieder überfiel sie das Gefühl zu ersticken. Sie zwang sich, ruhig zu atmen.

Bald hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren. Manchmal hörte sie die Stimme von Due, der auf dem Rücksitz etwas zum Fahrer sagte. Dazwischen lief kurz laute Musik. Ab und zu spürte sie, dass sie schnell fuhren. Und einmal drückte sie die Fliehkraft in einer engen Kurve kopfvoran gegen die Innenwand der Karosserie.

Dann hielt der Wagen an. Sie hörte die Stimmen der beiden Italiener und das Zuschlagen der Tür. Dann Schritte. Sie entfernten sich.

Sie wartete, bis es ganz still war. Dann begann sie, um Hilfe zu rufen. »¿Ayuda!«, rief sie, »¿ayudenme!« Und als dies nichts brachte, trat sie, so fest sie konnte, immer wieder gegen das Blech des Kofferraums.

Mit dem Poltern und Schreien, dem Trampeln und Kreischen stieg auch Panik in ihr hoch. Sie bäumte sich auf wie ein Tier in der Falle, bis die Kräfte sie verließen.

[26]