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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der Autor
Nicola Bardola studierte Germanistik, arbeitete als Bibliotheks- und Verlagslektor und schrieb für die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Seit 1985 verfolgt er engagiert die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchmarktes und setzt sich für Leseförderung ein. Er war Chefredakteur der Fachzeitschrift für Jugendmedien Eselsohr und schrieb u. a. den Roman Schlemm und das Sachbuch Der begleitete Freitod. Seit 2005 erscheint sein Almanach Lies doch mal! Die 50 besten Kinder- und Jugendbücher. Bardola schreibt u. a. für Die Literarische Welt, bloggt für ZVAB und dreht Videocasts mit
FOCUS SCHULE.

Im Augenblick, da ihre Liebe aufgehört hätte, würde ich ihm das
Herz aus dem Leibe gerissen und sein Blut getrunken haben.
EMILY BRONTË, STURMHÖHE

VORWORT
 
 
 
 
Stephenie Meyer spricht bei der Frage nach möglichen Fortsetzungen ihrer vier Twilight-Weltbestseller von einem »Cullen-Universum«, das entstanden sei. Sie könne nicht sagen, an welcher Stelle sie die Geschichte von Bella und Edward Cullen weiterschreiben werde. Möglichkeiten gibt es viele, denn es handelt sich um eine komplexe Vampirsaga, die einen neuen Vampir-Typus geschaffen hat, den Cullen-Vampir. Auf den insgesamt 2576 Buchseiten der vier Biss-Bände werden große Emotionen aus Teenager-Sicht verhandelt: Liebe, Tod, Unsterblichkeit und Hass sind nur einige der fundamentalen Themen, die Jugendliche interessieren und von Stephenie Meyer in einer spannenden Geschichte ausgebreitet werden. Dabei wird Übernatürliches nicht stärker gewichtet als Realistisches.
Stephenie Meyer versteht es, die phantastischen Episoden auf eine Weise in die Liebesgeschichte um Bella und Edward einzubetten, dass daraus immer auch Rückschlüsse auf das Alltagsleben, auf Situationen in der Wirklichkeit, gezogen werden können.
Mein Buch soll eine Orientierungshilfe und ein Begleiter für Stephenie Meyers Vampirsaga sein. Wer die vier Biss-Bücher schon gelesen hat, wird hier an die unvergleichliche Leidenschaft der Protagonisten und an das eigene Leseerlebnis erinnert. Wer mit dem Gedanken spielt, sich vom Sog der Vampirsaga erfassen zu lassen, findet hier viele Gründe, dies endlich zu tun.
Aber Vorsicht: Ich spreche hier auch vom (vorläufigen) Ende der Liebesgeschichte um Bella und Edward. Wer sich die Spannung bewahren will, sollte erst den vierten Band lesen.
Stephenie Meyers Vampirsaga begeistert vor allem Teenager und ihre Mütter. Die vielfältigen, von philosophischer Nachdenklichkeit bis zu ekstatischer Verehrung reichenden Zeugnisse ihrer Fans sind repräsentativ in diesem Buch enthalten. Im Anhang finden sich zudem die interessantesten Webseiten zu Stephenie Meyer. Manche Erstleser meines Buchs haben mit dem Anhang begonnen und schlugen vor, ihn doch weiter vorne zu platzieren. Er ist zwar noch immer am Ende des Bandes, aber das Stichwortverzeichnis ist in den Mittelpunkt meiner Ausführungen gerückt.
Bei allem, was ich nachfolgend über die Autorin Stephenie Meyer und ihre Romane schreibe, sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass es sich bei dieser Vampirsaga um Unterhaltungsliteratur handelt. Manche Kritiker, deren Urteil ich im Allgemeinen sehr schätze, finden die Vampirsaga schauderhaft, süßlich, langweilig, kitschig oder keusch und insbesondere den Schluss der Saga verfehlt. Sie beanstanden auch eine ausgeklügelte, zu stark webbasierte Marketingstrategie. So sei der Erfolg vor allem sozialen Internet-Netzwerken zu verdanken. Die internationale Vermarktung der Romane bis hin zu den Verfilmungen sind tatsächlich sehr kommerziell angelegt. Besonders deutlich wird das bei den deutschen Biss-Ausgaben. Ich habe beispielsweise noch nie gesehen, dass am Ende eines literarischen Romans steht: »Wem dieses Buch gefallen hat, der kann es weiterempfehlen und gewinnen...«
Mit meiner 17-jährigen Tochter und ihren Freundinnen habe ich mich über die Ursachen der Faszination der Vampirsaga unterhalten. Mit den Gründerinnen eines der führenden Internetportale habe ich diese subjektiven Eindrücke auf eine breitere Basis gestellt und fünfzig Interviews ausgewertet. Mir geht es vor allem um die Romane, um ihre Anziehungskraft und um ihren Stil. Ich suche also in der Sprache Stephenie Meyers nach den Gründen für die Begeisterung. Aber nicht nur formal, auch inhaltlich gibt es viele Erklärungen für die »Twilight-Mania«. Möge mein Buch Lichter auf die Vampirsaga werfen, dass sie zu schimmern beginnt wie Edwards Haut in der Sonne. Möge Ordnung in Stephenie Meyers Vampir-Kosmos kommen, so dass ich hoffen darf, dass dieser Begleitband zur Vampirsaga auch als Handbuch dient, als Biss-Lexikon, das neue Aspekte beleuchtet.
Nicola Bardola, München im Dezember 2008

AM ANFANG WAR EIN TRAUM – DIE INITIALZÜNDUNG ZUR VAMPIRSAGA
Der 2. Juni 2003 ist Legende: Stephenie Meyer, Hausfrau und Mutter von drei kleinen Söhnen, wacht morgens auf und erinnert sich an einen Traum, den sie nicht mehr verscheuchen kann und auch nicht mehr verscheuchen will. Dieser Traum wird ihr Leben verändern und das von Millionen Lesern auf der ganzen Welt. Stephenie setzt sich hin und schreibt ihn auf. Nahezu unverändert bildet diese Niederschrift das Kapitel »Lamm und Löwe« im ersten Band der Biss-Reihe: Eine wunderschöner und kalter Vampir glitzert in der Sonne. Ein Mädchen verliebt sich unsterblich in ihn. Die Legende von Bella und Edward ist geboren. Die ganze Vorgeschichte, die langsame Annäherung zwischen den beiden Protagonisten an der Highschool von Forks, schreibt Stephenie danach.
Fünf Jahre später, ein Montagmorgen, 9:23 Uhr, unterwegs im ICE von München nach Köln zur lit.cologne, findet mein Gespräch mit Stephenie Meyer statt: Im Neigewinkel knirscht die Eisenbahn über die Gleise. Eigentlich müssten wir in einem sanft schnurrenden Porsche sitzen, denn Stephenies Leidenschaft für Sportwagen ist bekannt. Die Danksagung an ihre Fans im dritten Band der Vampir-saga endet mit den Worten: »Am liebsten würde ich euch allen eine dicke Umarmung schicken, und dazu einen Porsche 911 Turbo.«
Ich sitze ihr in einem geschlossenen Zugabteil gegenüber und habe zwei Stunden Zeit für ein Interview. Ich lasse ihre Ausstrahlung auf mich wirken und frage, ob es sich bei der nächsten Lesereise durch Deutschland vielleicht schneller mit einem Sportwagen von Stadt zu Stadt fahren ließe. »Die Firma Porsche würde ich wirklich gerne besuchen. In Italien durfte ich ein paar Mal einen Ferrari fahren. Und ich fahre schnell!«, lacht die Bestsellerautorin aus der »Driving Town« Phoenix, wo »der nächste Supermarkt schon mal zwanzig Meilen von zu Hause entfernt ist«. Zurzeit fährt sie in den USA einen geräumigen Kombi, ideal für die fünfköpfige Familie. Von ihrem Infiniti G35 Coupe (eine Rarität in Deutschland) hat sie sich getrennt, aber der nächste Flitzer wird nicht lange auf sich warten lassen. »Als Teenager schauten meine Freundinnen schönen Jungs hinterher, ich schnellen Autos.« Stephenie wirkt natürlich und spontan. Ihr Lachen ist hell und immer wieder hält sie inne, als führe sie Zwiegespräche mit Bella oder Edward. Sie ist ungeschminkt, obwohl sie von dem Interview- und Foto-Termin im Zug wusste. Weil am Tonband-Kabel der Clip fehlt, improvisiert sie rasch und fixiert mit einer Haarspange geschickt das Mikro an ihrem roten Kleid. Sie trägt meist rot, auch auf den Pressefotos, aber eine Lieblingsfarbe habe sie nicht, betont Stephenie Meyer. (Auch kein Lieblingswort.) Es ist ihr peinlich, dass man im Internet ein Bild von ihr findet, das sie in einem stimmungsvollen Gothic-Ambiente zeigt, natürlich in Rot. Aktuelle Pressefotos beschränken sich auf Ferrari- bzw. blutrot gefärbte Lippen, die ihren breiten Mund betonen, der voller und sinnlicher ist als der Mund des Models auf den deutschen Buchumschlägen. Die geschwungenen Augenbrauen, die seitlich bis an die Schläfen reichen, Stephenies rötlich schimmernde Haarpracht, die Lachfältchen – alles in ihrem Ausdruck fügt sich zu etwas Hintergründigem, das ihre Themenwahl, Vampire und Werwölfe, nicht als Zufall erscheinen lässt.
Alles begann mit jenem Traum: Das Paar auf einer Lichtung. Ein einfaches Mädchen und ein wunderschöner Vampir. Den Rahmen, in dem der alles entscheidende Traum stattfand, bildeten eine Erkrankung des Mannes, ein Armbruch Stephenies und ihr drohender dreißigster Geburtstag. »Es war schon eine besondere Lebenssituation, aber ich würde es nicht als Krise bezeichnen«, sagt sie. Ob sie sich wirklich nicht an mögliche Auslöser für diesen Traum erinnern kann? Stephenie Meyers Antworten haben etwas Abschließendes. Sie wirkt entschieden und resolut, eine Frau, die weiß, was sie will: »Ich hatte noch nie einen Vampir-Film gesehen. Ich kann nicht sagen, woher der Traum kam. Vielleicht hat mich ein Werbefilm im Fernsehen darauf gebracht oder ein Gesprächsfetzen, ich weiß es nicht und kann mich auch einfach nicht daran erinnern.« Am nächsten Morgen notierte sie jedenfalls den Traum und schrieb fortan jeden Tag – meistens nachts – weiter, bis sie Ende August 2003 das Manuskript beendete. Bereits im November 2003 erhielt sie einen lukrativen Dreibuchvertrag. Wenig später schubste Twilight J. K. Rowlings Harry Potter vom ersten Platz der New York Times-Bestsellerliste. Stephenies Vampirsaga wurde in alle Weltsprachen übersetzt. »Die Fans sind überall gleich, sie sind enthusiastisch, und stellen auch alle dieselben Fragen – es interessiert sie dasselbe. Meine Romane erzählen vom Leben, nicht vom Tod, von der Liebe, nicht von Gewalt. Das sind auch Gründe für meinen Erfolg«, sagt Stephenie Meyer, die sich nicht dem Horror- und Grusel-Genre verpflichtet fühlt. Sie hatte kaum Vorkenntnisse, was Vampire betrifft, wodurch ihr mit der Charakterisierung Edward Cullens und seiner Familie die faszinierende und folgenreiche Schöpfung einer neuen Vampir-Gattung gelang. »Für mich sind die Figuren echt (really real!). Sie haben ein Eigenleben entwickelt. Ich spreche mit ihnen, wenn ich alleine im Auto sitze«, versichert Stephenie Meyer glaubhaft. Diese Intensität, mit der sie selbst diese außergewöhnliche Amour fou – eine einzigartige Dreiecksbeziehung zwischen Bella, Edward und Jacob, zwischen Mensch, Vampir und Werwolf- schreibend erlebt, macht einen großen Teil des Leseerlebnisses aus. »Ich schreibe über diese für mich realen Figuren und natürlich sind sie dann fiktiv, Romanhelden eben. Aber sie denken auch über Dinge nach, die mich im Leben beschäftigen.«
Ob die von ihr geschilderten Vampire die besseren, die perfekten Menschen sind? »Ich würde Edward nicht als perfekt bezeichnen. Eher seinen >Vater< Carlisle, der alles versucht, um ein >guter Mensch< zu sein. Aber selbst er hat Augenblicke voller Selbstzweifel. Gute Menschen und schlechte Menschen unterscheiden sich meiner Meinung nach nur dadurch voneinander, dass gute Menschen immer wieder versuchen, gut zu sein, schlechte sich aber sagen, >was soll’s?<. Auch gute Menschen sind nicht perfekt, können niemals perfekt sein.« Also vielleicht doch ein wenig wie Stephenie Meyers Vampire? »Nein, >meine< Vampire empfinde ich nicht als Projektionen eines Ideal-Menschen, den man bewundern sollte. Schon deshalb nicht, weil sie nicht altern«, sagt Stephenie Meyer.
Sie selbst wurde an Weihnachten geboren und hat daher eine negative Einstellung zu Geburtstagen. Nur einmal, als sie zehn wurde, organisierte ihre Mutter eine Party. »Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig kann man schwer feiern. Daher mag ich meinen Geburtstag nicht. Jetzt ist es jedoch ein Vorteil. Kaum jemand bemerkt, dass ich wieder ein Jahr älter geworden bin. Ich muss keine Geburtstagsparties für mich organisieren. Es ist fast so, als würde ich nicht älter werden«, schließt sie und schmunzelt. Forever young: Bella möchte wie Edward sein, aber das Opfer, das sie dafür erbringen müsste, wäre das Ende ihrer menschlichen Existenz und der Beginn eines endlosen Vampir-Lebens. »Ich mag es ja wirklich nicht, älter zu werden. Aber man muss sich damit arrangieren«, sagt Stephenie und gesteht, mehrere Eigenschaften mit Bella zu teilen. Wie Bella fällt Stephenie in Ohnmacht, wenn sie einen Tropfen Blut sieht. Aber nein, am 1. Juni 2003 sei sie nicht beim Arzt gewesen. »Es gibt so viele schöne Dinge, die mit Sterblichkeit verbunden sind: die wachsende Familie, die Großeltern. Vampire können keine Kinder bekommen – zumindest nicht die weiblichen.« Stephenie lächelt verschmitzt, denn zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist der vierte Band noch streng geheim. »Leben hat also mit Veränderungen zu tun, mit Zyklen. Jeder Mensch wandelt sich. Vampire hingegen altern nicht, sind statisch – das mag manchen wünschenswert erscheinen, andere lehnen es ab. Ich finde, man sollte jede Phase des Lebens genießen. Es gibt viele Frauen, die Schönheitsoperationen über sich ergehen lassen und viele andere Dinge tun, um jung zu bleiben. Sie kleiden sich wie Teenager. Ich bin jetzt in den Dreißigern, meine Kinder sind toll: Ich genieße es.«
Stephenie gehört der Glaubensgemeinschaft der Mormonen an und ist überzeugt, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. »Ja, man könnte die Romane als Neuinterpretation religiöser Aspekte lesen, aber es war nicht meine Absicht.« Ein treibendes Motiv in den Biss-Romanen ist die Unmöglichkeit vorehelichen Geschlechtsverkehrs. »Ich spüre an den Reaktionen meiner Leser, wie groß die Sehnsucht nach romantischen Beziehungen ist. Unsere Kinder sind heute oft gezwungen, schnell erwachsen zu werden. Es gibt wenig Gelegenheit, unschuldig zu sein. Unschuld ist verloren gegangen. Ich finde, die Lust am Begehren fehlt oft in unserer Gesellschaft. Ich spüre, wie groß aber die Sehnsucht nach solchermaßen unschuldigen Beziehungen ist daran, wie die Leser auf die Beziehung zwischen Bella und Edward reagieren. Ich hoffe, dass meine Geschichten etwas von dieser Romantik wiederherstellen. Warum sollte man die Händchen-Halten-Phase nicht genießen und sie wieder etwas länger dauern lassen? Es gibt so viele wunderbare Abschnitte in Liebesbeziehungen, die heute übersprungen werden.« Aber wie können Bella und Edward zueinanderfinden? Muss Edward menschlich werden? Sie lacht bezaubernd: »Das kann ich nicht sagen! Ich kann den Schluss doch nicht verraten!« Aber sie gibt preis, dass der vierte Band etwa 800 Seiten umfassen wird und damit der längste ist. »Ich ahnte schon im Oktober 2003, wie es enden würde, denn das Finale ist einer der vielen zum Schluss des ersten Bandes nicht verwendeten Epiloge, die ihrerseits in die Bände zwei und drei mündeten.« Den »Biss-O-Meter«, mit dem Leser abstimmen können, ob sich Bella Jacob oder Edward zuwenden soll, gibt es auch in den USA und in vielen anderen Ländern. Überall führt Edward. »Ich hoffe, dass die Menschen tolerant sind, wenn sie den letzten Band lesen, dass sie mir die Chance geben, es so zu fügen, wie ich es will.«
Nun ist das Ende bekannt und führt zu heftigen Kontroversen. Dazu später mehr, zuvor will ich aber von der Autorin wissen, wie sie über drei zentrale Aspekte der Vampirsaga denkt. Also zu allererst über die Liebe: »Gibt es eine romantischere Liebe als die Bellas? Sie ist kein Vampir und sie kann aus vielen Gründen nicht mit Edward zusammen sein. Das ist der Romeo-und-Julia-Effekt: Der Liebe stellt sich etwas in den Weg und den Liebenden stellt sich die Frage, zu welchem Opfer sie bereit sind, um mit dem Menschen zusammen zu sein, den sie lieben. Bei Bella ist es ihr Leben. Jedes Mal, wenn sie mit Edward zusammen ist, schwebt sie in Lebensgefahr. Kann Liebe leidenschaftlicher sein?«
Wir lachen, ich schüttle den Kopf und bewundere die Logik, mit der Stephenie ihre Figuren kommentiert. Wie sie Gut und Böse sieht, will ich wissen: »Ich wuchs in einer Gemeinschaft auf, in der es keine Ausnahme war, ein braves und gutes Mädchen zu sein. Es wurde erwartet. Auch alle meine Freundinnen und Freunde waren gut und brav. Das hat mit meiner Religion, dem Mormonentum zu tun. Daher gibt es kaum Bösewichte in meinen Romanen. Und falls doch, haben sie gute Gründe dafür, böse zu sein. Ich finde, die Welt ist nicht so voller Fieslinge.« Das spricht für Stephenies Zuversicht, die auch in den Romanen zum Ausdruck kommt. Bei ihr sind meistens Machtstreben und Rache die Motive für Gewalt.
Und zuletzt die Gretchenfrage: Warum Vampire? »Die Faszination, die Vampire auf mich ausüben, hat mit ihrer dualen Gestalt zu tun. Die Menschen gruseln sich ja gerne. Daher rührt der Erfolg von Horror-Büchern und -Filmen: Zombies, Hexen usw. sind gemeinhin schreckliche Gestalten. Wir fürchten sie. Vampire fürchten wir auch, denn sie wollen uns töten. Andererseits bewundern wir sie, denn sie besitzen viele Vorzüge. Sie bleiben für immer jung, sie sind meistens schön und attraktiv, intelligent, sensibel, leben in Schlössern und vieles mehr. Wir wollen, was sie haben, aber wir haben Angst vor dem, was sie wollen.«
Anschließend unterhalten wir uns über das Schreiben. Stephenie hat englische Literatur studiert und ist eine Viel-Leserin. Sie weiß, wovon sie spricht und was sie tut: »Ich arbeite nie mit Absicht wichtige Themen in meine Romane ein. Ich betrachte meine Bücher nicht als Gefäße für Ansichten oder Überzeugungen, die ich mit meinen Lesern teilen könnte. Nein, meine Bücher schreibe ich allein zur Unterhaltung meiner Leser. Und ich freue mich, wenn die Leser daran Freude haben. Es stört mich aber auch nicht, wenn sie nach der Lektüre neue und schönere Vorstellungen von der Liebe haben.«
Und wie nebenbei hat Stephenie eine neue Gattung von Vampiren geschaffen. Ich will wissen, ob sie daran im Nachhinein etwas ändern möchte. »Nein, ich würde es wieder genau so machen. Es macht mehr Spaß, etwas Eigenes zu erfinden – ich kenne ja gar nicht die ganze Vampir-Mythologie. It’s all fun.« Stephenie betont, wie leidenschaftlich sie liest, selten Sachbücher, lieber die Romane, auf die auch die Vampirsaga verweist. Sie erzählt vom Literaturstudium und betont, dass sie nicht Creative Writing studiert hat. »Für mein Studium musste ich nur einen Kurs mit Creative Writing belegen, und da habe ich Poesie gewählt. Den habe ich auch besucht, aber ich habe nur so getan, als ob ich mitmachen würde.« Sie erzählt, dass sie sich immer schon Geschichten ausgedacht hatte, aber der Meinung war, diese seien nicht gut. Mit achtzehn Jahren hat sie schließlich einige Gedichte geschrieben. »Meine Eltern meinten, es wäre gut, wenn ich Tagebuch führen würde. Also schrieb ich, aber lustlos und nur, um die Belohnung, den Führerschein, zu bekommen. Ich war wütend, dass sie mich dazu zwangen, aber ich machte mit. Dementsprechend negatives Zeug habe ich hinein geschrieben. Na ja, ich vermute, Teenager neigen zu solchen Ausfällen.«
Mein Gespräch mit der Schöpferin von Bella und Edward bildet die Basis meiner Überlegungen zur Vampirsaga. Stephenie hat mir viel verraten, Dinge, die nicht auf ihrer oder anderen Websites zu lesen sind. Und doch war es mir im Gespräch nicht gelungen, so tief in ihre Gedankenwelt vorzudringen, wie ich es mir vor der Begegnung erhofft hatte. Immer wenn ich versuchte, die vielen ernsten Themen in ihren Büchern anzusprechen, wich sie mir aus. Mir schien plötzlich, als hätte Stephenie eine besondere Ähnlichkeit mit Bella: Niemand kann ihre Gedanken erraten und schon gar nicht lesen. Stephenie kann, ähnlich wie die verwandelte Bella im vierten Band, einen Schutzschild aufbauen, den keiner durchdringen soll – nicht die Volturis und schon gar nicht ein Bardola. Aber diese Abwehr Stephenie Meyers hat ihr Gutes. Sie verweist die Leser weg von ihrer Person und ihrem Leben, zurück zu den Büchern. Nur daraus, aus der Geschichte selbst, sollen Schlüsse gezogen werden. Also kehre ich zurück zu den Anfängen und erinnere mich an meine erste Begegnung mit der Vampirsaga.

BELLA UND EDWARD – DAS GEHEIMNIS DER UNSTERBLICHEN LIEBE
Stefanie Perstat arbeitet in einer Buchhandlung in Essen. Mit ihrem Freund Patrick und etwa 3000 Büchern wohnt sie in Oberhausen. Wenn sie nicht gerade liest oder auf Reisen ist, schreibt sie Artikel und Rezensionen für Fachzeitschriften und häuft Kleinkram über Wellenreiten und Hawaii, ihre weiteren Leidenschaften, an. Sie hat mir im Frühling 2006 ihre Reaktion auf den ersten Band der Vampirsaga geschrieben. Es war ein erstes beeindruckendes Zeugnis der Meyer-Sucht in Deutschland: »Oh weh, schon wieder ein Vampirroman – Anne Rice für Teenies!«, klagte die erfahrene Buchhändlerin. »Dieses Seufzen ging wohl durch die gesamte Leserschaft, als Stephenie Meyers Biss zum Morgengrauen ausgeliefert wurde. Doch alleine die gelungene Covergestaltung und der geheimnisvoll knapp gehaltene Klappentext ließen erahnen, dass mehr Spannung zwischen den Buchdeckeln steckte, als wir nach unzähligen Bänden Darren Shan erhoffen durften. Und so war ich nach langem Drängen meiner Kollegin doch dazu bereit, mir ein Leseexemplar des Verlags auszuleihen, um es nur zwei Tage später gelesen wieder einzureichen und sofort mein eigenes Exemplar vom Verlag zu erbitten.
Ich wollte und konnte nicht mehr ohne Edward sein, Bella war meine beste Freundin geworden und ich spürte den Nieselregen von Forks in Oberhausen auf meine Haut tröpfeln. Das englische Hörbuch und die originalsprachige Taschenbuchausgabe folgten nahtlos und würde ich in Arizona leben, ginge ich auf >I love Edward<-Parties und trüge T-Shirts mit gleichnamigem Aufdruck.
Was als Teenie-Entwicklungsroman beginnt (die Protagonistin Bella zieht von Phoenix, Arizona, zu ihrem Vater in die verregnete Kleinstadt Forks und wird dort zum Schwarm ihrer Klassenkameraden), entwickelt sich zügig, aber ohne Stolpersteine und erzwungene Ereignisse, in eine Liebesgeschichte, die auf der Haut prickelt wie Sonnenstrahlen oder Edwards verbotene Küsse.
Bella, die nämlich eigentlich die freie Auswahl an Jungs in ihrer Klasse hätte und sich mehr oder minder mit den Avancen ihrer Altersgenossen herumschlagen muss, kostet schon nach kurzer Zeit die verbotene Frucht Edward Cullen, den überirdisch schönen, oft seltsam distanzierten Jungen, mit der wechselnden Augenfarbe, der mit seinen (Halb-)Geschwistern erst ihre Träume und dann ihr Leben heimsucht. Zwischen beiden entwickelt sich nach kurzem Zögern eine Leidenschaft, die für Bella tödlich enden könnte: Edward ist ein Vampir und allein seine Liebe zu der sterblichen Bella lässt ihn sich mit aller Kraft zurückhalten, sie nicht zu seiner ewigen Gefährtin zu machen. Doch will Bella ihn alleine ziehen lassen? Ist es dafür nicht längst zu spät?
Eindrucksvoll und sprachlich atmosphärisch dicht wie Shakespeares Romeo und Julia wird diese Liebesgeschichte in Stephenie Meyers Erstlingswerk geschildert. Ein wahrer Pageturner ist dieser Roman, denn während man bekannte und bewährte Highschool-Elemente als Rahmenhandlung wiederfindet, ist die Vampirgeschichte so erzählt ein Novum, ohne schwülstig beschriebene Liebesakte oder Blutrunst. Jede Seite spiegelt Schmerz und Sehnsucht wider, ohne kitschig zu sein. Man lacht und weint und dürstet nach jeder weiteren Seite und jedem weiteren Treffen wie Edward nach Bellas Blut und Bella nach dem ewigen Leben mit ihm. Man zweifelt mit ihnen, wissend ob der Gefahren, aber ohnmächtig sich dagegen zu stellen. Die Sprache ist dabei so unverblümt und poetisch, realistisch und zeitgemäß, dass alle Ereignisse ihre drohende Gefährlichkeit verlieren und der Gedanke an Vampire mitten unter uns zur süßen Versuchung avanciert.«
Damit ist die Ausgangslage treffend beschrieben. Aber was bewirkt nun, dass so viele Buchhändlerinnen schon bei Erscheinen des ersten Lesseexemplars nach jedem weiteren Treffen Bellas und Edwards dürsteten und diese unbekannte Autorin so begeistert empfahlen, dass ihre Bücher sich rasch zu internationalen Bestsellern entwickelte?
Als meine unvoreingenommene Begleiterin, die noch nie eine Biss-Zeile gelesen hatte, aus dem Kinofilm kam, rief sie fassungslos: »Wieso will sie ihn?«. Dabei betonte sie das Verb und meinte die etwas nervös mit den Augen zwinkernde Bella-Darstellerin Kirsten Stewart und den ziemlich statuenhaft wirkenden Edward-Darsteller Robert Pattinson. »Wieso will sie ausgerechnet ihn?« Das ist eine der Kernfragen der Vampirsaga sowohl für den Film als auch für die Bücher: Liebe, Leidenschaft, Freundschaft. Was entsteht wann, bei wem und warum? Die Grenzen sind fließend.
Um die verschiedenen Gefühle Bellas besser zu verstehen, hilft ein Blick auf Bellas Wortwahl bei der Beschreibung Edwards. Folgende Eigenschaften machen Edward, den »traumhaftesten Menschen der Welt«, so unwiderstehlich in Bellas Augen:
Edward erscheint Bella zunächst als jungenhaft und bleich.
EDWARDS BEWEGUNGEN sind auffallend elegant.
EDWARDS GANG ist geschmeidig.
EDWARDS GESICHT ist umwerfend und überirdisch schön, wie auf den Hochglanzseiten von Modemagazinen oder auf Gemälden alter Meister; wie die Figur aus einem Film. Ein Engelsgesicht; ein himmlisches Gesicht; schlichtweg zu schön, um wahr zu sein. Das größte Kompliment, das Bella Edwards Gesicht machen kann, ist, dass es sie davon abhält, den Körper anzustarren. Ein Gesicht, für das jedes männliche Model der Welt seine Seele geben würde.
In seltenen Momenten können sich seine Gesichtszüge allerdings auch dramatisch verändern und plötzlich »eine Maske tiefer, uralter Traurigkeit« formen. Sein Gesicht kann auch »hart und statuenhaft« werden.
Was macht nun diesen außerordentlichen Kopf aus? Bella bleibt keine Antwort schuldig.
EDWARDS HAARE sind bronzefarben und oft verwuschelt. Wenn sie nass und zerzaust sind – in Forks beinahe alltäglich und -nächtlich -, dann aber so, als hätte er gerade in einer Werbung für Haarstyling mitgespielt.
EDWARDS STIRN ist sanft gebogen.
EDWARDS WIMPERN sind schwarz, dicht und lang; manchmal werfen sie lange Schatten auf seine Wangen.
EDWARDS AUGEN sind dunkel; variierend von matt Schwarz zu einem eigenartigen Ocker, dunkler als Karamell, aber mit derselben goldenen Tönung bis hin zu tiefgolden bzw. zu goldenem Karamell oder einfach nur golden; manchmal ist der Farbton seiner Augen auch wie Honig; juwelengleiche Augen; sie können warm sein wie flüssiges Gold; sie können glühen; hypnotische Augen und potenziell tödlich; manchmal sind Edwards Augen hart wie Eis; darunter befinden sich dunkle Schatten – manchmal violett, wie von einem Bluterguss.
EDWARDS WANGENKNOCHEN sind ausgeprägt.
EDWARDS NASE ist perfekt geformt, gerade und schmal.
EDWARDS LIPPEN sind weich geschwungen und voll. Sie sind hart wie Marmor und doch sanft. Sie sind so glatt wie poliert.
EDWARDS ZÄHNE bilden zwei perfekte, blendend weiße Reihen.
EDWARDS ZUNGE ist eiskalt, wenn sie vor und nach dem Küssen die Linie von Bellas Lippen nachzeichnet.
EDWARDS KINN ist markant.
EDWARDS UNTERARME sind überraschend hart und muskulös.
EDWARDS BRUST ist wohl geformt, muskulös und hart wie Marmor.
EDWARDS FINGER sind lang und blass.
EDWARDS HAUT ist irisierend und glatt wie Seide und kühl wie Stein. An der Innenseite seiner Unterarme sind blasse Muster seiner bläulichen Adern zu sehen.
EDWARDS KLEIDER beschreibt Bella selten. Bei ihrem ersten gemeinsamen Dinner in Port Angeles trägt Edward eine hellbraune Lederjacke und einen eng anliegenden, elfenbeinfarbenen Rollkragenpullover, der seine muskulöse Brust betont.
Insgesamt spricht Bella von einem makellosen Aussehen; Edward ist so schön wie ein Traumwesen mit einer fast magnetischen Anziehungskraft. Sie kann nichts an ihm finden, was verbesserungswürdig wäre, er ist zu vollkommen. Bella bezeichnet Edward als eine gottgleiche Kreatur.
Dazu tragen auch seine Eigenschaften bei:
EDWARDS STIMME kann unwiderstehlich, sanft und seidenweich sein. Manchmal klingt sie wie flüssiger Honig, manchmal wie »ein einziger, knisternder Lockruf«, worauf Bella entweder zu atmen vergisst, ihr Herz wild schlägt, sie in Gefahr gerät, zu hyperventilieren oder einfach in Ohnmacht zu fallen – was auch bei den ersten Küssen geschieht.
Wenn Edward sein selbst komponiertes und Bella gewidmetes Schlaflied summt, empfindet sie seine Stimme als fast engelsgleich.
EDWARDS ATEM verursacht Bella ebenso Schwindelgefühle, denn er ist von exquisitem Duft und haftet auch an seinen Kleidern, nur weniger konzentriert. Wenn Edwards Atem ihr Gesicht trifft, betäubt sie das wohlig, er vernebelt ihre Gedanken. Es handelt sich um einen süßen Duft, der keinem gleicht, den Bella kennt.
EDWARDS GERUCHSINN seinerseits ist so ausgeprägt, dass er jedem Menschen einen eigenen Geruch zuordnen kann. Bella duftet einzigartig und löst in ihm das heftige Verlangen aus, seinem Naturell als Vampir nachzukommen. Es dauert viele qualvolle Wochen, bis er sich unter Kontrolle hat. Doch Rückfälle gibt es immer wieder. In der ersten Zimmer-Szene bei Bella gerät er bei Zärtlichkeiten wieder in Versuchung, obwohl er kurz davor meinte, genügend desensibilisiert zu sein. Er versucht Bella sein Problem mit einer Alkohol-Metapher zu erklären. Dass er dem Wein entsage, bedeute nicht, dass er das Bouquet nicht zu schätzen wisse. Bella habe einen blumigen Duft nach Lavendel oder Freesien.
EDWARDS LÄCHELN kann schockierend verführerisch sein.
EDWARDS HANDSCHRIFT ist so klar und elegant, dass sie Bella einschüchtert und sie daran hindert, mit ihrem »stümperhaften Gekrakel« auf dasselbe Blatt zu schreiben, auf das zuvor Edward geschrieben hat.
EDWARDS WORTWAHL ist ausgesprochen elegant und passt besser in einen Fin-de-Siècle-Roman als in ein Klassenzimmer des 21. Jahrhunderts. Manchmal formuliert er auch »wie ein Ritter aus einem vergangenen Jahrhundert«.
EDWARDS KLAVIERSPIEL führt dazu, dass sich Bella völlig belanglos fühlt. Edwards Finger fliegen rasant über die Tasten und füllen den Raum mit einer komplexen und opulenten Komposition, zu der ihn Bella inspirierte.
Das Thema Musik taucht später in diesem Buch wieder auf. Eine ausführlichere Würdigung verdient jetzt:
EDWARDS HYPNOTISIERENDER BLICK. Dieser kann eine überwältigende Kraft entfesseln. Bella empfindet Edwards Blick unter anderem als Naturgewalt. Manchmal spricht sie von »glänzenden Topasaugen«. Manchmal reizt Edwards Blick Bella »bis aufs Blut« (sic!). Und manchmal kann sie seinen Blick nicht deuten. Bevor hier die außerordentliche Dynamik der Blickwechsel zwischen Edward und Bella betrachtet wird, sei jetzt noch etwas anderes erwähnt:
EDWARD IM LICHT. Sonnenschein kann sich Edward nur aussetzen, wenn er alleine ist oder der Beobachter ein Eingeweihter ist. Als er sich das erste Mal Bella im Licht zeigt, ist das für sie ein Schock: Seine Haut wird blütenweiß und glitzert, als seien in sie unzählige winzige Diamanten eingelassen. Eine Statue der Vollkommenheit, gemeißelt aus einem unbekannten Stein: so glatt wie Marmor, so glänzend wie Kristall.
Entgegen aller Befürchtungen fällt es Edward leicht, trotz des Lichts in ihrer Nähe »er selbst« zu sein – wer immer er ist...
Und wie sieht Edward im Schein des Verandalichtes vor Charlies Haus bei starkem Regen aus? Ja, wie ein Regenmantel-Model!
EDWARDS ALTER. Stephenie Meyers Vampir-Saga ist aus vielen Gründen lesenswert. So ist das Thema Alter und Tod allgegenwärtig in den aktuellen Debatten um die Überalterung unserer Gesellschaft. Die Vampirsaga trägt spielerisch dazu bei, sich – auch ernsthafte – Gedanken um den letzten Lebensabschnitt zu machen.
Wenn Edward nach Bellas Alter fragt und seine Stimme dabei aus einem für Bella noch unbekannten Grund niedergeschlagen klingt, ahnen die Leser schon, was der Auslöser für seine Traurigkeit ist.
Auf der Fahrt von Port Angeles zurück nach Forks (nach dem bereits erwähnten improvisierten ersten Date von Port Angeles und der Fast-Vergewaltigungsszene) wird das Thema um Edwards Alter erstmals angesprochen. Er sei siebzehn, sagt Edward. Schlagfertig und dank ihrer Internet-Recherche gut vorbereitet fragt Bella, wie lange er schon siebzehn sei. »Eine Weile«, gibt Edward zu. Wenig später erfährt Bella, dass Carlisle vor kurzem seinen dreihundertzweiundsechzigsten Geburtstag gefeiert hat.
Mehrfach versucht Bella Edward klar zu machen, dass sie altert, dass mit jeder Minute ihr Tod näher rückt (am deutlichsten zu Beginn des zweiten Bandes anlässlich ihres achtzehnten Geburtstages), und dass sie sich dadurch voneinander entfernen werden. Sie hätten die Möglichkeit, das zu ändern. Edward müsse sie verwandeln, doch Edward nennt sein Dasein eine »Ewige Nacht« und die will er Bella ersparen.
EDWARD SUPERMAN oder Batman oder Spiderman – Edward jedenfalls als Held mit unvorstellbaren Kräften und Eigenschaften: Edward kann beispielsweise dem Geruch von Menschen folgen, kann sehr gut auch auf große Distanz sehen und ist nahezu unverwundbar. In diesem Zusammenhang besitzt Edward zwei weitere wichtige Eigenschaften, die ihn für Bella sehr attraktiv machen. Er kann Gedankenlesen und er kann Personen im Umkreis von einigen Meilen finden, vorausgesetzt, er hat schon einmal ihre Gedanken gehört oder gesehen. Es handelt sich bei Edward um eine Form von Telepathie, die er auf alle Menschen anwenden kann, nur nicht auf Bella. Sie ist, wie oben schon angedeutet, immun gegen Edwards Gedankenlesen. Da sich menschliche Talente nach der Verwandlung in einen Vampir sehr viel stärker ausprägen, führt dies zu jenem Schutzschild, der im finalen und wunderbarerweise lediglich mentalen Showdown gegen die Volturi-Vampire am Ende des vierten Bandes (da fließt ausnahmsweise kein Blut) die Cullens und ihre Freunde und Verbündeten vor telepathischen Angriffen bewahrt.
Je vertrauter Edward eine Stimme ist, desto weiter kann er sie hören. Nur eben nicht die Bellas. Edward weiß nicht, warum er Bellas Gedanken nicht lesen kann. Er vermutet, dass ihr Gehirn anders arbeitet. Es ist, als würden ihre Gedanken auf Langwelle gesendet, er kann aber nur Kurzwelle empfangen. Edwards Telepathie macht ihn für Bella in mehrfacher Hinsicht attraktiv – und umgekehrt. Er kann also beispielsweise Charlies Gedanken lesen, so dass Bella immer schon im Voraus weiß, wie sie sich ihrem Vater gegenüber verhalten soll. Sie hingegen kann Geheimnisse vor Edward bewahren, was ihn manchmal ärgert, sich in Gefahrensituationen aber als hilfreich erweist. Bella ist also trotz ihrer offensichtlichen Durchschnittlichkeit für Edward einzigartig.
Belauscht oder sucht Edward niemanden, so hört er ein Hintergrundrauschen aus Stimmen, das er die meiste Zeit ausblendet. Denn diese Fähigkeit bereitet ihm auch Sorgen. Es besteht die Gefahr, dass er jemandem auf seine Gedanken und nicht auf seine Worte antworten könnte.
Den Lesern bereitet Edwards Talent viel Vergnügen, da er so beispielsweise Bella bei ihren Gesprächen mit anderen Menschen indirekt kontrollieren kann, indem er die Gedanken derjenigen liest, die gerade mit ihr sprechen. Damit eröffnen sich ganz neue Formen der Kommunikation – bis hin zur sogenannten Rudelgrammatik, da auch die Werwölfe in verwandelter Gestalt Gedankenlesen können.
Die zweite herausragende »Superman«-Eigenschaft ist Edwards Kraft kombiniert mit Schnelligkeit. Die erste große Demonstration findet auf der Lichtung in jenem legendären Initiationskapitel statt. Im Bruchteil einer Sekunde umrundet Edward die Wiese. Mühelos bricht er einen fast meterdicken Ast vom Baum, balanciert ihn auf der Handfläche und schleudert ihn dann mit Wucht gegen den Stamm eines anderen Baumes. Edward – das perfekte Raubtier. Damit lässt er Bella hinter seine Fassade blicken. Sie jedoch empfindet seinen Gewaltausbruch weniger beängstigend als betörend und ihn selbst dabei noch schöner.
Edward-Superman rettet Bellas Leben zum ersten Mal (und danach immer wieder) auf dem vereisten Schülerparkplatz der Highschool von Forks. In einer blitzschnellen, für das menschliche Auge nicht nachvollziehbaren Aktion, die – vor allem auch in der Verfilmung – stark an Superman-Szenen erinnert, befördert Edward Bella aus der Gefahrenzone, die ihren sicheren Tod bedeutet hätte.