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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Für Ava Grace, Fiona Hope, Lucinda Rose, Marisol, Aisha Krista und Kurt Andrew

Vorbemerkung
Ich habe dieses Buch meist in der ersten Person Singular geschrieben, um meine eigenen Ängste und Verwundbarkeiten offen zu zeigen, aber alles, was ich darstelle, beruht genauso auf der Arbeit meiner Frau Bonney Gulino Schaub. Alle Einsichten und Übungen sind immer wieder gemeinsam geprüft und im Rahmen unserer Arbeit und unserer Beziehung weiterentwickelt worden.
Die Menschen, Ereignisse und Gespräche, die ich hier darstelle, stammen aus unserer dreißigjährigen Praxiserfahrung als Psychotherapeuten und Lehrer für Imagination und Meditation. Alle Einzelheiten, die zur Identifizierung einer Person führen könnten, haben wir zum Schutz der Privatsphäre verändert.

Einleitung Das Bewusstsein um drei Uhr nachts
Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Wild entgeht ihnen nicht, sosehr es jetzt schon durch die Wälder jagt.
Franz Kafka: Aphorismen
Es war drei Uhr nachts in einem kleinen Hotelzimmer in Paris, und ich war hellwach. Am folgenden Nachmittag sollten wir nach Hause fliegen, aber meine Frau Bonney hatte eine schwere, schmerzhafte Ohrinfektion, und im Nebenzimmer hörte ich unsere schwangere Tochter würgen, weil sie unter Morgenübelkeit litt. Mein nächtliches Drei-Uhr-Bewusstsein stellte sich vor, wir würden unseren Flug verpassen und hier festsitzen, in diesen zwei Zimmerchen in einem fremden Land, bis uns schließlich das Geld ausginge. Dann kam mir der Gedanke, dass der ungewöhnliche Schmerz in meinem Kopf, den ich seit gestern ab und zu spürte, ein Gehirntumor war. Es war ein bemerkenswert eindeutiger und überzeugender Gedanke.
Ich bemühte mich, wieder einzuschlafen, aber irgendeine bösartige Tür in meinem Kopf hatte sich geöffnet, und weitere Ängste quollen massenhaft herein. Ich sah Bilder von toten Kindern, die zerschmettert unter bombardierten Häusern lagen, während panische Eltern wie Tiere in den Trümmern gruben, um sie zu finden. Ich sah Frauen in Kopftüchern, die ihr Gesicht bedeckten und schluchzten. Ich erinnerte mich, dass der Schmerz in meinem Kopf tatsächlich ein Tumor war – das war nicht nur meine Fantasie, die mir einen Streich spielte -, ich sagte mir, das könne nicht wahr sein, und dann erkannte ich, dass es doch stimmte. Ich stellte mir vor, wie ich orientierungslos zusammenbrach, ohnmächtig irgendwo auf einer Straße in Paris lag, während meine Frau und meine Tochter an einer Ecke des Bahnhofs Gare de Lyon um Geld bettelten.
So ging es immer weiter, und diese Vorstellungen hatten mich voll im Griff. Ich sah eine Flut apokalyptischer Bilder, Hungersnöte, Mord und Totschlag, Anarchie. Ich erkannte, dass die Welt ein Ort des Kriegs, der Dummheit und der Gier war, die zwangsläufig alles Gute im Leben zerstören würden. Ich sah, dass alle meine Beziehungen unecht waren, dass jeder von uns eine Maske trug und nur so tat, als würden ihm andere etwas bedeuten. Ich wurde wütend auf meinen Verstand, weil er mich mit diesen Gedanken quälte, aber er konterte unverzüglich und fuhr sein schwerstes Geschütz auf: »Diese Gedanken hast du nur, weil du verrückt geworden bist.« Ich lag im Bett, starrte an die Decke und erflehte von dem Gott, an den ich längst nicht mehr glaubte, er möge meinem geistigen Zusammenbruch ein Ende machen.
Und was geschah tatsächlich nach diesen dramatischen und quälenden Vorstellungen? Nichts, außer dass ich eine schlaflose Nacht hatte und mich selbst verrückt machte. Am nächsten Morgen gingen Bonney und ich zum American Hospital, konsultierten einen wunderbaren Dr. Barre, der uns Medikamente gab und versicherte, dass meine Frau unbesorgt ins Flugzeug steigen durfte. Meine Tochter fühlte sich etwas besser, und wir flogen planmäßig nach Hause. Und auch wenn das nicht möglich gewesen wäre, hätten wir eine Lösung gefunden. Immerhin war ich über sechzig Jahre alt und verfügte über eine Menge Lebenserfahrung; wäre es denn wirklich so schwierig gewesen, für kurze Zeit in einer großen Stadt wie Paris zurechtzukommen? Bei Tageslicht wusste ich, dass diese vernünftige Überlegung der Wahrheit entsprach. Aber in meinem nächtlichen Drei-Uhr-Bewusstsein war die Furcht meine einzige Wahrheit.
Während ich in der Maschine der American Airlines saß und auf den Start nach New York wartete, genoss ich die Normalität der Leute, die miteinander sprachen, die Ankündigung des lustigen Films, der während des Flugs gezeigt werden sollte, und die Höflichkeit der Flugbegleiter. Ich fühlte mich gut aufgehoben und sicher. Ich konnte die Erfahrung der letzten Nacht im Hotelzimmer einordnen; mir war klar, dass ich einen Ausbruch angesammelter Ängste in meinem Inneren erlebt hatte. Und ich nahm an, dass ich sie losgeworden war, zumindest für eine Weile.
Doch diese Ansicht war nicht von Dauer. Drei Tage später fuhr ich auf dem Weg zur Arbeit Richtung Manhattan. Falls Sie New York nicht kennen: Es gibt einen Tunnel zwischen Long Island und Manhattan, der unter dem East River hindurchführt. Direkt bevor man in den Tunnel hineinfährt, kann man die gesamte New Yorker Skyline sehen – vom Empire State Building und den Vereinten Nationen im Norden bis zur 59. Straße und den Bronx-Whitestone-Brücken, und wenn man weiter nach Süden schaut, sieht man die Lücke am Horizont, wo früher die Zwillingstürme des World Trade Center aufragten. Die Straße, die in den Tunnel führt, der Long Island Expressway, gilt als eine der am meisten befahrenen Schnellstraßen der Welt, sodass Verkehrsstockungen und Rückstaus normal sind.
An diesem Morgen bewegte sich die Autoschlange kaum vorwärts. Im Wagen neben mir sah ich einen jungen Mann, der in einem dicken Lehrbuch las, das er gegen das Steuerrad gelehnt hatte; er rechnete offenbar fest mit einer langen Wartezeit. Schließlich ordnete sich das Gewirr von Autos in zwei lange Schlangen, und wir krochen in den Tunnel hinein. Als wir ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft hatten, ging es überhaupt nicht mehr weiter. Die Bremslichter von mehreren hundert Autos und Lastwagen tauchten die Tunnelwände in rotes Licht.
Nachdem wir einige Minuten so gestanden hatten und ich in meinem Wagen immer deutlicher den Gestank der dichten Abgase roch, spürte ich, wie meine Nervosität plötzlich anstieg und die Angst mich wieder überfiel. Am liebsten hätte ich alle Fenster geöffnet, aber ich wusste, dass es mir dann nur noch schlechter gehen würde.
Und dann hörte ich einen dumpfen Knall, der von irgendwo weiter vorne im Tunnel zu kommen schien. Ich stellte mir vor, dass eine Bombe eingeschlagen hätte, die Tunnelwände zusammengebrochen wären und die Wassermassen des East River nun über uns alle, eingeschlossen in unseren Autos, hereinbrechen würden. Gefangen in meiner Vorstellung blickte ich panisch nach vorne und hinten – in welche Richtung sollte ich schwimmen? Während das Wasser im Tunnel rasch anstieg, erkannte ich, dass ich würde tauchen müssen. Und tief in meinem Bauch wusste ich, dass ich nicht lebend aus diesem Tunnel herauskommen würde.
Ich sah mich selbst als Wasserleiche stromabwärts treiben, hin und her gewirbelt von den Flutwellen, die durch die Bombenexplosion entstanden waren. Ich sah, wie jemand am Ufer stand und den Hunderten von Leichen, Leichenteilen, Autoteilen und Tunnelteilen hinterherschaute, die an der Freiheitsstatue vorbei und dann hinaus in den Atlantik getrieben wurden. Sah diese Person am Ufer auch meine körperlichen Überreste? Erkannte sie mich, während ich unterwegs war zu meiner letzten Ruhestätte unter den Wellen?
Dann erlosch die Reihe der Bremslichter vor mir, die Autos setzten sich wieder in Bewegung, ich erwachte schlagartig aus meiner Vorstellung des Ertrinkens und kehrte zurück in die Gegenwart, in der die Fahrt weiterging.

Die Wurzeln der Angst

Sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein bedeutet Angst zu haben.
Paul Tillich
Als Psychotherapeuten und Meditationslehrer haben Bonney und ich es zu unserem Beruf gemacht, die faszinierenden Aktivitäten des menschlichen Geistes zu untersuchen. Seit dreißig Jahren wenden wir die heilenden Prinzipien vieler spiritueller und psychologischer Traditionen an, von Zen, Achtsamkeits- und Qi-Gong-Meditation, christlicher und Sufi-Mystik bis zu Biofeedback, einsichtsorientierter Psychotherapie, Symbolik und der transpersonalen Psychologie der Psychosynthese. Mit diesen Methoden konnten wir Hunderten von Menschen helfen, ihre innersten Probleme zu bewältigen, wozu auch Ängste gehören, wie ich sie erlebt habe und Sie sie wahrscheinlich auch erleben.
Im Laufe eines normalen Tages zeigen sich Ihre Ängste vermutlich in einer sehr viel milderen Form, die sich besser handhaben lässt. Sie machen sich ein paar Minuten lang Sorgen; Sie denken immer wieder über eine kritische Bemerkung nach, die jemand Ihnen gegenüber gemacht hat; Sie werden nervös, wenn Sie etwas Neues zu tun haben; Sie spüren Zorn in sich aufsteigen, wenn Sie meinen, dass jemand Sie nicht leiden mag. Jedenfalls ist kaum anzunehmen, dass Sie täglich Armageddon oder Ihr eigenes katastrophales Ende vor Augen haben. Dennoch kennen auch Sie wahrscheinlich die Auswirkungen des uns allen gemeinsamen menschlichen Gefühls, verwundbar zu sein, nervös oder ängstlich zu werden, und Sie spüren die dadurch verursachten Verkrampfungen im Nacken, Rücken oder Magen oder haben ängstliche Vorahnungen von zukünftigen Ereignissen, die vielleicht niemals eintreten werden. Mein Zusammenbruch in Paris und meine Vision vom Ertrinken im Tunnel mögen dramatische Beispiele sein, aber die Wahrheit ist, dass unser Bewusstsein genauso viel Zeit damit verbringt, mit den vielen Formen der Angst und den Vorstellungen lebensbedrohlicher Situationen zu ringen, wie es unserer liebevollen Verbundenheit mit dem Leben widmet.
Dieses Buch wurde geschrieben, weil wir solche Ängste lindern wollen.
Um das zu tun, muss ich Ihnen von einer seltsamen Entdeckung berichten, die Bonney und mir irgendwann im Verlauf unserer beruflichen Praxis dämmerte. Von privilegierten Erbinnen und Filmstars bis hin zu verlorenen Seelen, die gerade ihren zweiten Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie oder ihre dritte Rehabilitation hinter sich brachten, haben wir immer wieder dieselbe Geschichte gehört: die Geschichte der Angst, die in ihnen aufstieg, wenn ihnen vollständig klar wurde – sei es durch eine große Enttäuschung, eine Trennung, Krankheit, Tod oder einfach im Rahmen ihrer eigenen spirituellen Suche -, dass unser Leben unvorhersehbar und zerbrechlich ist und dass Verluste garantiert sind. Katholische Priester und Nonnen, jüdische Rabbis, protestantische Pfarrer und muslimische Imams haben uns konsultiert, weil sie Hilfe im Umgang mit ihren eigenen Ängsten brauchten und um selbst wieder Kraft zu sammeln für ihre Aufgabe, anderen zu helfen – um die nächsten Eltern zu trösten, deren Kind behindert geboren wurde, oder die nächste Familie, die einen geliebten Angehörigen bei einem sinnlosen Unfall verloren hatte.
Wir haben die Ängste dieser Menschen mit konzentrierter Aufmerksamkeit untersucht und Folgendes festgestellt: Wenn Sie Ihrer Angst bis zu den tiefsten Wurzeln folgen, kommen Sie auf der anderen Seite immer in einem Feld der Liebe heraus. Kurz gesagt: Wir haben entdeckt, dass die Liebe zum Leben der Ursprung der Angst ist. Dieses Buch ist eine spirituelle Reise, die Ihnen helfen soll, diesen Zusammenhang für sich selbst zu entdecken und zu erfahren, wie wohltuend er sich in Ihrem Leben auswirkt – um der Angst, so wie Sie sie kennen, ein Ende zu machen.
Wir werden nicht versuchen, Ihnen einzureden, dass Ihre Ängste irrational oder unbegründet sind oder dass sie unterdrückt oder geleugnet werden sollten. Im Gegenteil: Ihre Angst ist nicht irrational – sie ist real. Auf dem »realistischen« spirituellen Weg, den Sie in diesem Buch kennenlernen werden, wird Angst als eine Tatsache behandelt, die man wertschätzen, verstehen und verwandeln kann. Bis Sie wissen, auf welche Weise Sie Ihre Angst transformieren können, wird sie Ihre Zuversicht untergraben und Ihre Lebenserfahrung bei jedem Richtungswechsel schmälern, indem sie dafür sorgt, dass begleitende Gefühle wie Ärger oder Zorn Ihr Denken und Verspannungen oder Verkrampfungen Ihren Körper beeinträchtigen. Sobald Sie wissen, wie Sie Ihre Angst verwandeln können, werden Sie sich frei fühlen, Ihr Potenzial für Freude, Einssein und Liebe vollständig zu verwirklichen – die angeborenen spirituellen Eigenschaften, die Sie mitgebracht haben, als Sie in diese Welt kamen, und die zurzeit noch in Ihnen schlummern.

Der realistische Weg

Ich glaube, wir müssen, alle gemeinsam, zu einer neuen Spiritualität finden.
Der Dalai Lama
Die ersten Schritte unserer Reise bestehen darin, dass wir lernen, die Menschen in unserer Umgebung auf eine neue Weise zu sehen: Ausnahmslos jeder, der Ihnen begegnet, ist verwundbar.
Mit dem Wort »verwundbar« bezeichnet man ganz buchstäblich etwas oder jemanden, das oder der »anfällig für Verwundungen« ist. Verwundbarkeit zeigt sich als ein Gefühl, ja – ein Gefühl der Beunruhigung und Unsicherheit, das dadurch entsteht, dass wir einem Risiko ausgesetzt und anfällig für Verwundungen sind, aber sie ist mehr als nur ein Gefühl. Sie ist zugleich ein Zustand, in dem wir alle leben; sie ist tatsächlich unsere menschliche Grundsituation. Egal wie sehr wir das zu leugnen versuchen, tief in unserem Inneren wissen wir, dass das Leben nicht vorhersagbar ist und wir in jedem Augenblick Veränderung und Verlust riskieren. Und egal wie robust jemand äußerlich wirken mag, im Inneren ist er genauso verwundbar wie Sie selbst; sogar der stärkste Mann der Welt lebt in einem Zustand äußerster Zerbrechlichkeit. Keine Religion bewahrt uns davor, und weder Geld noch Status können diese Grundtatsache des Lebens ändern. Unsere Verwundbarkeit ist in der Vergänglichkeit des Lebens begründet, der wir alle unterworfen sind.
Diese Sichtweise ist als solche nicht neu. Buddhisten bezeichnen die gerade beschriebene Wahrheit als »Wahrheit der Unbeständigkeit«. Philosophen im Osten wie im Westen kennen sie als »menschliche Grundverfassung«. Auch die moderne Psychologie hat sie erfasst und beschreibt sie als den Kampf-oder-Flucht-Instinkt, der in jedem von uns auftritt, wenn die Urangst, mit der wir leben, ausgelöst wird.
Anhand konkreter, persönlicher Beispiele werden wir Ihnen die drei klassischen Verhaltensweisen zeigen, für die sich Menschen entscheiden, um mit ihrer Verwundbarkeit zurechtzukommen. Manche lassen sich auf den Materialismus ein, andere setzen ihre Hoffnungen auf die Religion, und wieder andere ziehen sich vom Leben zurück und flüchten in einen distanzierten Skeptizismus. Wenn Sie die Geschichten lesen, werden Sie erkennen, dass jede dieser Verhaltensweisen ein Versuch ist, sich von der Angst abzuwenden – aber wir haben entdeckt, dass ein Prozess von fundamentaler emotionaler und spiritueller Bedeutung in Gang kommt, wenn wir eine Kehrtwendung vollziehen und ihr ins Gesicht sehen.
Im zweiten Teil der Reise geht es darum einzuüben, wie wir uns der Angst in geschickter Weise zuwenden. Da Ihre Verwundbarkeit nicht verschwinden wird, ist es am klügsten, wenn Sie lernen, damit zu leben, und wir zeigen Ihnen, wie man das macht.
Wir werden Ihnen die Hintergründe der vorgeschlagenen Übungen erläutern und Ihnen erklären, was nach unserer Erfahrung wirkt und was nicht. Wir werden Ihnen zeigen, wie Sie die bewusste Wahrnehmung der Verwundbarkeit üben können, während Sie mit anderen Menschen zusammen sind, sich draußen in der Natur aufhalten oder einfach nur Ihren Gedanken nachhängen. Wir vermitteln Ihnen die Grundlage für eine Praxis, die sofort und dauerhaft wirkt und die Sie jederzeit überall anwenden können.
Während Sie mit Ihrer Praxis beginnen, stellt sich der dritte Abschnitt der Reise ganz von selbst ein. Man könnte sagen, er kommt zu Ihnen, statt umgekehrt. Je mehr Sie Ihre Verwundbarkeit akzeptieren und sich Ihrer Angst mit freundlicher Fürsorge zuwenden, desto mehr werden Sie sich mit jedem anderen lebenden Wesen verbunden fühlen – und desto mehr werden Sie Ihre tiefe, angeborene Liebe zu allen lebenden Wesen und damit auch zu sich selbst spüren.
Diese verbindende Liebe, dieses allumfassende und erhebende Gefühl des Einsseins, ist Ihr angeborenes spirituelles Potenzial. Es kommt an die Oberfläche, weil es immer da war, in den Tiefen Ihres Seins, zurückgehalten einzig durch die Angst. Wir werden Ihnen zeigen, wie es im Leben der Leute, mit denen wir gearbeitet haben, an die Oberfläche gekommen ist und wie es deren Leben verändert hat. Wir werden Ihnen helfen zu erkennen, dass diese Entwicklung auch bei Ihnen eintreten kann und dass der Titel dieses Buches zu dem Weg werden kann, auf dem Sie durch die Welt gehen.

Teil I Die Angst verstehen

Der Ursprung der Angst
Ich bin durch viele Irrungen und Wirrungen gegangen – wovon die meisten eingebildet waren.
Mark Twain
Obwohl Anne am nächsten Morgen an einer wichtigen Sitzung teilnehmen sollte, konnte sie nicht einschlafen. Sie nahm sich immer wieder vor, sich endlich zu entspannen, damit sie gelassen und ausgeruht zu dieser Sitzung gehen konnte, aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Ab und zu schaute sie auf die roten Leuchtziffern des Weckers: 1 Uhr 30, 2 Uhr, 2 Uhr 30. Allmählich wurde sie panisch und verbot sich jeden weiteren Blick auf den Wecker, aber dann schaute sie doch wieder hin: 2 Uhr 45. Sie warf sich im Bett hin und her, stand auf, ging zur Toilette, legte sich wieder hin, wälzte sich herum und sagte sich erneut: Schau bloß nicht auf die Uhr. Irgendwann musste sie dann doch eingeschlafen sein, denn das Nächste, woran sie sich erinnert, ist das Klingeln des Weckers um 7 Uhr.
Nachdem Anne mir ihre Geschichte erzählt hatte, fragte ich sie: »Wie war die Sitzung?« »Gut«, sagte sie, obwohl sie ein Nervenbündel gewesen war und das Ende herbeigesehnt hatte.
Worauf bezog sich also die Angst, die ihr nachts den Schlaf geraubt hatte?
Sie hatte befürchtet, während der Sitzung das Wort ergreifen zu müssen.
Was war daran so beängstigend? Hatte sie nicht schon auf vielen Sitzungen gesprochen?
Doch, natürlich; sie war seit zehn Jahren im Geschäft und hatte auf zahllosen Sitzungen gesprochen. Aber es war für sie jedes Mal eine Qual, sich den Moment vorzustellen, in dem sie etwas sagen musste.
Und wovor hatte sie Angst?
Anne dachte einen Moment nach und erklärte dann: »Ich könnte unsicher wirken.«
Und was würde dann passieren?
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: »Ich würde den Eindruck machen, als wüsste ich nicht, worüber ich rede.«
Obwohl sie seit zehn Jahren in ihrem Job erfolgreich war?
»Ja – sie würden einen schlechten Eindruck von mir bekommen.«
Und dann?
Anne hielt inne, und auf ihrem Gesicht begann sich eine tiefere Sorge zu spiegeln. »Sie würden mich nicht mehr wollen«, sagte sie. »Sie würden mich versetzen.«
Und was würde dann passieren?
Schritt für Schritt schälten wir die Schichten von Annes Ängsten ab: Ihre Firma würde andere Mitarbeiter für besser halten. Anne würde degradiert werden. Am Ende würde man sie entlassen. Ohne ein gutes Zeugnis von ihrem derzeitigen Arbeitgeber würde sie keinen neuen Job finden. Ihr würde das Geld ausgehen, sie würde ihre Wohnung verlieren und auf der Straße enden.
Plötzlich waren wir bei Annes Version meines Pariser Albtraums angelangt – meiner Vision, wie ich verzweifelt und mittellos auf den Straßen von Paris zusammenbrach. Auch mich hatte diese Angst in den frühen Morgenstunden überfallen, zu einer Zeit, wenn kleine Kinder aufwachen, sich vor dem Monster im Schrank fürchten und Zuflucht im Bett der Eltern suchen. Bei Erwachsenen geht man davon aus, sie wüssten, dass solche Monster der Fantasie entspringen, aber in Wirklichkeit sind unsere Ängste genauso real wie die von Kindern. Sie nehmen einfach nur eine andere Form an.
Wo liegt der Ursprung dieser Ängste in unserem Inneren, und was sagen sie uns über unsere Natur? Woher kommen die Monster?

Keine Gefahr im Verzug

FEAR: False Evidence Appearing Real Slogan der Anonymen Alkoholiker
 
Jeder fühlt sich manchmal unsicher, bedroht, schutzlos irgendwelchen Risiken ausgesetzt. Das sind normale Emotionen, die wir alle haben, normale Reaktionen, die sich nicht auf tatsächliche Gefahren für Leib und Leben, sondern auf Bedrohungen beziehen, die wir uns vorstellen. Aber im Extremfall können sie uns lähmen – uns das Gefühl geben, dass wir buchstäblich vor Angst erstarren, oder uns so in Wut versetzen, dass wir übertrieben aggressiv werden.
Der Geschäftsmann, der auf einer Sitzung eine leichte Kritik einstecken musste, verlässt den Konferenzraum mit klopfendem Herzen, und in seinem Kopf explodieren Rachegedanken gegen den Kollegen, der ihn kritisiert hat. Der Arbeitssuchende sitzt wie betäubt am Telefon, zu erstarrt, um mit einem kurzen Anruf herauszufinden, ob er angenommen oder abgelehnt wurde. Der Junge sieht die Gleichgültigkeit in den Augen seines Vaters und will nur noch aus dem Zimmer rennen. Der Prediger reagiert wütend und verächtlich, wenn jemand seinen spirituellen Ansichten widerspricht.
Solche Reaktionen sind rätselhaft: Eine leichte Kritik, die Erwartung einer Ablehnung, eine Meinungsverschiedenheit, und doch verhält sich der Körper, als stünde unser Leben auf dem Spiel. Welcher Gefahr stehen wir tatsächlich gegenüber?
Der englische Ausdruck FEAR (Furcht, Angst), so sagen die Anonymen Alkoholiker, steht für »False Evidence Appearing Real« (falsche Annahmen, die wahr erscheinen). Tatsache ist, dass die meisten unserer Ängste nichts mit realen Gefahren zu tun haben und keine realen Bedrohungen mit ihnen verbunden sind. Sie spielen sich nur in unseren Gedanken ab und werden nicht von objektiven Fakten gestützt. Trotzdem bewirken sie etwas in uns. Sobald wir eine Bedrohung wahrnehmen, selbst wenn sie gar nicht vorhanden ist, wird in unserem Körper und in unseren Gedanken ein kompliziertes Alarmsystem in Gang gesetzt, das körperliche Reaktionen auslöst – im Herz-Kreislauf-System, in den Muskeln, auf der biochemischen und der neurologischen Ebene -, die wir als sehr real erleben.

Die Ursache von Angst

Und so von Stund zu Stunde reifen wir,
Und so von Stund zu Stunde faulen wir,
Und daran hängt ein Märlein.
Shakespeare: Wie es euch gefällt
Es ist wohl allgemein bekannt, dass unsere genetisch programmierte Reaktion auf Stress, die ursprünglich dazu dienen sollte, unsere körperliche Unversehrtheit in einer Welt voller Raubtiere zu schützen, in bedrohlichen Situationen des modernen Lebens unsere Gesundheit zerstören kann. Ein kräftiger Adrenalinstoß mag den prähistorischen Menschen befähigt haben, einem Säbelzahntiger zu entkommen, aber dem Angestellten im Konferenzzimmer verschaffen Muskelverspannungen und Herzrasen keinen Vorteil. Also sieht es auf den ersten Blick so aus, als sei unser Überlebensinstinkt nicht mehr an die Realität angepasst. Doch das stimmt nicht. Er reagiert auf eine tiefere Wirklichkeit als die kritische Bemerkung oder das Bewerbungsgespräch: Er reagiert auf die Wirklichkeit, wie sie wirklich ist.
Unser Überlebensinstinkt wirkt aus einer ursprünglichen Wahrheit heraus: Das Leben ist eine wundersame und merkwürdige Erfahrung, bei der alles und jedes, was wir sehen, uns selbst eingeschlossen, in jedem Augenblick Gegenstand der Veränderung oder des Verlustes sein kann. Das ist die buddhistische »Wahrheit der Unbeständigkeit«. Das ist es, was Freud als »infantile Hilflosigkeit des Menschen« bezeichnet hat, die Eigenschaft, die unsere menschliche Grundverfassung bestimmt: Wir leben im Bewusstsein unserer eigenen Sterblichkeit.
Der Psychiater Aaron Beck, Begründer und Pionier der kognitiven Therapie, sieht in der bewussten Wahrnehmung des Todes die Wurzel aller unserer Ängste. »Um Angstgefühle zu verstehen, sollten wir die Symptome nicht als fremdartige Erfahrungen wahrnehmen, sondern als Ausdruck grundlegender, ursprünglicher Funktionen.« Die Monster, die bei Nacht kommen, um die Kinder zu holen, sind unsere Bilderbuch-Modelle der Wahrheit, dass Sie und ich eines Tages aus unserem gegenwärtigen Leben entführt werden. Und noch bevor uns das selbst geschieht, werden wir Zeugen, wie es anderen geschieht, auch jenen, die wir lieben.
Wenn wir unsere Ängste in diesem Licht betrachten, erkennen wir, dass sie ganz und gar nicht unvernünftig sind.

Die eigene Verwundbarkeit kennen

Wer die Lieblichkeit der Welt schauen, ihren Gram teilen und etwas von dem Wunderbaren, das in beiden liegt, ermessen kann, der steht in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Dingen.
Oscar Wilde: De Profundis