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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 

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Für Debs Mutter Anne und für unsere Lehrer und Lehrerinnen. Mögen alle Wesen glücklich sein!

VORWORT VON SEINER HEILIGKEIT DEM DALAI LAMA
Der eigentliche Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein. Es gibt zwei Arten von Glücklichsein: Die eine entspringt hauptsächlich dem körperlichen Wohlbehagen, an der anderen ist der Geist beteiligt. Ganz offensichtlich ist das geistige dem körperlichen Wohlbehagen überlegen und in seinem Einfluss und in seiner Auswirkung weitreichender. Das lässt sich in unserem eigenen Leben beobachten. Befinden wir uns in einer ruhigen und glücklich heiteren Geistesverfassung, können wir kleinere körperliche Einschränkungen oder geringe Schmerzen leicht aushalten. Ist hingegen unser Geist ruhelos oder verstört, dann machen uns auch die angenehmsten aller körperlichen Umstände nicht glücklich.
Da unser Geisteszustand derart wichtig ist, erhebt sich die Frage, ob wir ihn schulen oder verbessern können. Das ist möglich. Die Menschen haben über einen sehr langen Zeitraum hinweg Methoden entwickelt, um den Geist zu formen; Methoden, die wir gewöhnlich Meditation nennen. Allgemein gesprochen gibt es zwei Arten der Meditation. Die analytische Meditation bedient sich in der Hauptsache des Intellekts, des logischen Verstandes. Eine andere Meditationsart beinhaltet, dass wir den Geist auf einen bestimmten Punkt ausrichten und dort ruhen lassen, ohne etwas zu verändern oder etwas zu untersuchen.
Meditation ist ein wichtiges Instrument, um unseren Geist zu formen, zu entwickeln oder zu transformieren. Schon als einfacher buddhistischer Mönch habe ich meditiert. Mit zunehmendem Alter habe ich bemerkt, dass mein Geist nun ruhiger und gelassener ist, obgleich viele Probleme, mit denen ich mich befassen muss, schwerwiegender wurden und meine Verantwortung größer geworden ist. Das soll aber nicht den Eindruck erwecken, dass Meditation unbedingt eine religiöse Angelegenheit sein muss. Auch den Geist einfach zu üben und zu schulen ist eine Art von Meditation. Während die einfache einspitzige oder einsgerichtete Meditation nicht unbedingt zu festen Überzeugungen führt, erreicht die analytische Meditation dies auf sehr viel effektivere Weise.
Im Großen und Ganzen blickt der Geist immer kritisch nach außen und befasst sich mit äußeren Ereignissen, kümmert sich aber nur selten um sich selbst. Deshalb müssen wir ihm neue Anweisungen geben. Bis jetzt haben Sie sich mit den Vorgängen im Außen beschäftigt; das ist gut und schön, doch nun ist die Zeit gekommen, im Innern zu forschen und mehr über den Geist selbst herauszufinden. Dabei müssen wir uns auch darum bemühen, dass wir die Art und Weise, in der unsere Gedanken den Erinnerungen an die Vergangenheit folgen und über die Zukunft spekulieren, bändigen und beherrschen. Wir müssen den Raum zwischen solchen Gedanken finden, der wie das Wasser in der Tiefe des Ozeans klar und ungestört bleibt, auch wenn auf der Oberfläche die Wellen peitschen. So können wir auf den Geist selbst blicken. Es ist nicht leicht, doch lohnt es sich meiner Ansicht nach, den Versuch zu unternehmen.
Ed und Deb Shapiro haben in diesem Buch die Gedanken und Überlegungen einer großen Bandbreite von Menschen versammelt, die über eine Vielfalt von Meditationserfahrungen verfügen. Wer an Meditation interessiert ist, sollte nicht nur lesen, was sie zu sagen haben, sondern die Sache auch ausprobieren. Vorschläge, die Ihnen gefallen und eine Hilfe sind, machen Sie sich zunutze; die anderen beachten Sie nicht weiter. Sehen Sie dieses Buch quasi als Kochbuch an. In einem Kochbuch würden Sie die Rezepte nicht nur lesen, sondern einige auch ausprobieren wollen. Und manche davon würden Sie mögen und immer wieder kochen. – Wie das Kochen ist Meditation nur dann sinnvoll, wenn Sie die Anleitungen in die Praxis umsetzen.
 
17. Juli 2009
S. H. der Dalai Lama
Friedensnobelpreisträger

VORWORT VON ROBERT THURMAN
Es ist ein Glück, dass Ed und Deb die Beiträge all der faszinierenden Menschen in diesem Buch auf so schöne Art in deren bewegende Lebensgeschichten und Transformationserfahrungen eingebettet, all die vielen Stimmen so meisterlich zu einer Symphonie verwoben haben. In einem wunderbaren Fluss stehen Erkenntnisse, Einsichten und Geschichten im Einklang miteinander und im Kontrast zueinander, ein Fluss, der sowohl beruhigend wie belebend ist und zum Klang einer einzigen kollektiven, dennoch selbstlosen Stimme wird.
Schon die Lektüre dieses Buches ist eine kraftvolle Meditation. Ohne Mühe, ohne Anstrengung begeben Sie sich tiefer hinein zu den besten Orten Ihres Geistes und Herzens, indem Sie dem Fluss folgen, Seite um Seite, Lehrer um Lehrer, Erkenntnis um Erkenntnis. Sie werden feststellen, dass Sie ganz natürlich Achtsamkeit entwickeln, während Sie die Texte lesen und an den Gedanken und Leben dieser wunderbaren Menschen teilhaben. Menschen, die sich Ihnen ehrlich und auf lebendige Art zuwenden, indem sie ihre Geschichten erzählen und ihre Einsichten, Praxis und Errungenschaften in Bezug auf die Meditation preisgeben.
Die großen Mystiker des Buddhismus, des Judentums, des Christentums und des Islams, sie alle haute es um, als sie Nirvana oder das Reich Gottes in ihrem eigenen Innern entdeckten. Wir müssen nicht meinen, dass sie alle weit über uns stehen und unerreichbar sind. Alle übermittelten sie uns geduldig, dass wir den wahren Sinn unserer Existenz finden, unsere wirkliche Bedeutung entdecken und uns tatsächlich des Glücks erfreuen könnten. Und alle gaben uns Methoden an die Hand, um uns in Richtung dieser Ziele auf den Weg zu bringen. Wir können, müssen und werden der Wandel sein, an dem sich nach unserem sehnlichen Wunsch die Welt erfreuen soll. Wir können von dieser hilflosen Sucht nach Äußerlichkeiten, vergänglichem Besitz, Zerstreuungen und enttäuschenden Beschäftigungen genesen, indem wir uns unserer ungebundenen intuitiven Intelligenz zuwenden, uns durch Achtsamkeitsmeditation auf das Innerste unseres Herzens einschwingen, das verzweifelte Kreisen um unser Ich aufgeben und uns in die Arme der von Liebe erfüllten Schöpfung begeben.
Damit will ich nicht andeuten, dass ich mehr als nur einen schwachen Hinweis auf alle diese Möglichkeiten erkannt und verwirklicht hätte, auf die Wunder, an denen uns zu erfreuen wir geboren wurden; ich behaupte nicht, in diesem Leben den Superpreis der Erleuchtung errungen zu haben! Doch Logik und Vernunft lassen mich wissen, dass früher oder später jeder von uns die Glückseligkeit des Erwachens zu seinem authentischen Selbst erfahren wird. Wenn das geschieht, ist es wie ein »Nachhausekommen«, ist es die Erkenntnis, dass wir diesen Ort schon immer gekannt haben.
Schließlich wissen wir aufgrund der höchst glaubwürdigen Zeugnisse von Buddha, Jesus und anderen großen Lehrern, dass Nirvana (das Reich Gottes) hier und jetzt die wahre Wirklichkeit der Welt ist! Und so können wir diesen Augenblick genießen, die Worte in diesem Buch lesen und zugleich die sanfte, doch ekstatische, bewusst achtsame und unvorstellbar beseligende Natur von Nirvana erleben.
Was für eine Ehre, sich Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama mit einem Vorwort anschließen zu dürfen. Er ist die Sonne, und ich bin höchstens ein Glühwürmchen. Was für ein Privileg, einen Grundton anschlagen zu dürfen beim Öffnen dieser Schatztruhe, die gefüllt ist mit den von Herzen kommenden Ratschlägen so vieler großartiger Menschen, allesamt erfahrene und verwirklichte Meditierende, an die ich auch nicht im Allerentferntesten heranreiche. Und was für eine Herausforderung, gemeinsam mit Ed und Deb diesen magischen, geheimnisvollen Meditationszug in Gang zu setzen in Richtung eines sinnerfüllten Lebens, welches das Ziel und die Bestimmung jeder und jedes Einzelnen von Ihnen ist, liebe Leserinnen und liebe Leser.
Ich wage es nur, weil ich hier auf diesem wunderbaren Zug einen Job für mich entdecke. Auf diesem Zug, dessen Antrieb das große Herz aller spirituellen Lehrer, Visionäre und Poeten allerorten und aller Zeiten ist. Ed und Deb sind die freundlichen und geschickten Ingenieure, und die Waggons, in denen Sie so bequem reisen, sind die Verwirklichungen all der großen Meditierenden, die Sie dahintragen. Ich bin der Schaffner, der Sie zu den Waggons begleitet, »Abfaaahrt« ruft und sich dann die Stufen hinaufschwingt, um mit Ihnen allen mitzufahren. Meinen Glückwunsch, dass Sie sich auf diese ganz besondere und magische Reise begeben.
 
»Tenzin« Bob Thurman
Jey Tsong Khapa Professor für indo-tibetische
buddhistische Studien an der
Columbia University, Präsident des Tibet House USA

TEIL I
002
DAS GRÖSSTE ALLER ABENTEUER

003
MICH VERÄNDERN, UNS VERÄNDERN
Änderst du die Richtung nicht, könntest du dort enden, wo du hinsteuerst.
LAOTSE
 
 
»Wenn wir unsere Welt vom Mond aus betrachten«, erzählte uns der Astronaut Edgar Mitchell, »ist sie einfach nur eine kleine runde Kugel.« Als Apollo 14 sich der Erde näherte und diese immer größer wurde, veränderte sich Mitchells Leben. Von seinen Erkundungen in den Weiten des Weltraums heimgekehrt begann er nach einem tieferen Sinn seiner Erfahrung zu suchen und wandte sich der Erforschung seiner inneren Welt zu, was schließlich auch das Meditieren einschloss.
In ähnlicher Weise wurde auch uns beiden schon früh im Leben bewusst, wie wichtig die Meditation ist, nämlich als Reaktion auf die Notwendigkeit, inmitten des Chaos einen Sinn zu finden. Ed war in seinen Zwanzigern, Deb war erst fünfzehn, und doch war uns bereits klar geworden, dass wir irgendwie einen Ort des Verständnisses und der Einsicht vermissten.
Als uns vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal der Gedanke zu diesem Buch kam, geschah dies ebenfalls als Reaktion auf die Notwendigkeit, dem Geschehen um uns herum einen Sinn abzugewinnen. In einer Zeit des ökonomischen Niedergangs, der zunehmenden Korruption und der Kriege fragten wir uns, was einer Welt, die sich in einem solchen Chaos befindet, größeres Gewahrsein, mehr Freundlichkeit und Güte und umfassenderes Mitgefühl bringen könnte. Könnte etwas so Subtiles und Zurückhaltendes wie die Meditation denn irgendeine Auswirkung auf die Wirtschaft, das Umweltdenken, die Konflikte oder die Politik haben? Könnte die Meditation einen ausreichend starken Wandel im Bewusstsein herbeiführen, um die Sichtweise auf uns selbst, aufeinander und auf unsere Welt zu transformieren? Und wie könnte der Wandel aussehen, wenn etwas derart Einfaches zu einer globalen Bewegung würde?
Obwohl wir beide seit vielen Jahren meditieren, wollten wir in diesem Buch ein farbigeres und vielfältigeres Bild zeichnen und viele andere Standpunkte und Stimmen mit einbeziehen. So sprachen wir mit über hundert Menschen in den verschiedensten Lebensumständen, die Meditation praktizieren. Dazu gehörten Lehrer, Aktivisten, Wissenschaftler, Religionsführer, Professoren, Geschäftsleute, Schauspieler, Maler, Musiker, Umweltschützer, Yogis, Therapeuten, Ärzte, Buchautoren und andere. Unsere Fragen konzentrierten sich darauf, wie die Meditation sie verändert hatte, wie sie uns verändern kann und wie wir als Ergebnis davon die Welt verändern können. Gespräche mit so vielen bemerkenswerten Menschen zu führen war wirklich gigantisch! Alle gingen sie mit tiefer Leidenschaft an dieses Thema heran, jeder hatte etwas anderes zu sagen, jede Meditationserfahrung war einzigartig, und die Einsicht, wie wir dadurch in dieser Welt etwas ändern können, war inspirierend und umfassend. Die wertvollen Erkenntnisse und Antworten dieser Menschen sind in den Text eingeflochten, und ihre Kurzbiografien finden Sie am Ende des Buches. Insbesondere ließen uns diese vielschichtigen Stimmen begreifen, dass das Meditieren eine äußerst coole Angelegenheit ist.
Und nicht nur wir denken so. Yogis und buddhistische Mönche im Lotossitz sind mittlerweile überall in der Werbung zu sehen, sie sollen für Computer, Kreditkarten oder Kräutertees werben. Zeitungen und Zeitschriften bringen Artikel über die Vorteile der Meditation, angereichert mit Ratschlägen von berühmten Schauspielern. Und jeder Buchladen, der auf sich hält, hat eine Abteilung mit Büchern über die Meditation. In unserer örtlichen Poststelle hängen die Angebote für Meditations- und Yogakurse gleich neben der Liste mit den Portokosten für Sendungen ins Ausland.
Seit Tausenden von Jahren steht die Meditation im Mittelpunkt spiritueller Praxis, aber die allgemeine Bevölkerung des Westens hat erst in den letzten paar Jahrzehnten angefangen zu begreifen, wie wichtig und wertvoll diese Praxis wirklich ist, unabhängig von spirituellen oder religiösen Interessen. Meditation ist nicht nur etwas für Hippies oder Menschen auf der spirituellen Suche. In unseren Kursen haben wir alle unterrichtet – Hausfrauen, Sportler, Musiker, Therapeuten, Vorstandsvorsitzende -, und das in Yogazentren und Stadthallen, Highschool-Sporthallen, Konferenzräumen und im Fernsehen.
Das stellt uns allerdings vor ein Rätsel. Wenn die Meditation etwas so frei Zugängliches und allgemein Bekanntes ist, wie es den Anschein hat, warum ist sie dann nicht integraler Bestandteil von jedermanns Leben? Wenn die Berichte über eine gesunde Lebensführung davon sprechen, wie gut sie für die Stressbewältigung ist, warum lassen wir sie dann links liegen oder finden Ausreden, um sie nicht zu praktizieren? Und warum halten wir etwas für Zeitverschwendung, von dem alle Forschungsergebnisse uns sagen, dass es von ungeheurem Wert ist?

Wir sind nicht die, die wir zu sein glauben

Vielleicht kennen Sie schon die Geschichte vom Frosch und dem Skorpion:
Eines Tages saß ein Frosch froh und munter am Flussufer, als ein Skorpion daherkam.
»Oh, lieber Frosch«, sagte der Skorpion, »ich möchte auf die andere Seite des Flusses. Könntest du mich bitte hinübertragen?«
»Aber lieber Skorpion, wenn ich das mache, dann stichst du mich!«, erwiderte der Frosch, entsetzt von diesen Ansinnen.
»Nein, das werde ich nicht tun«, sagte der Skorpion.
»Versprochen?«, fragte der Frosch stark zweifelnd.
»Ich verspreche es – ich werde dich nicht stechen«, sagte der Skorpion.
»Versprichst du das ganz ehrlich und wahrhaftig?«, fragte der Frosch noch immer im Zweifel.
»Ja, ich verspreche es ganz ehrlich«, erwiderte der Skorpion in aller Aufrichtigkeit.
»Okay«, sagte der Frosch widerstrebend. »Steig auf.«
Der Skorpion kletterte auf den Rücken des Frosches, und los ging’s. Mitten im Fluss stach der Skorpion den Frosch. Kurz bevor beide ertranken, konnte der Frosch gerade noch hervorstoßen: »Sag mir nur eines, bevor wir beide untergehen. Warum hast du mich gestochen, obwohl du doch versprochen hast, es nicht zu tun?«
»Weil es meine Natur ist«, erwiderte der Skorpion.
Ohne die Skorpione herabsetzen zu wollen, zeigt diese Geschichte doch, wie unveränderlich und festgefügt die Natur des Skorpions zu sein scheint. Er hat in Bezug auf sein Verhalten keine Wahl, weil er ein Skorpion ist; es ist einfach so, wie es ist.
Und die meisten von uns meinen, dass es sich bei uns auch nicht anders verhält. Wir denken, dass wir uns nicht ändern können, dass wir so sind, wie wir sind, und damit hat es sich. So bin ich nun mal, ich kann mich nicht ändern und werde mich nicht ändern! Doch während ein Skorpion nicht unbedingt fähig ist, anders zu handeln, können wir es schon. Wir haben eine Wahl. Wir müssen nicht so sein, wie wir unserer Meinung nach sind; wir können in der Tat anders sein und handeln. Der Philosoph William James schrieb im 19. Jahrhundert: »Die große Revolution in unserer Generation ist die Entdeckung, dass Menschen durch eine Veränderung ihrer inneren Geisteshaltung ihre äußeren Lebensaspekte verändern können.«

Tanz mit dem Ego

Wir sehnen uns so sehr nach Veränderung, danach, anders zu sein, gesünder oder glücklicher – anderswo scheint das Gras immer so viel grüner zu sein. Oder wir wollen die Welt verändern, so dass Frauen nicht mehr missbraucht und misshandelt werden und es weniger Gewalt und Armut gibt. Der heftige Wunsch nach Veränderung war die vordringliche Botschaft der Präsidentenwahl in den USA im Jahr 2008, als wir Zeuge einer kollektiven Sehnsucht nach Ehrlichkeit, Anstand und Integrität wurden.
Es mag relativ einfach erscheinen, etwas in der Welt zu verändern, wohingegen das Herbeiführen von Veränderungen in unserem eigenen Leben scheinbar viel schwieriger ist. Es braucht Mut, um sich von einem vertrauten und bekannten Ort zu einem anderen zu begeben, der ganz anders ist oder gar keine Bezugspunkte aufweist, denn dies bedeutet, dass wir unsere Bequemlichkeitszone verlassen.
Was hält uns davon ab, etwas zu verändern? Was hält uns in uns selbst eingeschlossen, festgefahren in der Engstirnigkeit, im Glauben, dass unsere Ansicht die einzige ist, die zählt? Es ist ganz eindeutig das Ego, das am meisten besprochene und doch am wenigsten verstandene aller menschlichen Merkmale. Das Ego schenkt uns ein starkes Selbstgefühl, es ist unser »Ich«. Das ist an sich weder gut noch schlecht, außer wenn die Egozentrik unsere Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen vom Leben dominiert. Ein positives Selbstgefühl gibt uns Selbstvertrauen und Zielgerichtetheit, aber ein eher negativer und selbstsüchtiger Aspekt des Ego lässt uns den Gefühlen anderer Menschen gegenüber gleichgültig sein. Dieser Aspekt liebt den Gedanken »Ich komme zuerst« und lässt uns ausrufen: »Was ist mit mir? Was ist mit meinen Gefühlen?«
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»Ich denke, dass ich das wichtigste Wesen auf der Welt bin, aber kein anderer denkt das ebenfalls, die Zeit denkt nicht so über mich, der Raum denkt nicht so über mich, der Planet denkt nicht so über mich. Es braucht also nicht viel, um zu kapieren, dass es in Wirklichkeit nicht um mich geht! Aber wenn dann jemand kommt und mir auf die Füße tritt oder mir meine Erdbeeren wegnehmen will, dann geht es plötzlich doch wieder nur um mich!«
Wenn wir uns anschauen, wie wir uns mit Vorstellungen davon, wer wir unserer Meinung nach sind, gleichsetzen oder mit Etiketten, die diese Vorstellungen verstärken und uns als etwas Besonderes erscheinen lassen – »Ich bin Amerikaner, Russe, Christ, Moslem; ich bin Lehrer, Ärztin, geschieden, trockene Alkoholikerin« -, dann sehen wir die vielen Manifestationen des Ego vor uns. Auf der Suche nach Bedeutung verstecken wir uns hinter unserem Titel, unserem Beruf oder unserer Religion und hängen an der Geschichte, die das Etikett kreiert; ja wir stellen uns sogar in Form dieser Etiketten vor oder beziehen uns auf andere, die hinsichtlich ihrer Identität ebenso verfahren. Diese Illusionen zu durchschauen und bereit zu sein, unsere Geschichten aufzugeben, ist kein geringer Schritt. »Es besteht ein solcher Druck, alle meine Identitäten, alle meine Etiketten unversehrt zu bewahren«, schreibt Joan Tollifson in Im Auge des Sturms. Erfahrungen einer Zen-Schülerin. »Warum habe ich das Gefühl, dass mich keiner wirklich kennt, solange er meine Geschichte nicht kennt? Beim Gedanken an den Verlust meiner Etiketten steigt eine ungeheuerliche Angst in mir auf, und gleichzeitig liegt ein unendlicher Friede darin, ohne sie zu leben.« Es liegt in der Natur des Ego, die Kontrolle zu haben, und daher tut es alles, was es kann, um uns im Bereich des Ichseins festzuhalten. Es ist ein bemerkenswert guter Gestaltwandler und kann eine beliebige Anzahl von Masken oder Verkleidungen annehmen, in vielen verschiedenen Gestalten daherkommen. Seine Hauptaufgabe aber besteht darin, uns abgelenkt zu halten. Es kann uns zum Beispiel glauben lassen, dass wir die Klügsten, Bestinformierten und Allerwichtigsten sind, und ebenso leicht kann es uns das Gefühl geben, nichts wert, nicht liebenswert, nicht klug oder nicht gut genug zu sein, um glücklich sein zu können. Und dieses Ichgefühl ist die Grundursache für so viel Kummer und Leid, sowohl in unserem eigenen Leben wie überall auf der Welt, da in seinem Namen Kriege geführt, Familien gespalten und Freunde vergessen werden.
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»Ich glaube, das Hauptproblem ist das Ego unter negativen Vorzeichen. Wenn wir die Gefühle anderer Menschen, ihr Leiden oder Verhalten, nicht verstehen, dann nehmen wir nur das wahr, womit wir selbst befasst sind, dann nehmen wir nur unser eigenes Ego und Selbstbild wahr. Wenn das Ego zu stark wird, verursacht es eine Menge anderer Emotionen wie zum Beispiel ängstliche Sorge, Einsamkeit, Depression, Wut, Zorn, Eifersucht, Neid; wenn wir uns verunsichert fühlen, wird das Ego sogar noch größer, um uns zu schützen. Auf diese Weise fügen wir anderen Schaden zu, da wir keine Achtung vor ihnen haben. Und das führt zu Kampf und Streit. Dann denkt das Ego, dass es andere besiegen muss, um zu überleben: ›Ich muss hart sein, um meine Ziele zu erreichen.‹ Vielleicht haben wir ein- oder zweimal Erfolg damit, aber auf die Dauer werden wir verlieren, wenn wir dem Ego folgen.«
Egozentrik und Selbstsucht, die Kennzeichen des Ego, wirken sich nicht nur auf unser eigenes Leben und unsere Beziehungen aus, sondern auch auf unser Verhalten in der Welt. Der Schaden, den ein starkes Ego anrichten kann, kennt keine Grenzen, angefangen bei der arroganten Überzeugung, dass unsere eigenen Ansichten die einzig richtigen sind und alle anderen dazu gezwungen werden sollten, sie zu übernehmen, bis hin zur Ausübung und zum Missbrauch von Macht auf Kosten der Freiheit oder des Lebens anderer Menschen.
Das Ego lässt uns auch glauben, dass wir der Staub auf dem Spiegel sind, dass wir nie so schön sein können wie das strahlende Spiegelbild hinter der staubigen Oberfläche. Doch wie seltsam zu glauben, dass wir nicht frei sein können, wo Freiheit doch unsere wahre Natur ist! Wenn wir zu erkennen beginnen, dass Egozentrik nicht zum Glück führt, und wenn wir uns nach etwas Authentischerem sehnen, wenn uns klar wird, dass der tiefe Abgrund von Sinnlosigkeit und Leere in unserem Innern nie wirklich befriedigt werden kann, ganz gleich wie sehr wir ihn nähren, oder wenn wir einfach genug vom Chaos und Leiden haben, dann steigt die Sehnsucht nach Veränderung auf.
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»Ich habe das Schauspielern aufgegeben, um echt sein zu können. Schauspieler täuschen auf der Bühne eine Menge vor, und ich wollte authentischer sein. Wenn man Klassiker wie Shakespeare spielt, entsteht ein geeintes Bewusstsein mit dem Publikum, bei dem Inneres und Äußeres eins sind und du diese Erfahrung mit anderen teilst. Das ist etwas sehr Tiefgehendes. Es gibt eine Menge Künstler, die eine solche Transzendenz erreichen, aber sie führen verkorkste Leben. Schauspieler besitzen von Natur aus ein großes Ego und sind narzisstisch, und so schien mir das Schauspielern im Gegensatz zum Pfad der Meditation und Freiheit zu stehen, nach dem ich mich sehnte. Also hörte ich zwei Jahre lang mit der Schauspielerei auf.
So lange, bis ich merkte, dass nicht nur die Schauspieler, sondern alle Menschen ein großes Ego haben. Alle täuschen etwas vor und haben bestimmte Vorstellungen von dem, was sie zu sein glauben. Ich erkannte schließlich, dass nicht die Schauspielerei das Problem war, sondern mein Verhältnis dazu. Ich konnte durchaus eine echte, authentische Person sein, die zufällig dem Schauspielerberuf nachgeht. Der Unterschied besteht darin, mir dessen bewusst zu sein, dass ich ein Ego spiele, statt in meinem Ego festzusitzen. Spirituelles Leben, Arbeitsleben und persönliches Leben sind nichts voneinander Getrenntes. Es gibt nur ein Leben. Ohne Zugang zur inneren Dimension der Freiheit kann ich weder ein Schauspieler noch eine völlig authentische Person sein.«
Hypothetisch gesehen brauchen wir nichts weiter zu tun, als unsere auf das »Ich« gerichtete Konzentration aufzugeben, die die Ursache ist für unser Gefühl von Getrenntheit, unser Bedürfnis nach Besonderheit, unser Greifen nach unserer Geschichte und unserem Festhalten an ihr. Dann können wir unser Ego in den Ruhestand schicken. Aber das ist leichter gesagt als getan. In Indien steht die Kokosnuss als Symbol für das Ego, da sie die härteste Nuss ist, die es gibt, und am schwersten zu knacken ist. Traditionellerweise bringt der Schüler dem Guru oder Lehrer eine Koksnuss dar als Zeichen für die Bereitschaft, sein Ego hinzugeben und die Selbstbesessenheit aufzugeben. Diese symbolische Geste zeigt, dass das Ego als großes Hindernis auf dem spirituellen Weg betrachtet wird und darüber hinaus als noch größere Behinderung für die Entwicklung von wahrer Güte und echtem Mitgefühl.

Veränderung bereitwillig annehmen

Ein berühmter Ausspruch von Mahatma Gandhi lautet: »Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.« Mit anderen Worten: Die Veränderung muss in unserem eigenen Innern ihren Anfang nehmen; wir können nicht erwarten, dass die Welt sich ändert, wenn wir uns nicht ändern. Wenn wir mehr Liebe in unserem Leben haben wollen, müssen wir liebevoller werden; wenn wir dem Terrorismus ernsthaft ein Ende setzen und der Welt einen echten und friedvollen Wandel bescheren wollen, müssen wir einen ersten Schritt tun und den Krieg in unserem eigenen Innern beenden.
Der Psychiater Victor Frankl sagte, ihm sei nach drei Jahren Gefangenschaft im Konzentrationslager Auschwitz und der Zerstörung seiner Familie nur noch »die letzte der menschlichen Freiheiten« geblieben, »das ist die Freiheit, seine eigene Einstellung gegenüber jeglichen Umständen und seine eigene Herangehensweise zu wählen«. Das ist die Wahl, die jeder von uns hat – die Wahl, wie wir unser Leben leben, wie wir füreinander sorgen und aneinander Anteil nehmen und wie wir mit unserem Planeten umgehen. Wenn wir uns für die Transformation unseres Planeten öffnen, transformiert sich auch die Gesellschaft – jede Veränderung, die ein jedes Individuum vornimmt, setzt eine Kettenreaktion in Gang, die uns allen zugutekommt. Dann können wir anfangen, die Lösungen zu leben, statt uns auf die Probleme zu konzentrieren.
Das bringt uns zur Bedeutung von Kontemplation und Meditation. Ohne eine solche Praxis der Selbstbetrachtung sind wir den wechselhaften Launen des Ego unterworfen und können seine Forderungen nicht bremsen. Die Meditation hingegen gibt uns den Raum, uns selbst klar und objektiv sehen zu können, gibt uns einen Ort, von dem aus wir unser Verhalten beobachten und den Einfluss des Ego mindern können.
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»Meditation bedeutet, mir eines der wichtigsten Dinge bewusst zu bleiben, derer man sich bewusst bleiben soll, nämlich meiner inneren Programmierung in diesem Augenblick. Es gibt vier Dinge, die mir sagen, dass es Zeit ist zu meditieren – Depression, Wut, Schuldgefühl und Scham. Sie teilen mir mit, dass sich mein Denken nicht dort befindet, wo es meiner Wahl nach sein soll. Wenn ich innehalte, vermag ich zu sehen, was ich mir erzähle, und kann dieses dem Leben entfremdete, Gewalt heraufbeschwörende Denken in ein Bewusstsein übersetzen, das dem Leben und der Kommunikation dienlich ist.«
Statt zu meinen, wir müssten unser Ego irgendwie auslöschen oder vernichten, stellen wir durch die Meditationspraxis fest, dass die positiveren Aspekte gefördert und verstärkt werden und die selbstbezogenen Aspekte allmählich an Bedeutung verlieren. Wenn das Bedürfnis, sich ständig mit den Details unserer eigenen Geschichte zu beschäftigen, weniger wichtig wird, lockert auch das Ego seinen Griff und wird weniger fordernd. Das heißt nicht, dass wir zum Fußabstreifer werden und auf uns herumtrampeln lassen. Vielmehr sind wir nun in der Lage, offener und ehrlicher zu kommunizieren und bedingungsloser zu lieben. Während das Ego uns glauben lässt, wir seien unwandelbar und unveränderlich, ist unsere wahre Natur in Wirklichkeit völlig frei, ungebunden und unbeeinträchtigt.

Friede in Aktion

Die Meditation verändert uns. Waren wir selbstbezogen, so beziehen wir uns nun auf andere, und das Wohlergehen aller liegt uns gleichermaßen am Herzen, statt dass wir uns nur auf uns und unsere Familie konzentrieren. Uns wird schärfer bewusst, wie wir uns auf den Planeten auswirken, wie wir einander und unsere Welt behandeln, und wir sind bestrebt, zu einer positiven statt zu einer negativen Präsenz zu werden. Wir finden zu unserem inneren Frieden und wollen anderen dabei helfen, dass auch sie inneren Frieden finden.
Als wir 1986 in Indien waren, begegneten wir zum ersten Mal Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, spirituelles und politisches Oberhaupt Tibets, Träger des Friedensnobelpreises und wahrscheinlich der berühmteste Meditierende der Welt.
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»Wir warteten auf das Treffen in einem Raum, der auf eine Terrasse führte. Der Himalaya ragte prachtvoll in der Morgensonne auf, und Ed trat hinaus, um den Anblick zu genießen. In diesem Augenblick sah er einen Mönch, der uns herbeiwinkte. Wir nahmen an, dass dieser uns zu unserem Treffen führen würde. Doch als wir näher kamen, sahen wir, dass dieser einfache und bescheidene Mann S. H. der Dalai Lama selbst war. Sofort wollten Ed und ich mit Niederwerfungen beginnen, der respektvollen Art und Weise, einen verehrten Lehrer zu begrüßen. Doch S. H. der Dalai Lama nahm unsere Hände, bedeutete uns stehen zu bleiben und sagte: ›Nein, nein, wir sind hier alle gleich.‹ Zunächst dachte ich: Na klar! Du bist der große Dalai Lama, der spirituelle Führer von Millionen, und ich bin bloß eine Schülerin. Wie sollen wir denn da gleich sein? Doch im Verlauf der folgenden Monate konnte ich seine Worte in meinem innersten Wesenskern fühlen und erfuhr die echte Gleichheit, die er meinte – die Gleichheit unseres gemeinsamen Menschseins und zugleich die Gemeinschaftlichkeit der Herzen.«
Im nachfolgenden Gespräch fragten wir S. H. den Dalai Lama, was wir für mehr Frieden tun konnten. Er legte uns eindringlich nahe, mit Menschen zu reden, uns mit Anhängern anderer Religionen auszutauschen und uns am Reichtum der verschiedenen Kulturen zu erfreuen, indem wir verschiedene Anschauungen zusammenbrachten. Auf diese Weise, so glaubte er, könnte durch gegenseitiges Verständnis der Friede zu einer Realität werden. Mit dem gleichen Ansatz können wir an unsere Alltagserfahrungen herangehen und uns durch Meditation unserer eigenen Beschränkungen und Vorurteile bewusst werden.
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»Die Auswirkungen der Meditation können sich in ganz realen Lebenssituationen zeigen, wenn zum Beispiel jemand auf unsere Knöpfe drückt und wir automatisch aggressiv reagieren würden. Haben wir unseren Geist geschult, können wir rechtzeitig erkennen, was da aufsteigt, können es loslassen und im weiten Raum ruhen. In dieser Lücke können wir eine Wahl treffen, wie wir handeln wollen, statt gedankenlos zu reagieren. Ohne dieses Gewahrsein haben wir keine Wahlmöglichkeiten.«
Die Wissenschaft ermöglichte Edgar Mitchell die Landung auf dem Mond, und die Wissenschaft beweist nun auch, dass die Meditation eine authentische Methode ist, um inneren Frieden herbeizuführen, indem sie potenziell schädliche Emotionen wie Angst, Wut und Zorn mindert. Wir halten solche Geisteszustände gemeinhin für einen festen Bestandteil des Lebens, aber das muss nicht so sein. Viele negative Emotionen entstehen daraus, dass wir viel Gewicht auf Erfolg und Leistung legen, was der linken Gehirnhälfte zugeordnet ist. Bei der Meditation bedienen wir uns der rechten Gehirnhälfte, die uns zu einer positiveren und mitfühlenderen Kommunikationsweise anregt.
016 YONGEY MINGYUR RINPOCHE 017
»Im Verlauf der letzten drei Jahre habe ich mich mit Professoren verschiedener Universitäten ausgetauscht und fand drei Dinge heraus. Erstens zeigt die Neuroplastizität, dass selbst dann, wenn wir mit einer Veranlagung zum Unglücklichsein geboren werden, ein Wandel möglich ist. Zweitens ist die tägliche Meditation die beste Art und Weise, um das Verhalten der Gehirnneuronen vom Negativen ins Positive zu wenden. Untersuchungen haben bei langfristig Praktizierenden der Meditation ungeheure Veränderungen in der linken Gehirnhälfte gezeigt. Und drittens ist der Wandel vom Negativen zum Positiven im Gehirn auch sehr gut für den physischen Körper, zum Beispiel in Hinblick auf das Immunsystem oder einen hohen Blutdruck. Alles das führt uns zu einem tieferen Gefühl von innerem Frieden.«

Veränderung integrieren

Um unseren Mitmenschen und unserer Welt Frieden bringen zu können, müssen wir uns dahingehend ändern, dass wir weniger mit unseren eigenen Bedürfnissen befasst sind und uns mehr anderen zuwenden und uns gegenseitig helfen. Aber damit Freundlichkeit, Güte und Mitgefühl natürlicher Ausdruck unserer eigentlichen Wesensart werden können, brauchen wir Werkzeuge – Hilfe, Anleitung und Unterstützung. Wie wir herausfanden, ist die Meditation in ihren vielen Formen das Werkzeug, das all dies zu leisten vermag. Indem wir uns allmählich selbst kennenlernen, entdecken, dass wir mehr sind, als wir dachten, und indem wir uns tiefer mit unserem essenziellen Selbst verbinden, merken wir, dass wir über die Ressourcen, Stärke und Weisheit verfügen, um nicht nur Veränderungen vornehmen zu können, sondern auch die Veränderung zu werden, nach der wir uns so sehnen.
018 MARIANNE WILLIAMSON 019
»Einstein sagte, dass wir die Probleme der Welt nicht auf der Ebene des Denkens lösen können, auf der wir sie geschaffen haben. Ich glaube, dass eine Menge Leute diese Vorstellung teilen, sie aber in ihrer wahren Bedeutung unterschätzen. Eine andere Denkebene bedeutet eine andere Denkebene. Es bedeutet nicht einfach eine andere Denkart. Es bedeutet nicht einen anderen Akzent in unserem Denken. Es bedeutet nicht eine liebevollere Denkweise. Es bedeutet das, was Einstein sagte: Eine andere Ebene des Denkens. Und für mich bringt die Meditation dies mit sich.
Meditation kann die Welt verändern, weil sie uns verändert. Das ist der Punkt. Die Welt wird sich nicht ändern, wenn wir uns nicht ändern. Der Zustand der Welt ist eine Widerspiegelung dessen, wer wir sind. Der Zustand der Welt ist die Auswirkung; der Bewusstseinszustand der Menschen ist die Ursache. Mahatma Gandhi sagte, das Problem der Welt sei, dass die Menschheit nicht bei rechtem Verstand ist, und eben damit befasst sich die Meditation. Sie führt uns zum rechten Verstand zurück. Solange diese Bewusstseinsevolution nicht stattfindet, werden wir in einer auf Angst gegründeten Sichtweise stecken bleiben. Eine Sichtweise, aus der heraus wir uns weiterhin als voneinander getrennt ansehen und die uns meinen lässt, wir könnten einem anderen etwas antun, ohne selbst die Früchte davon zu ernten.«
In den folgenden Kapiteln erkunden wir, wie vernünftig und genial die Meditation ist, wir untersuchen, wie sie sich auf die vielen Aspekte unseres persönlichen Lebens auswirkt und wie sie die Welt zum Besseren wenden kann. Sie mindert Stress und lindert Krankheit, darüber hinaus bezähmt sie Wut und Zorn, ermuntert zu Güte und Vergebungsbereitschaft, lässt uns Umweltthemen und Probleme bei der Arbeit angehen, und schließlich besänftigt sie die Gewaltbereitschaft überall auf der Welt – die Meditation führt zu größerem Verständnis und Mitgefühl, wo immer der Meditierende auch hingeht. Sie ist eine Reise, zuweilen eine Achterbahnfahrt, manchmal ein Spaziergang auf einer stillen Lichtung, aber immer ein Abenteuer, das genossen werden will!

020
WAS ALSO IST MEDITATION?
Es ist ungeheuer wichtig, dass wir mindestens einmal am Tag
unseren Verstandesbereich verlassen. Indem wir nicht »bei
Verstand« sind, kommen wir zu unseren Sinnen.
ALAN WATTS
021 DEB 022
»Als ich fünfzehn war, nahm mich meine Mutter zu einem Meditationsretreat mit. Ich war zugegebenermaßen ein ziemlich wilder Teenager, meine Geschwister hielten sich alle irgendwo anders auf, und meine Mutter hatte nicht die Absicht, mich allein in London zurückzulassen. Da ich einige von den Leuten kannte, die auch dort sein würden, und da sie nur drei Tage bleiben wollte, willigte ich ein mitzukommen. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was dort vor sich gehen würde, und ahnte schon gar nicht, dass es mein Leben verändern sollte. Die Belehrungen verstand ich nicht so richtig, ebenso wenig die Übungen oder was ich da tun sollte. Aber die Erfahrung, in Schweigen dazusitzen, war so, als ob ich nach Hause gekommen sei, ich hatte das Gefühl, genau da zu sein, wo ich sein sollte. Meine Mutter blieb drei Tage lang, ich aber blieb zehn. Ich wollte nicht wieder weg; ich wollte nicht von diesem Ort des Zugehörigseins getrennt sein. Ich war wieder zu Hause, und es war so, als sei ich nie fort gewesen.«
Mit der wachsenden Popularität der Meditation wurde auch eine ungeheure Menge Bücher darüber geschrieben – was sie ist und was sie nicht ist, wie man sie macht und wie nicht. Man assoziierte die Meditation praktisch mit allem, angefangen bei den »Ich bin schlank/reich/verliebt«-Affirmationen über Visualisierungen, in weißes Licht getaucht zu sein, bis hin zum Sitzen im Lotossitz und der ausschließlichen Betrachtung des Nabels mit geschlossenen Augen. Doch nichts davon ist Meditation. Vielmehr deckt sie einen riesigen Bereich von Erfahrungen und Aktivitäten ab, wozu auch gehört, unser Herz für alle Wesen zu öffnen, die Wahrheit und das Freiwerden zu realisieren, unsere Atemzüge zu zählen, in eine Kerzenflamme zu schauen, verschiedene Töne und Klänge zu singen oder sich rhythmisch zu bewegen. Sie befähigt uns zur klareren Einsicht in unsere eigenen Grenzen, Beschränkungen und selbstbezogene Natur und dazu, die uns innewohnende Schönheit zu entdecken. Mit anderen Worten: Sie ist beides, eine Erfahrung und eine Praxis – eine Erfahrung des Einsseins, bei dem Wesen zu sein, das wir wirklich sind, und die Praxis, die uns befähigt, in diesem Zustand zu verweilen.
023 JOEL LEVEY 024
»Als allgemeiner Begriff bezieht sich Meditation in allen Weisheitstraditionen der Welt auf Übungspraktiken, die viele verschiedene Formen umfassen. Dabei geht es auch darum, Täuschung, Verwirrung und eine unrealistische Sicht der Wirklichkeit zu erkennen und davon befreit zu werden. Dies hilft uns, uns von den Kräften der Gewohnheit, der Sucht und der Abhängigkeit zu befreien, so dass wir zu unserem höchsten Potenzial erwachen können. Diese Praxis gestattet uns, in Harmonie und Übereinstimmung zu verweilen, im Gefühl der Ehrfurcht vor dem Mysterium und der Majestät der Welt, in der wir leben.«

DIE ERFAHRUNG DER MEDITATION

Wie ist die Erfahrung der Meditation beschaffen? Wie fühlt sie sich an? Welchen Geschmack hat sie? Was hat sie für Auswirkungen? Verändert sie uns? Warum ist sie etwas Besonderes? Sollte jedermann meditieren? Wir werden uns im Verlauf dieses Kapitels ansehen, was die Meditationspraxis bedeutet, und dann später im Buch erkunden, wie man sie in all ihren vielen Formen und Schattierungen umsetzt, so dass sie zum integralen Bestandteil unseres Wesens werden kann. Als Erstes wollen wir jedoch so tief in die Erfahrung eintauchen, wie das geschriebene Wort es zulässt.

Ins Einsseins hineinschmelzen

Viele von uns machen die Erfahrung von Meditation, ohne dass es ihnen unbedingt bewusst ist. Sie kann spontan entstehen in Augenblicken, in denen unser Gefühl von einem getrennt existierenden Individuum anscheinend in ein Einssein mit allem Leben hineinzuschmelzen beginnt, so als lösten sich unsere Grenzen auf und würden wir eins mit allen Dingen – mit den Wolken am Himmel und den herumflitzenden Vögeln, mit den Bäumen, auf denen die Vögel sitzen, und den Blumen zu Füßen der Bäume und all dem Gestein und der Erde. Es ist ein Gefühl von einem nicht in sich festgefügten Ich oder Selbst, so als hätten sich all die Bestandteile, die dieses massive Gefühl von einem »Ich« bilden, aufgelöst, und als sei da einfach ein Hineinschmelzen in alles oder Einswerden mit allem. Doch es fühlt sich auch sehr geerdet an, so als seien wir mehr wir selbst als je zuvor.
Ich solchen Augenblicken gibt es keine Trennung zwischen uns und allem oder allen anderen, weil kein klar definiertes, gesondertes, vom Ego begrenztes und in Anspruch genommenes Wesen mehr existiert. Da ist kein »Ich« mehr, dem etwas gewahr ist – da ist einfach nur Gewahrsein. Debs Mutter hatte diese Erfahrung, als sie das Geschirr abspülte und draußen im Freien einen Vogel singen hörte; in diesem Augenblick wurde sie zu diesem Gesang und verlor jegliches Gefühl, davon getrennt zu sein. Deb hatte diese Erfahrung, als ein Wurm über ihren Fuß wanderte.
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»Ich war barfuß und in Gehmeditation langsam über die Wiese geschritten. Ich hielt inne und stand sehr still und unbewegt, als sich dieser Wurm aus der Erde hervorschlängelte, über meinen Fuß wanderte und dann wieder im Gras verschwand. Ich hatte Würmer nie besonders gemocht, doch in diesem Augenblick empfand ich als Erstes tiefe Dankbarkeit, dass er mich für gefahrlos genug erachtete, um über mich drüber zu krabbeln, und dann wurde ich plötzlich zu ihm; zwischen uns gab es keinen Unterschied, keine Trennung. Auch ich verschwand ins Gras.«
Andere mögen eine solche Erfahrung bei einem Spaziergang in der freien Natur oder beim Sitzen in der Stille oder im Schweigen haben.
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»Ich konnte meinen Geist nie zur Ruhe bringen. Als dann mein siebzigster Geburtstag näher rückte, dachte ich, es sei nun an der Zeit. Wenn man älter wird und die äußeren Dinge zu bröckeln beginnen, wird man aufgerufen, sich nach Innen zu wenden. Als mein Geist in der Meditation zu mehr Stille und Ruhe gelangte, entdeckte ich diesen hinter meiner Stirn schwebenden Ort, der gleichsam wie ein Kandelaber von meiner Schädeldecke herabzuhängen scheint und an dem alles zum Stillstand kommt. Es ist der Ort des Nichts, der unbewegten Stille. Ich bin mir bewusst, dass ich mich dort befinde, aber es ist nicht dasselbe wie Denken. Und ich kann auch nicht immer an diesem Ort verweilen; ich schätze mich glücklich, wenn ich drei oder vier Minuten lang dort bleiben kann. Da sind sechzig Leute im Saal, die still dasitzen, und ich fühle die Kraft ihrer Präsenz. Ich erkenne, dass wir alle das Gleiche sind, ebenso wie die im Hof miauende Katze, der tschilpende Vogel und der schwarz glänzende Fußboden. Ich erfahre alles als letztlich eins, es gibt kein Getrenntsein. Die Meditation verbindet mich mit dieser großen Innerlichkeit und Einheit, und zugleich findet eine gewaltige Ausdehnung in alles statt.«
Mögen die Momente des Einsseins oder des Verschmelzens auch flüchtig sein, so verändern sie doch radikal das Bewusstsein, erwecken sie uns zu einer Realität des Einsseins, der Verbundenheit und des Inter-Seins. Das hat Auswirkungen auf unser ganzes Verständnis und damit auch auf unsere Glaubensvorstellungen und Verhaltensweisen. In diesem Raum des stillen Sitzens begegnen wir uns selbst auf andere Weise, sind wir nicht mehr durch Begrenzungen gebunden, sondern Teil eines sehr viel größeren Ganzen.
029 DEBBIE FORD 030
»Meditation heißt, dass ich mich mit etwas Größerem verbinde, als ich es bin. Wir meditieren, um eine Bewusstseinsverlagerung herbeizuführen, um uns aus den Beschränkungen unseres individuellen Ichs zu holen und in ein größeres Selbst einzutauchen, wo wir alle eins sind. Das hört sich vielleicht wie ein Klischee an, weil wir wenig Ahnung haben, was es bedeutet, aber wenn du meditierst, fühlst du diese Verbindung. Du weißt, dass du, wenn du an einem Verhungernden einfach vorbeigehst, an dir selbst vorbeigehst. Du weißt, dass du, wenn du jemand anderen verurteilst, dich selbst verurteilst. An diesem Ort existiert Hoffnung, existiert Möglichkeit. Dort weißt du, dass wir hier sind, um diese Erfahrung des Menschseins zu machen. Meditation ist ein Prozess, der diese Reise nicht nur möglich, sondern auch ein bisschen sanfter macht.«
Die Erfahrung der Aufhebung von Grenzen und des Verschmelzens in die Ganzheit ist eine Erfahrung von großer Freude und unmittelbarer Vertrautheit. Sie bringt uns so voll und ganz in Erinnerung, wer wir wirklich sind, dass wir vergessen, es je vergessen zu haben. Sie ist einfach da und weitaus wirklicher als unsere normale Alltagsrealität. Das Bewusstsein wird in ein größeres Gewahrsein verlagert. Wir sehen die ganze Welt auf neue Art.
031 CHLOE GOODCHILD 032
»Wenn ich an Meditation denke, dann ist sie Selbst-Erinnerung; ein Erinnern an mich selbst hinter der Polarität all der Konflikte, mit denen ich an der Oberfläche des Lebens konfrontiert bin. Meditation beinhaltet das Verschwinden des gewöhnlichen Geisteszustands. Es ist eine direkte Begegnung mit der Weite, die im Innern und zwischen den und jenseits der Dinge existiert. Es ist ein Fokussieren, Zähmen und Nutzen des Geistes von der Art, dass du einfach in ihn hinein verschwindest.«
Wenn wir diese Erfahrung des Verschmelzens oder Ohne-Grenzen-Seins machen, geht damit nicht nur das Gefühl von tiefer Erleichterung und Erkenntnis einher, sondern sie ist auch etwas, das sich nur sehr schwer benennen oder in Worten ausdrücken lässt. Wir sind in jeder Zelle innigst mit ihr bekannt, aber wie erklären wir die Ausdehnung des erkennbaren Ichs oder Selbst hinein in alle Dinge? Ist es möglich, einem Wüstenbewohner den Duft einer Rose zu erklären? Doch da, wo uns die Meditation vielleicht keine Worte finden lässt, kann jetzt die wissenschaftliche Forschung für uns sprechen und erklären, was beim meditativen Vorgang geschieht.
033 SHANIDA NATARAJA 034
»Während der Meditation beobachten wir eine zunehmende Aktivität in dem mit konzentrierter Aufmerksamkeit und Achtsamkeit assoziierten Hirnbereich und eine abnehmende Aktivität im Bereich des Parietallappens, der über unseren Orientierungssinn in Zeit und Raum bestimmt. Zum Beispiel machen viele Menschen die Erfahrung, dass sie eigentlich nicht mehr wissen, wo die Grenze zwischen dem Selbst und Nicht-Selbst ist. Dann gibt es Gehirnzellen im Parietallappen, die uns die Fähigkeit verleihen, sich in Worten auszudrücken. Die abnehmende Aktivität in diesem Bereich erklärt die Unbeschreibbarkeit mystischer Erfahrungen und warum Menschen, die meditieren, sagen, dass es sehr schwer sei, ihre Erfahrungen in Worte zu kleiden.
Meditation bedeutet ein bestimmtes Gehirnwellenmuster, das eine optimierte Gehirnleistung herbeiführt und den Wechsel von der linken zur rechten Gehirnhälfte unterstützt. Die von der linken Gehirnhälfte ausgehende Weltsicht ist im Kern sehr fragmentiert – die Wahrnehmung eines isolierten Ego in einer bedrohlichen Welt. Die rechte Gehirnhälfte vermittelt ein abstrakteres und ganzheitlicheres Denken. Somit werden wir, wenn wir überwechseln, uns unserer wechselseitigen Verbundenheit mit allem Leben mehr bewusst und gewahr und ebenso dessen, wer wir sind und was uns ticken lässt, sowie unserer Schwächen und Stärken. Es stellt sich eine größere Akzeptanz des Selbst ein. Dieser entspringt wiederum eine größere Akzeptanz gegenüber anderen Menschen und größeres Mitgefühl für sie. Diese Vorteile sind das Ergebnis einer anderen Wahrnehmungsweise, die durch diesen Wechsel von der linken zur rechten Gehirnhälfte entsteht.«

Gewahrsein im gegenwärtigen Augenblick

Das stille Dasitzen kann leicht langweilig erscheinen, und manchmal fragen wir uns vielleicht: »Warum mache ich das? Warum richte ich meine Aufmerksamkeit auf mich selbst? Da habe ich mein ganzes Leben darauf verwandt, vor meinem Geist davonzurennen, habe mich auf jede Ablenkung eingelassen und bin jetzt aufgefordert, meine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit auf dieses Ding zu richten, das einen in den Wahnsinn treibt?« Normalerweise verbringen wir unsere Zeit damit, im Bedauern zu leben, in den Gedanken daran, »was hätte sein können« oder »was gewesen wären, wenn«, oder in der Erwartung dessen, »was sein könnte« oder »was vielleicht sein wird«. Sich nur im gegenwärtigen Augenblick aufzuhalten kann sich ein bisschen irritierend oder widersprüchlich anfühlen; wir sind es nicht gewohnt, einfach innezuhalten und uns des Jetzt bewusst zu sein.
035 SEANE CORN 036
»Meditation war immer einfach (einfach? Ha, ich wollte, es wäre so einfach!) der Akt, meinen Geist dazu zu bringen, sich auf den gegenwärtigen Moment zu fokussieren, ohne sich von der Vergangenheit oder Zukunft beeinflussen zu lassen. Sie beinhaltet die Erkenntnis, dass wir das, nach dem so viele von uns suchen und streben, außerhalb von uns suchen, in vergangenen Beziehungen oder künftigen Ereignissen. Und dass das Ding, das wir zu verkörpern bestrebt sind, tatsächlich schon verkörpert ist.«
Natürlich können wir aus der Vergangenheit lernen. Oft stellt sich heraus, dass die schmerzlichste Erfahrung unsere beste Lehrerin ist, und wir sind äußerst dankbar dafür, dass sie uns so viel lehrte. Allerdings können Erinnerungen auch so bequem sein wie alte Schuhe, von denen wir uns nur widerwillig trennen. Es gibt keinen Grund, warum wir sie nicht anziehen und die Vertrautheit genießen sollten, aber wir müssen sie nicht jeden Tag tragen. Wenn wir ständig entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben, beschneidet das unsere Fähigkeit, für das präsent zu sein, was jetzt geschieht.