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Kami Garcia & Margaret Stohl

Sixteen Moons
Eine unsterbliche Liebe

Aus dem Amerikanischen
von Petra Koob-Pawis

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2010

© 2009 by Kami Garcia und Margaret Stohl

Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel
»Beautiful Creatures« bei Little, Brown & Company, New York

© 2010 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Petra Koob-Pawis

Lektorat: Susanne Evans

st · Herstellung: RF

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-04865-5
V002


www.cbj-verlag.de

Für Nick & Stella
Emma, May & Kate
und unsere Caster & Outcaster überall auf der
Welt.
Wir sind zahlreicher, als ihr glaubt.

Finsternis kann keine Finsternis vertreiben;

das vermag nur das Licht.

Hass kann den Hass nicht austreiben;

das vermag nur die Liebe.

Martin Luther King Jr.

1_022_13828_Garcia.tifAm Ende der Welt

Davor

In unserer Stadt gab es nur zwei Arten von Leuten.

»Die Dummen und die Dagebliebenen«, pflegte mein Vater unsere Nachbarn mit liebevollem Spott einzuteilen. »Diejenigen, die dazu bestimmt sind, für alle Zeit hier festzusitzen, und diejenigen, die zu dämlich sind, sich aus dem Staub zu machen. Alle anderen finden einen Weg hier raus.« Es bestand keinerlei Zweifel, zu welcher Gruppe er gehörte, aber ihn nach den Gründen zu fragen, dazu fehlte mir der Mut. Mein Vater war Schriftsteller, und wir lebten in Gatlin, South Carolina, und zwar weil die Wates seit Menschengedenken hier wohnten, genauer gesagt, seit mein Ururururgroßvater Ellis Wate im Bürgerkrieg auf der anderen Seite des Santee River gekämpft hatte und in der Schlacht gefallen war.

Allerdings benutzten die Einheimischen niemals das Wort Bürgerkrieg. Alle unter sechzig nannten ihn den »Krieg zwischen den Staaten«, alle anderen sprachen vom »Angriffskrieg der Nordstaaten«, so als hätte der Norden den Süden in den Kampf gelockt um ein paar Ballen Baumwolle. Genauer gesagt, alle außer uns. Wir nannten ihn schlicht und einfach Bürgerkrieg.

Was ein weiterer Grund war, wieso ich es kaum erwarten konnte, endlich von hier wegzukommen.

Gatlin war nicht wie diese Kleinstädte, die man immer in den Filmen sieht, es sei denn, der Film spielt vor fünfzig Jahren. Wir waren zu weit von Charleston entfernt, deshalb gab es bei uns weder Starbucks noch McDonalds, sondern nur ein Dar-ee Keen, weil einige Leute hier zu geizig waren, um komplett neue Buchstaben zu bezahlen, als sie das Dairy King übernahmen. Die Bücherei arbeitete immer noch mit vorsintflutlichen Karteikärtchen, an der Highschool schrieb man immer noch mit Kreide an Wandtafeln und unser örtliches Schwimmbad war der Lake Moultrie mit seiner warmen bräunlichen Brühe. Das Cineplex brachte Filme, die es andernorts bereits auf DVD gab, aber um die zu sehen, musste man erst mal irgendwie nach Summerville ins Community College kommen. Die Geschäfte befanden sich allesamt in der Main Street, die guten Häuser reihten sich alle entlang River Street, und der traurige Rest der Bevölkerung wohnte südlich von der Route 9, wo der Straßenbelag zu Asphaltschutt zerbröckelte. Grässlich uneben, aber bestens geeignet, um mit Steinbrocken auf wütende Opossums zu werfen, die heimtückischsten Tiere, die man sich nur vorstellen kann. In Filmen zeigten sie so was natürlich nie.

Gatlin war kein komplizierter Ort. Gatlin war einfach Gatlin. Die Nachbarn saßen in der Gluthitze schwitzend auf ihrer Veranda und beobachteten ungeniert, was um sie herum vor sich ging. Was ziemlich sinnlos war, denn es tat sich nie etwas. In Gatlin blieb alles beim Alten. Morgen war der erste Schultag, mein zweites Jahr an der Stonewall Jackson High, und ich wusste schon jetzt haarklein, was passieren würde – wo ich sitzen würde, mit wem ich reden würde, wer welche Witze reißen würde, wie die Mädchen sein würden, wer wo parken würde.

In Gatlin Country gab es keine Überraschungen. Wir waren so ziemlich das Epizentrum vom Ende der Welt.

Zumindest glaubte ich das, als ich mein zerfleddertes Exemplar von Schlachthof 5 zuklappte, meinen iPod ausschaltete und das Licht löschte, an jenem letzten Sommerabend vor Schulbeginn.

Ein Irrtum, wie sich sehr bald herausstellte.

Denn da war dieser Fluch.

Und da war dieses Mädchen.

Und am Ende war da ein Grab.

Und ich hatte absolut keinen blassen Schimmer.

1_022_13828_Garcia.tifTräum weiter

2.9.

Ich fiel.

Ich fiel ins Bodenlose, wirbelte hilflos durch die Luft.

»Ethan!«

Sie rief nach mir und allein beim Klang ihrer Stimme raste mein Herz wie verrückt.

»Hilf mir!«

Auch sie war im freien Fall. Ich hob den Arm und versuchte, sie zu packen. Ich streckte mich, bekam aber nur Luft zu fassen. Unter meinen Füßen war nichts. Meine Hände tasteten feuchte Erde. Unsere Fingerspitzen berührten sich kurz und in der Finsternis sprühten plötzlich grüne Funken.

Doch dann entglitt sie mir endgültig und ich verspürte nur noch diesen entsetzlichen Verlust.

Zitronen und Rosmarin. Ich atmete ihren Duft ein. Sogar dann noch.

Ich konnte sie nicht festhalten.

Aber ohne sie leben, das konnte ich noch viel weniger.

Mit einem Ruck setzte ich mich im Bett auf und schnappte nach Luft.

»Ethan Wate! Wach auf! Ich werde nicht zulassen, dass du schon am ersten Schultag zu spät kommst«, hörte ich Amma von unten heraufrufen.

Mein Blick verharrte auf einem schwach erleuchteten Punkt in der Dunkelheit. Ich hörte, wie etwas dumpf gegen unsere alten Türläden prasselte. Offenbar regnete es. Offenbar war es früh am Morgen. Offenbar befand ich mich in meinem Zimmer.

Der Raum war heiß und dampfig vom Regen. Aber wieso stand mein Fenster offen?

In meinem Kopf pochte es. Ich ließ mich zurück aufs Kissen sinken und wie immer löste sich der Traum in Nichts auf. Ich lag sicher und wohlbehalten in meinem Zimmer, in unserem uralten Haus, in demselben ächzenden Mahagonibett, in dem vor mir bereits sechs Generationen unserer Familie geschlafen hatten und wo man nicht durch schwarze Schlammlöcher fiel und auch sonst nichts Ungewöhnliches geschah.

Ich starrte hinauf zur Stuckdecke, die himmelblau gestrichen war, um die Holzbienen davon abzuhalten, ihre Nester zu bauen. Was um alles in der Welt war nur los mit mir?

Seit Monaten hatte ich nun schon diesen Traum. Zwar konnte ich mich nicht an alle Einzelheiten erinnern, aber etwas blieb immer gleich. Das Mädchen stürzte in die Tiefe, ich stürzte in die Tiefe. Verzweifelt versuchte ich, sie festzuhalten. Denn sobald ich sie losließ, würde ihr etwas Schreckliches zustoßen. Genau darum ging es. Ich durfte sie nicht loslassen. Ich durfte sie nicht verlieren. Ich schien sie leidenschaftlich zu lieben, obwohl ich sie doch gar nicht kannte. Es war sozusagen Liebe vor dem ersten Blick.

Was ja wohl ziemlich verrückt war angesichts der Tatsache, dass es nur ein Mädchen in einem Traum war. Ich wusste ja nicht einmal, wie sie aussah. Seit Monaten quälte mich dieser Traum und noch nie hatte ich ihr Gesicht gesehen. Falls doch, erinnerte ich mich nicht daran. Lediglich dieses grauenhafte Gefühl kehrte immer wieder zurück; dieses Gefühl, sie für alle Zeit verloren zu haben. Sie entglitt meinen Händen – und dann stülpte sich mein Magen um, etwa so, wie wenn man auf der Achterbahn steil nach unten saust.

Schmetterlinge im Bauch. Was für eine bescheuerte Metapher. Tatsächlich waren es eher Killerbienen.

Vielleicht war ich gerade dabei überzuschnappen, vielleicht brauchte ich auch nur dringend eine Dusche. Ich hatte die Ohrstöpsel noch um den Hals hängen, und als ich auf meinen iPod starrte, entdeckte ich einen Song, den ich nicht kannte.

Sixteen Moons.

Was war das? Ich klickte den Song an. Die Melodie war betörend und geheimnisvoll. Ich konnte die Stimme nicht zuordnen, auch wenn es mir so vorkam, als hätte ich sie schon einmal gehört.

Sixteen moons, sixteen years

Sixteen of your deepest fears

Sixteen times you dreamed my tears

Falling, falling through the years …

Es war melancholisch, unheimlich, irgendwie hypnotisch.

»Ethan Lawson Wate!«, übertönte Ammas laute Stimme die Musik.

Ich schaltete den iPod aus und schlug die Decke zurück. Das Laken fühlte sich sandig an, aber das kannte ich schon.

Es war nicht Sand, sondern Erde. Und unter meinen Fingernägeln waren schwarze Ränder vom Dreck, genau wie beim letzten Mal, als ich aus dem Traum erwachte.

Ich zerknüllte das Laken und stopfte es in den Wäschekorb unter die verschwitzten Sportsachen vom Vortag. Dann stieg ich in die Dusche und versuchte, nicht länger zu grübeln, während ich mir wie wild die Hände schrubbte und die letzten schwarzen Reste im Abfluss verschwanden. Wenn ich keinen Gedanken mehr an den Traum verschwendete, würde sich das Problem in Luft auflösen. So war ich in den vergangenen Monaten mit den meisten Dingen fertig geworden.

Aber nicht, wenn es um sie ging. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach immerzu an sie denken. Immer wieder kreiste alles um diesen Traum, keine Ahnung, warum. Das also war mein ganzes Geheimnis: Ich war sechzehn Jahre alt, hatte mich in ein Mädchen verliebt, das nicht existierte, und ich verlor langsam den Verstand.

Ganz egal wie fest ich auch schrubbte, mein Herz wollte einfach nicht ruhiger werden. Und trotz der duftenden Efeuseife und des Stop & Shop-Shampoos roch ich es immer noch. Zart wie ein Hauch war dieser Duft und trotzdem war er da.

Der Duft von Zitronen und Rosmarin.

Ich ging nach unten und traf dort auf tröstliche Alltäglichkeit. Am Frühstückstisch stellte Amma denselben alten blau-weißen Porzellanteller – Drachengeschirr hatte meine Mutter es immer genannt – mit gebratenen Eiern, Schinken, gebuttertem Toast und Maisgrütze vor mich hin. Amma war unsere Haushälterin, aber eigentlich war sie mehr eine Großmutter, wenn auch sehr viel schlauer und starrsinniger als meine echte Großmutter. Amma hatte mich großgezogen und mich aufwachsen sehen, und obwohl ich einsfünfundachtzig bin, erachtete sie es als ihre ureigene Aufgabe, noch mindestens zwanzig Zentimeter dranzuhängen. An diesem Morgen hatte ich seltsamerweise einen Riesenhunger, so als hätte ich schon seit Tagen nichts mehr gegessen. Ich schaufelte die Eier und zwei Stück Schinken in mich hinein und gleich ging es mir wieder etwas besser. Mit vollem Mund grinste ich sie an.

»Nörgel nicht an mir herum, Amma. Du weißt doch, heute ist der erste Schultag.«

Amma knallte mir ein riesengroßes Glas O-Saft und ein noch größeres mit Milch hin – natürlich Vollmilch, etwas anderes wurde hierzulande nicht getrunken.

»Haben wir keine Schokomilch mehr?« Ich war süchtig nach Schokomilch wie andere Leute nach Cola oder Kaffee. Schon zum Frühstück brauchte ich meine erste Zuckerration.

»A.K.K.L.I.M.A.T.I.S.I.E.R.E.N.« Amma hatte einen Kreuzworträtsel-Begriff für jede Gelegenheit parat, je länger, desto besser, und liebte es, sie anzuwenden. »Sprich: Gewöhn dich dran. Und komm ja nicht auf die Idee, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, ehe du diese Milch ausgetrunken hast.«

»Ja, Ma’am.«

»Wie ich sehe, hast du dich fein gemacht«, sagte sie daraufhin. Was nicht stimmte. Ich trug Jeans und ein ausgeblichenes T-Shirt wie fast jeden Tag. Nur die Aufschriften wechselten. Heute war es Harley Davidson. Und die schwarzen Chuck Taylors an meinen Füßen waren bestimmt schon drei Jahre alt.

»Ich dachte, du wolltest dir die Haare schneiden lassen.« Sie sagte es in vorwurfsvollem Ton, aber ich hörte etwas ganz anderes heraus: ihre unerschütterliche Zuneigung.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Weißt du denn nicht, dass die Augen die Fenster zur Seele sind?«

»Vielleicht will ich aber gar nicht, dass jemand durch dieses Fenster schauen kann.«

Amma bestrafte mich mit einem weiteren Teller Schinken. Sie war knapp einssechzig groß und wahrscheinlich älter als das Drachengeschirr, obwohl sie seit Jahren steif und fest behauptete, dreiundfünfzig zu werden. Allerdings war Amma alles andere als eine liebenswürdige alte Dame. In unserem Haus war sie die ungekrönte Königin.

»Du willst doch nicht etwa bei diesem Wetter mit nassen Haaren nach draußen gehen? Mir gefällt dieser Sturm nicht. An so einem Tag weht das Böse und lässt sich von nichts aufhalten. Dieser Wind hat seinen eigenen Willen.«

Ich verdrehte die Augen. Nicht der Wind, sondern vor allem Amma hatte ihre eigenen Vorstellungen. Und wenn sie in dieser Stimmung war, die meine Mutter immer »ins Dunkle reisen« genannt hatte, dann vermischten sich Religion und Aberglaube miteinander, wie es das nur im Süden gibt. Wenn Amma ins Dunkle reiste, dann ging man ihr besser aus dem Weg, so wie es auch besser war, ihre Amulette auf dem Fensterbrett liegen zu lassen und ihre handgemachten Püppchen nicht aus den Schubladen zu nehmen.

Ich schaufelte eine weitere Portion Ei auf die Gabel und beendete das Frühstück für Helden mit einem Spezialgericht – Eier, eisgekühlte Rhabarbermarmelade und Schinken zwischen zwei Scheiben Toast. Während ich einen Riesenbissen davon nahm, schweifte mein Blick wie gewohnt den Flur hinunter. Die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters war bereits geschlossen. Mein Vater schrieb die Nacht hindurch und schlief tagsüber auf dem alten Sofa in seinem Arbeitszimmer. Das machte er, seit meine Mutter im April gestorben war. Man könnte meinen, er sei ein Vampir, hatte Tante Caroline gesagt, als sie im Frühjahr bei uns wohnte. Wie es aussah, hatte ich die Chance, ihn zu sehen, für heute verpasst. War die Tür erst einmal zu, war die Gelegenheit vorbei.

Von draußen kam ein lautes Hupen. Link. Ich schnappte mir den abgewetzten schwarzen Rucksack und rannte in den Regen hinaus. Es hätte genauso gut sieben Uhr abends sein können, so dunkel war es. Seit Tagen spielte das Wetter verrückt.

Links Schrottkiste hielt auf der Straße mit stotterndem Motor und dröhnender Musik. Seit dem Kindergarten fuhren Link und ich täglich gemeinsam zur Schule. Seit dem Tag, als er mir im Bus die Hälfte seines Twinkies geschenkt hatte und wir beste Freunde geworden waren. Erst später kam ich dahinter, dass es vorher auf den Boden gefallen war. Obwohl wir beide seit diesem Sommer unsere Fahrerlaubnis hatten, besaß nur Link ein Auto, falls man seine Rostlaube überhaupt so nennen konnte.

Immerhin, der Motor röhrte so laut, dass er sogar den Sturm übertönte.

Amma stand mit missbilligend verschränkten Armen auf der Veranda. »Mach hier nicht so einen Krach, Wesley Jefferson Lincoln. Andernfalls müsste ich womöglich zu deiner Mama gehen und ihr verraten, was du den Sommer über so alles im Keller getrieben hast, als du neun Jahre alt warst.«

Link zuckte zusammen. Kaum einer außer seiner Mutter und Amma nannte ihn je bei seinem vollen Namen. »Ja, Ma’am.«

Die Verandatür fiel ins Schloss. Link lachte und ließ beim Losfahren die Räder auf dem nassen Asphalt durchdrehen, als wären wir auf der Flucht. Wozu auch sein üblicher Fahrstil passte. Nur dass wir leider nie von hier wegkamen.

»Was hast du in unserem Keller gemacht, als wir neun Jahre alt waren?«

»Frag lieber, was ich nicht in eurem Keller gemacht habe, als wir neun Jahre alt waren.« Link drehte die Musik leiser, zum Glück, denn sie war schrecklich, und er würde mich bestimmt gleich fragen, wie sie mir gefiel, so wie jeden Tag. Die Tragödie seiner Band Who shot Lincoln bestand darin, dass keines der Bandmitglieder richtig singen oder ein Instrument spielen konnte. Was Link nicht daran hinderte, ständig darüber zu reden, dass er Schlagzeug spielte und nach dem Schulabschluss nach New York gehen würde, um dort Aufnahmen im Tonstudio zu machen. Was wahrscheinlich nie im Leben passieren würde. Eher würde er sturzbesoffen und mit verbundenen Augen vom Parkplatz aus einen Three-Pointer im Korb versenken.

Link würde wohl nie aufs College gehen, trotzdem hatte er mir etwas voraus. Er wusste genau, was er später machen wollte, auch wenn es wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Ich dagegen hatte nur eine Schuhschachtel voller College-Broschüren, die ich meinem Vater nicht zeigen konnte. Es war mir egal, was für ein College es später einmal sein würde, solange es nur tausend Meilen weg von Gatlin war.

Ich wollte nicht so enden wie mein Dad, der immer noch in demselben Haus, derselben Stadt lebte, in der er aufgewachsen war, und mit denselben Leuten, die nicht einmal in ihren Träumen von hier wegkamen.

Rechts und links reihten sich alte viktorianische Häuser die Straße entlang, die alle noch genau so aussahen wie an dem Tag vor über hundert Jahren, als sie erbaut worden waren. Unsere Straße hieß Cotton Bend, weil hinter den alten Häusern einst riesige Baumwollfelder gelegen hatten. Jetzt lag die Route 9 dahinter und das war so ziemlich die einzige Neuerung hier in der Gegend.

Ich fischte einen altbackenen Donut aus der Schachtel auf dem Boden des Autos. »Hast du mir gestern Abend einen abgefahrenen Song auf meinen iPod geladen?«

»Was für einen Song? Ach übrigens, was hältst du von dem hier …?« Link drehte seine neueste Demo-Version auf.

»Ich finde, er braucht noch ein bisschen Feinschliff wie alle deine Songs.« Das sagte ich mehr oder weniger jeden Tag.

»Ja, schon klar, und deine Visage braucht einen Arzt, wenn ich dir eine verpasst habe.« Das sagte er mehr oder weniger jeden Tag.

Ich durchsuchte meine Playlist. »Das Lied. Es hieß Sixteen Moons oder so ähnlich.«

»Keine Ahnung, wovon du sprichst.«

Das Lied war nicht da. Es war weg, dabei hatte ich es heute Morgen erst gehört. Und ich war sicher, dass ich es mir nicht eingebildet hatte, denn die Melodie geisterte noch in meinem Kopf herum.

»Wenn du einen guten Song hören willst, dann spiel ich dir einen vor«, sagte Link und suchte nach dem Track.

»Hey, Mann, schau auf die Straße.«

Aber er hörte nicht auf mich und in diesem Moment sah ich aus den Augenwinkeln ein seltsames Auto vor uns auftauchen …

Eine Sekunde lang lösten sich die Geräusche von der Straße und der Regen und Link in nichts auf. Alles schien plötzlich in Zeitlupe abzulaufen. Ich konnte meine Augen nicht von dem Auto abwenden. Es war nur so ein vages Gefühl, nichts, was ich hätte in Worte fassen können. Dann glitt das Fahrzeug auch schon an uns vorbei und bog in die andere Richtung ab.

Ich kannte den Wagen nicht, hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Und das war eigentlich unmöglich, denn ich kannte jedes Fahrzeug in der Stadt. Und um diese Jahreszeit verirrten sich auch keine Touristen hierher. Nicht während der Hurrikan-Saison.

Das Auto war lang und schwarz und sah aus wie ein Leichenwagen. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass es genau das war – ein Leichenwagen.

Vielleicht war das ein Omen. Vielleicht würde dieses Jahr sogar noch schlimmer werden als befürchtet.

»Ich hab ihn gefunden. Der Song heißt Black Bandanna. Dieses Lied wird mich zum Star machen.«

Als Link endlich den Kopf hob, war das Auto verschwunden.

1_022_13828_Garcia.tifDie Neue

2.9.

Acht Straßen. So weit war es von der Cotton Bend bis zur Jackson Highschool. Offensichtlich reichten mir acht Straßen gerade so, um mein ganzes Leben Revue passieren zu lassen und einen seltsamen schwarzen Leichenwagen wieder aus meinem Hirn zu verbannen. Vielleicht habe ich deshalb nichts zu Link gesagt.

Wir kamen am Stop & Shop vorbei, auch bekannt als Stop & Steal. Es war der einzige Lebensmittelladen der Stadt und das, was bei uns einem 7-Eleven-Markt am nächsten kam. Jedes Mal wenn man mit Freunden vor dem Laden herumhing, musste man froh sein, wenn man nicht der Mutter von irgendjemandem in die Arme lief, die gerade fürs Abendessen einkaufte, oder, was noch schlimmer war, auf Amma traf.

Vor dem Eingang parkte ein bekannter Chevrolet Grand Prix. »Oh-oh, Fatty hat schon seine Zelte aufgeschlagen.« Er saß auf dem Fahrersitz und las die Stars and Stripes.

»Vielleicht hat er uns ja nicht gesehen.« Link blickte angespannt in den Rückspiegel.

»Falls doch, dann sind wir jetzt dran.«

Fatty spürte im Auftrag der Stonewall Jackson Highschool Schulschwänzer auf und war stolzes Mitglied der Polizeitruppe von Gatlin. Seine Freundin Amanda arbeitete im Stop & Steal, und Fatty parkte beinahe jeden Morgen vor dem Laden und wartete darauf, dass die Backwaren angeliefert wurden. Was ziemlich lästig war, wenn man immer zu spät kam wie Link und ich.

Wenn man auf die Jackson High ging, dann musste man Fattys Dienstplan genauso gut kennen wie den eigenen Stundenplan. Heute winkte uns Fatty durch, er blickte nicht einmal vom Sportteil auf, er winkte uns einfach durch.

»Sportteil und ein klebriges Hörnchen. Du weißt, was das heißt.«

»Wir haben noch fünf Minuten.«

Wir ließen die alte Karre im Leerlauf auf den Schulparkplatz rollen und hofften, uns unbemerkt an den Aufpassern vorbeistehlen zu können. Aber draußen schüttete es immer noch, und als wir das Schulgebäude betraten, waren wir völlig durchweicht, und unsere Turnschuhe quietschten so laut, dass wir genauso gut freiwillig einen Abstecher ins Sekretariat machen konnten.

»Ethan Wate! Wesley Lincoln!«

Triefend nass standen wir im Büro und warteten darauf, dass wir zum Nachsitzen verdonnert würden.

»Schon am ersten Schultag zu spät. Ihre Mutter wird Ihnen was erzählen, Mr Lincoln. Und Sie, Mr Wate, schauen Sie nicht so neunmalklug drein, Amma wird Ihnen das Fell gerben.«

Miss Hester hatte recht. In spätestens fünf Minuten würde Amma wissen, dass ich zu spät gekommen war, wenn sie es nicht sowieso schon wusste. So war es hier eben. Meine Mutter war stets überzeugt davon gewesen, dass Carlton Eaton, der Briefträger, jeden Brief las, der ihm auch nur halbwegs interessant zu sein schien. Er machte sich nicht einmal die Mühe, sie nachher wieder zuzukleben. Nicht dass es jemals etwas wirklich Neues zu berichten gegeben hätte. Jedes Haus hatte seine Geheimnisse, aber jeder in der Straße kannte sie. Nicht einmal das war ein Geheimnis.

»Miss Hester, ich musste langsam fahren, weil es so stark geregnet hat.« Link versuchte, seinen Charme spielen zu lassen. Miss Hester nahm die Brille ab und blickte Link völlig unbeeindruckt an. Die kleine Kette, an der ihre Brille hing, baumelte an ihrem Hals hin und her.

»Ich habe jetzt keine Zeit, mit euch zu schwatzen. Ich bin beschäftigt. Hier steht drauf, wo ihr heute Nachmittag nachsitzen werdet«, sagte sie und drückte jedem von uns ein blaues Formular in die Hand.

Sie war wirklich beschäftigt. Kaum dass wir ihr den Rücken zugewandt hatten, roch man schon den Nagellack. Auf ein Neues und herzlich willkommen.

In Gatlin ist ein erster Schultag wie der andere. Die Lehrer, die dich alle von der Kirche her kennen, haben schon im Kindergarten beschlossen, ob du dumm oder schlau bist. Ich war schlau, denn meine Eltern waren Wissenschaftler. Link war dumm, weil er während der Bibellesung mit den Seiten der Heiligen Schrift raschelte und einmal sogar während des weihnachtlichen Hirtenspiels gekotzt hatte. Und weil ich schlau war, bekam ich immer gute Noten auf meine Arbeiten; und weil Link dumm war, bekam er immer schlechte. Ich glaube, niemand machte sich je die Mühe, meine Arbeiten zu lesen. Manchmal schrieb ich ausgemachten Blödsinn in meinen Aufsätzen, meist irgendwo in der Mitte, nur um zu sehen, ob die Lehrer es merkten. Aber bisher hatte keiner was gesagt.

Dummerweise funktionierte das nicht bei Multiple-Choice-Fragen. In der ersten Stunde, in Englisch, fiel mir siedend heiß ein, dass meine siebenhundert Jahre alte Lehrerin, die tatsächlich auch noch Mrs English hieß, uns aufgetragen hatte, während der Sommerferien Wer die Nachtigall stört zu lesen. Prompt bestand ich den Test nicht. Na toll. Ich hatte das Buch vor zwei Jahren gelesen. Es war eins der Lieblingsbücher meiner Mutter gewesen, aber weil es schon eine Weile her war, konnte ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern.

Was nur wenige von mir wissen: Ich lese so gut wie jede freie Minute. Bücher sind so ziemlich das Einzige, womit ich aus Gatlin entfliehen kann, wenn auch nur für kurze Zeit. An der Wand meines Zimmers hängt eine Landkarte, und jedes Mal, wenn ich von einer Stadt lese, die ich mir irgendwann mal anschauen will, markiere ich sie auf der Karte. New York, das war Der Fänger im Roggen. In die Wildnis führte mich nach Alaska. Als ich Unterwegs las, fügte ich Chicago, Denver, L. A. und Mexico City hinzu. Mit Kerouac kam man ziemlich weit herum. Alle paar Monate verband ich die Orte mit einer Linie. Mit einer dünnen grünen Linie, der ich folgen wollte, in dem Sommer, ehe ich aufs College gehen würde – falls ich jemals aus dieser Stadt herauskommen sollte. Von den Büchern und der Landkarte erzählte ich niemandem. Bücher und Baseball, das passte hier in der Gegend nicht zusammen.

Chemie lief auch nicht viel besser. Mr Hollenback verdammte mich dazu, mit der Ethan-Hasserin Emily, gemeinhin als Emily Asher bekannt, zusammenzuarbeiten. Emily verachtete mich seit dem Schulball im letzten Jahr, als ich den Fehler begangen hatte, meine Chucks zum Smoking zu tragen und uns beide von meinem Vater in seinem rostigen Volvo chauffieren zu lassen. Das kaputte Fenster, das sich nicht mehr hochkurbeln ließ, hatte ihre perfekt gelockte Ballfrisur ruiniert, und als wir in der Turnhalle ankamen, sah sie aus wie Marie Antoinette gleich nach dem Aufstehen ohne Betthäubchen. Während des ganzen Abends hatte Emily kein Wort mehr mit mir gesprochen, stattdessen hatte sie Savannah Snow geschickt, um, keine drei Schritte von der Punschbowle entfernt, mit mir Schluss zu machen. Das war’s dann so ziemlich gewesen.

Für die anderen Jungs war das ein ständiger Anlass zur Belustigung, und sie rechneten fest damit, dass wir irgendwann wieder zusammenkommen würden. Was sie nicht wussten, war, dass ich mir aus Mädchen wie Emily nichts machte. Sie war hübsch, aber mehr auch nicht. Sie anzusehen, entschädigte einen nicht für den Stuss, den sie von sich gab. Ich sehnte mich nach einer anderen Freundin, einer, mit der ich über andere Dinge als nur über Partys reden konnte und wer im Winter wohl Ballkönigin wird. Ein Mädchen, das klug war oder lustig oder wenigstens eine nette Partnerin bei den Chemie-Experimenten.

Vielleicht existierte ein solches Mädchen nur in meinen Träumen, aber Träume waren immer noch besser als Albträume. Selbst dann, wenn der Albtraum ein Cheerleader-Röckchen trug.

Die Chemiestunde überlebte ich, aber von da an ging’s an diesem Tag nur noch bergab. Auch in diesem Jahr hatte ich mich wieder für Geschichte der USA eingeschrieben, das war ohnehin die einzige Geschichte, die in der Jackson High unterrichtet wurde, die Bezeichnung »Geschichte der USA« war also überflüssig. Ich würde mich das zweite Jahr hintereinander mit dem »Angriffskrieg der Nordstaaten« beschäftigen, und zwar bei Mr Lee, der übrigens nicht mit seinem berühmten Namensvetter verwandt war. Aber, und das war allgemein bekannt, Mr Lee und der General der Konföderierten waren einig im Geiste. Mr Lee war einer der wenigen Lehrer, die mich wirklich hassten. Letztes Jahr hatte ich mit Link gewettet und einen Aufsatz über das Thema »Der Angriffskrieg der Südstaaten« geschrieben. Mr Lee hatte mir prompt eine Fünf gegeben. Manchmal lasen die Lehrer die Aufsätze also doch.

Ich setzte mich ganz hinten hin, neben Link, der gerade die Aufzeichnungen von dem Fach, das er zuvor verschlafen hatte, abschrieb. Sofort hörte er mit dem Schreiben auf. »Hast du schon gehört, Mann?«

»Was soll ich gehört haben?«

»Von dem neuen Mädchen in Jackson.«

»Es sind jede Menge neuer Mädchen da, eine ganze erste Highschool-Klasse, du Idiot.«

»Ich rede nicht von den Anfängern. In unserem Jahrgang ist eine Neue.« In jeder anderen Highschool wäre eine neue Schülerin in der Zehnten kein Thema gewesen. Aber wir waren in der Jackson High und hatten keine neue Schülerin mehr gehabt, seit Kelly Wax in der dritten Klasse mit ihren Großeltern hierhergezogen war, nachdem man ihren Vater eingebuchtet hatte, weil er in seinem Keller in Lake City eine Spielhölle betrieb.

»Wer ist sie?«

»Weiß nicht. Ich hatte in der zweiten Stunde Gemeinschaftskunde mit den Typen von der Band, und die wussten auch nichts Genaues, außer dass sie Geige spielt oder so was. Meinst du, sie ist scharf?« Wie die meisten Jungs dachte Link sehr eingleisig. Der Unterschied zu den anderen Jungs bestand nur darin, dass dieses eine Gleis bei ihm direkt zum Mund führte.

»Das heißt also, sie ist eine Band-Tussi?«

»Nein. Sie ist Musikerin. Vielleicht steht sie ja wie ich auf klassische Musik.«

»Klassische Musik?« Wenn Link jemals klassische Musik gehört hatte, dann höchstens beim Zahnarzt.

»Du weißt doch, die Klassiker. Pink Floyd. Black Sabbath. Die Stones.«

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen.

»Mr Lincoln, Mr Wate. Es tut mir leid, dass ich Ihre Unterhaltung unterbrechen muss, aber ich würde gern anfangen, wenn Sie nichts dagegen haben.« Mr Lees Tonfall war noch genauso sarkastisch wie im letzten Jahr und seine fettigen, glatt gekämmten Haare und die Schweißflecken unter den Achseln noch genauso widerlich. Er teilte Kopien desselben Unterrichtsplans aus, den er vermutlich schon seit zehn Jahren benutzte. Verlangt wurde, eine Schlacht aus dem Bürgerkrieg nachzuspielen. Na klar doch. Aber ich hatte Glück, ich würde mir einfach eine Uniform von meinen Verwandten borgen, die solche Schlachten zum Spaß an den Wochenenden nachstellten.

Nach der Stunde hingen Link und ich in der Aula bei unseren Garderobeschränken herum in der Hoffnung, die Neue zu Gesicht zu bekommen. Wenn man Link so zuhörte, dann war sie bereits seine Seelenverwandte und Bandpartnerin und was sonst noch alles, worüber ich lieber nicht so genau nachdenken wollte. Aber das Einzige, das wir zu Gesicht bekamen, war eine Überdosis Charlotte Chase in einem Jeansrock, der zwei Nummern zu klein war. Das bedeutete, wir würden bis zur Mittagspause gar nichts herausfinden, denn in der nächsten Stunde hatten wir ASL, Amerikanische Gebärdensprache. In diesem Fach war es strikt verboten zu reden, und niemand von uns konnte die Gebärdensprache gut genug, um auch nur »neues Mädchen« zu buchstabieren. Was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass ASL der einzige Kurs war, den wir gemeinsam mit dem Rest der Basketballmannschaft von Jackson besuchten.

Seit der Achten spielte ich in diesem Team mit, damals war ich während des Sommers in die Höhe geschossen und nach den Ferien einen ganzen Kopf größer als alle anderen in meiner Klasse gewesen. Und überhaupt, wenn beide Eltern Professoren sind, dann muss man etwas Normales machen. Wie sich bald herausstellte, war ich ein guter Basketballspieler. Ich hatte ein Gespür dafür, wohin der Gegner den Ball werfen würde, und das brachte mir einen Stammplatz in der Cafeteria ein. So etwas zählte in Jackson.

Heute war dieser Platz in der Cafeteria noch mehr wert, denn Shawn Bishop, unser Aufbauspieler, hatte die Neue tatsächlich schon gesehen. Link stellte die einzige Frage, die uns interessierte. »Also, ist sie scharf?«

»Verdammt scharf.«

»So scharf wie Savannah Snow?«

Wie auf ein Stichwort hin betrat Savannah, das Maß für alle Mädchen in Jackson, die Cafeteria, Arm in Arm mit der Ethan-Hasserin Emily, und wir alle guckten hin, denn Savannah bestand praktisch nur aus perfekt geformten Beinen. Savannah und Emily glichen sich fast wie ein Ei dem anderen, selbst wenn sie ihre Cheerleader-Uniformen nicht trugen. Beide waren blond und sonnenstudiogebräunt, beide trugen Flip-Flops und Jeansröcke, die so kurz waren, dass sie auch als Gürtel hätten durchgehen können. Savannah hatte die perfekten Beine, aber nach Emily reckten alle die Hälse, wenn sie im Sommer im Bikini am See lag. Die beiden hatten offenbar nie Bücher bei sich, nur winzige metallicfarbene Täschchen, die sie sich unter den Arm klemmten und in die kaum ein Handy passte, wenn Emily ausnahmsweise mal keine SMS schrieb.

Der einzige Unterschied zwischen den beiden war im Grunde die Position, die sie bei den Cheerleadern hatten. Savannah war Teamcaptain und Base, eines der Mädchen, die in der berühmten Wildcats-Pyramide eine oder zwei Reihen anderer Mädchen auf den Schultern trugen. Emily war Flyer und an der Spitze der Pyramide, sie war diejenige, die fast einen Meter hoch in die Luft geworfen wurde, wenn sie einen Salto oder eine andere verrückte Cheerleader-Nummer vorführten, bei der man sich leicht das Genick brechen konnte. Emily wäre jedes Risiko eingegangen, nur um an der Spitze der Pyramide bleiben zu dürfen. Savannah hatte das nicht nötig. Wenn Emily in die Luft geworfen wurde, blieb die Pyramide auch ohne sie stehen. Wenn sich Savannah aber nur ein paar Zentimeter bewegte, dann brach das Ganze zusammen.

Ethan-Hasserin Emily bemerkte, dass wir sie anstarrten, und warf mir einen finsteren Blick zu. Die Jungs lachten. Emory Watkins klopfte mir auf die Schulter. »Das ist ’ne Sünde wert, Wate. Du weißt doch, wie Emily ist: Je finsterer sie dich anblitzt, desto lieber sie auf deinem Schoß sitzt.«

Aber heute wollte ich nicht an Emily denken. Ich wollte an ihr Gegenteil denken. Seit Link in der Geschichtsstunde davon angefangen hatte, ließ er mich nicht mehr los: der Gedanke an die Neue. Der Gedanke, dass sie vielleicht ganz anders war, von woanders herkam. Vielleicht war sie jemand, der ein aufregenderes Leben geführt hatte als wir, zumindest ein aufregenderes als ich.

Vielleicht war sie sogar das Mädchen meiner Träume. Ich wusste, es war ein Hirngespinst, aber ich wollte daran glauben.

»Habt ihr schon von der Neuen gehört?« Savannah setzte sich auf Earl Pettys Schoß. Earl war unser Mannschaftskapitän, mal gingen die beiden zusammen, dann wieder nicht. Zurzeit gingen sie miteinander. Er fuhr mit den Händen über ihre gebräunten Beine, gerade so weit nach oben, dass man nicht wusste, wo man hinsehen sollte.

»Shawn hat uns auf den neuesten Stand gebracht. Er sagt, sie ist scharf. Nehmt ihr sie ins Team auf?« Link schnappte sich ein paar knusprige Tater Tots von meinem Tablett.

»Wohl kaum. Ihr solltet mal sehen, was die anhat.« Tiefschlag Nummer eins. »Und wie blass die ist.« Tiefschlag Nummer zwei. Für Savannahs Geschmack konnte man nie zu dünn oder zu gebräunt sein.

Emily setzte sich neben Emory und beugte sich einen Tick zu weit über den Tisch. »Hat er euch auch gesagt, wer sie ist?«

»Was meinst du damit?«

Emily machte eine dramatische Pause, dann sagte sie: »Sie ist die Nichte vom alten Ravenwood.«

Für diesen Knalleffekt hätte sie keine Pause einlegen müssen. Es war, als hätte sie mit einem Schlag alle Luft aus dem Raum entweichen lassen. Ein paar von den Jungs fingen an zu lachen. Sie dachten, Emily würde einen Witz machen, aber ich wusste, sie meinte es ernst.

Das war Tiefschlag Nummer drei. Die Neue war out. Sie war so sehr out, dass ich sie mir nicht einmal mehr vorstellen konnte. Der Traum von meinem Mädchen war schon ausgeträumt, noch ehe ich an unsere erste Verabredung denken konnte. Ich war zu drei weiteren Jahren unter all den Emily Ashers verbannt.

Macon Melchizedek Ravenwood war der Sonderling der Stadt. Sagen wir mal so: Ich kann mich noch gut genug an Wer die Nachtigall stört erinnern, um zu wissen, dass Boo Radley im Vergleich zum alten Ravenwood wie ein Salonlöwe wirkte. Ravenwood wohnte in einem heruntergekommenen alten Haus auf der ältesten und verrufensten Plantage von Gatlin, und soviel ich weiß, hatte ihn seit meiner Geburt und noch länger niemand mehr zu Gesicht bekommen.

»Willst du uns auf den Arm nehmen?«, fragte Link.

»Nein, im Ernst, Carlton Eaton hat es gestern meiner Mutter erzählt, als er die Post ablieferte.«

Savannah nicke. »Meine Mutter hat es auch gehört. Die Neue ist vor ein paar Tagen beim alten Ravenwood eingezogen, sie kommt aus Virginia oder Maryland, so genau weiß ich das nicht mehr.«

Sie zerrissen sich weiter das Maul über sie, ihre Klamotten, ihre Frisur und über ihren Onkel und dass sie vermutlich total durchgeknallt war. Das war es, was ich an Gatlin am meisten hasste. Egal was man sagte oder tat, oder, wie in diesem Fall, was man trug, jeder musste seinen Senf dazugeben. Ich starrte auf die Nudeln auf meinem Tablett, die in einer orangefarbenen Brühe schwammen, die nur wenig Ähnlichkeit mit Käse hatte.

Noch zwei Jahre und acht Monate. Ich musste raus aus dieser Stadt.

In der Turnhalle übten nach dem Unterricht die Cheerleader. Da es endlich zu regnen aufgehört hatte, fand das Basketballtraining im Freien statt, auf dem Sportplatz mit dem rissigen Beton, den krummen Körben und den Pfützen. Man musste achtgeben, nicht in die Rinne zu treten, die tief wie der Grand Canyon durch die Mitte des Spielfelds verlief. Aber wenigstens konnte man von hier aus fast den ganzen Parkplatz überblicken und beim Aufwärmen die Creme de la Creme der Jackson High beobachten.

Heute hatte ich Zielwasser getrunken. Ich hatte sämtliche Freiwürfe versenkt, aber das hatte Earl auch, der mit jedem Treffer von mir gleichzog.

Wusch. Acht. Es war, als müsste ich nur aufs Netz schauen, und schon fiel der Ball hindurch. An manchen Tagen lief es einfach.

Wusch. Neun. Earl war sauer. Ich merkte das daran, wie er den Ball jedes Mal, wenn ich einen Treffer gelandet hatte, noch härter auf den Boden aufschlug. Er war unser zweiter Center. Wir hatten eine stillschweigende Übereinkunft: Er war der Boss, dafür ließ er mich in Ruhe, wenn ich keine Lust hatte, jeden Tag nach dem Training vor dem Stop & Steal rumzuhängen. Irgendwann war eben alles über die ewig gleichen Mädchen gesagt, und die Zahl der Slim Jims, die man verdrücken konnte, war auch begrenzt.

Wusch. Zehn. Ich traf einfach immer. Vielleicht war es Veranlagung, vielleicht aber auch etwas anderes. Ich hatte noch nicht herausgefunden, woran es lag, aber seit dem Tod meiner Mutter hatte ich aufgehört, darüber nachzudenken. Es war ja schon fast ein Wunder, dass ich mich aufraffen konnte, zum Training zu gehen.

Wusch. Elf. Hinter mir stöhnte Earl auf und knallte den Ball noch fester auf den Boden. Ich unterdrückte ein Grinsen und schaute zum Parkplatz hinüber, während ich zum nächsten Wurf ansetzte. Und dort sah ich ein Gewirr langer schwarzer Haare hinter dem Lenkrad eines langen schwarzen Autos.

Es war ein Leichenwagen. Ich erstarrte.

Dann wendete das Auto, und durch das offene Seitenfenster sah ich ein Mädchen, das zu mir herüberschaute. Zumindest glaubte ich, es zu sehen. Der Ball traf den Rand des Korbs, prallte ab und krachte in den Zaun. Hinter mir hörte ich ein vertrautes Geräusch.

Wusch. Zwölf. Earl Petty konnte aufatmen.

Als das Auto wegfuhr, schaute ich mich auf dem Spielfeld um. Die anderen standen da, als hätten sie soeben einen Geist gesehen.

»War das nicht …«

Billy Watts, unser Forward, nickte und hielt sich mit einer Hand an der Absperrkette fest. »Die Nichte vom alten Ravenwood.«

Shawn warf ihm den Ball zu. »Ja. Genau wie sie gesagt haben. Sie kutschiert mit seinem Leichenwagen durch die Gegend.«

Emory schüttelte den Kopf. »Die ist wirklich scharf. Was für eine Verschwendung.«

Sie spielten weiter, aber als Earl zu seinem nächsten Wurf ansetzte, fing es wieder an zu regnen. Dreißig Sekunden später ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, es schüttete so stark wie den ganzen Tag über nicht. Ich stand einfach nur da und ließ den Regen auf mich herabprasseln. Die nassen Haare hingen mir in die Augen, ich sah die Schule nicht mehr, ich sah die anderen vom Team nicht mehr.

Das böse Omen war nicht allein der Leichenwagen. Das böse Omen war das Mädchen.

Für ein paar Minuten hatte ich der Hoffnung Raum gegeben. Der Hoffnung, dass dieses Jahr nicht wie jedes andere Jahr verlaufen würde, dass sich etwas ändern würde. Dass ich jemanden hätte, mit dem ich mich unterhalten könnte, jemanden, der mir nahe wäre.

Aber alles, was ich hatte, war ein guter Tag auf dem Spielfeld, und das war einfach nicht genug.