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Michelle Zink

Die Prophezeiung

der Schwestern

Liebe und Verrat

Aus dem amerikanischen Englisch

von Alexandra Ernst
















cbj_sw.tif

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House







Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2010

© 2010 by Michelle Zink

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel

»Guardian of the Gate« bei Little, Brown and Company, New York

© 2010 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Ernst

Lektorat: Carola Henke

st · Herstellung: RF

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-04926-3

www.cbj-verlag.de

Für Kenneth, Rebekah,

Andrew and Caroline.

Ihr habt einen Ehrenplatz

in meinem Herzen.

1

Vor mir liegt das Buch. Ich muss die Prophezeiung nicht lesen; ich kenne sie auswendig, Wort für Wort. Sie hat sich so fest in meinen Geist gebrannt wie das Mal auf meinem Handgelenk in mein Fleisch.

Aber es ist irgendwie beruhigend, das uralte Buch mit dem rissigen Einband in die Hand zu nehmen, das mein Vater vor seinem Tod in der Bibliothek versteckte. Seine Festigkeit ist tröstlich. Ich schlage es auf, und mein Blick fällt auf das Stück Papier, das zwischen den Buchdeckeln liegt.

Acht Monate sind vergangen, seit Sonia und ich in London eintrafen, und in dieser Zeit habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, die Worte der Prophezeiung als eine Art Bettlektüre zu lesen. In diesen stillen Stunden ist Milthorpe Manor unendlich friedlich. Ich sitze in meinem Zimmer am Schreibtisch. Das Haus schweigt, die Dienerschaft schläft, ebenso wie Sonia in ihrem Zimmer am anderen Ende des Flurs. In diesen Stunden fahre ich mit meinen Bemühungen fort, die Worte der Prophezeiung zu entschlüsseln, die James so sorgfältig aus dem Lateinischen übersetzt hat. Ich hoffe, irgendeinen neuen Hinweis zu finden, der mich zu den verloren gegangenen Seiten führt. Und der mir die Freiheit schenkt.

An diesem Sommerabend zischt das Feuer nur leise im Kamin. Ich beuge den Kopf über die Seite und lese – erneut – die Worte, die mich unlösbar an meine Schwester, an meinen Zwilling binden, und an die Prophezeiung, die uns unüberwindbar trennt.

In Krieg und Eintracht erduldete die Menschheit ihr Schicksal

Bis die Wächter kamen

Die Frauen der Menschen zu Gemahlinnen und Geliebten nahmen

Und sich so Seinen Zorn zuzogen.

Zwei Schwestern, erschaffen in demselben wirbelnden Ozean

Die eine der Wächter, die andere das Tor.

Die eine Hüterin des Friedens, die andere Hexenkraft für Hingabe eintauschend.

Ausgestoßen aus dem Himmel, gingen ihre Seelen verloren.

Doch die Schwestern fahren fort mit ihrer Schlacht

Bis die Pforten ihre Rückkehr einfordern

Oder der Engel die Schlüssel zum Abgrund bringt.

Durch die Pforten schreitet die Armee.

Samael, das Untier, durch den Engel.

Der Engel, bewacht nur durch einen zarten Schleier.

Vier Zeichen. Vier Schlüssel. Ein Kreis aus Feuer.

Erschaffen in dem ersten Atemzug von Samhain

Im Schatten der Mystischen Steinschlange von Aubur.

Wenn das Tor des Engels sich ohne Schlüssel öffnet

Folgen die Sieben Plagen und es gibt kein Zurück.

Tod

Hungersnot

Blut

Feuer

Dunkelheit

Dürre

Zerstörung

Öffne deine Arme, Herrin des Chaos, auf dass die Verwüstung des Untiers sich in Strömen ergießen kann.

Denn alles ist verloren, wenn die Sieben Plagen beginnen.

Es gab eine Zeit, als diese Worte mir nichts bedeuteten. Als sie bloß eine Legende zwischen zwei Buchdeckeln waren, die in Vaters Bibliothek vor sich hin staubte. Aber das war, bevor ich die erwachende Schlange auf meinem Handgelenk bemerkt hatte, vor knapp einem Jahr. Bevor ich Sonia und Luisa traf, zwei der vier Schlüssel, gezeichnet wie ich. Mit einem Unterschied.

Nur in meinem Zeichen prangt in der Mitte der Buchstabe C. Nur ich bin der Engel des Chaos, das unwillige Tor, das meine Schwester – ebenso unwillig – bewacht. Unsere Rollenverteilung ist keine Laune der Natur, sondern das Ergebnis unserer Geburt. Dennoch kann nur ich entscheiden, ob ich Samael verbannen werde. Für immer.

Oder ob ich ihn beschwöre und das Ende der Welt, wie wir sie kennen, herbeiführe.

Ich schließe das Buch und dränge die Worte aus meinen Gedanken. Es ist schon spät, zu spät, um über das Ende der Welt nachzudenken. Zu spät, um über meine Rolle nachzugrübeln, über die Möglichkeit, all dem ein Ende zu bereiten. Die Last der Prophezeiung hat mich gelehrt, den Schlaf und seinen einzigartigen Frieden hoch zu schätzen, und so stehe ich vom Schreibtisch auf und schlüpfe unter die Decke des mächtigen Himmelbetts, das in meinem Zimmer in Milthorpe Manor steht.

Ich lösche die Lampe auf meinem Nachttisch. Der Raum wird jetzt nur noch durch das sanfte Glühen des Feuers erhellt, aber die Düsternis eines nächtlichen Zimmers ängstigt mich nicht mehr so wie früher. Jetzt ist es das Böse, das sich hinter dem Schönen, dem Vertrauten verbirgt, das mir das Herz erzittern lässt.

Es ist lange her, dass ich das Reisen mit den Schwingen für einen einfachen Traum gehalten habe, aber diesmal kann ich – trotz meiner mittlerweile ausgiebigen Erfahrung – nicht sagen, ob mich der Schlaf in einen Traum oder in die Anderswelten führt.

Ich bin in einem Wald, den ich instinktiv als den Hain um Birchwood Manor erkenne, mein Zuhause, das ich vor acht Monaten verließ, um nach London zu kommen. Es gibt wohl Menschen, die behaupten, alle Bäume sähen gleich aus, und die es für unmöglich halten, den einen vom anderen zu unterscheiden, aber dies ist die Landschaft meiner Kindheit, und ich erkenne sie ohne den Schatten eines Zweifels.

Die Sonne fällt in Flecken durch das Laub hoch über meinem Kopf. Es ist taghell, sodass es sowohl später Morgen als auch früher Abend sein kann, oder jede beliebige Stunde dazwischen. Ich fange an, mich zu fragen, warum ich hier bin – selbst wenn es sich um einen Traum handelt. Denn selbst meine Träume scheinen neuerdings einem Ziel zu folgen. Da höre ich hinter mir meinen Namen.

»Li-a … Komm, Lia …«

Ich drehe mich um. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich die Gestalt neben mir zwischen den Bäumen wahrnehme. Das Mädchen ist klein und so reglos wie eine Statue. Ihre Locken schimmern golden, selbst in dem gedämpften Licht des Waldes. Obwohl es beinahe ein Jahr her ist, seit ich sie in New York sah, würde ich sie überall erkennen.

»Ich muss dir etwas zeigen, Lia. Komm schnell.« Ihre Stimme ist noch dieselbe – ein kindlicher Singsang, genauso wie damals, als sie mir das Medaillon mit dem gleichen Zeichen wie auf meinem Handgelenk überreichte, das mich seitdem überallhin begleitet.

Ich warte einen Moment. Sie streckt die Hand aus und winkt mich zu sich mit einem Lächeln, das bezaubernd wäre, hätte es nicht längst alle Unschuld verloren.

»Beeil dich, Lia. Du willst sie doch nicht verpassen.« Das kleine Mädchen dreht sich um und rennt voraus. Mit wippenden Locken verschwindet sie zwischen den Bäumen.

Ich folge ihr, weiche Bäumen und moosbedeckten Steinen aus. Meine Füße sind nackt, aber ich fühle keinen Schmerz, während ich über den harten Waldboden laufe. Die Kleine ist so grazil und flink wie ein Schmetterling. Ständig verschwindet sie aus meinem Blickfeld, um kurz darauf wieder aufzutauchen. Die weiße Schürze weht wie ein Geist hinter ihr her. Ich muss mich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten. Mein Nachthemd verfängt sich in Zweigen und Ästen. Ich schiebe sie mit den Armen beiseite, in dem Bestreben, das kleine Mädchen nicht aus den Augen zu verlieren. Aber es ist zu spät. Gleich darauf ist sie verschwunden.

Ich bleibe stehen und drehe mich im Kreis, suche den Wald nach ihr ab. Ich bin verwirrt, mir ist schwindlig, und ich muss gegen die Panik ankämpfen, als mir klar wird, dass ich mich in dem Dickicht aus gleichförmigen Bäumen und dichtem Laubwerk hoffnungslos verirrt habe. Sogar die Sonne ist meinem Blick verborgen.

Im nächsten Moment kehrt die Stimme des Mädchens zurück. Ich rühre mich nicht, lausche bloß. Es ist unzweifelhaft die gleiche Melodie, die sie auch damals in New York summte, als sie mir das Medaillon überreicht hatte und sich hüpfend von mir entfernte.

Ich folge dem Lied, während mich eine Gänsehaut überzieht. Die zarten Härchen auf meinem Nacken richten sich auf, aber ich kann nicht umkehren. Ich folge der Stimme, um dicke und dünne Baumstämme herum, bis ich den Fluss höre.

Dort werde ich das Mädchen finden. Ich bin mir ganz sicher. Und als ich zwischen den Bäumen hindurch ins Freie trete, liegt das Wasser vor mir und ich kann das Mädchen wieder sehen. Sie kniet am anderen Ufer, über das Wasser gebeugt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie die reißende Strömung durchquert hat. Ihr Summen ist melodisch, aber mit einem unheimlichen Unterton, der mir einen Schauer über den Rücken jagt. Langsam gehe ich auf das diesseitige Ufer zu.

Sie scheint mich nicht zu sehen. Sie summt einfach weiter ihre Melodie und fährt mit den Händen durchs Wasser. Ich weiß nicht, was sie dort in der Klarheit des Flusses sieht, aber sie starrt mit äußerster Konzentration hinein. Dann blickt sie auf und ihre Augen treffen meine.

Ihr Lächeln ist mir genauso unheimlich wie ihr Summen. Es brennt sich in meine Gedanken ein. »Oh, gut. Ich freue mich, dass du hier bist.«

Ich schaue sie an. »Warum bist du zu mir gekommen? Hast du noch etwas, das du mir geben möchtest?«

Sie schaut nach unten, streichelt mit den Händen das Wasser, als würde sie mich nicht hören.

»Hallo?« Ich versuche, meiner Stimme mehr Gewicht zu verleihen. »Ich möchte gerne wissen, warum du mich hierhergeführt hast.«

»Nicht mehr lange.« Ihre Stimme klingt flach. »Du wirst schon sehen.«

Sie schaut auf. Ihre blauen Augen verschränken sich über den Fluss hinweg in meinen. Ihr Gesicht verschwimmt, als sie wieder spricht.

»Glaubst du, dass du unter dem Mantel deines Schlafes sicher bist, Lia?« Die Haut, die sich über die kleinen Knochen ihres Gesichtes dehnt, schimmert, und ihre Stimme klingt mit einem Mal tiefer. »Hältst du dich für so mächtig, für unangreifbar?«

Ihre Stimme klingt völlig falsch, und als ihr Gesicht wieder verschwimmt, begreife ich. Sie lächelt, aber diesmal nicht als das kleine Mädchen mit der weißen Schürze und den blonden Locken. Jetzt ist sie meine Schwester. Alice. Ich kann meine Furcht nicht unterdrücken. Ich weiß zu gut, was sich hinter diesem Lächeln verbirgt.

»Warum schaust du so überrascht, Lia? Du weißt doch, dass ich dich überall finden werde.«

Ich nehme mir die Zeit, um meine Stimme zur Ruhe zu zwingen. Ich will Alice meine Angst nicht spüren lassen. »Was willst du, Alice? Wir haben doch alles gesagt, was zu sagen war.«

Sie legt den Kopf schräg, und wie immer habe ich das Gefühl, dass sie mir direkt in die Seele blicken kann. »Ich glaube nach wie vor, dass du zur Vernunft kommst, Lia. Dass du die Gefahr erkennst, in die du dich selbst und deine Freunde bringst. Und auch deine Familie, jedenfalls was davon noch übrig ist.«

Alles in mir will aufbegehren, als sie meine Familie – unsere Familie – erwähnt, denn war es nicht Alice, die Henry in den Fluss gestoßen hat? Ist sie es nicht, die seinen Tod in den Fluten zu verantworten hat? Aber ihre Stimme wird weicher, und ich frage mich, ob auch sie um unseren Bruder trauert.

Als ich ihr antworte, liegt Stahl in meiner Stimme. »Die Gefahr, der wir uns stellen, ist der Preis, den wir für die Freiheit zahlen. Die Freiheit danach.«

»Danach?«, wiederholt sie ungläubig. »Wann soll das sein, Lia? Du hast noch nicht einmal die letzten beiden Schlüssel gefunden, und wenn du dich auf diesen altersschwachen Detektiv verlässt, den Vater angeheuert hat, wirst du sie wohl niemals finden.«

Ihre spöttischen Worte über Philip entfachen meine Wut erneut. Vater hat ihm die Aufgabe anvertraut, die Schlüssel zu finden, und jetzt, nach Vaters Tod, arbeitet er für mich. Er ist unermüdlich in seiner Suche. Natürlich werden mir die beiden Schlüssel ohne die restlichen Seiten aus dem Buch des Chaos nichts nützen, aber ich habe schon vor langer Zeit begriffen, dass es keinen Sinn macht, zu weit vorauszudenken. Es gibt nur das Hier. Nur das Jetzt.

Als ob sie meine Gedanken gehört hätte, sagt sie: »Und was ist mit den Seiten? Du hast doch keine Ahnung, wo du suchen sollst.« Ruhig schaut sie hinab ins Wasser und fährt mit der Hand darüber, wie das kleine Mädchen. »Deiner augenblicklichen Lage nach zu urteilen, wäre es wohl klüger, dein Schicksal in Samaels Hände zu legen. Er kann wenigstens deine Sicherheit garantieren, und die Sicherheit all jener, die du liebst.

Mehr noch: Er kann dir einen angemessenen Platz in der neuen Weltordnung verschaffen. Eine Welt, die von ihm regiert und von den Seelen bevölkert wird. Eine Welt, die kommen wird, ob du uns nun dabei hilfst oder nicht.«

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich mein Herz Alice gegenüber noch mehr verhärten könnte, aber so ist es. »Es ist doch wohl eher so, dass er dir einen angemessenen Platz in dieser neuen Weltordnung verschafft, Alice. Darum geht es doch in Wirklichkeit, nicht wahr? Das ist der Grund, warum du sogar schon als Kind Hand in Hand mit den Seelen gearbeitet hast.«

Sie zuckt mit den Schultern und schaut mich geradewegs an. »Ich habe nie vorgegeben, uneigennützig zu sein, Lia. Ich will einfach nur die Rolle einnehmen, die eigentlich mir bestimmt war, statt diejenige zu erfüllen, die mir durch die törichten Regeln der Prophezeiung aufgezwungen wurde.«

»Wenn das dein Verlangen ist, haben wir nichts mehr zu bereden.«

Sie schaut wieder ins Wasser. »Vielleicht bin ich doch nicht die geeigneteste Person, um dich zu überzeugen.«

Ich glaube nicht, dass mich noch etwas überraschen kann, dass meine Furcht, die ich im Zaum habe, mich übermannen könnte, zumindest nicht heute. Aber dann schaut Alice auf. Ihr Gesicht verschwimmt. Einen Augenblick lang sehe ich den Schatten des Antlitzes des kleinen Mädchens, ehe Alices Gesicht wieder Gestalt annimmt. Aber das ist nicht von Dauer. Ihre Miene legt sich in Falten, kräuselt sich und verwandelt sich in einen merkwürdig geformten Kopf und ein Antlitz, das sich ständig zu verändern scheint. Wie angewurzelt stehe ich am Ufer. Ich bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. Namenloser Schrecken hat mich gepackt.

»Ihr weist mich immer noch zurück, Mistress?« Die Stimme, die ich einstmals aus Sonias Mund vernommen habe, als sie versuchte, mit meinem toten Vater Kontakt aufzunehmen, ist unverkennbar. Beängstigend. Unnatürlich. Sie gehört nicht in diese Welt. In keine Welt. »Ihr könnt mir nicht entkommen. Es gibt kein Versteck. Keine Zuflucht. Keinen Frieden«, sagt Samael.

Er erhebt sich aus der Hocke, streckt sich in die Höhe, zweimal so groß wie ein sterblicher Mann. Sein Körper ist mächtig. Ich habe das Gefühl, dass er mit einem Sprung über den Fluss setzen und mir an die Kehle gehen könnte, wenn er wollte. Eine Bewegung hinter ihm erregt meine Aufmerksamkeit, und ich erhasche einen flüchtigen Blick auf die glänzenden, ebenholzfarbenen Flügel, die zusammengefaltet auf seinem Rücken liegen.

Und jetzt schiebt sich ein schier übermächtiges Verlangen über meine Furcht. Eine Sehnsucht, die mich wünschen lässt, den Fluss zu überqueren und mich in diese weichen, fedrigen Flügel einzuhüllen. Der Herzschlag ist zunächst ganz leise, ganz schwach. Dann wird er stärker. Poch-poch. Poch-poch. Poch-poch. Ich erinnere mich an ihn. Ich habe ihn schon einmal gehört, als ich mit den Schwingen reiste und Samael begegnete. Und wieder einmal erfüllt es mich mit Entsetzen, dass mein Herz im Rhythmus des seinen schlägt.

Ich trete einen Schritt zurück. Mein ganzes Sein befiehlt mir zu fliehen. Aber ich wage es nicht, mich von ihm abzuwenden. Stattdessen gehe ich ein paar Meter rückwärts, den Blick fest auf die wandelbare Maske seines Gesichts gerichtet. Manchmal ist er so schön wie der schönste Mann. Und dann verändert er sich und wird zu der Kreatur, die er ist.

Samael. Das Untier.

»Öffnet das Tor, Mistress, wie es Eure Pflicht ist und Euer Wunsch. Eurer Weigerung folgen unweigerlich Leid und Qual.« Die kehlige Stimme klingt nicht vom jenseitigen Ufer, sondern ist in meinem Gedanken, als ob seine Worte die meinen wären.

Ich schüttele den Kopf. Ich muss alle Kraft aufwenden, die ich in mir habe, um ihm den Rücken zu kehren. Aber ich tue es. Ich drehe mich um und renne los, breche durch die Baumlinie am Flussufer, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin ich mich wenden soll. Sein Gelächter schießt durch die Bäume wie ein lebendiges Wesen. Als ob es mich jagen würde.

Ich will es nicht hören. Zweige und Äste schlagen gegen meinen Körper und mein Gesicht. Ich renne, will aus diesem Traum aufwachen, will diese Reise beenden. Aber mir bleibt keine Zeit zu überlegen, wie ich das anstellen soll. Mein Fuß bleibt an einer Wurzel hängen und ich falle hin, schlage mit voller Wucht auf, sodass mir schwarz vor Augen wird. Ich stoße mich mit beiden Händen vom Boden ab, versuche, wieder auf die Füße zu kommen, will weiterrennen. Aber da fühle ich, wie mich eine Hand an der Schulter packt.

Und eine Stimme zischt: »Öffnet das Tor.«

Ich sitze aufrecht im Bett. Der Schweiß hat meine Nackenhaare durchfeuchtet und ich unterdrücke einen Schrei.

Mein Atem kommt stoßweise; mein Herz hämmert gegen meine Brust, als würde es immer noch mit seinem im Einklang schlagen. Selbst das Licht, das durch einen Spalt zwischen den Vorhängen fällt, kann den Schrecken nicht besänftigen, den mein Traum hinterlassen hat. Ich warte ein paar Minuten, rede mir ein, dass es wahrhaftig nur ein Traum war. Wieder und wieder sage ich mir: Es war nur ein Traum. Bis ich es glaube.

Dann sehe ich das Blut auf meinem Kissen.

Meine Hand fährt zu meinem Gesicht. Ich berühre mit den Fingerspitzen meine Wange. Als ich sie zurückziehe, weiß ich natürlich schon, was das bedeutet: Der rote Fleck spricht nur die Wahrheit.

Ich stehe auf und gehe zu der Frisierkommode, auf der unzählige Tiegel und Töpfchen mit Cremes und Puder stehen. Ich erkenne das Mädchen im Spiegel kaum. Ihr Haar ist zerzaust und ihre Augen erzählen von etwas Dunklem, Beängstigendem.

Die Schramme auf meiner Wange ist nicht tief, aber sie spricht Bände. Ich starre auf das Blut, das mein Gesicht befleckt, und denke an die Zweige und Äste, die mir das Antlitz zerkratzten, als ich vor Samael floh.

Ich will leugnen, dass ich ungewollt – und allein – mit den Schwingen reiste. Sonia und ich haben beschlossen, dass dergleichen nicht klug wäre, trotz meiner wachsenden Macht und Stärke. Es spielt keine Rolle, dass ich mittlerweile Sonia in den Schatten stelle, denn eins ist sicher: Meine erblühenden Fähigkeiten sind nichts im Vergleich zum Willen und der Macht der Seelen – oder der Stärke meiner Schwester.

2

Ich ziehe die Bogensehne zurück und halte sie eine Sekunde lang gespannt, ehe ich den Pfeil abschieße. Er saust durch die Luft und landet mit einem scharfen Knall hundert Fuß weit entfernt auf der Zielscheibe.

»Du hast genau ins Schwarze getroffen!«, ruft Sonia aus. »Und das auf diese Entfernung.«

Ich schaue zu ihr hin und grinse, wobei ich an meine anfänglichen Versuche im Bogenschießen denken muss, als ich das Ziel nicht einmal auf fünfundzwanzig Fuß treffen konnte, obwohl mir Mr Flannigan, der Ire, der uns unterrichtet, nach Leibeskräften half. Jetzt trage ich Männerhosen und schieße so sicher, als ob ich mein Leben lang nichts anderes getan hätte. Erregung und Stolz fluten zu gleichen Teilen durch meinen Körper.

Und doch kann ich mich heute nicht wirklich an meiner Fähigkeit erfreuen. Immerhin ist es meine Schwester, die ich damit bezwingen will. Und wer weiß – vielleicht muss ich eines Tages meinen Pfeil tatsächlich auf sie richten. Nach allem, was passiert ist, sollte ich vermutlich froh sein, sie zu Fall bringen zu können, aber wenn es um Alice geht, sind meine Gefühle kompliziert. Mein Herz ringt mit einer verschlungenen Mischung aus Wut und Trauer, Bitterkeit und Bedauern.

»Versuch du es.« Ich lächele und lasse meine Stimme bewusst fröhlich klingen, während ich Sonia ermutige, ebenfalls auf die alte, abgenutzte Zielscheibe anzulegen. Aber wir beide wissen, wie unwahrscheinlich es ist, dass sie treffen wird. Sonias Gabe beschränkt sich auf die Fähigkeit, mit den Toten zu sprechen und mit den Schwingen zu reisen. Beim Bogenschießen versagt sie kläglich.

Während sie den Bogen an ihre schmale Schulter hebt, verdreht sie die Augen. Diese scheinbar unbedeutende Geste bringt mich zum Lächeln, denn es ist noch gar nicht so lange her, dass meiner ernsthaften Freundin jede Form von leichtherzigem Humor fremd war.

Sonia legt den Pfeil an und spannt die Sehne. Ihre Arme zittern vor Anstrengung. Als sie die Sehne loslässt, taumelt der Pfeil durch die Luft und sinkt ein paar Fuß vor der Zielscheibe lautlos ins Gras.

»Hmpf! Ich glaube, diese Niederlage reicht für heute, meinst du nicht auch?« Sie wartet meine Antwort nicht ab. »Wollen wir vor dem Essen noch zum See reiten?«

»Oh ja!« Ich stimme zu, ohne lange zu überlegen. Ich bin nicht begierig darauf, die Freiheit und Lässigkeit der Männerkleidung, die ich hier in Whitney Grove tragen kann, gegen das enge Korsett und das elegante Kleid einzutauschen, die ich für die heutige Abendgesellschaft anlegen muss.

Ich hänge mir den Bogen über den Rücken, stecke die Pfeile in den Köcher und überquere gemeinsam mit Sonia den Schießplatz zur anderen Seite, wo unsere Pferde stehen. Wir sitzen auf und reiten über die Felder zu einem glitzernden Streifen Blau in der Ferne. Ich habe so viel Zeit auf dem Rücken von Sargent, meinem Pferd, verbracht, dass ich mich fast mit ihm verwachsen fühle. Während ich reite, lasse ich genüsslich meinen Blick über das herrliche, offene Land schweifen. Keine Menschenseele weit und breit. Die ungetrübte Einsamkeit der Landschaft erweckt in mir erneut Dankbarkeit, mich noch eine Zeit lang den Konventionen der feinen Gesellschaft entziehen zu können.

Die Felder erstrecken sich rund um uns. Niemand ist da, der sich über unsere unangemessene Kleidung, den Herrensattel und das Bogenschießen empören könnte – alles Dinge, die einer Dame der Gesellschaft in London verwehrt sind. Wir genießen die Weite und die frische Luft; das kleine, gemütliche Cottage von Whitney Grove haben wir bislang nur zum Umziehen und für die eine oder andere Tasse Tee genutzt.

»Wer zuerst da ist!«, ruft Sonia über die Schulter. Sie gibt ihrem Pferd bereits die Sporen, aber das stört mich nicht. Ihr einen Vorsprung zu lassen, gibt mir das Gefühl, dass wir immer noch auf gleicher Augenhöhe sind, und sei es bloß bei einem so harmlosen Spaß wie einem Pferderennen.

Ich sporne Sargent an und beuge mich über seinen Nacken, während er angaloppiert. Die Strähnen seiner Mähne schlagen mir wie schwarze Flammen ins Gesicht. Ich bewundere sein schimmerndes Fell und seine Schnelligkeit. Schon bald habe ich Sonia eingeholt, aber ich zügle Sargent und bleibe direkt hinter ihrem grauen Ross.

Sie behält die Führung, bis wir schließlich die unsichtbare Linie überqueren, die wir in unzähligen Rennen als Ziel gesetzt haben. Die Pferde werden langsamer und Sonia schaut über ihre Schulter hinweg zu mir.

»Endlich! Gewonnen!«

Ich lächle und trabe zu ihr. Am Ufer des Teichs zügeln wir die Pferde. »Nun, das war nur eine Frage der Zeit. Du bist eine ausgezeichnete Reiterin geworden.«

Sie strahlt vor Freude. Wir steigen ab und führen die Pferde zum Wasser. Schweigend warten wir, während sie trinken, und ich wundere mich darüber, dass Sonia überhaupt nicht außer Atem ist. Es ist kaum vorstellbar, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit Angst hatte, überhaupt in den Sattel zu steigen, von einem Galopp über die Hügel, wie wir ihn nun mehrmals in der Woche genießen, ganz zu schweigen.

Nachdem die Pferde ihren Durst gelöscht haben, gehen wir hinüber zu der mächtigen Kastanie, die neben dem Wasser wächst. Wir binden die Pferde an den Stamm und setzen uns in das hohe Gras, stützen uns auf die Ellbogen. Die Wollhosen kneifen an meinen Schenkeln, aber ich beklage mich nicht. Sie tragen zu dürfen, ist ein Luxus. In ein paar Stunden schon werde ich mich zum Abendessen mit lauter feinen Leuten in ein Seidenkleid zwängen müssen.

»Lia?« Sonias Stimme weht wie eine Brise zu mir.

»Hmm?«

»Wann gehen wir nach Altus?«

Ich schaue sie an. »Ich weiß nicht. Ich vermute, wenn Tante Abigail denkt, ich sei bereit, und mich holen lässt. Warum?«

Einen Moment lang scheint sich ihr sonst so gelassenes, ruhiges Gesicht unruhig zu verziehen, und ich weiß, dass sie an die Gefahr denkt, in die wir uns auf der Suche nach den fehlenden Seiten begeben.

»Ach, wahrscheinlich möchte ich es einfach nur hinter mich bringen. Das ist alles. Manchmal …« Sie wendet sich ab und blickt über die Felder von Whitney Grove. »Manchmal kommt mir alles, was wir tun, so sinnlos vor. Wir sind den verlorenen Seiten keinen Schritt näher gekommen, seit wir hier sind.«

In ihrer Stimme liegt eine ungewöhnliche Schärfe, und plötzlich tut es mir leid, dass ich mich so sehr meinen eigenen Problemen, meinem eigenen Verlust zugewandt habe. Ich habe mich nicht genug um die Last gekümmert, die sie tragen muss.

Mein Blick wandert zu dem schwarzen Samtband um Sonias Handgelenk. Das Medaillon. Meins. Es liegt an ihrem Handgelenk, um mich zu schützen, aber ich kann mir nicht helfen: Ich sehne mich nach dem weichen, trockenen Samt, nach dem kühlen Gold der Scheibe auf meiner Haut. Mein unerklärliches Verlangen danach ist wie ein Mühlstein um meinen Hals. Es ist mein Schicksal. Seit dem Augenblick, als es seinen Weg zu mir fand.

Ich greife nach ihrer Hand und lächle, fühle die Traurigkeit dieses Lächelns auf meinem Antlitz. »Es tut mir leid, wenn ich dir nicht genug dafür danke, dass du mir eine große Last von den Schultern nimmst. Ich weiß nicht, was ich ohne deine Freundschaft täte. Wirklich nicht.«

Sie lächelt scheu und macht eine wegwerfende Handbewegung. »Sei doch nicht dumm, Lia! Du weißt, dass ich alles für dich tun würde. Alles!«

Ihre Worte glätten die Wogen der Unruhe in mir. Bei all dem, was ich fürchten muss, bei all den Menschen, denen ich misstraue, liegt ein unermesslicher Trost in der Freundschaft, die – wie ich weiß – niemals enden wird, was auch immer noch vor uns liegen mag.

Die Abendgesellschaft der Society ist so angenehm und so elegant wie jede andere Londoner Gesellschaft. Der Unterschied ist kaum spürbar und kann nur von wachsamen Gemütern wahrgenommen werden.

Während wir durch die Räume schlendern und uns mit den anderen Gästen unterhalten, löst sich meine Anspannung. Obwohl die Prophezeiung noch immer unser Geheimnis ist, meins und Sonias, ist dies der Ort, an dem ich am meisten ich selbst bin. Nur dank der Society haben Sonia und ich Gleichgesinnte kennengelernt und ich bin Tante Virginia für ihr Empfehlungsschreiben zutiefst dankbar.

Ich entdecke eine elegante Frisur aus leuchtenden Silberhaaren in der Menge und lege Sonia die Hand auf den Arm. »Komm mit. Da ist Elspeth.«

Die ältere Dame hat uns ebenfalls entdeckt und bahnt sich jetzt würdevoll einen Weg zwischen den Menschen hindurch, bis sie vor uns steht. Sie lächelt. »Lia! Liebes! Ich freue mich, dass du gekommen bist. Und auch über dich, Sonia!« Elspeth Shelton beugt sich vor und küsst die Luft neben unseren Wangen.

»Das hätten wir um alles in der Welt nicht verpassen wollen!« Sonias Wangen glühen rosa über dem Tiefrot ihres Abendkleides. Nachdem sie jahrelang zurückgezogen unter den Fittichen von Mrs Millburn in New York gelebt hat, erblüht Sonia förmlich unter der herzlichen Zuneigung anderer Menschen, die ihre Gabe und ihre Fähigkeiten teilen – und noch über viele andere verfügen.

»Das möchte ich aber auch hoffen!«, sagt Elspeth. »Ich kann kaum glauben, dass es erst acht Monate her ist, da ihr mit Virginias Brief in den Händen vor unserer Tür standet. Und jetzt wären unsere Versammlungen ohne eure Gegenwart einfach nicht mehr dasselbe, obwohl eure Tante vermutlich erwartet, dass ich euch besser beaufsichtige.« Sie zwinkert schelmisch und Sonia und ich lachen laut auf. Elspeth führt bei der Organisation von Abendgesellschaften und Zusammenkünften der Society ein strenges Regiment, aber Sonia und mir gestattet sie alle erdenklichen Freiheiten. »Ich muss die anderen begrüßen. Wir sehen uns beim Essen.«

Sie steuert auf einen Gentleman zu, den ich erkenne, obwohl er im Augenblick versucht, seine Fähigkeit in Unsichtbarkeit unter Beweis zu stellen. Es ist der alte Arthur Frobisher, von dem man in den heiligen Hallen der Society behauptet, er stamme von einer langen Reihe hochgestellter Druiden ab. Aber das Alter lässt seinen Zauber schwächlich erscheinen, und sein grauer Bart und die zerknautschte Weste sind als dünne Kontur in einer Art Nebel zu sehen. Er unterhält sich mit einem jüngeren Mitglied der Society.

»Dir ist doch klar, dass deine Tante einen Herzanfall bekäme, wenn sie wüsste, wie wenig uns Elspeth beaufsichtigt, nicht wahr?« Sonias Stimme klingt schelmisch.

»Aber sicher. Doch wir haben immerhin 1891. Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Außerdem … wie sollte Tante Virginia jemals davon erfahren?« Ich grinse Sonia an.

»Ich werde es nicht verraten, wenn du versprichst, auch nichts zu sagen.« Sie lacht laut und deutet mit einem Kopfnicken in die Menge. »Begrüßen wir die anderen, ja?«

Ich schaue mich um, ob ich jemanden sehe, den wir kennen. Meine Augen bleiben an einem jungen Mann in der Nähe der reich mit Schnitzereien verzierten Treppe hängen. »Schau mal, da ist Byron.«

Wir schlängeln uns durch die Menge. Gesprächsfetzen gleiten auf Wolken aus Zigarrenrauch und Parfüm zu mir hin, schwängern die Luft. Als wir Byron schließlich erreichen, sehen wir fünf Äpfel vor ihm durch die Luft kreiseln. Er steht bloß da, mit geschlossenen Augen und die Arme schlaff an den Seiten herabhängend.

»Guten Abend, Lia. Guten Abend, Sonia.« Byron öffnet nicht seine Augen und die Äpfel fahren ungebremst mit ihrem luftigen Reigen fort. Ich habe schon lange aufgehört, mich zu fragen, woher Byron weiß, dass wir vor ihm stehen, obwohl seine Augen bei seinen kleinen Tricks immer fest geschlossen sind.

»Guten Abend, Byron. Du wirst immer besser, wie ich sehe.« Ich nicke zu den Äpfeln hin, obwohl ich mir sicher bin, dass er die Geste nicht wahrnehmen kann.

»Tja, nun, es amüsiert die Kinder und – natürlich – die Damen.« Er schlägt die Augen auf und schaut geradewegs in Sonias Gesicht, während die Früchte eine nach der anderen in seine Hand fallen. Mit einer eleganten Verbeugung reicht er ihr einen der glänzend roten Äpfel.

Ich wende mich zu Sonia. »Hör mal, bleib doch und versuche, Byron das Geheimnis seines höchst … amüsanten Talents zu entlocken, während ich uns ein Glas Punsch hole. Einverstanden?« Sonias strahlende Augen verraten deutlich, dass sie gern in Byrons Nähe ist. Und dem Ausdruck in seinen nach zu urteilen, beruht diese Neigung auf Gegenseitigkeit.

Sonia lächelt schüchtern. »Soll ich dich nicht doch lieber begleiten?«

»Aber nein. Ich bin gleich wieder da.« Und schon habe ich mich der Punschschale aus funkelndem Kristallglas am anderen Ende des Raums zugewandt.

Ich gehe am Klavier vorbei, das eine leichte Melodie spielt, obwohl niemand an den Tasten sitzt, und versuche herauszufinden, wer unter all den Gästen im Raum der Spieler ist. Eine durchsichtige Welle aus Energie verbindet eine junge Frau auf dem Sofa mit dem Instrument und verrät sie als die virtuose Pianistin. Ich lächle vor mich hin, zufrieden mit meiner Scharfsichtigkeit. Die Society bietet mir unendlich viele Gelegenheiten, meine Fähigkeiten zu verfeinern.

Vor der Punschschale drehe ich mich um und schaue zu Sonia und Byron hinüber. Wie ich erwartet habe, befinden sie sich bereits ins Gespräch vertieft. Wenn ich jetzt wieder zu ihnen zurückkehrte, würde ich mir damit keine Freunde machen, selbst wenn ich drei Gläser Punsch mitbringen würde.

Und so verlasse ich den Salon und folge dem Klang der Stimmen, die aus einem abgedunkelten Raum am anderen Ende der Halle dringen. Die Tür ist nur angelehnt, und als ich durch den Spalt schaue, sehe ich eine Gruppe um einen kreisrunden Tisch versammelt. Jennie Munn macht sich bereit, die Anwesenden durch eine Seance zu führen. Ich bin froh und stolz zugleich, denn Jennie wurde von Sonia unterwiesen und hat dank der Anleitung meiner Freundin die Gaben, die ihr in die Wiege gelegt wurden, deutlich verbessern können.

Jennie fordert die anderen Gäste am Tisch auf, ihre Augen zu schließen, und ich ziehe die Tür zu, während ich leise zurücktrete. Dann gehe ich durch die Halle und steuere auf einen kleinen Hof an der Rückseite des Hauses zu. Ich greife nach der Türklinke und frage mich gleichzeitig, ob ich meinen Mantel brauche, als ich mich in dem Spiegel an der Wand bemerke. Eitelkeit gehört nicht zu meinen Schwächen. So etwas passt besser zu Alice. Ich habe sie immer für schöner gehalten als mich selbst, trotz der Tatsache, dass wir eineiige Zwillinge sind. Aber jetzt, da ich mein Gesicht im Spiegel erblicke, erkenne ich mich kaum wieder.

Das Antlitz, das ich früher immer für zu rund befunden habe, für zu weich, ist nun mit eleganten Wangenknochen ausgestaltet. In meinen grünen Augen, die ich von meiner Mutter geerbt habe und die schon immer alle Blicke auf sich gezogen haben, liegt eine neue Kraft und Ausdrucksstärke. Es ist, als ob alles, was sich in den letzten Monaten in mir angesammelt hat – das Leid, aber auch der Triumph und das Selbstvertrauen – sich wie ein schimmerndes Juwel in ihren Tiefen widerspiegelt. Selbst mein Haar, das früher einfach nur braun war, glänzt voller Gesundheit und Kraft. Meine Freude über meine Erscheinung durchströmt mich wie ein kleines Feuer, und so trete ich ohne Mantel hinaus in die kühle Nachtluft.

Wie ich es erwartet habe, ist niemand im Hof. Hier komme ich oft her, wenn wir von der Society zu einer Gesellschaft geladen werden. Ich habe mich immer noch nicht an die schweren Parfüms gewöhnt, die einige der anderen, inbrünstigeren Zauberinnen und Hellseherinnen bevorzugen, und so atme ich tief ein. Mein Kopf klärt sich, als die frische Luft in meinen Körper dringt. Ich gehe den gepflasterten Weg entlang, der sich durch Elspeths Garten windet. Sie kümmert sich höchstpersönlich um die Pflanzen. Ich hatte noch nie ein Händchen für Gartenarbeit, aber ich erkenne einige der Kräuter und Büsche, mit denen mich Elspeth so eifrig vertraut machen will.

»Haben Sie keine Angst, hier draußen im Dunkeln?« Die tiefe Stimme dringt aus den Schatten.

Ich richte mich auf. Von dem Mann, dem die Stimme gehört, kann ich weder das Gesicht noch die restliche Gestalt erkennen. »Nein. Sie?«

Er lacht leise, und es ist, als ob sich warmer Wein in meinen Körper ergießen würde. »Ganz und gar nicht. Manchmal glaube ich gar, dass ich mich vor der Helligkeit mehr ängstigen sollte.«

Ich schüttele die rauschartige Wärme ab, die sich in meinen Adern niederzulassen droht, und breite die Arme aus. »Wenn das so ist, können Sie sich ruhig zeigen. Hier ist es ja nicht hell.«

»Das stimmt.« Er tritt hervor in den schwachen Schein der Mondsichel. Das dunkle Haar glänzt, selbst bei dieser unzureichenden Beleuchtung. »Warum gehen Sie in den kalten, menschenleeren Garten, wo doch drin die fröhliche Gesellschaft ihrer Freunde auf Sie wartet?«

Es ist ungewöhnlich, bei einer Zusammenkunft der Society ein unbekanntes Gesicht zu sehen. Misstrauisch verenge ich die Augen. »Was kümmert Sie das? Und was führt Sie zur Society?«

Alle Mitglieder der Society hüten eifersüchtig ihre Geheimnisse. Für die Augen von jenen, die außerhalb dieser Mauern bleiben müssen, sind wir nur ein privater Club. Aber die Hexenjagden früherer Jahrhunderte wären nichts im Vergleich zu dem Aufschrei, der sich erheben würde, wenn unsere Existenz allgemein bekannt würde. Denn obwohl es in unserer aufgeklärten Gesellschaft viele gibt, die sich Rat und Hilfe suchend an einfache Spiritisten wenden, würde die Macht, die in unseren Reihen existiert, selbst die liberalsten Menschen erschrecken.

Der Mann tritt näher. Ich kann die Farbe seiner Augen nicht erkennen, aber die Glut, mit der mich diese Augen betrachten, ist nicht zu übersehen. Sie wandern über mein Gesicht, meinen Hals entlang und ruhen einen Moment auf den sanften Kuppen meiner Brüste oberhalb des moosgrünen Korsetts meines Kleides. Rasch blickt er zur Seite, und in dem Bruchteil der Sekunde, ehe er einen Schritt rückwärts macht, fühle ich die Hitze, die zwischen unseren Körpern aufsteigt, höre das leise Aufkeuchen, von dem ich nicht weiß, ob er es ausgestoßen hat oder ich.

»Arthur hat mich eingeladen.« Die Wärme ist aus seiner Stimme verschwunden, und plötzlich hört er sich an wie ein perfekter Gentleman. »Arthur Frobisher. Unsere Familien sind seit Jahren befreundet.«

»Oh, ich verstehe.« Jetzt klingt mein Seufzen deutlich durch die Nachtluft. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, warum ich voller Angst die Luft anhielt. Ich nehme an, dass es fast unmöglich ist, irgendjemandem zu vertrauen, wenn man die Fähigkeit der Seelen kennt, nahezu jede Gestalt anzunehmen – und am häufigsten die eines Menschen.

»Lia?« Sonia ruft mich von der Terrasse aus.

Ich muss meinen Blick beinahe gewaltsam von den Augen des Mannes lösen. »Ich bin im Garten.«

Ihre Absätze klappern auf den Steinplatten der Terrasse, werden lauter, je näher sie uns kommt. »Was machst du hier draußen? Ich dachte, du wolltest uns ein Glas Punsch holen!«

Ich wedele mit der Hand in Richtung des Hauses. »Es ist so heiß und stickig da drin. Ich wollte etwas frische Luft schnappen.«

»Elspeth hat verkündet, dass gleich das Essen serviert wird.« Ihr Blick fällt auf meinen Begleiter.

Ich schaue ihn ebenfalls an. »Das ist meine Freundin, Sonia Sorrensen. Sonia, das ist … Es tut mir leid, ich kenne nicht einmal Ihren Namen.«

Er zögert und macht dann eine kleine, formelle Verbeugung. »Dimitri. Dimitri Markov. Es ist mir ein Vergnügen.«

Auch in dem Dämmerlicht des Gartens ist Sonias Neugier nicht zu übersehen. »Ich freue mich ebenfalls, Sie kennenzulernen, Mr Markov. Aber ich fürchte, wir müssen uns jetzt zu Tisch begeben, ehe Elspeth auf die Idee kommt, eine Suchmannschaft nach uns auszuschicken.« Sie lässt mich spüren, dass sie viel lieber hier draußen geblieben wäre und herausgefunden hätte, was ich mit einem dunklen, gut aussehenden Fremden allein im Garten treibe, anstatt zum Essen ins Haus zu gehen.

Ich höre das Lächeln in Dimitris Erwiderung. »Nun, das dürfen wir natürlich nicht zulassen, nicht wahr?« Er nickt zum Haus. »Nach Ihnen, meine Damen.«

Ich folge Sonia zurück zum Haus und Dimitri reiht sich hinter mir ein. Ich fühle seine Augen auf mir, bei jedem Schritt, den ich mache. Ich fühle ein Kribbeln, obwohl ich mir alle Mühe gebe, den Anflug von gedanklicher Untreue James gegenüber beiseitezuwischen. Und was ich noch verdrängen möchte – aber nicht kann –, ist ein bestimmter Verdacht.

3

Später an diesem Abend sitze ich am Schreibtisch in meinem Zimmer und halte den Umschlag in meinen Händen. Wieder ein Brief von James.

Ich sollte ihn jetzt gleich lesen. Wenn ich es hinauszögere, wird es nicht leichter. Keine unerwartete Stärke wird in mir erblühen und mich vor dem Schmerz schützen, der kommen wird, der immer kommt, wenn ich seine Briefe lese. Und es ist mir auch nicht möglich, ihn ungeöffnet zu lassen. James verdient es, gehört zu werden. Das zumindest schulde ich ihm.

Ich greife nach dem silbernen Brieföffner, schiebe ihn unter die versiegelte Klappe des Umschlags und reiße ihn auf, noch ehe ich Zeit habe, es mir anders zu überlegen.

3. Juni 1891

Meine liebste Lia,

heute ging ich am Fluss spazieren, an unserem Fluss, und dachte an dich. Ich erinnerte mich daran, wie dein Haar im Sonnenlicht schimmert, und an die sanfte Wölbung deiner Wange, wenn du deinen Kopf senkst und mich neckend anlächelst. Aber das ist nichts Neues. Ich denke jeden Tag an dich. Als du mich verlassen hast, versuchte ich zunächst, mir ein düsteres Geheimnis vorzustellen, das dich zu einem solchen Schritt veranlasst hatte. Es gelang mir nicht. Denn es gibt kein Geheimnis, keine Furcht, kein Hindernis, das mich jemals willentlich von dir fernhalten könnte. Ich habe immer angenommen, dass du das Gleiche fühlst wie ich.

Ich glaube, ich habe endlich akzeptiert, dass du fortgegangen bist. Nicht nur das, sondern dass du schweigend fortgegangen bist, dass auf meine wiederholten Briefe kein Wort der Erwiderung kommt, keine Hoffnung.

Ich würde gerne sagen, dass ich immer noch an dich glaube, an dich und an eine gemeinsame Zukunft. Vielleicht stimmt das ja. Aber im Augenblick bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Leben wieder in die Hand zu nehmen, samt der Leere, die du darin hinterlassen hast. Und daher sollten wir uns einig sein, dass jeder von uns seinen Weg gehen wird, wie er es für richtig hält.

Sollten sich unsere Wege wieder kreuzen, solltest du irgendwann zu mir zurückkehren wollen, werde ich vielleicht an unserem Fels am Fluss auf dich warten. Vielleicht werde ich eines Tages aufschauen und dich im Schatten der großen Eiche stehen sehen, die uns in so vielen Stunden gestohlener Zweisamkeit behütet hat. Was immer passiert, Lia, mein Herz wird stets dir gehören. Ich hoffe, du behältst mich in guter Erinnerung.


James

Der Brief ist keine Überraschung. Wie könnte er auch? Ich habe James verlassen. Meinen einzigen Brief an ihn schrieb ich an dem Abend, bevor Sonia und ich nach London abreisten, und der lieferte ihm weder Antworten noch Erklärungen. Nur eine Beteuerung meiner Liebe für ihn und das vage Versprechen, zurückzukehren. Diese Worte verloren wohl für James an Bedeutung, nachdem ich keinen einzigen seiner Briefe beantwortet habe. Ich kann ihm seine Enttäuschung und seine Abkehr von mir nicht übel nehmen.

Meine Gedanken wandern zu einem wohlbekannten Ort, einem Ort voller Freude. Es ist ein Ort in meiner Fantasie, an dem ich James alles erzähle und ihm das anvertraue, was ich ihm verschwiegen habe, ehe ich New York verließ. Ein Ort, an dem er an meiner Seite steht, während ich die Prophezeiung auf eine Art und Weise beende, die uns die Hoffnung auf eine Zukunft erlaubt.

Aber es dauert nicht lange, bis ich meiner Fantasie den Rücken kehre und mich streng zurechtweise, dass diese Wunschträume vergeblich sind. Die Prophezeiung hat bereits das Leben meines Vater und meines Bruder gekostet und – in gewisser Weise – auch mein eigenes. Ich könnte es nicht ertragen, wenn noch ein weiteres Leben ausgelöscht werden würde, noch dazu, wenn es James’ Leben wäre. Es war unsinnig zu glauben, dass er auf mich warten würde, wenn ich nicht einmal in der Lage bin, ihm die Gründe für meine Abreise zu nennen.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass James’ Entscheidung von Klugheit und Besonnenheit zeugt, während ich lediglich naiv war. Mein Herz verkrampft sich in der Erkenntnis, die ich vor mir selbst verborgen habe und um die ich stets dann einen großen Bogen machte, wenn ich Gefahr lief, ihr zu nahe zu kommen.

Aber sie war immer da.

Ich stehe auf und trete mit dem Brief an das ersterbende Kaminfeuer. Ich will das Blatt, ohne zu zögern, in die Glut werfen, will nicht einer Zukunft nachweinen, die niemals wahr werden kann, es sei denn, die Prophezeiung ist zu einem Ende gebracht.

Aber es ist nicht so einfach. Meine Hand hält wie von selbst mitten in der Bewegung inne, bleibt vor dem Kamin in der Luft hängen, erwärmt sich durch die Hitze des Feuers. Ich rede mir ein, dass dieser Brief bloß Papier und Tinte ist. Dass James vielleicht doch auf mich wartet, wenn ich meine Aufgabe erledigt habe. Aber der Brief ist eine Erinnerung, die mich wie die Schwingen eines Albatros beschatten würde, eine Erinnerung, die ich mir nicht leisten kann. Ich würde ihn nur immer wieder lesen, und deshalb muss ich ihn vernichten. Ich darf nicht zulassen, dass er mich von meiner Aufgabe ablenkt.

Dieser Gedanke löst meinen Griff um das Blatt Papier. Ich werfe es ins Feuer, als ob der Brief selbst in Flammen stehen würde. Als ob er allein durch seine bloße Existenz meine Hand verbrennen könnte. Ich schaue zu, wie sich die Ränder des Papiers in der Hitze wellen. Und nach wenigen Momenten ist es so, als ob ich die Worte, die James in seiner ordentlichen Handschrift zu Papier gebracht hat, nie gelesen hätte. Als ob sie niemals geschrieben worden wären.

Die Vernichtung des Briefes lässt meinen ganzen Körper erzittern. Ich schlinge die Arme um mich und versuche, mich selbst festzuhalten. Ich sage mir, dass ich mich der Vergangenheit entledigt habe, ob es mir gefällt oder nicht. James gehört nicht länger zu mir. Alice und ich stehen einander als Feinde gegenüber.

Jetzt gibt es nur noch die Schlüssel, die Prophezeiung und mich.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, aber als ich aufwache, ist das Feuer schon fast gänzlich heruntergebrannt. Ich schaue mich in dem dunklen Raum um, auf der Suche nach dem Ursprung des Geräuschs, das mich geweckt hat, und erblicke eine Gestalt, so durchscheinend wie ein Geist, die mit einem sanften Rauschen seidigen weißen Stoffes durch meine geöffnete Zimmertür nach draußen verschwindet.

Auf dem Korridor ist alles still. Die Türen zu den anderen Schlafräumen sind geschlossen. Das dämmrige Licht der weit heruntergedrehten Wandlampen ist so schwach wie die Beleuchtung in meinem Zimmer und so kann ich die Formen und Konturen der Möbel in dem langen Korridor gut ausmachen. Ohne zu zögern gehe ich in Richtung der Treppe.

Die Gestalt, die in ein weißes Nachthemd gekleidet ist, geht die Treppe hinunter. Es kann nur eins der Hausmädchen sein. Niemand sonst würde um diese Zeit im Haus unterwegs sein. Leise rufe ich nach ihr, weil ich niemanden wecken will.

»Hallo? Ist alles in Ordnung?«

Am Fuß der Treppe dreht sich die Gestalt langsam zu mir um. Ich keuche auf, kümmere mich nicht mehr um das schlafende Haus. Denn ich blicke in das Antlitz meiner Schwester.

Wie bei unserer Begegnung mit den Schwingen spielt ein leises Lächeln um ihre Mundwinkel. Das Lächeln ist sanft und hinterhältig zugleich. Es ist ein Lächeln, das nur Alice zustande bringt.

»Alice?« Ihr Name auf meiner Zunge ist vertraut und beängstigend. Vertraut, weil sie meine Schwester ist. Mein Zwilling. Beängstigend, weil ich weiß, dass sie es nicht sein kann, nicht in Fleisch und Blut. Ihre Gestalt leuchtet förmlich, und ich kann deutlich erkennen, dass ihr physischer Körper nicht gegenwärtig ist.

Das ist völlig unmöglich, denke ich. Es kann nicht sein. Kein menschliches Wesen, das mit den Schwingen reist, kann die Grenze in die wirkliche Welt überschreiten. Nicht sichtbar jedenfalls. Das ist eine der ältesten Regeln, die der Orden der Grigori aufgestellt hat, der immer noch über die Prophezeiung wacht, über die Reisen mit den Schwingen und über die Anderswelten.

Ich rätsele immer noch über Alice’ verbotenes Erscheinen, als sie zu verblassen beginnt. Ihre Gestalt wird immer durchscheinender. In dem Augenblick, ehe sie ganz verschwindet, verwandelt sich ihr Blick, wird hart und böse. Dann ist sie weg.

Ich packe das Geländer, weil ich Angst habe, zu Boden zu sinken. Alles dreht sich vor mir, während mir die Ungeheuerlichkeit dieses Ereignisses bewusst wird. Es stimmt: Alice ist eine exzellente Zauberin; schon vor meiner Abreise aus New York war sie ungeheuer geschickt. Aber ihr Auftauchen hier in London, über diese gewaltige Entfernung, kann nur bedeuten, dass sie seitdem noch viel mächtiger geworden ist.

Natürlich habe ich mich nie der Illusion hingegeben, dass es anders sein könnte. Denn obwohl ich erst dabei bin, all meine Gaben zu entdecken, merke ich, wie ich jeden Tag stärker werde. Es ist nur natürlich, dass Alice die gleiche Entwicklung durchmacht.

Aber dass sie die Grenze durchbrochen hat, die von den Grigori gesetzt wurde, kann nur eins bedeuten: Die Seelen mögen mich zwar all die Monate in Frieden gelassen haben, aber nur, weil meine Schwester immer noch all ihre Macht für Samael einsetzt.

Und ich habe das Gefühl, dass sie etwas vorhaben, was ihrem langen Stillhalten ein Ende machen wird.