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001

Inhaltsverzeichnis
 
DER AUTOR
Widmung
Vorwort
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
 
Nachwort
Copyright

DER AUTOR
001
Harald Tondern gehört zu den Autoren, die mit Vorliebe Themen der Gegenwart aufgreifen und in Erzählungen umsetzen. Schon als Schüler veröffentlichte er erste Texte, während des Studiums schrieb er Kriminalromane. Harald Tondern lebt als freier Schriftsteller in Hamburg und Nordfriesland.
 
 
 
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Mitschuldig? (30174)

Für Johann und Samuel

Vorbemerkung
Alle Personen und Ereignisse in diesem Roman sind frei erfunden. Bootcamps wie das hier beschriebene gibt es in unserem Jugendstrafrecht bisher nicht.
Falls aber der Gesetzgeber die gesetzlichen Möglichkeiten dafür schaffen würde, könnten derartige Einrichtungen auch bei uns Realität werden.

1
Der schwarze Kleinbus mit den dunklen Fenstern stand direkt an der Einfahrt zur Landepiste.
Luk entdeckte den Wagen, als der Pilot die Nase der einmotorigen Maschine so abrupt nach unten drückte, dass Judith erschrocken nach Luks Arm griff.
Genervt schüttelte Luk ihre Hand ab. War doch klar, was Hansen vorhatte. Die ganze Zeit schon hatte er versucht, seine beiden Passagiere mit seinen Flugkünsten zu beeindrucken. Aber Luk hatte sich die Kappe ins Gesicht gezogen und gepennt. Nur ein paar Mal hatte er kurz nach unten gelinst, aber erst als Judith endlich aufgehört hatte, ihn dauernd anzustoßen und nach draußen zu zeigen. »Diese Rillen da unten im Watt. Wahnsinn, Luk! Guck doch mal runter!«
Luk grinste, als die Maschine mit einem ziemlichen Wumm auf der Graspiste aufsetzte und gleich wieder hochgeworfen wurde. Hansen fluchte unterdrückt. Er hatte anscheinend ein paar Meter zu spät aufgesetzt. Ein, zwei Sekunden lang überlegte er wohl, ob er nicht lieber durchstarten sollte. Aber das wäre dann doch zu blamabel gewesen. Wütend stieg er auf die Bremse.
Judiths Fingernägel bohrten sich in Luks Arm, als die Cessna Skylane nach links ausbrach. Erst fünf Meter vor den rot-weißen Warnstreifen, die das Ende des Flugfelds markierten, brachte Hansen den Flieger endlich zum Stehen.
»Schade«, sagte Luk. Er zeigte auf den breiten Graben direkt hinter der Warnmarkierung. »Hatte mich schon auf’ne gepflegte Bruchlandung gefreut.« Er fummelte nach der Türsicherung.
»Sitzen bleiben!«, knurrte Hansen. Er war eigentlich Bauer. Fliegen war sein Hobby.
Luk überlegte, ob er nicht doch einfach rausspringen sollte. Aber dann fiel ihm ein, wo sein Bike stand. Gleich neben dem Tower hatte er es gegen das Metalltor gelehnt.
Er ließ sich in den Sitz zurücksinken. Das waren garantiert 400 Meter. Vielleicht sogar noch mehr. Warum sollte er laufen, wenn er sich auch kutschieren lassen konnte?
»Luk«, sagte Judith neben ihm. Ihre Stimme klang piepsig nach der Angst, die sie gerade ausgestanden hatte. Aber sie war schon wieder am Ball. »Luk, ich muss mit dir reden.«
Luk reagierte nicht. Wozu auch? Er wusste auch so, was Judith von ihm wollte. Seit Wochen schon war sie hinter ihm her. Wir müssen mal reden, Luk! Sie hatte an der Schule einen Lehrgang mitgemacht und war jetzt »Konfliktmoderatorin« oder so was. Wahrscheinlich hatte ihr Herz einen Luftsprung gemacht, als er sie vorhin angerufen hatte. Endlich hatte sie ihn so weit.
Dabei war ihm einfach so schnell kein anderer eingefallen. Der Gutschein, den seine Großmutter ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, galt für zwei. Und heute war der letzte Tag. »Ich hab Hansen extra noch mal angerufen«, hatte die Alte vorhin am Telefon genervt. »Morgen ist der Gutschein verfallen. Da fackelt der nicht lange. Und ich übrigens auch nicht, Luk. Ich bezahl doch nicht für einen Gutschein, den du dann nicht einlöst. Dann kannst du deinen Führerschein auch gleich in den Schornstein schreiben. Dafür kriegst du keinen Cent von mir. Wen nimmst du denn mit?«
Luk überlegte, was er sagen sollte.
»Oder soll ich mitkommen? Ich spring schnell in den Wagen und …«
»Judith«, hatte er sie unterbrochen.
»Ein Mädchen?« Er wusste doch, was sie hören wollte. Ihre Stimme klang auf einmal hocherfreut. »Kenne ich sie?«
»Ich muss Schluss machen, Oma. Ich muss Judith noch anrufen.«
»Ja, tu das, Junge.«
Luk hatte grinsen müssen. Sie glaubte fest daran, dass sich alles ändern würde, wenn er erst mal eine Freundin hatte. Was Festes.
Ausgerechnet Judith!
Die sah zwar gut aus. Aber irgendwas störte ihn an ihr. Vielleicht, dass sie immer so genau wusste, was sie wollte.
»Wirklich, Luk, wir müssen unbedingt miteinander reden! Wegen des Gläsernen Bahnhofs zum Beispiel. Da warst du doch dabei, oder?«
Sie versuchte wieder, nach seinem Arm zu greifen, als Hansen die kleine Propellermaschine neben der rot-grünen Gartenlaube, die ihm als Tower diente, zum Halten brachte.
Luk hatte die Tür der Cessna schon aufgestoßen. Er sprang aus der Maschine, stapfte durch das ein wenig feuchte Gras auf das angerostete Metalltor zu und flankte lässig drüber hinweg. Bald würde die Dämmerung einsetzen. Ohne sich noch einmal umzusehen, schwang er sich auf sein Bike und fuhr los.
»Luk!«, rief Judith wieder.
Luk ignorierte sie nicht einmal. Er hatte sie längst vergessen.
Genau wie den schwarzen Kleinbus, der noch eine ganze Weile am Rand des Feldwegs stehen blieb. Man hätte meinen können, dass niemand hinter dem Steuer saß, wenn nicht das unregelmäßige Aufglimmen der Zigarette zu sehen gewesen wäre.
Luk hatte schon mehr als 100 Meter zurückgelegt, als sich der Kleinbus schließlich in Bewegung setzte und ihm langsam folgte.

2
»He, du kennst dich hier doch bestimmt aus.«
Luk trat fluchend auf die Bremse. Er hatte gar keine andere Wahl. Der schwarze Kleinbus hatte ihn überholt und sich dann quer über den Feldweg gestellt.
Der Mann, der sich aus dem Seitenfenster herausbeugte, hatte ein längliches, gebräuntes Gesicht und sehr weiße Zähne. Seine unnatürlich blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er grinste Luk freundlich an. »Tschuldigung, Alter. Mein Freund fährt wie’n Hooly.« Er hielt Luk eine Straßenkarte hin. »Und mit null Orientierungssinn. Zeigst du mir mal, wo wir hier …«
Luk hörte ein Geräusch hinter sich. Es klang nach kurzen, schnellen Turnschuhschritten. Aber bevor er auch nur den Kopf wenden konnte, packte jemand seinen linken Arm und riss ihn so ruckartig nach hinten, dass Luk nach vorn knickte und mit der Stirn auf den Fahrradlenker schlug. Etwas Hartes legte sich um sein Handgelenk. Er wollte sich losmachen, aber da wurde sein anderer Arm gepackt und nach hinten gezerrt. Irgendwas klickte metallisch.
Nicht zu fassen! Das mussten Handschellen sein!
Der Mann auf dem Beifahrersitz hatte sich nach hinten gebeugt. Von innen stieß er die hintere Tür des Kleinbusses auf. Luk bekam einen gewaltigen Stoß in den Rücken. Kopfüber fiel er auf die Rückbank des Wagens. Er hörte noch, wie sein Fahrrad irgendwo gegen einen Zaun geworfen wurde.
Dann war der Fahrer auch schon um den Bus herumgegangen. Eine Tür schlug zu und der Wagen setzte sich in Bewegung. Nicht so, wie man es manchmal in Krimis sah. Nicht mit Vollgas und durchdrehenden, kreischenden Reifen. Sondern ganz normal. Der Fahrer wartete sogar brav an der Kreuzung, bis sich ihm auf der Hauptstraße eine ausreichende Lücke im Verkehr bot.
Luk, der mit dem Gesicht nach unten auf den Sitzen gelandet war, hatte es gerade geschafft, sich auf die linke Schulter zu drehen und sich halb aufzurichten. Aber als der Wagen jetzt anfuhr, verlor er das Gleichgewicht und rutschte mit dem Knie von der Bank. Er kam mit der Kniescheibe auf den Boden auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Bein und nahm ihm die Luft.
Minuten lang blieb er liegen, das Gesicht in das Sitzpolster gepresst, das Knie leicht angehoben. Die Handschellen in seinem Rücken schnitten in seine Handgelenke.
Was zum Teufel passierte hier eigentlich mit ihm?
Diese beiden Männer, was hatten die mit ihm vor? Waren das zwei Verrückte, die sich irgendeinen Typen von der Straße abgreifen und …?
He, jetzt aber mal Stopp! Dafür war er doch glücklicherweise schon zu alt. Solche Leute machen sich nicht an Fünfzehnjährige heran. Die wollen Kinder. Zehnjährige vielleicht.
Dann also doch eine schlichte Entführung. An der übernächsten Telefonzelle würden sie anhalten und seinen Vater anrufen. Wenn Sie Ihren Sohn lebend wiedersehen wollen, sollten Sie ganz schnell fünf Millionen in kleinen Scheinen besorgen. Und keine Polizei! Wir melden uns wegen der Geldübergabe. Ende!
Fünf Millionen!
Quatsch! So viel hatte sein Vater überhaupt nicht. Mit seiner Arztpraxis verdiente der natürlich nicht schlecht. Ganz und gar nicht. Aber fünf Millionen! Die konnte er garantiert nicht auftreiben. Schon gar nicht auf die Schnelle. Der hatte seine Kohle in Lebensversicherungen angelegt und in Häusern. Wenn Luk das richtig mitbekommen hatte.
Luk schaffte es endlich, sich hochzustemmen und sich mit dem Hintern auf die Sitzbank zu schieben. Mit dem Kopf stützte er sich an der Rückenlehne des Beifahrersitzes ab. Von seinem Knie ging immer noch ein glühender Schmerz aus. Aber jetzt konnte er endlich das Bein ein wenig entlasten, auch wenn er wegen der Handschellen ziemlich nach vorn gekrümmt sitzen musste.
»Die Brücke, Mann!«, hörte Luk den Pferdeschwanz-Mann sagen. »Pass doch auf, verdammt. Noch 200 Meter, dann kommt das Wildwechselschild.«
Der Kleinbus wurde so abrupt abgebremst, dass Luk nach vorn kippte und seinen Kopf wieder in die Rückenlehne des Beifahrersitzes rammte. Der Wagen bog nach rechts ab und rumpelte über einen Weg, der so voller Schlaglöcher war, dass Luk sich kaum aufrecht halten konnte, so sehr wurde das Fahrzeug hin und her geworfen.
Plötzlich stoppte der Wagen. Fast gleichzeitig stießen die beiden Männer die Türen auf.
»Bin gleich wieder da«, hörte Luk den Pferdeschwanz sagen.
»Ich auch«, sagte der andere.
Durch die Frontscheibe sah Luk einen Mann in einem olivgrünen T-Shirt. Der dünne Stoff spannte sich über ungewöhnlich breiten Schultern und gewaltigen Muskelpaketen. Der Kerl musste sein halbes Leben in Fitnessstudios verbracht haben, und er wollte, dass man das sah. Vielleicht war er aber auch Boxer. Er hielt seinen kahl geschorenen Kopf leicht geneigt, so als sei er jeden Moment darauf vorbereitet, den nächsten Angriff zu kontern.
Das musste der Typ sein, der ihm vorhin auf der Straße die Arme nach hinten gerissen hatte. Kein Wunder, dass er keine Chance gehabt hatte.
Mit tänzelnden Schritten bewegte sich der Mann auf einen Baum zu, baute sich breitbeinig davor auf und machte sich vorn an seinen Jeans zu schaffen. Luk sah sich hastig im Wagen um. Vielleicht konnte man die Türsicherung mit den Zähnen …
»Ahhhh!«, entfuhr es dem Boxer draußen, so laut, dass man es bis in den Wagen hinein hören konnte. Während er sich erleichterte, drehte er den Kopf und linste zum Wagen zurück.
Luk, der schon dicht an die andere Tür gerutscht war, erschrak. Aber dann musste er grinsen. Das war ja gerade der Vorteil von dunklen Seitenscheiben. Von draußen kann man nicht sehen, was im Wagen passiert.
Er beugte sich zu dem Hebel der Türsicherung hinunter. Doof war, dass er nicht wirklich was erkennen konnte. Doch mit der Zunge hatte er keine Chance, damit hatte er zu wenig Kraft. Aber mit der Nase vielleicht. Er presste seine Nase in eine Mulde und versuchte, den Hebel darin zur Seite zu drücken …
Die Tür öffnete sich leichter, als er erwartet hatte. Sie schwang immer weiter auf. Dann sah er die Jeansbeine, die in der Öffnung erschienen. Eine Hand krallte sich in seine Haare und zerrte ihn mit Schwung aus dem Wagen.
Im Fallen versuchte Luk noch, sich auf den Rücken zu drehen, um sein Gesicht zu schützen. Aber er schaffte nur die halbe Drehung. Seine rechte Wange rutschte über Tannennadeln und schrammte dann über einen halb vermoderten Ast, der aus dem Boden herausragte. Ein Stück Holz bohrte sich in seine Haut.
Der Typ mit dem blonden Pferdeschwanz packte ihn mit einer Hand im Nacken, riss ihn hoch und warf ihn gegen die weit geöffnete Autotür. »Kleiner, du bist lästig.«
»Wer sind Sie überhaupt?«
»Schnauze!«
»Was wollen Sie eigentlich? Geld? Mein Vater ist nicht reich. Der kann keine Millionen zahlen.«
»Sag mal, hörst du schlecht? Schnauze, hab ich gesagt.«
Der Boxer kam um den Wagen herum. Er hatte einen blauen Plastiksack in der Hand. Als er den auseinanderfaltete, rutschten die Ärmel seines T-Shirts nach oben und gaben den unteren Rand seiner Tätowierungen frei. »Wollte er abhauen?«
Der Pferdeschwanz zuckte nur die Achseln.
Luk sah erschrocken auf den Plastiksack. Wollten sie ihm den jetzt etwa über den Kopf ziehen?
»Den Schlüssel hast du, Harry.«
Harry wühlte in seinen Hosentaschen. »Nee, den hab ich dir gegeben, Schmeling.«
»Klar.« Schmeling streckte die Hand aus und fuhr mit dem Finger in das Geldtäschchen von Harrys Jeans. Er zog einen kleinen, leuchtend blauen Schlüssel heraus und hielt ihn Harry unter die Nase. »Und was ist das hier?«
Luk musste sich umdrehen. Schmeling stocherte im Schloss der Handschellen herum. Endlich knackte es und die Stahlbänder öffneten sich.
Vielleicht war ja doch alles nur ein verrückter Gag, den sich irgendjemand für ihn ausgedacht hatte. So wie manche Leute eine Stripteasetänzerin dafür bezahlen, dass sie bei einem Kumpel in die Geburtstagsparty hineinplatzt.
Aber wer, überlegte er, während er seine tauben Handgelenke massierte und gleichzeitig den Splitter in seiner rechten Wange betastete, wer zum Teufel konnte diese idiotische Entführungs-Show angeleiert haben? Wer kannte überhaupt so abgedrehte Typen wie diesen verhinderten Schwergewichtsweltmeister mit seinen prolligen Tattoos auf den Muskelpaketen und diesen freundlich grinsenden, blonden Pferdeschwanz-Hippie?
Schmeling stieß ihm den blauen Plastiksack gegen den Bauch. »Los, mach endlich. Ausziehen!«
»Häh?« Was war das denn jetzt? Waren das also doch schwule Lustmolche, die ihn hier im Wald …?
Luk schaffte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Er sah die Linke noch nicht mal kommen. Ohne jede Warnung schoss Schmelings Faust vor. Quatsch, von Faust konnte keine Rede sein, einfach nur die flache Hand war es. Aber der Schlag war so gewaltig, dass Luk das Gefühl hatte, der Kopf werde ihm abgeschlagen. Zugleich wurde ihm klar, dass es natürlich genau die Wange mit dem Splitter getroffen hatte.
»Ausziehen!«, wiederholte Schmeling, und sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er erneut zuschlagen würde, wenn Luk nicht auf der Stelle gehorchte.
»Okay, okay«, lenkte Luk ein. »Ich weiß zwar nicht, was das soll. Aber ich will keinen Streit. Der Klügere gibt nach.«
Er hatte das als Joke gemeint. Kein bisschen aggressiv. Er hatte einfach nur die Stimmung ein bisschen lockern wollen. Aber diesmal war Schmelings Linke schon nicht mehr ganz so flach – und das Dröhnen in Luks Kopf kaum noch auszuhalten. Luk zog hastig sein Shirt über den Kopf, um eindeutig klarzustellen, dass er kapiert hatte.
Schmeling nickte anerkennend. Er zeigte in den Sack. »Rein damit. Und dann gleich weiter.«
Eine Minute später stand Luk nur noch in der Unterhose vor den beiden. Hose, Schuhe, Socken, sogar seine schwarze Funkarmbanduhr hatte er in den blauen Sack geworfen.
Schmeling deutete mit dem Kinn auf den Slip.
Luk wollte protestieren. »Aber …«
Schmeling hob die Hand und wollte ausholen, diesmal mit der Rechten.
»Okay, okay.« Luk zog den Slip aus und warf ihn in den blauen Plastiksack. Irgendwo an einem Waldweg stand er nun splitternackt vor diesen beiden fremden Männern.
»Zieh das hier an!« Harry hielt ihm einen orangefarbenen Overall hin, frisch gewaschen und sogar gebügelt.
»Und was kommt dann?«, fragte Luk.
»Dann fahren wir weiter.«
»Dürfte ich vielleicht fragen, wohin wir fahren?« Es schien ihm klüger, nicht zu sehr aufzutrumpfen.
»Wirste schon merken.«
»Ich wollte eigentlich nur wissen, ob die Fahrt noch sehr lange dauert. Sonst würde ich gern auch noch schnell …«
»Pullern?«
»Na ja, ich dachte …«
»Dass du an den Baum dahinten gehst und abhaust, was? Und wir rennen uns dann die Lunge aus dem Hals, um dich wieder einzufangen.« Schmeling schüttelte den Kopf. »Nee, nicht mit mir!«
»Und wenn er uns in den Wagen macht?«
»Soll er doch.«
»Und wir sitzen dann wieder stundenlang in dem Gestank. Wie bei diesem Zwerg neulich.«
Schmeling verzog angewidert das Gesicht. »Also gut. Knie dich hin. Mach schon.«
Erst als Luk schon vor den beiden auf dem Waldboden kniete, kapierte er. Die erwarteten doch wohl nicht im Ernst, dass er hier splitterfasernackt pinkelte, während sie ihm dabei zusahen.
Schmeling sah auf seine klobige Piloten-Armbanduhr. »Eine Minute. Dann bist du fertig.«
Nee, dachte Luk.
»Noch 45 Sekunden«, sagte der Boxer.
Luk schüttelte den Kopf.
»30 Sekunden.«
Luk schloss die Augen und ließ es einfach laufen. -
Der orangefarbene Overall war, wie sich herausstellte, mindestens zwei Nummern zu klein. Luk musste sich ein wenig in sich zusammensinken lassen, damit er überhaupt den Reißverschluss zubekam.
Harry holte eine Art Fernbedienung unter dem Fahrersitz hervor. Er richtete sie auf Luk und drückte auf den roten Knopf. »Funktioniert«, sagte er zufrieden.
Luk hatte keine Ahnung, was er meinte. Dann sah er an sich hinunter. In den groben Stoff des orangefarbenen Overalls mussten winzige Lämpchen oder Lichtfäden eingewebt sein, die aufgeregt blinkten.
Harry drückte auf einen blauen Knopf. Irgendwo im Overall begann ein durchdringendes, auf- und abschwellendes hohes Pfeifen. Harry schaltete das Gerät wieder aus. »Nur für den Fall, dass du vorhast, uns auszutricksen. Wir finden dich. Und jetzt umdrehen!«
Die Handschellen schnappten wieder zu.

3
Luk hatte längst jedes Zeitgefühl verloren. Er hätte nicht mal genau sagen können, wie lange es dunkel war. Er wusste auch nicht genau, wo sie eigentlich waren. Irgendwo auf der Autobahn. Die Handschellen hatten beim Sitzen derart in seinen Rücken gedrückt, dass er nach einer bequemeren Position gesucht und sich schließlich auf der Rückbank auf die Seite gelegt hatte. Wenn er sich mit dem einen Fuß am Vordersitz abstützte, ging es einigermaßen.
Hin und wieder stemmte er sich so weit hoch, dass er über die Rückenlehnen hinweg einen Blick durch die Frontscheibe werfen konnte. Zuerst hatte er sich alle paar Minuten hochgereckt. Seit die Spannungen in seinem Nacken immer schmerzhafter wurden, machte er größere Pausen. Viel zu sehen gab es sowieso nicht mehr. Außer den roten Rücklichtern der Autos vor ihnen.
Schmeling saß am Steuer. Als er jetzt hart auf die Bremse trat, konnte Luk den Schwung gerade noch mit dem Fuß abfangen. Um ein Haar wäre er von der Sitzbank gerollt.
»Mist!«, sagte Schmeling.
Der Bus schlingerte leicht. Wenige Zentimeter hinter dem Wagen vor ihnen brachte Schmeling ihn zum Stehen. Luk setzte sich auf. Er sah, wie Schmeling hastig ans Armaturenbrett griff und die Warnblinkanlage anschaltete. Rechts und links von ihnen stoppten andere Autos. Höchstens 50 Meter vor ihnen warnte ein blaues Autobahnschild vor der Auslösung der Höhenkontrolle. Luk kannte das von Wochenendausflügen mit seinen Eltern. Wenn ein Trucker vergaß, dass seine Ladung höher war als erlaubt, wurde er kurz vor der Tunneleinfahrt gestoppt: Alle Ampeln gingen auf Rot.
Sie waren am Elbtunnel! Wo sonst hier oben im Norden staute sich der Verkehr so zuverlässig wie vor dem Nadelöhr in Hamburg? Luk sah nach rechts. In dem Auto neben ihnen wurde die Innenbeleuchtung angeschaltet. Der Mann am Steuer nahm der Frau neben ihm die Straßenkarte weg und schaute irgendwas nach.
Luk rückte dichter an die Tür heran. Vielleicht schaffte er es, die Leute auf sich aufmerksam zu machen. Aber wie sollte das gehen mit auf den Rücken gefesselten Händen? Er riss den Mund weit auf, als ob er verzweifelt um Hilfe schrie.
»Hoffnungslos«, sagte Harry. »Die sehen dich nicht. Unsere Scheiben sind zu dunkel.«
Natürlich hatten seine Entführer gemerkt, was er vorhatte. Aber sie lachten nur. »Soll ich ihm mal die Innenbeleuchtung anmachen?«, fragte Schmeling.
»Nee, lass mal. Ich weiß was Besseres.« Harrys Pferdeschwanzkopf verschwand nach unten. Luk hörte Harry unter dem Sitz herumwühlen. Gleich darauf richtete er die Fernbedienung auf Luk. Der orangefarbene Overall begann zu blinken.
Luk sah, wie sich im Nachbarwagen hinter den beiden Erwachsenen zwei Kinder auf der Rückbank aufrichteten. Begeistert drückten sie ihre Gesichter ans Fenster. Die ganze Familie machte ihm Zeichen, dass er gefälligst ein bisschen herumhampeln sollte. Nee, dachte er und ließ sich zur Seite aufs Polster fallen, damit sie ihn nicht mehr sehen konnten.
Nachdem sie den Elbtunnel hinter sich hatten, bogen sie nach Osten ab, Richtung Berlin. Inzwischen war es fast 21 Uhr, wie Luk auf der blau schimmernden Uhr am Armaturenbrett ablas. Seit über vier Stunden war er in der Hand dieser Typen. Und noch mal zwei Stunden später ging Schmeling abrupt mit der Geschwindigkeit hinunter und bog von der Autobahn ab.
Luk war alarmiert. Wollten die etwa nach Polen mit ihm?
Sie fuhren auf abgelegenen Landstraßen weiter. Nur ein einziges Mal kam ihnen ein Auto entgegen. Mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern.
»Arschloch!«, schrie Schmeling. »Wetten, dass der total besoffen ist?«
Harry antwortete nicht. Er hatte gerade das Seitenfenster runtergleiten lassen und eine brennende Kippe rausgeworfen. Zum Glück ließ er das Fenster eine Weile offen, während er sich vorbeugte und die nächste Zigarette in die flackernde Flamme seines Sturmfeuerzeugs hielt. So konnte wenigstens ein Teil des dichten Qualms im Bus nach draußen abziehen.
Luk lag wieder auf der Seite. Hin und wieder schaffte er es, im richtigen Moment den Kopf zu heben. Aber die Ortsnamen, die er auf den Schildern las, sagten ihm nichts. Er hatte noch nie von ihnen gehört.
»Dort vorn ist es«, sagte Harry plötzlich.
»Weiß ich selbst.« Schmeling bremste so spät, dass er ein ganzes Stück zurücksetzen musste, damit er in die schmale Waldstraße einbiegen konnte, die nach rechts abzweigte.
Luk hatte sich schnell aufgerichtet. Er sah gerade noch, wie der Lichtkegel der plötzlich aufgeblendeten Scheinwerfer über einen gelben Richtungsanzeiger huschte, auf dem nichts stand. Kein Ortsname. Gar nichts.
Nicht dass die Schrift verblichen war. Das mit einer fingerbreiten schwarzen Linie gerahmte Gelb glänzte noch fast wie neu im grellen Aufblendlicht. Als ob das Schild nicht vor Ewigkeiten aufgestellt worden war, sondern erst vor wenigen Monaten, allerhöchstens vor ein oder zwei Jahren.
Luk war nun hellwach. Er hatte sich wieder aufgesetzt. Der Schmerz in den Schultern wurde stechender. Egal. Wahrscheinlich würde die Fahrt jetzt sowieso nicht mehr lange dauern.
Die Straße war nicht übermäßig breit. Sie führte schnurgerade in einen Wald hinein. Der Asphalt schien ziemlich neu zu sein, war aber immer mal wieder über mehrere Meter am Rand abgebrochen. Als ob dort Bauern mit einem zu großen Traktor gefahren waren oder irgendwelche Schwertransporter. Aber wie sollten die sich auf diese schmale Waldstraße verirrt haben?
Luk fiel auf, dass hin und wieder abgerissene Zweige und sogar ganze Äste auf dem Asphalt lagen. Die meisten mit gelbbraun verdorrtem Blattwerk, aber an einigen hatten die Blätter ein so frisches Grün, dass sie höchstens seit einigen Stunden auf der Straße liegen konnten.
Harry ließ vorn die Seitenscheibe runter, um die nächste brennende Kippe nach draußen zu werfen.
»Lass das!« Schmelings Rechte schoss zur Seite und umklammerte Harrys Handgelenk.
»Wieso das denn auf einmal?«
»Ich hab’s dir oft genug gesagt: Ich will meinen Job noch eine Weile behalten.«
»Klar, ich auch.«
»Wirst du aber nicht, wenn hier heute Nacht der Wald brennt. Glaubst du, die können nicht eins und eins zusammenzählen? Die wissen genau, dass du qualmst wie ein Schlot. Mich feuern sie dann gleich mit. Und wo soll ich dann einen neuen Job herkriegen? Bei der Flaute hier bei uns?«
Harry brummte gefrustet. Aber als Schmeling sein Handgelenk schließlich losließ, drückte er seine Kippe im Aschenbecher aus und verkniff es sich, gleich die nächste Zigarette anzuzünden.
Luk fand, dass es Zeit war für einen neuen Vorstoß. »Vielleicht können Sie mir endlich mal sagen, wohin Sie mich bringen.«
»Je später du das erfährst«, sagte Schmeling gegen die Frontscheibe, »desto besser für dich. Stimmt’s, Harry?«
Harry war anscheinend immer noch gefrustet. Vielleicht war er aber auch schon auf Entzug. Er schwenkte seinen Sitz herum und grinste Luk an.
»Willst du’s wirklich wissen?«
»Ja, sicher«, sagte Luk.
Harrys Grinsen wurde noch breiter.
»Direkt in die Hölle bringen wir dich.«

4
Die Fahrt dauerte dann doch noch eine ganze Weile. Immer tiefer drangen sie in den Wald ein, der vor allem aus Laubbäumen zu bestehen schien. Schließlich gabelte sich die Straße sogar noch. Ein weiteres gelbes Richtungsschild zeigte nach links. Jemand hatte mit einem schwarzen Filzstift eine große, schiefe römische Zwei darauf geschrieben.
Schmeling fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter geradeaus durch den Wald. Plötzlich nahm er den Fuß vom Gaspedal und lenkte den Kleinbus, ohne auch nur die Bremse anzutippen, durch eine scharfe Linkskurve. Er musste die Strecke schon sehr oft gefahren sein. Kein Schild hatte vor der Kurve gewarnt.
Zwei, drei vereinzelte Lampen tauchten vor ihnen in der Dunkelheit auf. Die Straße wurde breiter. Nein, sie hörte einfach auf. Sie rollten auf einen heruntergekommenen Platz, der mit Betonplatten ausgelegt war. Einige der vielleicht ein mal zwei Meter großen Platten waren vom Frost oder anderen Naturgewalten hochgedrückt worden.
Wozu brauchten sie in dieser gottverlassenen Gegend einen so gigantischen Parkplatz? Oder war das gar kein Parkplatz? War das etwa ein Flugplatz? Eine aufgegebene Militäranlage aus der DDR-Zeit vielleicht? Wollten sie ihn mit einem Flugzeug über die Grenze bringen? Aber es musste ja nicht gleich ein Airbus sein. So eine Mini-Maschine wie die von Hansen reichte dafür. Die brauchte gar keine Betonpiste. Damit waren sie ja sogar auf einer normalen Viehweide gestartet und gelandet.
Noch während er das dachte, schalteten sich plötzlich Flutlichtlampen ein. Nein, keine dieser grellen Strahler, die man auf Fußballfeldern sieht. Sondern irgendwelche alten Funzeln, die schon mal bessere Zeiten erlebt hatten. Einige von ihnen flackerten wild. Sie tauchten den Platz in ein unwirkliches, bläulich kaltes Licht. Luk sah drei einsame Autos, die sich um eine der flackernden Lampen drängten wie unter einem dieser Heizpilze, unter denen die Leute im Herbst draußen ihren Latte trinken.
Weit und breit war niemand zu sehen.
Plötzlich hörte man von irgendwoher wütendes Hundegebell.
Sie fuhren auf das Gebell zu. Vor ihnen tauchte ein großes graues Gebäude aus der Dunkelheit auf. Das Licht der Lampen reichte nicht so weit, dass man erkennen konnte, welche Ausmaße der Bau hatte.
Sie stoppten vor einem verschlossenen hellgrauen Metalltor, in das jemand mal eine Beule gefahren hatte. Die Ränder der Delle waren verrostet. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, den Schaden auszubessern.
»Hup mal«, sagte Harry ungeduldig. Er ließ sein Fenster ein Stück runter.
»Die haben uns doch längst gesehen«, meinte Schmeling.
Die Einfahrt war so riesig, dass ganze Lastwagen oder Busse bequem hindurchfahren konnten. War das ein Gefängnis?
Die beiden Flügel des Tores blieben verschlossen. Eine kleine Tür, die in das Tor eingelassen war, öffnete sich. Zwei Hunde stürzten heraus und schossen auf den Kleinbus zu.
Bellend rannten sie zweimal um den Wagen herum. Dann trennten sie sich und sprangen rechts und links am hinteren Teil des Fahrzeugs an den verdunkelten Fenstern hoch, als wüssten sie genau, wo sie ihr Opfer suchen mussten.
Harry drehte sich mit einer ausladenden Armbewegung auf dem Beifahrersitz um. »Dein Empfangskomitee.« Er fummelte nach dem Türöffner. »Soll ich sie reinlassen?«
»Lass den Quatsch!«, knurrte Schmeling.
Draußen brüllte jemand einen scharfen Befehl.
Das Bellen ging in ein wütendes Knurren über. Widerwillig ließen sich die beiden Schäferhunde am Wagen hinuntergleiten. Luk hörte, wie ihre Pfoten über den Lack schrammten.
Etwa sieben Schritte vom Kleinbus entfernt bezogen die beiden Tiere Posten. Im Abstand von etlichen Metern, so als seien sie darauf dressiert, ihr Opfer gezielt von zwei Seiten her anzugreifen, legten sie sich auf die Betonplatten. Ihre Ohren waren steil aufgerichtet. Wachsam sahen sie zum Wagen herüber, sicherten aber zwischendurch immer mal wieder zum Tor hin.
Dort waren zwei Männer erschienen. Der größere von ihnen reckte sich ausgiebig. Anscheinend hatte er zu lange gesessen, vor dem Fernseher oder den Bildschirmen einer Überwachungsanlage. Er sagte etwas zu dem zweiten, einen ganzen Kopf kleineren Mann. Die Hunde sprangen auf. Ein scharfer Befehl des kleineren Mannes und sie legten sich wieder knurrend auf den Boden.
Betont langsam kamen die beiden Männer zum Kleinbus herüber. Der Größere trat an die Beifahrertür. »Wie viele sind es?«
»Nur einer«, sagte Harry. »Die anderen …«
»… habt ihr wieder mal entwischen lassen, was? Na, euer Problem. Solange ihr eure Miete bezahlen könnt. Welcher ist es?«
»Der hier.« Harry hielt dem Mann ein Papier hin, vielleicht eine Art Lieferschein. »Da unten, da müssen Sie den Empfang quittieren.«
»Okay. Das wär’s dann für euch. Wir übernehmen ihn. Ihr könnt Feierabend machen.«
»Er hat noch den Overall an«, sagte Schmeling. »Das ist unser letzter, glaube ich.«
»Dann muss er ihn eben ausziehen. Aber das ist euer Job. Das gehört noch zur Anlieferung.«
Die Hunde sprangen auf, als Harry die Beifahrertür aufstieß. Sie knurrten drohend. Harry überlegte es sich anders. Er schlug die Tür wieder zu und schwenkte seinen Sessel herum. Er kam nach hinten und setzte sich neben Luk. Eine ganze Weile stocherte er herum, dann schaffte er es endlich, den Schlüssel in das Schloss der Handschellen einzuführen.
Luk wurde immer unruhiger. Was passierte hier eigentlich mit ihm? Er rieb sich die taub gewordenen Handgelenke und kam sich vor, als wäre er im falschen Film gelandet.
»He, ich will endlich wissen, was das hier werden soll.«
»Schnauze!«, sagte Harry. Es klang ziemlich grob, so als müsse er einem Vorgesetzten demonstrieren, wie hardboiled er war.
»Aber Sie können mich diesen Leuten hier nicht einfach überlassen. Das ist Menschenhandel!« Etwas anderes war ihm in der Eile nicht eingefallen.
»Ausziehen!«, sagte Harry unbeeindruckt.
Nicht schon wieder!
»Nein«, sagte Luk. Ihm war eingefallen, dass er unter dem Overall nichts anhatte. Noch nicht mal einen Slip.
»Bin schon unterwegs«, sagte Schmeling.
Es wurde ziemlich eng im hinteren Teil des Kleinbusses. Luk wollte kämpfen. Aber als Schmeling seinen Arm um Luks Hals legte und ihn in den Schwitzkasten nahm, war sofort klar, dass er keine Chance hatte. Es fühlte sich an, als lege sich eine Stahlklammer um seinen Hals. Er bekam keine Luft mehr.
Es dauerte nur Sekunden, dann hatte Harry ihm den Overall abgestreift. Halb gebückt stand Luk im Bus und hörte draußen die Schäferhunde gegen den Wagen springen.
Harry zog die Tür des Busses auf. Einer der Hunde schien nur darauf gewartet zu haben. Mit einem gewaltigen Satz sprang er in den Wagen und schnappte nach Luks Bein.
»Aus, Laila!«, rief Harry.
Knurrend zog sich der Hund zurück. Ungefähr zwei Meter vom Bus entfernt ließ er sich auf dem Boden nieder.
»Und jetzt raus!«, sagte Harry.
Luk dachte gar nicht daran, den schützenden Raum des Kleinbusses zu verlassen. Er war splitternackt. Nie und nimmer würde er dort hinausgehen und sich den Zähnen dieser beiden Bestien ausliefern.
Er bekam einen Stoß in den Rücken. Er versuchte, sich am Türrahmen festzuhalten. Jetzt hatte er ja endlich wieder die Hände frei. Aber so richtig funktionierten sie noch nicht wieder. Als er den nächsten Stoß bekam, rutschte er ab. Kopfüber fiel er nach vorn und landete draußen auf den Betonplatten.
Während er spürte, wie ihm der raue Beton die Hände und Knie aufschrammte, hörte er, wie hinter ihm die Tür des Kleinbusses zugeschoben wurde.
Dann fuhr der Wagen los.
Noch nie in seinem Leben hatte Luk sich so verlassen gefühlt. Er wollte aufspringen und hinter dem Wagen her rennen. Als ob ausgerechnet Schmeling und Harry die Rettung für ihn gewesen wären.
Aber Luk rührte sich nicht.