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Inhaltsverzeichnis
 
Liebe Leser,
 
Sehnsucht Grenzerfahrung
Mein Leben als Grenzerfahrung
Ötztal – auch ein Biker-Paradies
 
Das Trainingscamp – erste Schritte
Vor dem Trainingscamp
 
Mensch und Bike in Top-Form
Training – die Basics
 
Transalp-Testtag – Trainingspraxis
Langsamer Start in den Tag
 
Countdown – noch 80 Tage
Auf sich selbst gestellt
 
JEANTE BIKE TRANSALP Challenge
Letzte Vorbereitungen
1. Etappe – von Füssen nach Imst
Dreckwetter am zweiten Tag
Zitterpartie bei der 3. Etappe
4. Etappe – Bergfest
Sitzfleisch und eiserner Wille
Ohne Trainer geht es nicht
Jetzt ist es fast geschafft
Das Ziel am Horizont
Das Abenteuer ist geschafft
 
Danksagung
Nützliche Internet-Adressen
Register
Über dieses Buch
Copyright

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Liebe Leser,
bereits seit Jahren hat sich der Mountainbike-Sport als Ausdauersport etabliert. Zahlreiche Bücher geben Tipps zum richtigen Material, zur optimalen Ausrüstung und zu den schönsten Touren. Auch zu großen Rennen sind schon zahlreiche Sachbücher erschienen. Doch dieses Buch ist weder ein Reiseführer noch das vielleicht siebenundzwanzigtausendste Sachbuch zum Thema. Dieses Buch ist ein Erlebnisbericht über Herausforderungen, die Menschen wie Sie und ich suchen. Die Sehnsucht nach Grenzerfahrungen und Abenteuern, die wir so oft verspüren, wird hier in emotionaler und ganz persönlicher Weise geschildert. Natürlich werden trotzdem auch die einen oder anderen Tipps zum Mountainbikesport und zur Ausrüstung gegeben, ebenso wie zum Ausdauersport allgemein und zu Trainingsvorbereitungen für ein großes Rennen. Die JEANTEX BIKE TRANSALP ist das wohl härteste Mountainbikerennen der Welt. In sieben Tagen werden über 19 000 Höhenmeter und 600 Kilometer über die Alpen von Füssen bis nach Riva del Garda zurückgelegt. Jedes Jahr bewerben sich rund 40 000 Hobbybiker, Amateursportler und professionelle Radteams um einen der begehrten – und knappen – 1000 Startplätze.
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Sich der Herausforderung stellen
Dieses Buch handelt von sechs Hobbybikern auf dem Weg zu diesem großen Rennen. Ich selbst habe die JEANTEX BIKE TRANSALP bereits zweimal absolviert und begleite die sechs Abenteurer auf ihrem Weg als Trainer für Ausdauersport, als Motivator und Teambilder. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es manchmal ist, konsequentes Training zu absolvieren – ungeachtet der mentalen und persönlichen Situation. Erleben Sie ihre Erfahrungen mit mir, vom Casting der Teilnehmer über das Trainingscamp im Ötztal bis hin zum Rennen selbst. Drei Männer und drei Frauen zwischen 26 und 53 Jahren stellen sich ihrer Sehnsucht nach dem großen Abenteuer, doch haben sie alle unterschiedliche Gründe dafür. Warum sie sich diese Hammertour antun, was sie erund durchleben und ob sie alle ankommen, erfahren Sie in den folgenden Kapiteln. Neben eigenen Erfahrungsberichten aus meiner Karriere als Profisportler mit Rückschlägen, Zweifeln an mir selbst und dem Erfolgserlebnis der Olympia-Silbermedaille werden die Erfahrungen der Teilnehmer in der Vorbereitungsphase sowie beim Rennen selbst detailliert beschrieben. So können Sie eintauchen in das Abenteuer dieser Hobbybiker. Vielleicht verspüren ja auch Sie die Sehnsucht nach einer Herausforderung, einem Grenzerlebnis, und vielleicht sagen Sie am Ende des Buchs: »Ich kann es auch!«
 
Ihr
Peter Schlickenrieder
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Der steile letzte Anstieg zum Marienbergjoch von Ehrwald aus (links). Der Schweizer Biker startet natürlich mit der Nationalflagge auf den Socken zur Transalp (Mitte). Wer sein Bike liebt, der trägt es (rechts).
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Sehnsucht Grenzerfahrung
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Menschen suchen Abenteuer und Herausforderungen. Manche schaffen es alleine, andere brauchen Unterstützung. Ich habe sechs Hobbybiker auf das wohl härteste Mountainbike-Rennen der Welt vorbereitet: die JEANTEX BIKE TRANSALP 2008. Jeder von ihnen hatte einen ganz persönlichen Grund, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Mein Leben als Grenzerfahrung

Grenzerfahrungen als Wegweiser durchs Leben – Herausforderungen brauchen wir alle, denn an ihnen können wir wachsen, an ihnen bildet sich unsere Persönlichkeit. Deshalb ist es wichtig, sich diesen Herausforderungen immer wieder zu stellen. Manche Menschen möchten das alleine tun, manche suchen sich einen Coach und Lehrer, der sie dabei unterstützt.
Den größten Erfolg meiner Karriere schaffte ich erst im Alter von 32 Jahren. Bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City gewann ich die Silbermedaille im Skilanglaufsprint – in einer Sportart also, in der normalerweise die Spitzensportler ihre ersten Höchstleistungen bereits mit Anfang 20 erreichen.
 
In einer Zeit, in der Jugend alles zu sein scheint, war ich der Senior-Sieger der deutschen Nationalmannschaft. Mehr als 15 Jahre kämpfte ich um diesen Erfolg. Und mehrere Male war ich kurz davor, das Handtuch zu werfen. Mein Leben war nicht erst seit meiner Leistungssportkarriere geprägt von Grenzerfahrungen. Grenzerfahrungen, die mich immer im richtigen Augenblick auch auf Menschen treffen ließen oder mich Menschen näher brachten, die mir dabei halfen, mir diese Erfahrungen zunutze zu machen. Private und sportliche Grenzerfahrungen ließen mich Schritt für Schritt und Herausforderung für Herausforderung in meinem bisherigen Leben meistern. Grenzerfahrungen und die Folgeerscheinungen sind meine Motivatoren, Helfer und Lehrmeister auf meinem bisherigen Lebensweg.
Und dieser Weg war meist steinig. Ich hatte in meinem Leben mit sehr widrigen Verhältnissen zu kämpfen. Und ich habe schon früh gelernt, dass sich an gewissen Lebensumständen nicht viel ändern lässt. Was sich allerdings ändern lässt, ist die Einstellung dazu, die Herangehensweise und der Umgang mit diesen Widrigkeiten. Geholfen hat mir dabei immer der Sport, der mir die notwendige Geborgenheit, aber auch die Disziplin vermittelte, die man braucht, um erfolgreich durchs Leben zu gehen.
 
Die Umstände und Ereignisse, die meinen bisherigen persönlichen und sportlichen Weg entscheidend veränderten, bezeichne ich heute als Grenzerfahrungen. Ich nenne sie Grenzerfahrungen, weil es dabei immer galt, eine große Herausforderung entweder zu bestehen – oder fatal zu scheitern. Diese Grenzerfahrungen und ihre Verarbeitung sind der Einstieg in die Suche nach einer Antwort auf die Frage: Warum brauche ich diese Grenzerfahrungen und wie haben sie mir geholfen, die Hürden in meiner sportlichen und persönlichen Entwicklung so konsequent und am Ende auch so erfolgreich zu meistern?
Der Olympiasieger Peter Schlickenrieder schätzt Grenzerfahrungen, da sie ihn fordern und sowohl beruflich als auch privat weiterbringen. ▶
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Erst einmal Fuß fassen
Das erste von mir als prägend empfundene Erlebnis war der Umzug von Reichersbeuern (Bad Tölz) nach Schliersee. Die große Herausforderung, in neuer Umgebung unter widrigen Bedingungen Anschluss zu finden, hatte es in sich. Keine Situation, in die ich mich selbst begeben habe – aber so ist das ja oft im Leben. Ich war acht Jahre alt, meine Eltern lebten in »wilder Ehe« zusammen, was selbst in den liberalen 70er-Jahren zumindest auf dem Land noch ein echter Skandal war. Ich kam also mit meinen Eltern, über die schon geredet wurde, noch ehe wir alle Möbel ausgepackt hatten, in den 5000-Seelen-Wintersportort Schliersee. Da beide in der Gastronomie tätig waren, wollten sie sich dort ihren Traum von der eigenen Pension erfüllen. Eigentlich war es der Traum meiner Mutter, die, wie sie immer sagte, »etwas Großes schaffen« wollte. Der Renovierungsaufwand des Hauses in Schliersee, der auf den ersten und wohl auch unerfahrenen Blick meiner Eltern nicht zu erkennen gewesen war, schien ihre finanziellen Möglichkeiten zu übersteigen. Zumal mein Vater ein gesundheitliches Problem hatte: Er war Alkoholiker. Nur durch den eisernen Sparkurs meiner Mutter und den unermüdlichen Arbeitseinsatz, der ebenfalls meist zulasten meiner Mutter ging, gelang es, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Wir Kinder, meine zwei Jahre jüngere Schwester Sigrid und ich, spürten natürlich den Sparkurs der Mutter. Selbst für Kleidung hatten wir kaum Geld. Ich besaß keine gekauften Socken, denn die Oma konnte ja Strümpfe aus Schafwolle stricken! Trotz der Geldnöte meldete unsere Mutter uns beim Schlierseer Turnverein und beim Skiclub an: Wir sollten schnell Anschluss finden und in unserer neuen Heimat Fuß fassen. Aber immer, wenn ich mit meinen selbst gestrickten Schafwollstrümpfen zum Turnen kam, wurde ich ausgelacht. Ich konterte – mit sportlichen Bestleistungen. Aber erst mit dem Sieg bei der Vereinsmeisterschaft verstummten der Spott und der Hohn der Sportsocken tragenden Kameraden. Ich hatte mir ihren Respekt erkämpft.
 
Kindheit ohne Vater
Die finanzielle Situation unserer Familie verschlechterte sich zusehends, als mein alkoholkranker Vater nach mehreren Entziehungskuren immer wieder rückfällig wurde. Er fiel als Verdiener und Arbeitskraft aus und wurde zu einer riesigen Belastung für die Familie. Das Schlimmste für uns alle aber war die psychische Belastung. Meine schulischen Leistungen rutschten ab, an einen Wechsel ans Gymnasium war nicht mehr zu denken. Diese Situation empfand ich als ausweglos und ungerecht. Ich wollte zu dieser Zeit sicherlich nicht an meine psychischen Grenzen gehen. Ich wollte einfach eine normale Familie haben und als ganz gewöhnliches Kind aufwachsen.
Durch die ständigen Rückfälle meines Vaters und die Last der alleinigen Verantwortung für die Familie entwickelte sich meine Mutter zu einer sehr starken und dominanten Frau. Diese Eigenschaft schätzte ich damals sehr, sie gab mir Sicherheit und Geborgenheit. Auf der anderen Seite verlangten aber genau diese Eigenschaften später von mir eine enorme Durchsetzungskraft, wollte ich meine Ziele erreichen und meinen Weg gehen. Meine Mutter war es dann auch, die mich aufforderte, das Skilanglaufen auszuprobieren. Es war die kostengünstige Variante zum alpinen Skilauf; außerdem führte die Loipe direkt am Haus vorbei. Bald stellte ich fest, dass es in der Skilanglauf-Abteilung unseres Skiclubs eine rührige und aktive Gruppe gab. Der Trainer war Lehrer, das Skilanglaufen sein Hobby. Er begeisterte mich für diese Sportart, ich hatte viel Spaß daran und wollte kein Training der »Gruppo Nordico«, wie wir genannt wurden, versäumen. Ich erlebte zum ersten Mal, was es heißt, in einem Team zu trainieren und einen Sport zu leben. Der Trainer wurde zum Vorbild und zu einer Art Ersatz für den Vater. Er wurde zu einem meiner engsten Wegbegleiter; noch heute verbindet uns eine tiefe Freundschaft.
 
Schule und Sport am Limit
Mit meinen sportlichen Leistungen war ich in der Schulzeit zunächst ganz zufrieden. Ich erreichte als Skilangläufer damals zwar keine Plätze auf dem Siegerpodest, konnte mich aber immer für die jeweiligen Förderkader qualifizieren. In mir entstand mehr und mehr der Wunsch, an meine körperlichen und auch geistigen Leistungsgrenzen zu gehen und »richtig« erfolgreich zu sein.
 
Eine Leistungssteigerung erhoffte ich mir mit dem Wechsel ans Skigymnasium Berchtesgaden. Diesen Schritt bereute ich sehr schnell. Die Schule stellte sich als herbe Enttäuschung heraus: Weder war organisiertes Training geboten, noch wurden wir von allen Lehrern in unserem Sport unterstützt. Zudem hatte ich mit meinen schulischen Leistungen zu kämpfen. Der Übertritt von der neunten Klasse Realschule in die zehnte Klasse Gymnasium bereitete mir mehr Schwierigkeiten, als ich erwartet hatte. Ich hatte Heimweh nach Schliersee, ich wollte zu meiner Familie und meinem Trainer. Aber ich konnte nicht zurück. Fast ein Jahr habe ich gekämpft, bis ich meine Mutter überzeugt hatte und sie mir erlaubte, auf dieses Skigymnasium zu wechseln. Und jetzt war ich einfach zu stolz, um eine Niederlage einzugestehen. Doch es kam alles noch schlimmer: Bei einer Routineuntersuchung diagnostizierte die medizinische Abteilung des Skigymnasiums eine chronische Asthma-Erkrankung. Ein Irrtum war ausgeschlossen, das Skigymnasium ist gleichzeitig auch ein Asthma-Therapiezentrum, die untersuchenden Ärzte sind Spezialisten. Bedeutete dies das Ende meiner kaum begonnenen sportlichen Karriere? Die Ärzte konnten auf diese Frage keine Antwort geben. Sie wunderten sich nur, dass ich trotz des Asthmas diese Art von Sport als Leistungssport betreiben konnte. Heute weiß ich, dass es gerade der Ausdauersport ist, der mein Asthma im Zaum hält, ja, dass es der Sport ist, der mir meine Lebensqualität und meine Gesundheit trotz diagnostizierter Krankheit sichert. Damals habe ich die Krankenstation verlassen und bin einfach losgelaufen. Ich wollte mich über die niederschmetternde Tatsache hinwegsetzen und habe mich auf meinen Körper verlassen. Ich trainierte weiter und wurde mit 17 Jahren in den C-Kader der Nationalmannschaft aufgenommen – zusammen mit den zehn besten deutschen Jungs im Alter von 17 bis 20 Jahren.

Weltmeister kann nur einer werden

Die deutsche Wiedervereinigung hat uns Skilangläufer in der westdeutschen Nationalmannschaft kalt erwischt. Mitten in der Vor-bereitung zur Weltcupsaison verblieben von den ehemals acht westdeutschen Athleten nur noch drei im B-Kader. Sie wurden um drei Sportler aus Ostdeutschland ergänzt. Dieser neue Sechser-Kader bestand nur noch aus Läufern, die allesamt schon Medaillen bei Juniorenweltmeisterschaften gewonnen hatten. Wollte man dabeibleiben, galt es, einer der besten der ganzen Welt zu werden, nicht nur einer der besten bei den Junioren. Eine neue Dimension: Bis dato hatte es ja gereicht, deutsche/westdeutsche Spitze zu sein.
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Peter Schlickenrieder hat es geschafft. Trotz persönlicher Rückschläge erkämpfte er sich seinen Weg zur Olympia-Silbermedaille – mit Ausdauer und Disziplin.
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Außerdem gab es mitten in der Saison einen neuen Trainer – und mit ihm sein Trainingssystem aus der ehemaligen DDR. Dieses System war geprägt vom sportlichen Leistungsdenken eines ehemals diktatorischen Staates. Sowohl die Mentalitätsunterschiede als auch die Unterschiede in den Trainingsmethoden bereiteten mir und meinen Kollegen enorme Schwierigkeiten. Es folgte ein jahrelanges Wellental mit Erfolgen, aber eben auch vielen Niederlagen. In Ausdauersportarten beschränken sich Niederlagen ja nicht nur auf einzelne Wettkämpfe, sondern auf ganze Saisons. Manchmal dauert es Jahre, bis sich wieder Erfolge einstellen. In der Zeit vom 20. bis zum 28. Lebensjahr sah ich aufgrund fehlender Leistungen viele Trainer und Athleten kommen und gehen. Schnell wurde eines klar: Nur wer absolute Topleistungen bringt, ist unantastbar und kann »sein Ding« durchziehen. Irgendwie wollte mir der sportliche Durchbruch aber nicht so recht gelingen. Konsequenterweise ereilte mich dann mit 28 auch der Rauswurf aus der Nationalmannschaft. Das bedeutete das Ende jeglicher Förderung – aber auch das Ende meiner Leistungssportkarriere? Ich war stets der Überzeugung, dass ich das Zeug zum Gewinnen hatte. Doch ohne die Unterstützung des Skiverbandes und der Sportfördergruppe der Bundeswehr konnte ich mir meine sportliche Zukunft zunächst nicht vorstellen. Zum ersten Mal dachte ich daran, den Sport ganz aufzugeben.
 
Die Geburt meiner Tochter und die noch fehlende »normale« Berufsausbildung trieben mich finanziell ziemlich in die Enge. Mit meinem Fernstudium in München war ich mittlerweile immerhin bis zum Vordiplom fortgeschritten, das zwei bis drei Jahre dauernde Hauptstudium hatte ich aber noch vor mir. Die Situation war alles andere als einfach und belastete mich sehr. Trotzdem entschied ich mich dafür, den Leistungssport zu Ende zu bringen. Ich hatte das Gefühl, das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht zu haben, und wollte es nochmal wissen!
»Grenzen suchen, Grenzen finden, Grenzen akzeptieren und mit dem individuell Erreichten zufrieden zu sein – das ist die hohe Kunst, Grenzerfahrungen für sich zu nutzen.«
Die Fäden selbst in die Hand nehmen
Ich überlegte krampfhaft, wie ich meinen Sport auch ohne Nationalmannschaft weiter betreiben könnte. Für mich stand fest, dass ich eine Bezugsperson brauchte, die sich im Winter um meine Ski kümmert und mir beim Training beratend zur Seite steht. Die Entwicklung einer eigenen Trainingsmethode traute ich mir aufgrund meiner Erfahrung durchaus zu.
 
Schnell war das Zweier-Team – mein Wachsler, Tüftler, Trainingspartner und Freund Reini und ich – zusammengestellt. Die erste Saison ohne Skiverband war stressig. Ich musste mein Studium und das Training unter einen Hut bringen und mich gleichzeitig um meine Familie kümmern. Denn mittlerweile hatte sich mein Sohn Lucas angekündigt. Für meinen Trainingsplan musste ich mir also etwas Besonderes einfallen lassen. Das Ziel war, in möglichst kurzen Trainingseinheiten möglichst viel Schnelligkeit aufzubauen. Bald stellte sich auch die Frage der Finanzierung. Ich hatte mit rund 15 000 bis 20 000 Euro pro Jahr für Trainingslager und Wettkampfsaison gerechnet. Die Prämie für einen Weltcupsieg lag bei etwa 15 000 Euro. Also war der Plan klar: Ein Weltcupsieg sollte die Kosten decken. Rückblickend betrachtet, war dies wahrscheinlich der entscheidende Sinneswandel. Ich ging fest davon aus, dass ich den ersten Weltcup gewinnen und damit meine Kosten decken konnte. Ich hatte bis dahin aber noch nie einen Weltcup gewonnen und war über Platzierungen unter den ersten 15 schon sehr glücklich.
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»Mann gegen Mann« im Skilanglaufsprint bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City (USA) 2002
Mit der Entscheidung, meinen Leistungssport selbst in die Hand zu nehmen, habe ich wahrscheinlich auch das erste Mal die volle Verantwortung für meine Leistung mit allen Konsequenzen übernommen. Ich gewann dann auch diesen anvisierten Weltcup und konnte damit beruhigt die Leistungssportkarriere fortsetzen. Leider – oder vielleicht auch glücklicherweise – lief in dieser Zeit nicht alles wie am Schnürchen. Denn bei den Weltmeisterschaften 2001 musste ich trotz bestechender körperlicher Form eine herbe Enttäuschung einstecken: Ich wurde nur Sechster.
 
Olympischer Erfolg
Nach dieser enttäuschenden Saison, die durch den Sieg beim Engadiner Skimarathon noch einigermaßen versöhnlich endete, setzte ich mich mit meiner Frau Andrea und »Kroni« zusammen. Wir wollten darüber sprechen, ob es an der Zeit wäre, die Karriere zu beenden oder nochmals einen letzten Versuch im Olympia-Jahr 2002 zu wagen. Ich war hin und her gerissen – am Ende siegte mein Ehrgeiz. Ich wollte diese letzte Chance nutzen.
Ich wollte aber nicht in Gefahr geraten, den Sport noch einmal so sehr in den Mittelpunkt meiner Lebensplanung zu stellen wie vor der Weltmeisterschaft. Deshalb entschloss ich mich, mein Studium im Sommersemester 2001 abzuschließen – was bedeutete, dass ich wieder einmal nur wenig Zeit zum Trainieren haben würde.
In einer Sportart, in der mittlerweile 800 bis 1000 Stunden pro Jahr trainiert werden, kann es fatal sein, wenn man nur 200 Stunden schafft. Auf dieses Pensum wäre ich gekommen, hätte ich so weitertrainiert wie bisher. Nach der Abschlussprüfung im September 2001 hatte ich dann allerdings mehr Zeit für das Training. Zunächst machte ich wieder den gleichen Fehler: Ich erhöhte das Pensum in kürzester Zeit um das Vier- bis Fünffache. Es dauerte nicht lange, und mein Körper holte sich eine Auszeit: Ich wurde krank. Mir lief die Zeit davon – nur noch zwei Monate bis zum Winter und kaum mehr als 100 Stunden trainiert!
 
Bereits nach zwei Tagen Pause begann ich wieder mit dem Training. Keine zwei Wochen später war ich wieder krank. Diese Krankheitsanfälligkeit ging so weit, dass ich Ende November gerade einmal auf 20 Stunden unmittelbare Wettkampfvorbereitung kam. Ich war am Ende. Ich rief Kroni, den Skiwachsler, an und sagte ihm, er solle die Ski verkaufen: »Ich mag nicht mehr.« Mit seiner Überredungs- und Motivationskunst brachte er mich so weit, dass ich die Saison noch einmal in Angriff nahm. Mit dem Glück meines Skiwachslers (er behauptet, er hätte das Glück, dass sich in seinem Leben bisher immer alles so ergeben hat, wie er es sich erträumt hatte) haben wir so ziemlich die letzte Olympia-Qualifikationschance beim Weltcup in Garmisch-Partenkirchen genutzt.
Sofort nach der Olympia-Qualifikation verabschiedete ich mich aus der Wettkampfserie und bereitete mich nun noch einmal acht Wochen intensiv auf Olympia vor. Jetzt musste das »System Schlickenrieder« wirklich funktionieren. Gerade nach der Enttäuschung über den sechsten Platz bei der WM im vergangenen Jahr war mir klar, dass alles passen muss, wenn man ganz vorne landen will. Und es lief, wie Kroni immer prophezeit hatte: »Peter, du wirst sehen – es gibt nassen Schnee, wir werden schnelle Ski haben, und du machst das Ding.« Als wäre es anders gar nicht möglich gewesen, funktionierte das »System Schlickenrieder« perfekt. Ich erlebte nicht nur diesen Kampf um den zweiten Platz auf dieser olympischen Sprintdistanz wie im Zeitlupentempo; die gesamten zwei Wochen während der olympischen Spiele nehmen in meiner Erinnerung einen großen Zeitraum ein. Kurzum: eine gewaltige Erfahrung, die mich bis heute treibt und motiviert. Für mich war nach all den Rückschlägen vor diesem großen Erfolg aber auch schnell klar: Hier ist die Grenze des für mich Mach- und Leistbaren erreicht und mit dem für mich Bestmöglichen – einer Olympia-Silbermedaille – honoriert worden. Mit diesem Olympia-Erfolg hatte ich gleichzeitig meine leistungssportliche Grenze erreicht – ich war auf dem Höhepunkt dieser Grenzerfahrung angelangt.
»Peter, du wirst sehen – es gibt nassen Schnee, wir werden schnelle Ski haben, und du machst das Ding.« Das »System Schlickenrieder« funktionierte perfekt.

Das wahre Leben

Wer jetzt glaubt, mit dem Olympia-Erfolg sei die Sehnsucht nach dem Sichfordern und Grenzenentdecken vorbei, liegt weit daneben. Der Erfolg hat mich so sehr motiviert, dass es seitdem mein Ziel ist, so viele Menschen wie möglich von der frohen Kunde von einem Leben mit Sport, von einer sportlichen Lebensphilosophie zu überzeugen. Dafür gehe ich in allen Bereichen an meine persönlichen Limits. Neben dem Aufbau meiner Sportmarketingagentur und der Aufnahme meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Deutschen Skiverband versuche ich, über verschiedenste Projekte und Aktionsfelder im Medienbereich größtmögliche Aufmerksamkeit für mein Thema – »Menschen bewegen« – zu erregen. Ob vor dem Hintergrund der Gesundheit und Fitness oder eben der Anziehungskraft von Abenteuern und Grenzerfahrungen – auf Dauer kann sich keiner dem Lebensquell Sport entziehen. Den Aspekt des Abenteuers und der Grenzerfahrungen habe ich gerade in der Zeit nach dem Leistungssport als Antriebsfeder für ein Leben mit Sport entdeckt. Als Leistungssportler musste ich sehr zielorientiert nach Zeit und Geschwindigkeit trainieren. Dabei war wenig Platz für »Unvorhersehbares« im Sinne eines Abenteuers. Umso mehr genieße ich es, das Leben und die Welt so auch persönlich ganz neu zu entdecken – sei es durch eine Alpenüberquerung mit Skiern oder dem Bike. Im Grunde ist das Leben eine riesige Spielwiese mit viel Platz, sich selbst zu erleben und zu erfahren.
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Trotz aller Strapazen zauberte das Erlebnis Transalp Bike Challenge 2006 ein Lächeln auf Peters Lippen.
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Abenteuer und Grenzerfahrung

Warum suchen Menschen Abenteuer und Herausforderungen im sportlichen, privaten oder beruflichen Bereich? Was bringt uns dazu, an unsere körperlichen und psychischen Grenzen zu gehen – und das auch noch freiwillig? Blicke ich auf meine Karriere als Profisportler zurück, muss auch ich mir diese Frage stellen. Gefühlt war ich immer schon ein Kämpfer und habe bereits als kleiner Junge Spaß an Wettkämpfen gehabt. Oder besser: an der Selbstbestätigung durch erfolgreiches Bezwingen einer Herausforderung? Für mich war es damals sicher auch ein, wenn nicht der, Ausgleich zu meinem etwas schwierigen Elternhaus, bedingt durch die Alkoholkrankheit meines Vaters. Es war alles nicht so einfach, und im Sport fand ich Zuflucht und Bestätigung zugleich – sicherlich ein triftiger Grund, sich immer wieder sportlichen Herausforderungen zu stellen, doch das allein kann es nicht gewesen sein. Denn seit meine Kinder auf der Welt sind, trinkt mein Vater keinen Tropfen Alkohol mehr und ist der beste Opa, den man sich vorstellen kann. Auch meine Eltern haben nun endlich zu einem guten Miteinander gefunden. Doch irgendetwas treibt mich immer noch, an meine Grenzen zu gehen. Auch später hatte ich in meinem Leben immer wieder mit Rückschlägen und Selbstzweifeln zu kämpfen: Sollte ich eine Profikarriere anstreben, oder reichte mein Talent dafür vielleicht doch nicht aus? Natürlich war auch meine Familie für mich da und unterstützte mich nach Kräften, wofür ich sehr dankbar bin. Für mich war es meist mein Sport, der mir gezeigt hat, was wirklich in mir steckt, wo aber auch meine Grenzen liegen. Es ist jedes Mal ein neues und faszinierendes Gefühl zu erfahren, wo mein persönliches Limit ist. Manchmal überraschte ich mich sogar selbst.
 
Unterschätzung statt Überschätzung
Und genau das ist der Punkt. Manche überschätzen sich, doch oft unterschätzen wir uns auch ganz gehörig. Viele trauen sich Dinge nicht zu, sind verunsichert und wagen nicht einmal einen Versuch, an ihre Grenzen zu gehen. Lieber gibt man sich mit Mittelmäßigkeit zufrieden, denn schließlich hat man auch eine gewisse Angst vor den eigenen Grenzen: Wer sie nie ausgelotet hat, weiß letztlich nicht, wo sie sind. Sie können sehr nahe sein, vielleicht kann man aber auch sehr weit gehen. Doch irgendwann kommt dann doch der Moment, in dem man einfach wissen möchte, wozu man eigentlich fähig ist, was man kann. Das kann in Momenten der Unzufriedenheit kommen, wenn man sich in seinem Job nicht wohlfühlt oder mit seiner privaten oder gesellschaftlichen
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Situation unglücklich ist. Oder gerade dann, wenn eigentlich alles ganz gut läuft, man aber doch von der Frage getrieben wird, ob es das schon gewesen sein soll. Manche nehmen sich auch einfach einmal eine Auszeit, ein sogenanntes Sabbatical, und suchen neue Erlebnisse und Eindrücke, indem sie die Welt bereisen. Auch das ist eine Herausforderung und eine Art von Grenzerfahrung. Denn es gehört schon Mut dazu, seinem gewohnten und kalkulierbaren Umfeld für eine Zeit den Rücken zu kehren und neuen Situationen zu begegnen, die eben nicht im Vorfeld einschätzbar sind. Andere laufen einen Marathon oder Halbmarathon oder besteigen den Berg, von dem sie schon so oft gehört haben. Doch natürlich geht so etwas nicht von jetzt auf gleich.
 
Vorbereitung ist alles
Ob sportliche oder private Herausforderung – gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Denn Ziel einer solchen Herausforderung ist es ja, sie auch zu meistern. Die Hürden sollen zwar so hoch wie möglich, aber immer noch zu nehmen sein. Folglich gehört natürlich auch Scheitern zum Konzept. Sich leichtsinnig und gedankenlos in solche Abenteuer zu werfen, getreu dem Motto: »Augen zu und durch«, gleicht Selbstmord. In diesem Fall wäre das Scheitern bereits vorprogrammiert. Der tiefe Fall nach dem »Kick« führt dazu, dass man aufgibt und Angst davor hat, sich an etwas Neues zu wagen. Wer vielleicht schon vorher an sich und seinen Leistungen zweifelte, wird nach einer solchen Niederlage noch mehr an sich zweifeln und sich einer zweiten Herausforderung möglicherweise nicht mehr stellen. Dieser Frust ist der Motivationstod. Während sich der Wunsch nach Grenzerlebnissen und Herausforderungen wahrscheinlich erst mit der Zeit und je nach äußeren Einflüssen bei uns entwickelt, wird vielen Menschen die Neugierde und Abenteuerlust wohl schon in die Wiege gelegt. Wie war es denn, als wir noch Kinder waren? Sie erinnern sich doch auch an Entdeckungstouren durch den Wald, den Bau von Baumhäusern und Höhlen, das Ausbuddeln von Maulwurfslöchern und das Basteln von futuristisch wirkenden »Flugapparaten« aus Papier... Waren wir als Kinder nicht alle kleine Abenteurer? Warum spielt man Cowboy und Indianer oder Pirat?
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Peters Lieblingssportarten haben eines gemeinsam: Es sind Ausdauer- und Natursportarten mit der Möglichkeit, Abenteuer zu erleben – ob beim Skilanglauf, beim Nordic Blading, beim Nordic (Walking) Jumping oder beim Backcountry Skiing.
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Meine Sehnsucht nach Grenzerlebnissen

Meine aktive Laufbahn als Profisportler habe ich bereits vor sechs Jahren, auf dem Höhepunkt meiner Karriere, beendet –