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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

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© 2011 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99026-018-0

ISBN e-book: 978-3-99026-020-3

Lektorat: Mag. Dr. Margot Liwa

Umschlagfoto: Indigocrow | Dreamstime.com

Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.

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Vorwort

Keines dieser schrecklichen Erlebnisse, keinen dieser traurigen Tage in diesem Jahr darf ich vergessen. Ich möchte alles festhalten für die Ewigkeit, für mein ganzes Leben und möchte darin blättern wie in einem Kalender, wann immer mir danach ist, und doch wünsche ich mir nichts so sehr, als dass dieses Jahr bald zu Ende ist.

Dieses Jahr, geprägt durch …

die große Liebe zu meinem Mann Manfred, die im Laufe dieses Jahres viel Schmerz ertragen hat, die Liebe zu meiner Mutter, die mir bis zu diesem Jahr selbst nicht bekannt war, die außergewöhnliche Liebe zu meinem Bruder Rudi, die mich in ihrer Intensität ängstigt, mich täglich begleitet und mein weiteres Leben begleiten wird, denn ich fürchte mich davor, seinen Tod nicht zu verkraften.

Ich bin nicht so vermessen, zu glauben, dass mein bisher eigentlich normal verlaufenes Leben Stoff für eine Geschichte sein würde. Eine Geschichte, die man festhalten müsste, die gar für andere interessant sein könnte. Es geht auch gar nicht um mein Leben. Es geht nur um ein Jahr in meinem Leben, nur um dieses eine Jahr, das vollgepackt ist mit Kummer und Leid, gezeichnet von Tod und Traurigkeit und gesteuert wird von Liebe und Sorge.

Sollte ich die Geschichte dieses Jahres zu Ende schreiben, werde ich möglicherweise auf großes Mitgefühl und Verständnis stoßen, dann werden vielleicht auch andere verstehen, warum man dieses Jahr festhalten möchte. Vielleicht hilft mir das Schreiben, meinen Kummer und meine Ängste zu verarbeiten, und vielleicht verhindert es, psychologische Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

Mutter

Heute ist der 17. November 2010, es ist der erste Todestag meiner Mutter und es ist 10 Minuten vor 1 Uhr in der Nacht.

Ich werde wach, als mein Mann Manfred sich nach einem langen Fernsehabend ins Bett neben mich legt. Ich bin sofort hellwach, weil mir wieder so viele Gedanken durch den Kopf gehen und mich nicht mehr schlafen lassen.

Während andere schlafen, sitze ich hier und habe die Augen voller Tränen. Auf der Ablage hinter meinem aufgeklappten Laptop stehen gerahmte Fotos, die im Laufe dieses Jahres mehr geworden sind. Bisher standen dort nur lustige Fotos unserer beiden Kätzchen. Dazu gekommen sind nun Aufnahmen, die meine Mutter, meinen Bruder Rudi, meinen Mann Manfred, meinen älteren Bruder und mich zeigen. Mein Leben hat sich verändert. Warum und wie, das möchte ich hier erzählen.

Mein 17. November 2009 war der ganz normale und stressige Bürotag einer viel beschäftigten Sekretärin. Ein Dienstag wie jeder andere.

Der Anruf aus dem Pflegeheim am späten Vormittag hat alles verändert.

Die Leiterin informiert mich mit viel Mitgefühl in der Stimme, dass meine Mutter soeben friedlich eingeschlafen ist.

Ich kann und will es nicht glauben. Der Arzt hat uns doch vor wenigen Tagen gesagt, dass er meine Mutter noch nicht sterben sieht und dass sie sich sicherlich wieder erholen wird. Wir haben sie am Wochenende noch besucht, wir waren bei ihr im Pflegeheim in Bayern.

Meine Mutter hatte Krebs. Es begann mit einem Tumor in der Brust, den sie vermutlich lange Zeit vor uns allen versteckt und geheim gehalten hat. Er war irgendwann so groß, dass die Haut platzte und er nach außen trat. Zum Schutz der Wäsche hatte sie sich den Büstenhalter mit Papiertaschentüchern ausgestopft. Der Aufmerksamkeit von Sabine, der damaligen Freundin meines Bruders Rudi, war es zu verdanken, dass die Krankheit entdeckt wurde. Ein tagelanger Kampf mit meiner Mutter begann, bis wir es geschafft hatten und sie ins nächste Krankenhaus bringen konnten, wo sie sofort operiert wurde. Dort teilten uns die Ärzte mit, dass meine Mutter zwar sehr krank sei, da sie aber schon 86 Jahre alt sei, vermutlich nicht am Krebs sterben werde und durchaus noch einige schöne Jahre haben könne. Dass in diesem hohen Alter die Zellteilung nicht mehr so schnell fortschreitet, sie körperlich auch in keinem schlechten Zustand war und einiges zuzusetzen hatte, waren Gründe für diese Voraussage.

Ich hatte bis dahin kein besonders herzliches Verhältnis zu meiner Mutter, eigentlich hatte ich gar kein Verhältnis zu ihr. Sie lebte ihr Leben in Bayern, ich lebte meins im Rheinland. Meine Mutter hatte ich als kühle und nicht sehr herzliche Mutter in Erinnerung. Sie war streng und oft bösartig und sie war egoistisch … Ich nenne es einfach mal so.

Natürlich hatten wir Kontakt. Wir telefonierten regelmäßig und ich fuhr nach Bayern, so oft ich konnte. Aber es verband uns nicht die Mutter-Tochter-Beziehung, die ich mir immer gewünscht und um die ich andere in meiner Jugendzeit schon beneidet hatte. Sie hatte ihre beiden Söhne, meinen älteren Bruder und Rudi, in ihrer Nähe, ich, die Tochter, war im Rheinland glücklich verheiratet, das genügte ihr. Ihre ganze Aufmerksamkeit gehörte Rudi, der seit seiner Geburt ein Sorgenkind war. Diese Feststellung wird für meinen älteren Bruder später ein unüberwindbares Problem werden. In meiner Erzählung wird dieser Bruder nicht sehr oft erscheinen, was nicht heißt, dass er mir nichts bedeutet oder dass er mir nicht wichtig ist. Zu gegebener Zeit wird es dafür eine Erklärung geben.

Meine Mutter hat die Operation gut überstanden. Es war für sie das erste Mal, dass sie wirklich ernsthaft krank war. Doch die Rehabilitationsphase brachte sie wieder auf die Beine, sodass sie sogar zurück in ihre Wohnung und den Haushalt alleine meistern konnte. Das war für mich eine Sensation und ich war beruhigt, zumindest was meine Mutter betraf. Sehr anstrengende Wochen waren vorüber. Endlich waren die Wochenendfahrten nach Bayern nicht mehr so oft erforderlich und ich konnte wieder zurück in unseren Alltag.

Rudi hatte eine ganz besondere und sehr enge Beziehung zu unserer Mutter. Ich war nicht in der Lage, ihn ins Krankenhaus mitzunehmen, und wollte ihn dieser Situation auch nicht aussetzen. Sein eigener körperlicher Zustand hat es zusätzlich schwierig gemacht. Da er eher etwas bequem war, gab er sich meistens mit meinen Erklärungen zum Zustand unserer Mutter zufrieden.

In ihrer gewohnten Umgebung erholte sich unsere Mutter zunehmend und wir hätten zufrieden sein können, wenn da nicht das Sorgenkind Rudi gewesen wäre.

Mein Bruder Rudi

Ich muss erklären, dass mein kleiner Bruder, damals 50, bereits seit einem Jahr in einem Pflegeheim in Mutters Nähe lebte. Er war sehr krank, litt an Diabetes infolge krankhafter Fettleibigkeit und war auf regelmäßige Blutwäsche (Dialyse) angewiesen, nachdem die Krankheit seine Nieren zerstört hatte. Rudi und die Sorgen um ihn waren natürlich auch während der Erkrankung meiner Mutter stets präsent.

Wenn Rudis Verfassung es erlaubte, ließ er sich mit einem Taxi zum ca. 15 km entfernten Wohnort unserer Mutter fahren, wo er mit Essen und Geld versorgt, einige schöne Stunden mit ihr verbrachte und mit schlechten Blutzuckerwerten wieder zurück ins Pflegeheim kam. Wenn mir diese Treffen bekannt wurden, hatte das immer große Diskussionen zur Folge. Diskussionen über seine Gesundheit, sein ungesundes Essen und über Geld, das er nicht hatte und trotzdem ausgab.

Mit diesen neu erschlossenen Nachschubwegen verschlechterte sich sein körperlicher Zustand ext­rem und er nahm bedrohlich schnell an Gewicht zu. Denn er ließ sich von unserer Mutter mästen und nahm zusätzlich an den Mahlzeiten im Pflegeheim teil. Außerdem trank er wöchentlich kistenweise süße Getränke, die er sich von allen möglichen Personen heimlich besorgen ließ. Er bestellte sich nachts nicht etwa eine Pizza, sondern zwei Kilo gebackenen Leberkäse, was in Bayern wohl möglich ist; ich habe die Kaufbelege mit eigenen Augen gesehen.

Wir besuchten ihn regelmäßig und waren jedes Mal aufs Neue entsetzt über seine körperliche Veränderung. Seine Beine und Füße hatten inzwischen eine Form angenommen, dass Bewegung ohne Schmerzen nicht mehr möglich war. Sie waren schwarz verfärbt und zum Zerreißen dick. Die Zeit, in der Ratschläge an- oder Drohungen ernst genommen wurden, war längst überschritten. Er kam immer wieder mit Atemnot oder Herzproblemen in die Klinik, wo wir von den Ärzten darüber informiert wurden, dass er auf dem besten Weg sei, sich mit dieser Lebensweise umzubringen.