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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Lynne Graham

Líebesreíse nach Gríechenland

Líebe meínes Lebens

 

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch
in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Cozakis Bride

Copyright © 2000 by Lynne Graham

erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Getty Images, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN eBook 978-3-95576-056-4

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

“Du bist ganz die Tochter deiner Mutter – du hast dein Leben verpfuscht”, urteilte Spyros Manoulis. Olympia wich dem Blick ihres Großvaters nicht aus, obwohl sie am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Sie war gekommen, um zu betteln, und wenn es ihm gut tat, sie zu beschimpfen, dann sollte er es tun. Hauptsache, sie konnte ihn seiner Tochter gegenüber gnädiger stimmen.

Spyros Manoulis ging im Salon der Suite des eleganten Londoner Hotels auf und ab. Er war über siebzig, hatte aber immer noch eine sportliche Figur und volles weißes Haar. “Sieh dich doch nur an, Olympia! Schon siebenundzwanzig und immer noch keinen Mann, von Kindern ganz zu schweigen! Vor zehn Jahren habe ich dich mit offenen Armen bei mir aufgenommen und alles getan, um dir den Weg zu ebnen …”

Er verstummte, um Atem zu schöpfen, aber Olympia wusste, was jetzt kommen würde. Sie kniff die grünen Augen leicht zusammen und wurde blass, was ihr rotbraunes Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte, noch dunkler erscheinen ließ.

“Und wie hast du mir meine Großzügigkeit gedankt?” Spyros erregte sich immer mehr. “Du hast Schande über unsere Familie gebracht. Du hast mich in meiner Ehre gekränkt, deinen Ruf ruiniert und die Cozakis beleidigt und vor den Kopf gestoßen.”

“Ja.” Sie hätte sich selbst zu einem Mord bekannt, wenn es ihr die Gelegenheit gegeben hätte, ein gutes Wort für ihre Mutter einzulegen.

“So eine vorteilhafte Ehe auszuschlagen! Und du mochtest Gregoris Cozakis! Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie du vor Rührung geweint hast, als er dir den Verlobungsring an den Finger gesteckt hat.”

Olympia presste die Lippen zusammen, um bei diesen Vorwürfen nicht die Beherrschung zu verlieren.

“Dann hast du aus einer Laune heraus alles kaputtgemacht.” Tiefe Verbitterung sprach aus seinem Gesicht. “Du hast dich unmöglich gemacht, du hast mich unmöglich gemacht, du …”

“Zehn Jahre sind eine lange Zeit”, wandte sie ein, doch ihr Großvater widersprach ihr sofort.

“Nicht lange genug, um die Erinnerung an diese Schande aus meinem Gedächtnis zu tilgen! Mich hat nur interessiert, wie du jetzt aussiehst. Deshalb habe ich deiner Bitte um ein Treffen zugestimmt. Ich möchte aber von vornherein klarstellen, dass du von mir keinerlei finanzielle Unterstützung zu erwarten hast.”

Olympia schoss die Röte ins Gesicht. “Keinen Penny würde ich von dir nehmen! Aber meine Mutter, deine Tochter …”

“Hätte meine verblendete Tochter dich nach griechischer Tradition zu einem anständigen jungen Mädchen erzogen, wäre uns diese Familienschande erspart und meine Ehre unangetastet geblieben!”

Ihr Mut sank. Doch sie würde zu verhindern wissen, dass ihre Mutter immer noch unter den Sünden der Tochter zu leiden hatte. Sie straffte sich und sah ihren Großvater entschlossen an. “Lass uns offen miteinander reden …”

“Nein! Kein Wort werde ich mir anhören.” Spyros ging zum Fenster. “Geh nach Hause, und denk darüber nach, was du dir und deiner Mutter angetan hast! Hättest du Gregoris Cozakis geheiratet …”

“Eher hätte ich ihn kastriert!” Nun, da ihr klar war, dass sie ihren Großvater nicht umstimmen konnte, verlor auch sie die Beherrschung. Doch als er sie mit hochgezogenen Brauen verächtlich musterte, errötete sie erneut. “Entschuldigung …”

“Gregoris hätte dir wenigstens beigebracht, zu schweigen, wenn ein Mann spricht.”

Olympia atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Anstatt ihn zu besänftigen, hatte sie noch Öl ins Feuer gegossen. Sie hätte schuldbewusst und reuig reagieren sollen, als er von ihrer geplatzten Verlobung gesprochen hatte.

Spyros Manoulis machte eine Geste, die etwas Endgültiges hatte. “Nur durch eine Ehe mit Gregoris könntest du mich umstimmen.”

“Warum verlangst du nicht gleich, dass ich auf den Mount Everest klettere?”

“Ich sehe, du hast mich verstanden”, erklärte er trocken.

Plötzlich ritt sie der Teufel. “Wenn ich ihn dazu bringe, mich zu heiraten, bekomme ich dann immer noch das gesamte Manoulis-Imperium als Mitgift?”

Spyros horchte auf. “Wie willst du das denn schaffen? Schließlich geht es um Gregoris Cozakis, den du beleidigt hast, wie man einen Mann nicht schlimmer beleidigen kann – und der jede Frau haben kann, die er will.”

“Nur wenige Frauen bringen als Trostpflaster eine derartige Mitgift mit in die Ehe.”

Schockiert sah er sie an. “Schreckst du wirklich vor nichts zurück?”

“Als du mich verkaufen wolltest wie einen deiner Tanker, habe ich meine Ideale und jedes Gefühl für Anstand verloren”, erwiderte sie. “Aber damit hast du meine Frage noch nicht beantwortet.”

“Die Frage ist überflüssig, weil sie völlig sinnlos ist.”

“Trotzdem hätte ich gern eine Antwort.”

“Damals wollte ich Gregoris zu eurer Hochzeit die Verantwortung für das Manoulis-Imperium übertragen. Dasselbe würde ich heute auch noch tun – mit allergrößtem Vergnügen sogar.” Seine Wut war verraucht, und er klang jetzt wie ein enttäuschter alter Mann. “Mein Herzenswunsch ist es, mein Lebenswerk an einen fähigen Nachfolger zu übergeben. Ist das so schwer zu verstehen?”

Olympia biss sich auf die Lippe. Das Unternehmen bedeutete ihrem Großvater mehr als die eigenen Kinder, der Meinung war sie schon immer gewesen. Ihre Mutter dagegen sah das anders. Irini Manoulis war eine sehr sanftmütige Frau und hatte es ihrem Vater nie übel genommen, dass er sie verstoßen hatte.

Aber es war sinnlos, darüber weiter nachzudenken. Sie, Olympia, hatte mit ihrer Mission keinen Erfolg gehabt. Ihr Großvater war zu keinen Eingeständnissen bereit und hatte sie nur aus Neugier empfangen. Was wollte sie hier eigentlich noch? Sie ging zur Tür.

Doch dann machte sie einen letzten Versuch. “Meine Mutter, deine Tochter, ist sehr krank …”

Spyros schimpfte auf Griechisch. Empört wirbelte Olympia herum, ihre grünen Augen funkelten angriffslustig. “Wenn sie arm und ohne ausreichende medizinische Versorgung stirbt, ist das allein deine Schuld! Ich kann nur hoffen, dass dich dein Gewissen bis ins Grab verfolgt – und darüber hinaus, denn genau das hast du verdient.”

Sekundenlang blickte Spyros Manoulis sie sprachlos an. Dann drehte er sich um.

Olympia ging. Nach außen hin gelassen, durchquerte sie das belebte Hotelfoyer und trat auf die Straße. Ihre Lage war völlig aussichtslos, und schuld daran war Gregoris Cozakis.

Obwohl er unvorstellbar reich war, hatte ihn die Geldgier dazu getrieben, sich als Neunzehnjähriger mit einem übergewichtigen Mädchen zu verloben, das er alles andere als attraktiv fand. Da es sich dabei jedoch um die Erbin des Manoulis-Vermögens handelte, hatte er sich nicht daran gestört. Gregoris Cozakis hatte ihr, Olympia Manoulis, das Herz gebrochen, ihren Stolz verletzt und dafür gesorgt, dass Spyros ihr und ihrer Mutter nie verzeihen würde.

Ihre Mutter war wohl unter keinem guten Stern geboren. Die ersten einundzwanzig Jahre ihres Lebens hatte Irini Manoulis behütet und von allem nur erdenklichen Luxus umgeben zugebracht. Doch dann hatte sie einen fatalen Fehler begangen: Sie hatte sich in einen Engländer verliebt. Spyros war natürlich gegen die Verbindung gewesen, und Irini war zu dem geliebten Mann nach London geflohen. Am Abend vor der Hochzeit raste er mit seinem Motorrad in den Tod.

Kurz darauf stellte Irini fest, dass sie schwanger war. Jetzt gab es natürlich kein Zurück mehr, denn sie war ledig und erwartete ein Kind. Als Tochter aus gutem Hause hatte sie keinen Beruf erlernt und musste jeden Job annehmen, der sich ihr bot. Trotzdem hatte sie ihre Tochter allein und ohne fremde Hilfe großgezogen. Seit sich Olympia erinnern konnte, hatte ihre Mutter, die von Natur aus kein robuster Typ war, blass und erschöpft ausgesehen. Jahrelange und viel zu schwere Arbeit hatte sie krank gemacht und ihr Herz immer mehr geschwächt.

Als sie, Olympia, dann ihr eigenes Geld verdiente, hatten sich die Verhältnisse gebessert. Sogar eine kleine Wohnung hatten sie sich leisten können, was ihnen als Himmel auf Erden erschienen war. Doch vor achtzehn Monaten war die Firma, bei der sie, Olympia, als Empfangsdame angestellt gewesen war, in Konkurs gegangen, und sie hatte sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen – und selbst die waren in letzter Zeit immer rarer geworden.

Nachdem auch die letzten Ersparnisse aufgebraucht gewesen waren, hatten sie die Wohnung aufgeben und Räume beziehen müssen, die das Sozialamt ihnen zur Verfügung stellte. Dort waren auch arbeitslose Jugendliche untergebracht, von denen einige so aggressiv waren, dass sich Irini allein nicht mehr vor die Tür traute. Sie, Olympia, hatte mit ansehen müssen, wie ihre geliebte Mutter von Tag zu Tag schwächer wurde. Es schien, als hätte Irini sich endgültig aufgegeben.

Sie wird sterben, dachte Olympia verzweifelt. Irini sprach nur noch von der Vergangenheit, denn die Gegenwart konnte sie nicht ertragen. Sie lebte in einer heruntergekommenen Wohnung, die sie aus Geldmangel nicht heizten, besaß weder Telefon noch Fernseher und hatte Nachbarn, die sie als bedrohlich empfand.

Olympia fragte sich oft, ob sie vor zehn Jahren genauso gehandelt hätte, wenn sie geahnt hätte, was die Zukunft bringen würde. Vielleicht wäre sie jetzt mit einem der reichsten Männer der Welt verheiratet, und ihre Mutter wäre medizinisch bestens versorgt. Mit siebzehn hatte sie das nicht voraussehen können, sonst hätte sie ihrer Mutter zuliebe geheiratet.

Selbst nachdem Gregoris keine drei Meter von ihr entfernt ein hinreißendes Topmodel hemmungslos geküsst hatte?

Selbst nachdem er Katerina, seiner Cousine zweiten Grades, anvertraut hatte, seine Verlobte wäre dick, dumm und unattraktiv, aber im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gewicht in Gold wert?

Selbst nachdem er sie am Morgen nach dem verhängnisvollen Abend beschuldigt hatte, sie wäre eine Hure? Er hatte gesagt, er würde es ablehnen, das zu nehmen, was ein anderer Mann ihm übrig gelassen hatte.

Um die schmerzlichen Erinnerungen zu vertreiben, blieb Olympia vor einem Schaufenster stehen und betrachtete die Auslagen. Sie war sich ziemlich sicher, dass Gregoris auch gerade in London war, und zwar aus demselben Grund wie ihr Großvater. In der Zeitung hatte nämlich gestanden, dass in dieser Woche eine Tagung griechischer Großindustrieller mit Geschäftsbeziehungen zu England stattfand.

Und Gregoris hatte einen seiner Geschäftssitze in London. Wahrscheinlich hielt er sich sogar in diesem Moment in seinem Büro auf. Was hatte sie also zu verlieren?

Sie wusste, dass Gregoris immer noch nicht verheiratet war und Spyros nie scherzte, wenn es um Geld ging. Er würde Millionen über Millionen zahlen, nur um seine Enkelin mit Gregoris Cozakis verheiratet zu sehen. Mit Liebe hatte das Ganze nichts zu tun, es ging allein um die Vereinigung zweier Wirtschaftsimperien. Und deshalb sah sie eine Chance für sich, selbst wenn sie in Gregoris’ Augen hässlich und obendrein unmoralisch war.

Hatte sie den Verstand verloren, an eine solche Heirat auch nur zu denken? Nein, sie war es ihrer Mutter schuldig, die auf so vieles verzichtet hatte, um ihre Tochter zur Welt zu bringen und großzuziehen. Jetzt war es an ihr, Irini ein Opfer zu bringen.

Olympia betrachtete kritisch ihr Spiegelbild in der Schaufensterscheibe. Sie war dunkelhaarig, knapp einssiebzig groß und trug ein graues Kostüm, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Selbst jetzt, da sie am Essen sparen musste, war sie nicht gertenschlank, sondern hatte üppige Formen – entsetzlich unmoderne Formen. Die musste sie von ihrer Familie väterlicherseits geerbt haben, denn Irini war klein und zierlich. Aber ich bin mein ganzes Gewicht in Gold wert, dachte Olympia zynisch. Und wenn Gregoris Cozakis eins wollte, dann war es Geld.

Er plante einen größeren Coup und hatte sich darum äußerste Ruhe ausbedungen.

Deshalb runzelte Gregoris Cozakis die Stirn, als Gerry Marsden, sein Assistent, auf ihn zukam und sich neben ihn stellte. “Es tut mir leid, Sir, aber da ist eine Frau, die Sie dringend sprechen möchte. Sie…”

“Ich möchte jetzt wirklich nicht gestört werden, und schon gar nicht von irgendeiner Frau”, unterbrach ihn Gregoris ungehalten.

“Sie behauptet, sie sei Olympia Manoulis, Spyros Manoulis’ Enkelin. Die Empfangsdame meint jedoch, so würde sie nicht aussehen.”

Olympia Manoulis? Gregoris verharrte mitten in der Bewegung und blickte nachdenklich vor sich hin. Olympia Manoulis. Der Schmerz und die Wut, die sich in all den Jahren nie ganz gelegt hatten, flammten erneut mit ungebrochener Macht auf. Wie konnte es dieses Flittchen nur wagen, seine Büroräume zu betreten und nach ihm zu fragen? Er sprang so unvermittelt auf, dass seine Mitarbeiter erschrocken aufsahen.

Er ging mit großen Schritten zum Fenster und drehte ihnen den Rücken zu. Spyros hatte geschworen, dass er ihr nie verzeihen würde, und er war ein Mann, der Wort hielt. Er, Gregoris, bedauerte den alten Mann, dessen Enkelin die Familienehre in den Schmutz gezogen hatte, von ganzem Herzen. Spyros’ Sohn war während einer Regatta ertrunken, und seine Tochter hatte ein außereheliches Kind. Sein, Gregoris’, Vater vertrat die Ansicht, die Manoulis seien keine gute Familie und er könnte froh sein, dass es nicht zur Heirat gekommen war.

Er, Gregoris, dagegen sah das längst nicht so abgeklärt. Die Erinnerungen brachten ihn immer noch zur Weißglut. Welche Erniedrigung, öffentlich damit konfrontiert zu werden, dass seine unschuldige Verlobte in seinem Auto mit seinem betrunkenen Freund Sex gehabt hatte! Was Olympia ihm, Gregoris Cozakis, angetan hatte, war ungeheuerlich gewesen, und er bedauerte, dass er nie die Möglichkeit gehabt hatte, sich an ihr zu rächen.

“Sir?”, brach Gerry Marsden das spannungsgeladene Schweigen, das im Raum herrschte.

Gregoris dreht sich um. “Lassen Sie die Frau warten.”

Gerry Marsden konnte sein Erstaunen nur mit Mühe verbergen. “Bis wann? Was soll ihr die Empfangssekretärin sagen?”

“Nichts.” Stolz hob Gregoris den Kopf. “Lassen Sie die Lady einfach warten.”

Die Zeit kroch nur so dahin: Mittag, früher Nachmittag, Spätnachmittag. Olympia hatte den Eindruck, dass viele Mitarbeiter das luxuriös ausgestattete Foyer nur durchquerten, um sie verstohlen zu mustern.

Trotzdem ließ sie den Kopf nicht hängen, sondern bemühte sich um Haltung. Schließlich hatte sie bereits etwas erreicht. Gregoris hatte es weder abgelehnt, sie zu sehen, noch hatte er sie des Hauses verwiesen. Wahrscheinlich hatte er nur ungeheuer viel zu tun. Ja, so musste es sein.

Gregoris war ihre letzte Hoffnung. Und was machte es schon, dass ihr Stolz verletzt war? Hatte Irini an ihren Stolz gedacht, als sie die Fußböden fremder Leute scheuerte, nur um ihre Tochter ernähren und einkleiden zu können?

Um kurz vor fünf stand die Empfangsdame von ihrem Tisch auf. “Mr. Cozakis ist nicht mehr im Hause, Miss Manoulis.”

Olympia wurde blass, ließ sich sonst jedoch keinerlei Gefühlsregung anmerken und ging hoch erhobenen Hauptes zum Lift. Sie würde nicht aufgeben. Sie würde am nächsten Tag wiederkommen, und wenn es ihr noch so schwer fiel.

Erst als sie an der Haltestelle stand und auf den Bus wartete, kam ihr der Gedanke, dass sie die Situation wohl falsch eingeschätzt hatte. Gregoris war nicht mehr der, in den sie sich damals so verliebt hatte. Er war kein ungeduldiger und unbeherrschter Teenager mehr, er war nicht mehr der verwöhnte Millionärssohn, sondern ein überaus erfolgreicher Unternehmer.

Gregoris war ein erwachsener Mann – ein Grieche. Wie ihr Großvater sah er keinerlei Veranlassung, sein Verhalten zu rechtfertigen. Statt ihr mitteilen zu lassen, dass er nicht zu sprechen wäre, hatte er sie warten und hoffen lassen. Mit dieser Taktik hätte sie eigentlich rechnen müssen.

Schon an der Wohnungstür duftete es nach Essen, und Olympia eilte sofort in die Küche. “Wir hatten doch vereinbart, dass ich koche, Mum”, begrüßte sie ihre Mutter und war entsetzt darüber, wie kraftlos diese wieder wirkte.

Irini lächelte. “Das ist doch das Wenigste, was ich für dich tun kann, wo du den ganzen Tag unterwegs warst, um einen Job zu finden.”

Olympia verschwieg ihr die Wahrheit, denn sie wollte sie nicht beunruhigen. Irini wäre über den Plan schockiert gewesen, selbst wenn sie, Olympia, ihr über das, was vor zehn Jahren in Athen wirklich passiert war, nie reinen Wein eingeschenkt hatte. Damals wie auch jetzt wollte sie ihre Mutter nicht unnötig belasten.

Am nächsten Morgen drei Minuten nach neun bat Olympia die Empfangsdame des Cozakis-Bürogebäudes zum zweiten Mal um einen Termin bei Gregoris. Zehn Minuten nach neun näherte sich Gerry Marsden seinem Boss, der schon seit acht an seinem Schreibtisch saß. “Miss Manoulis ist wieder da, Sir.”

“Haben Sie die Tenco-Akte besorgt?”, fragte Gregoris, ohne darauf einzugehen.

Als ihr die Empfangsdame gegen Abend mitteilte, dass Mr. Cozakis das Haus bereits verlassen habe, hätte Olympia vor Verzweiflung am liebsten geschrien.

Als Olympia am dritten Tag aus dem Lift trat und zum Empfang ging, konnte sie nur mit Mühe Haltung bewahren. Doch als sie in der Mittagszeit von der Toilette zurückkehrte, fand sie zu ihrer Überraschung eine Tasse Tee und einen Teller mit Keksen an ihrem Platz. Sie schenkte der Empfangsdame ein dankbares Lächeln, die ihr daraufhin verschwörerisch zuzwinkerte.

Sie hatte das Gefühl, dass mittlerweile jeder Mitarbeiter im Hause Cozakis einmal durch das Foyer gegangen war, nur um einen Blick auf sie zu erhaschen. Hatte ihr beharrliches Warten sie anfangs irritiert, erregte es jetzt Mitleid. Aber das nützt mir nichts, solange Gregoris einen eigenen Eingang hat, dachte Olympia.

Gegen drei verspürte sie allmählich Panik. Gregoris würde in den nächsten Tagen bestimmt wieder nach Griechenland zurückfliegen und wäre damit für sie nicht mehr erreichbar. Also musste sie handeln, denn sie hatte nichts mehr zu verlieren. Ohne lange zu überlegen, stand sie auf, eilte an der überraschten Empfangsdame vorbei und lief weiter den Flur entlang, der, wie sie mittlerweile wusste, zu seinen Räumen führte.

Als sie die Tür am Ende des Korridors erreicht hatte, stellte sich ihr ein Mann entgegen und hielt sie am Arm fest. “Es tut mir leid, Miss Manoulis, aber ohne Erlaubnis kommt hier niemand herein”, sagte er mit starkem griechischem Akzent.

“Damianos …” Sie hatte Gregoris’ bulligen Bodyguard sofort wiedererkannt. “Hätten Sie nicht einfach in die andere Richtung sehen können?”

“Bitte gehen Sie nach Hause. Denken Sie an Ihren Großvater. Der Boss wird sich so ein Verhalten nicht bieten lassen.” Bei diesen Worten lockerte er unwillkürlich den Griff. Das erwies sich allerdings als Fehler. Geschickt befreite sie sich und war mit einem Satz an der Tür, die sie sofort aufriss.

Irritiert schaute Gregoris von seinem Schreibtisch auf und erhob sich.

Olympia wusste, dass sie nur wenige Sekunden Zeit hatte. Dann würde Damianos sie hinauswerfen.

“Bist du ein Feigling oder ein Mann, dass du dich vor einer Frau fürchtest?”, brachte sie atemlos hervor.

2. KAPITEL

Gregoris nickte Damianos kurz zu, woraufhin sich dieser sofort zurückzog und die Tür hinter sich schloss. Olympia rang um Fassung und bewunderte gleichzeitig die Selbstbeherrschung, mit der Gregoris auf ihre Provokation reagierte. Wäre sie ein Mann gewesen, wäre er sicher auf sie losgegangen.

“Es tut mir leid …”, log sie.

Fasziniert betrachtete sie ihn. Er erschien ihr noch größer als vor zehn Jahren, er musste fast einsneunzig sein. Auf alle Fälle wirkte seine Figur athletischer, und seine Schultern waren breiter geworden. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

Gregoris sah einfach umwerfend aus. Sein konservativer dunkler Geschäftsanzug stand in verwirrendem Gegensatz zu seiner männlich-aggressiven Ausstrahlung. Gregoris war ein erwachsener Mann. An den schönen Jüngling, der ihr Herz vor zehn Jahren im Sturm erobert hatte, erinnerten nur noch die ebenmäßigen Gesichtszüge. Und die goldbraunen Augen, die sie schon immer an einen Jaguar hatten denken lassen.

“Wie kannst du dich nur so unwürdig benehmen?” Nicht die leiseste Gefühlsregung schwang in seinen Worten mit.

“Das habe ich nicht!”

“So? Einzig und allein aus Rücksicht auf deinen Großvater habe ich dich nicht gleich am ersten Tag gewaltsam ins Freie befördern lassen”, erwiderte er in dem gleichen leidenschaftslosen Ton.

Obwohl Gregoris völlig gelassen schien, hatte Olympia Angst vor ihm, und sie musste sich zwingen, ihm in die Augen zu sehen. “Ich möchte dir einen Vorschlag machen.”

“Und ich möchte deinen Vorschlag nicht hören.” Er sprach ganz ruhig, doch plötzlich war die Atmosphäre sehr spannungsgeladen. Olympia rann ein Schauer über den Rücken, als Gregoris sie langsam und verächtlich von Kopf bis Fuß musterte. Dabei wurde ihr bewusst, dass ihr Kostüm zerknittert war, dass sich einzelne Strähnen aus ihrer Frisur gelöst hatten und ihr unordentlich ins Gesicht fielen und wie hässlich sie überhaupt war. Der Schöne und das Biest, schoss es ihr durch den Kopf.

Aber es war eine Tatsache, die sie zu akzeptieren gelernt hatte. Jetzt konnte sie damit umgehen, vor zehn Jahren war sie daran verzweifelt, dass ihr Aussehen nicht im Entferntesten dem glich, was Gregoris hätte fesseln können.

“Wie kannst du mir nur ins Gesicht sehen?”, fragte Gregoris unvermittelt und nicht mehr ganz so ruhig.

“Ich habe ein reines Gewissen.” Stolz legte Olympia zur Bestätigung den Kopf zurück.

“Du bist nichts weiter als ein kleines Flittchen”, widersprach er und lächelte unverschämt.

Da dieser Vorwurf jeglicher Grundlage entbehrte, traf er sie nicht. Sie fand es nur erstaunlich, dass Gregoris selbst nach zehn Jahren noch das Bedürfnis verspürte, sie zu beleidigen. Es ist Ironie des Schicksals, dachte sie, dass ich als angebliches Flittchen mehr Eindruck auf ihn gemacht habe, als es mir als brave Verlobte je gelungen ist.

Sie lachte traurig. “Denk von mir, was du willst”, antwortete sie und zuckte die Schultern. “Ich bin hierhergekommen, um dir ein Geschäft anzubieten.”

“Spyros Manoulis würde nie auf die Idee kommen, dich als seine Unterhändlerin zu schicken.”

“Wie es aussieht, bin ich von uns dreien die Einzige, die den Mut hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Kannst du nicht für einen Augenblick die Vergangenheit vergessen und mir zuhören?”

“Nein.”

Olympia war ehrlich überrascht. “Warum nicht?”

Als er darauf nichts erwiderte, sondern sie nur mit unbewegter Miene ansah, atmete sie tief ein und machte ihren Vorschlag. “Mein Großvater wünscht immer noch, dass du Manoulis Industries übernimmst. Das wolltet ihr, du und dein Vater, doch schon damals. Es ist vor zehn Jahren nicht um mich gegangen, ich war lediglich Mittel zum Zweck.”

“Was soll denn dieser Unsinn?” Gregoris war ganz offensichtlich angewidert.

“Ich beschränke mich auf das Wesentliche, okay?”

“Nein. Verlass bitte dieses Zimmer”, brachte er hervor.

“Nein!” Sie ballte die zitternden Hände zu Fäusten. “Du hattest deine Rache, zehn Jahre lang …”

“Wovon redest du überhaupt?”

“Wenn du mich heiratest, überschreibe ich dir alles.”

Endlich war es ihr gelungen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Er schien wie vom Donner gerührt.

“Es wäre natürlich keine normale Ehe – nur eine Zweckehe, mit der mein Großvater zufrieden wäre. Ich bin ihm sowieso egal, also wird er sich um unser Zusammenleben nicht weiter kümmern”, erklärte Olympia schnell. Sie wollte ihm ihren Vorschlag möglichst genau erklären, bevor er wieder aus der für ihn untypischen Apathie erwachte. “Ich könnte hier in England bleiben und würde nur so viel an Unterhalt beanspruchen, dass ich davon leben kann. Dafür würde dir dann das ganz Manoulis-Imperium gehören, und du hättest den Vorteil, dich nicht mit mir belasten zu müssen.”

Gregoris wurde rot vor Zorn und fluchte leise auf Griechisch.

“Gregoris, versteh mich doch bitte! Ich befinde mich wirklich in einer verzweifelten Lage, sonst würde ich dir so etwas bestimmt nicht vorschlagen. Ich weiß …”

“Wie kannst du es nur wagen, mir so ein Angebot zu machen!”, herrschte er sie an und packte sie an den Armen. “Du musst verrückt sein! Nie im Leben würde ich so ein verkommenes und verlogenes Stück wie dich heiraten!”

“Denk ans Geschäft, nicht an die Heirat.” Obwohl sie am ganzen Körper zitterte, hielt sie an ihrem Plan fest. Es konnte ihr schließlich egal sein, was Gregoris von ihr dachte.

Wütend sah er sie an. “Ich soll eine Frau heiraten, die wie eine Straßendirne auf einem öffentlichen Parkplatz ihren Rock für einen meiner besten Freunde hochgehoben hat?”

Olympia wurde blass. “Es spielt jetzt zwar keine Rolle mehr, Gregoris, aber das habe ich nie getan.”

Er schob sie unsanft von sich. “Spar dir deine Worte, denn für deine Treulosigkeit gibt es Zeugen. Und verschon mich bitte mit einem derart beleidigenden Angebot.”

“Warum sollte das eine Beleidigung für dich sein?” Verblüfft sah sie ihn an. “Vergiss die alten Geschichten, und du musst zugeben, dass ich dir nur anbiete, was du schon immer gewollt hast – sogar mehr, denn ich erwarte nicht, dass du mit mir zusammenlebst oder mich wie deine Frau behandelst.”

“Spyros würde dich erschlagen, wenn er dich so erleben würde.”

“Bestimmt nicht. Höchstens meine Methoden würden ihm missfallen, weil sie nicht gerade fein sind.” Sie lachte gequält. “Es ist gerade drei Tage her, dass ich mit ihm gesprochen habe. Er vergibt mir nur, wenn ich dich heirate. Da kann ich mit meiner Taktik nicht gerade wählerisch sein, oder?”

“Du hast deine Wahl bereits vor zehn Jahren auf dem Parkplatz getroffen.”

Olympia betrachtete angelegentlich das Muster des Teppichs. Sie fühlte sich so ausgelaugt! Wie sollte sie ihm ihre Unschuld beweisen, wenn sie ihm damals aus verletztem Stolz nicht Rede und Antwort gestanden, sondern beharrlich geschwiegen hatte?

Müde sah sie auf und stellte überrascht fest, dass er fasziniert auf ihre Bluse blickte. Als sie merkte, dass der oberste Knopf aufgegangen war und den Ansatz ihrer Brüste freigab, errötete sie und machte den Knopf mit zittrigen Fingern wieder zu.

Gregoris ließ sie nicht aus den Augen. “Wenn ich dich als Erster hätte haben können, wärst du nie auf die Idee gekommen, dich auf einem Parkplatz einem Betrunkenen anzubieten!”

“Ich verbitte mir diesen Ton!” Sie war durch seine Worte und die Art, wie er sie taxierte, noch mehr verunsichert.

Erheitert verfolgte er ihre ungeschickten Versuche, auch die Kostümjacke bis zum obersten Knopf zu schließen, und lächelte spöttisch. “Ich spreche mit dir, wie ich es für richtig halte. Du hast schließlich kein Monopol auf freie Meinungsäußerung.”

“Nein, aber …”

“Du glaubst doch nicht, du könntest mich hier überfallen, mir ein derartiges Angebot machen und dafür auch noch respektvoll behandelt werden!” Er lachte.

“Nein. Aber ich dachte, du hättest Achtung vor dem Geld, das ich dir wert bin”, antwortete Olympia unbeirrt.

Gregoris war das Lachen vergangen. Er presste die Lippen zusammen, nur um seinen Mundwinkel zuckte es. “Olympia, du spielst mit dem Feuer, lass dir das gesagt sein”, erwiderte er schließlich. “Wie verzweifelt ist deine Lage?”

Sie bekam weiche Knie. Er war nicht mehr wütend, sondern sprach ruhig und beherrscht. Vielleicht hatte er seinen Hass jetzt doch überwunden. Das, was vor zehn Jahren passiert war, mochte ihn vielleicht gekränkt haben, aber er konnte nicht allzu tief verletzt gewesen sein, denn als Frau war sie ihm völlig gleichgültig gewesen.

“Meine Mutter ist krank …”

“Oh, bitte spar dir diese rührseligen Geschichten! Für wie dumm hältst du mich eigentlich?”

Olympia ballte die Hände zu Fäusten. “Vielleicht habe ich es einfach satt, arm zu sein. Was geht dich das an?”

“Nichts.” Gregoris trat zurück und setzte sich lässig auf die Kante seines Schreibtischs. “Eins muss ich dir lassen. Du hast mehr Mumm in den Knochen als jede andere Frau, der ich bisher begegnet bin.”

Olympia schluckte.

“Dir muss das Wasser schon bis zum Hals stehen, dass du ausgerechnet mir einen Heiratsantrag machst. Hast du gedacht, das Manoulis-Imperium, das du mir anbietest, würde mich alles andere vergessen lassen?”

Sie wusste nicht so recht, worauf er hinauswollte, und runzelte die Stirn. “Du bist Geschäftsmann. Du würdest bei unserer Vereinbarung nichts verlieren, aber sehr viel gewinnen.”

“So?” Gebannt und mit einem unergründlichen Ausdruck in den Augen sah er sie an.

Er sieht gar nicht mich, sondern die Macht und den Reichtum, die ich für ihn verkörpere, versuchte sie sich einzureden. Sie war ganz benommen, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. In gewisser Weise erinnerte sie dieser Zustand an die Zeit ihrer Verliebtheit. So hatte sie sich als Teenager gefühlt, wenn Gregoris sie angesehen hatte. Aber da sie Gregoris nicht mehr liebte, lag es wahrscheinlich daran, dass sie aufgeregt und hungrig war.

“Wo kann ich dich erreichen?”

Olympia straffte sich. Ihr Stolz ließ es nicht zu, dass sie Gregoris Cozakis gestand, sie könne sich noch nicht einmal ein Telefon leisten und lebe in einer Sozialwohnung. Die Vorstellung, er könne mitbekommen, wie tief sie und ihre Mutter gesunken waren, ließ sie schaudern.

“Ich gebe dir eine Telefonnummer. Es ist nicht meine eigene, aber du kannst dort eine Nachricht für mich hinterlassen.”

“Warum diese Geheimniskrämerei?”

Olympia ignorierte die Frage und schrieb ihm eine Nummer auf einen Notizzettel. Sie gehörte Mrs. Scott, einer älteren Witwe, die ihnen gegenüber wohnte. Sie war der einzige Mensch im ganzen Haus, mit dem sie sich angefreundet hatten.

“Ich gehe jetzt lieber”, sagte Olympia unsicher. Gregoris zuckte nur die Schultern.

Sie schaffte es gerade noch bis ins Foyer, dann gaben ihre Knie plötzlich nach, und sie musste sich auf den nächsten Stuhl setzen. Noch nie im Leben hatte sie sich so am Ende ihrer Kräfte gefühlt. Doch sie hatte getan, was sie konnte.

Kurz darauf ging es ihr wieder besser, und sie machte sich entschlossen auf den Heimweg. Zuerst klingelte sie bei Mrs. Scott und sagte ihr, dass vielleicht jemand bei ihr anrufen und eine Nachricht für sie, Olympia, hinterlassen würde. Mrs. Scott lächelte nachsichtig, als Olympia sie verlegen darum bat, sie persönlich zu informieren, keinesfalls solle ihre Mutter etwas davon erfahren.

Drei Tage später hatte Gregoris immer noch nicht angerufen.

Als Mrs. Scott ihr aufgeregt von der anderen Straßenseite zuwinkte, war es auf den Tag genau eine Woche her, dass sie in Gregoris’ Büro gewesen war. Olympia, die gerade zahlreiche Bewerbungen auf Stellenanzeigen in den Briefkasten geworfen hatte, überquerte die Straße und begrüßte Mrs. Scott.

“Heute Morgen kam der Anruf für Sie. Der Gentleman hat seinen Namen nicht genannt, er bat mich nur, Ihnen auszurichten, dass er Sie heute Abend um acht in seinem Büro treffen will.” Neugierig sah Mrs. Scott sie an.

Olympias Gedanken überschlugen sich. Was sollte sie von dieser Nachricht halten? War es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass Gregoris sich doch noch gemeldet hatte? Wahrscheinlich wollte er nur ein persönliches Gespräch, damit er seinen Triumph besser auskosten konnte, wenn er ihr Angebot ablehnte. Niedergeschlagen senkte Olympia den Blick, bedankte sich aber höflich bei Mrs. Scott.

“Ein Vorstellungstermin?”, fragte diese zweifelnd.

“So könnte man es nennen.”

“Schade. Ich hatte so gehofft, dass es sich um ein heimliches Rendezvous handeln würde. Ein bisschen Aufregung und Romantik könnten Ihnen wirklich nicht schaden, Olympia.”

Olympia sah ihre Nachbarin überrascht an.

“Ich werde Ihrer Mutter dann heute Abend Gesellschaft leisten. Ich weiß doch, dass sie im Dunkeln nicht gern allein ist.”

Von wegen Romantik. Wenn Mrs. Scott nur wüsste!, dachte Olympia, als sie später in ihren langen dunkelblauen Rock und das dazu passende Oberteil schlüpfte, das ihre üppigen Rundungen verbarg. Es hatte für sie sowieso keinen Zweck, sich Mühe mit ihrem Äußeren zu geben. Das hatte sie vor zehn Jahren schmerzlich erfahren müssen.

Für Gregoris war sie so langweilig und farblos gewesen, dass er sie noch nicht einmal angefasst hatte, als sie schon längst verlobt waren!

Olympia warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Sie wirkte so solide und farblos wie eh und je. Als junges Mädchen hatte sie mit Make-up und bunten Farben experimentiert, war stolz auf ihre Augen und ihren klaren Teint gewesen und hatte ihre Figur gar nicht so übel gefunden – welche Frau war schließlich makellos schön? Aber nach dem Desaster in Griechenland hatte sie ihr Selbstvertrauen verloren …

Irini hatte sie nach ihrer früh verstorbenen Mutter benannt und ihrem Vater jedes Jahr zu Weihnachten ein Bild von ihr geschickt. Spyros hatte nie darauf geantwortet. Als sie, Olympia, sechzehn gewesen war, hatte er sich das erste Mal gemeldet – mit der kurzen Nachricht, dass Andreas, Irinis einziger Bruder, tödlich verunglückt wäre. Ein Jahr später lud er sie mit einigen knappen Sätzen zu sich nach Griechenland ein.

“Aber dich will er nicht sehen!”, empörte sich Olympia.

“Das kommt vielleicht noch”, beruhigte Irini sie. “Ich bin schon glücklich, dass er sich mit dir treffen will.”

Olympia sagte nur zu, weil sie wusste, wie viel diese Einladung ihrer Mutter bedeutete. Obwohl diese ihr oft erzählt hatte, dass sie aus einer reichen Familie stammte, hatte Olympia sich keine Vorstellung von dem Luxus machen können, der sie in Athen erwartete.

Sie spürte sofort, wie enttäuscht ihr Großvater von einer Enkelin war, die kaum drei Sätze Griechisch konnte. Spyros sprach natürlich fließend Englisch, aber dennoch fand sie keinen Zugang zu ihm. Er blieb für sie ein Fremder und ein ungeliebter obendrein. Gleich bei der ersten Unterhaltung hatte er sie gebeten, in seiner Gegenwart nie den Namen ihrer Mutter zu erwähnen, woraufhin sie am liebsten sofort wieder abgereist wäre.

Gleich am nächsten Tag schickte er sie mit der Frau eines Geschäftsfreunds zum Einkaufen. Sie wurde den Verdacht nicht los, dass er es nur tat, weil er sich einer so ärmlich gekleideten Enkelin schämte.

Sich völlig neu einzukleiden, war natürlich aufregend. Obwohl Olympia sich wunderte, dass sie sich weder kurze Röcke noch tief ausgeschnittene Kleider oder Blusen kaufen durfte, fiel ihr nicht auf, dass eine bestimmte Absicht dahinter steckte.

Gleich am folgenden Tag gab Spyros nachmittags eine kleine Gesellschaft, um sie mit gleichaltrigen jungen Leuten bekannt zu machen. Während sie noch vor ihrem Schrank stand und überlegte, was sie anziehen sollte, klopfte es an der Tür.

Ein hübsches Mädchen mit großen braunen Augen trat ein und stellte sich vor. “Ich bin Katerina Pallas und die Nichte der Frau, die gestern mit dir einkaufen war.”

Sie hatte die Tante nett gefunden, und so war es nur natürlich, dass sie auch der Nichte von Anfang an Vertrauen schenkte und in ihr eine Freundin sah. Was ihr Verhalten und ihre Garderobe betraf, nahm sie Katerinas Ratschläge nur zu gern an, denn die Umgangsformen im Freundeskreis ihres Großvaters waren ihr nicht vertraut, und sie fühlte sich unsicher.

Sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Garderobe, die Katerinas Tante für sie zusammengestellt hatte, überhaupt nicht zu ihrem Typ passte. Und auch Katerina hatte sie nie darauf aufmerksam gemacht, dass quer gestreifte Badeanzüge und ausgestellte Röcke sie dicker erscheinen ließen, statt ihre üppigen Formen vorteilhaft zu unterstreichen.

Dachte sie, Olympia, an diese Zeit zurück, konnte sie über sich nur den Kopf schütteln. Wie unvorstellbar gutgläubig sie gewesen war! Die Freundlichkeit, mit der man sie behandelt hatte, hatte sie für echt gehalten, weil sie nicht gewusst hatte, was anscheinend allgemein bekannt gewesen war: dass Spyros Manoulis sie zu seiner Erbin auserkoren hatte. Es war ihr auch entgangen, dass ihre Ehe mit Gregoris Cozakis schon vor ihrer Ankunft in Griechenland beschlossene Sache gewesen war, was einigen Menschen in Spyros Manoulis’ Kreisen überhaupt nicht gefiel.

Kurz vor acht ließ der Nachtwächter Olympia in das Cozakis-Gebäude.

Leise klopfte sie an Gregoris’ Tür.

“Pünktlich und höflich heute Abend, das freut mich”, begrüßte Gregoris sie und erhob sich. Er trug einen eleganten silbergrauen Anzug und sah umwerfend attraktiv aus.

Olympia blickte verlegen zu Boden. Bei dem Treffen vergangene Woche hatte sie ein Ziel vor Augen gehabt, was ihr Kraft und Mut zum Kämpfen gegeben hatte. Heute jedoch war sie zur Passivität verurteilt und wusste nicht, was sie erwartete, denn heute stellte Gregoris die Bedingungen.

“Darf ich dir etwas zu trinken anbieten? Was möchtest du?”

“Orangensaft, Wasser … Es ist mir egal.”

Olympia beobachtete, wie Gregoris das Barfach in seinem Schrank öffnete. Seine Bewegungen wirkten leicht und harmonisch, was sie schon vor zehn Jahren fasziniert hatte. Sie war sich dagegen immer schrecklich unbeholfen vorgekommen. Als er sich vorbeugte und ihm eine Strähne seines pechschwarzen Haars ins Gesicht fiel, musste sie daran denken, wie weich es sich anfühlte.

“Du hast mir schon immer gern zugeschaut”, bemerkte er und reichte ihr ein Glas. “An eine kleine braune Eule hast du mich dann erinnert. Jedes Mal, wenn ich deinen Blick erwidert habe, bist du rot geworden und hast den Blick gesenkt.” Er prostete ihr zu. “Du warst eine gute Schauspielerin. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass du noch Jungfrau warst.”

Olympia schluckte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er noch einmal die alten Geschichten aufwärmte.

“Bevor wir also zum geschäftlichen Teil kommen, habe ich noch eine Frage, die mir die ganze Zeit keine Ruhe gelassen hat. Hast du vielleicht an jenem Abend im Club gesehen, wie ich ein Mädchen umarmt habe? Hast du dich deshalb, weil du verletzt warst und zu viel getrunken hattest, mit Lukas in mein Auto gesetzt? Hat er deinen Zustand ausgenutzt? Oder …?”

Olympia blickte auf die Schreibtischlampe, um nicht die Beherrschung zu verlieren und ihm den Inhalt ihres Glases in sein arrogantes Gesicht zu schütten. Vor zehn Jahren hatte er sie für eine Sünde verurteilt, die sie nicht begangen hatte. Was hatte es daher für einen Sinn, ihm jetzt anzuvertrauen, wie sehr sie gelitten hatte? Warum war er damals nicht auf den Gedanken gekommen, sie danach zu fragen? Warum gab er erst jetzt zu, dass er sich an ein anderes Mädchen herangemacht hatte?

“Oder was?”, erkundigte sie sich herausfordernd.

Gregoris ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. “Oder hast du dich mit ihm in mein Auto gesetzt, weil du dich unbeobachtet glaubtest, oder …?”

Seine Arroganz war einfach unerträglich, und ihr Temperament ging mit ihr durch. “Ich bin mit Lukas gegangen, weil ich verrückt nach ihm war!”, behauptete Olympia trotzig und blickte ihn aus ihren grünen Augen feindselig an. Insgeheim jedoch war sie schockiert über ihre Lüge, schockiert darüber, dass sie selbst nach zehn Jahren noch so grausam an Gregoris Rache nahm. Damit hatte sie bestimmt auch ihre letzte Chance bei ihm vertan.

Olympia legte den Kopf zurück. “Du spielst nur mit mir, du machst dich über mich lustig! Sag doch gleich Nein!” Sie wollte nur noch eins – diese Unterredung möglichst schnell hinter sich bringen und nach Hause zurückkehren.

Gregoris machte einen Schritt auf sie zu. “Du brauchst dich wirklich nicht so zu ereifern, Olympia. Möchtest du nicht endlich deine Jacke ausziehen und dich setzen?”

Olympia rührte sich nicht. Ihr war schrecklich heiß, aber die Jacke würde sie nicht ausziehen. Gregoris schüttelte den Kopf und lachte leise, was sie noch mehr irritierte.

“Was findest du daran so lustig?”, erkundigte sie sich.

“Ich habe dich immer für ruhig und zurückhaltend gehalten. Ich habe dir Eigenschaften angedichtet, die du gar nicht besitzt.” Verächtlich verzog er den Mund. “Jetzt lerne ich die wahre Olympia Manoulis kennen, aufbrausend und starrköpfig, eine Draufgängerin, die sich selbst um Kopf und Kragen bringt.”

“Dies ist eine Ausnahmesituation. Glaub ja nicht, dass du weißt, wie ich wirklich bin”, verteidigte sie sich.

“Wenn du nicht endlich diese unförmige Jacke ausziehst, werde ich das selbst erledigen”, warnte er sie.

Erschrocken sah sie ihn an. Seine Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er meinte, was er gesagt hatte. Olympia presste die Lippen zusammen, zog die Jacke aus und reichte sie ihm.

“Jetzt setz dich bitte, und hör dir meine Bedingungen an.” Er warf die Jacke auf einen freien Stuhl. “Ich nehme dein Angebot an – das hat jedoch, wie alles im Leben, seinen Preis.”

Ihre Blicke trafen sich, und Olympia stockte der Atem. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Was für unglaublich faszinierende Augen er hat, dachte sie hilflos und strich nervös ihren Rock glatt. Sie verspürte heißes Verlangen, merkte, wie sich ihre Knospen aufrichteten, und war entsetzt. Ihr Körper machte ihr unmissverständlich klar, wie es um sie stand. Beschämt senkte sie den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.

“Olympia?”

Widerstrebend blickte sie Gregoris an. Er war zum Fenster gegangen und ließ sie nicht aus den Augen. Er würde also Ja sagen und sie heiraten. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Was tat es da schon zur Sache, dass sie immer noch seinen Reizen erlag? Es war eine rein körperliche Reaktion, mehr nicht. Es war zwar lästig, aber sie würde schließlich kaum etwas mit Gregoris zu tun haben.

“Du bist sprachlos, das überrascht mich, denn letzte Woche schienst du dir deiner Sache so sicher. Wie dem auch sei, ich möchte dir jetzt meine Bedingungen nennen.”

“Und die wären?”

“Wir setzen einen Ehevertrag auf …”

“Natürlich.”

“Du überschreibst mir dein ganzes Vermögen zum Datum unserer Hochzeit.”

“Außer …”

“Alles, ohne Ausnahme.”

“Aber ich möchte meiner Mutter ein Haus kaufen!”

“Natürlich werde ich für deine Mutter sorgen. Du musst mir vertrauen. Ich verspreche dir, sie wie meine eigene Mutter zu behandeln.”

Eine solch großzügige Geste hatte sie nicht erwartet.

Als könnte Gregoris ihre Gedanken lesen, fuhr er fort: “Mach deinem Großvater keine Vorwürfe. Er ist vierundsiebzig und gehört einer anderen Generation an. Eine uneheliche Enkelin zu bekommen war für ihn eine Schande, die er nie ganz verwunden hat.”

“Ich weiß, aber …”

“Nichts weißt du!”, herrschte er sie an. “Deine Mutter hat dich von allem fern gehalten, was mit griechischer Kultur und Tradition zu tun hat. Ich mache ihr das nicht zum Vorwurf, aber behaupte bitte nicht, du könntest die griechische Mentalität verstehen!”

Olympia tat unbeeindruckt.

“Ein Grieche legt größten Wert auf die Tugendhaftigkeit einer Frau …”

“Bleib bitte beim Thema.” Sie fühlte sich plötzlich tief verletzt, obwohl es ihr doch egal sein konnte, was er von ihr dachte. Aber wenn er sie für unmoralisch hielt, war es da nicht umso dümmer, ihm bedingungslos alles zu überschreiben?

“Du hast gesagt, ich soll auf das gesamte Vermögen verzichten …”

“Ja – und darüber lasse ich nicht mit mir handeln. Du kannst nur akzeptieren oder ablehnen.”

Olympia zögerte. Damit würde sie finanziell von ihm abhängig sein. Sie glaubte fest daran, dass er für ihre Mutter sorgen würde. Aber für sie?

“Hältst du mich wirklich für einen Mann, der seine Ehefrau von Sozialhilfe leben lassen würde, Olympia?”

Olympia errötete. “Nein.”

Gregoris blickte flüchtig auf seine goldene Armbanduhr. “Unsere Verhandlung gestaltet sich recht zäh. Darf ich fortfahren?”

Sie nickte.

“Deine Idee, wir könnten heiraten und uns gleich nach der Trauzeremonie wieder trennen, ist einfach kindisch. Dein Großvater würde so eine Farce nicht dulden, und ich würde ihn nie hintergehen. Du wirst also mit mir zusammenleben – für eine Zeit jedenfalls.”

Sie dachte an ihre Mutter und stimmte auch dieser Bedingung mit einem Nicken zu, wenngleich mit einem unguten Gefühl.

“Du wirst so lange bei mir bleiben, bis du mir einen Sohn und Erben geboren hast.”

Olympia öffnete die Lippen und sah ihn entgeistert an.

“Ja, du hast richtig gehört.” Zynisch betrachtete er ihr schockiertes Gesicht. “Ich brauche einen Erben, und da ich dich nun einmal heiraten muss, werde ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.”

Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Hatte er den Verstand verloren? “Du hasst mich doch! Du kannst nicht wirklich mit mir …”

“Da habe ich keine Skrupel. Du magst nicht mehr unberührt sein, aber im Grunde meines Herzens bin ich ein praktisch denkender Mensch und nicht übermäßig sensibel.” Er legte den Kopf zurück und betrachtete sie, als würde er sie im Geiste schon ausziehen. “Und da ich mich dir gegenüber zu keinerlei Rücksichtnahme verpflichtet fühle, werden wir viel Spaß dabei haben.”

“Niemals! Du wirst mich dazu zwingen müssen!”

Gregoris schüttelte den Kopf und lächelte. “Das glaube ich nicht. Du wirst noch bitten und betteln, dass ich bei dir bleibe, verlass dich drauf. Das haben bisher alle Frauen getan, mit denen ich zusammen war. Ich bin nämlich ein verdammt guter Liebhaber.”

Nun konnte sie nicht mehr. Hitzig stieß sie ihren Stuhl zurück, sprang auf und nahm sich ihre Jacke. “Scher dich zum Teufel, Gregoris Cozakis!”, sagte sie und wollte gehen.

“An deiner Stelle würde ich mich jetzt nicht so aufspielen, Olympia, denn du sitzt in der Falle.”

“Nein!”

“Weiß deine Mutter eigentlich von dieser dreckigen kleinen Affäre, die deinen Aufenthalt in Griechenland vor zehn Jahren so plötzlich beendete?”

Olympia befürchtete, ohnmächtig zu werden. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, und alles um sie herum schien sich zu drehen.

3. KAPITEL

Gregoris kam langsam auf Olympia zu, nahm ihr die Jacke wieder ab und warf sie achtlos zur Seite. Dann legte er ihr den Arm um die Schultern, führte sie wieder zu ihrem Stuhl zurück und drückte sie sanft darauf.

“Das kannst selbst du nicht getan haben – mit meiner Mutter Kontakt aufzunehmen …”

Er nahm ihr gegenüber Platz und betrachtete in Ruhe ihr verstörtes Gesicht.

“Oh, was für ein schwarzer, was für ein rabenschwarzer Tag es für dich war, als du mein Büro gestürmt hast! Arme Olympia”, sagte er leise und voller Genugtuung.

“Es ist ein Bluff! Du kannst gar nicht wissen, was ich meiner Mutter erzählt habe!”

“Was, meinst du wohl, habe ich die letzte Woche gemacht? Ich habe Erkundigungen eingezogen. Die Nachbarin eurer vorletzten Wohnung war sehr mitteilsam.”

“Mrs. Barnes kann sich doch bestimmt nicht mehr erinnern …”

“Doch, sie kann. Das, was du dir vor zehn Jahren erlaubt hast, hat deiner Mutter nämlich sehr viel Kummer bereitet, und sie hat Mrs. Barnes oft ihr Herz ausgeschüttet. Du gerissene kleine Lügnerin! Du hast sonst was erfunden, um die gescheiterte Verlobung zu erklären.”

Olympia rang nach Atem. “Ich habe nicht gelogen! Ich meine, ich habe sie nur mit den hässlichen Einzelheiten verschont. Und in deinem Auto ist nichts Erwähnenswertes passiert!”

“Warum regst du dich nur so auf?” Gregoris schüttelte den Kopf und seufzte. “Wenn du tust, was ich sage, hast du nichts zu befürchten. Ich verspreche dir, dein schmutziges Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Ich wäre der Letzte, der deiner Mutter Kummer bereiten würde.”

“Du bist nicht gezwungen, auf meinen Vorschlag einzugehen.”

“Doch! Die Schande, die du mir bereitet hast, schreit nach Rache.” Er stand auf und spreizte die Hände. “Tiefer, als du mich damals gekränkt hast, kann man keinen Mann kränken. Philotimo … Oder weißt du nicht einmal, was das bedeutet?”, fragte er verächtlich.

Sie wurde noch blasser. “Philotimo” ließ sich nicht mit einem Wort übersetzen. Der Begriff stand für alles, was einen Griechen zum Mann machte, seinen Stolz, seine Ehre, die Achtung, die er vor sich selbst hatte und die andere ihm entgegenbrachten.

“Ich sehe, dass deine Mutter dir wenigstens die Grundbegriffe griechischer Kultur vermittelt hat”, stellte Gregoris befriedigt fest. “Ich will meine Ehre wieder herstellen. Du hast mich vor meiner Familie und meinen Freunden erniedrigt.”

“Gregoris, ich …”