image

Abby Green, Helen Bianchin, Raye Morgan, Carole Mortimer

Julia Extra, Band 299

IMPRESSUM

JULIA EXTRA erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG,
20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Brieffach 8500, 20350 Hamburg
Telefon: 040/347-25852
Fax: 040/347-25991

© 2008 by Abby Green
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Kara Wiendieck

© 2007 by Helen Bianchin
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Emma Luxx

© 2008 by Helen Conrad
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Trixi de Vries

© 2007 by Carole Mortimer
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Tina Beckmann

Fotos: RJB Photo Library / Corbis

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 299 (8/1) - 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Veröffentlicht im ePub Format im 03/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86295-500-8

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

 

ABBY GREEN

Kann denn Liebe Schicksal sein?

Werden sie doch noch eine richtige Familie? Als Rosanne überraschend ihren Ehemann Sandro wiedertrifft, erwacht erneut ihre Hoffnung auf das Glück. Aber die Schatten der Vergangenheit sind stark …

HELEN BIANCHIN

Verführung auf Griechisch

Xandro entführt die schöne Ilana in seine Luxusvilla mit Blick auf die Bucht von Sydney. Nur um sie vor ihrem Exverlobten in Sicherheit zu bringen? Oder weil er sie so liebt wie sie ihn?

RAYE MORGAN

So süß und so bezaubernd

„Heirate mich nicht, sonst machst du zwei Menschen unglücklich“, sagt Abby zu Prinz Mychale, als er ihr seine Gefühle gesteht. Liebt sie ihn etwa nicht? Oder hat sie etwas vor ihm zu verbergen?

CAROLE MORTIMER

Wenn die Leidenschaft neu erwacht

Als Kenzie ihn bittet, sie vor der Scheidung noch einmal zu einem Familienfest zu begleiten, verlangt Dominick eine Gegenleistung: ein Wochenende in seiner Poolvilla. Eine neue Chance für die Liebe?

image

Abby Green

Kann denn Liebe Schicksal sein?

1. KAPITEL

Ein wenig unsicher waren Rosanne Carmichaels Schritte, als sie die Lobby des kleinen luxuriösen Hotels betrat. Ihr war nicht klar gewesen, dass es so exklusiv sein würde. Obwohl sie gut genug gekleidet war, um nicht aufzufallen, überkam sie das Gefühl, alle Anwesenden würden sie anstarren. Von den bewundernden Blicken, die sie mit ihren dunkelroten Haaren und der makellosen hellen Haut auf sich zog, bekam sie nichts mit.

Es war lange her, dass sie einen solchen Ort aufgesucht hatte. Es war in einem anderen Leben gewesen. Damals war sie eine andere Frau.

Sie entdeckte einen freien Platz und ließ sich dankbar in den Sessel sinken. Sofort eilte ein Kellner herbei und nahm ihre Bestellung entgegen. Schließlich lehnte Rosanne sich zurück und atmete tief durch. Sie durfte jetzt nicht die Kontrolle verlieren. Sie musste ruhig bleiben.

In zehn Minuten würde sie mit ihrem Anwalt besprechen, wie sie am besten mit ihrem Ehemann Kontakt aufnehmen konnte, den sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Ihn und ihr Baby.

Vielleicht war es dumm gewesen, den Termin so früh anzusetzen. Schließlich bewegte sie sich heute zum ersten Mal seit zwei Jahren in der Öffentlichkeit. In der geschäftigen, hektischen Metropole London. Sie hatte nicht erwartet, jemals wieder hierherzukommen.

Nein, so durfte sie nicht denken. Alles würde gut gehen. Hatte sie nicht schon viel Schlimmeres durchgestanden?

Mit dem heutigen Tag begann ein neues Kapitel im Buch ihres Lebens. Eine neue Seite, ein neuer Abschnitt.

Ein neuer Anfang. Und vielleicht … vielleicht eine neue Chance auf das Glück?

In diesem Moment erregte ein kleiner Junge ihre Aufmerksamkeit. Mit tapsigen Schritten lief er über den glatten Marmorboden, stolperte und fiel hin. Instinktiv eilte Rosanne zu dem Kleinen hinüber und hob ihn vorsichtig auf die Füße.

„Alles in Ordnung, kleiner Mann? Du hast dir doch nicht wehgetan, oder?“, fragte sie und lächelte beruhigend. „Du siehst mir wie ein sehr mutiger Junge aus.“

Unschlüssig schaute der Kleine sie an, als überlege er, ob er weinen solle oder nicht. Seine Unterlippe zitterte ein wenig.

Er war ein sehr süßes Kind. Dunkelblondes Haar, rosig schimmernde Haut und riesige Augen, deren Farbe an Veilchen erinnerte. Ungewöhnlich und einzigartig.

Zu ungewöhnlich und einzigartig.

Der Schock traf Rosanne wie ein Faustschlag in den Magen. Seine Augen waren von demselben Veilchenblau, das ihr jeden Morgen im Spiegel entgegenblickte.

Der Junge hatte sich anscheinend entschieden, nicht zu weinen. Stattdessen grinste er und ließ seine kleinen weißen Babyzähnchen aufblitzen. Er rieb sich die Stirn und plapperte etwas Unverständliches.

Doch Rosanne hörte gar nicht hin. Das konnte nicht sein … das konnte einfach nicht sein.

Hatte sie schon so oft von diesem Moment geträumt, dass sie ihn sich jetzt einbildete?

Das musste die Erklärung sein. Verzweiflung stieg in ihr auf. Würden diese Gefühle sie jedes Mal überfallen, wenn sie einem Jungen in seinem Alter begegnete?

Füße in schwarzen Schuhen traten hinter den Jungen. Ein Mann. Dann eine Bewegung. Der Eindruck von Größe, markanter Ausstrahlung, als er sich hinunterbeugte, um den Kleinen aufzuheben. Wieso wirkte sein Duft so vertraut? Rosannes Herzschlag schien auszusetzen. Das Blut gefror in ihren Adern.

Sie hörte eine samtige, kultivierte Stimme über sich. Der Fremde sprach mit einem leichten, kaum wahrnehmbaren Akzent.

„… braucht Augen überall, sie entwischen so schnell …“

Rosanne konnte nicht fassen, was sie hörte und sah. Sie erhob sich und stand dem attraktivsten Mann gegenüber, den sie je getroffen hatte. Ihr stockte der Atem – wie damals, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte.

Vor fast drei Jahren.

Das durfte nicht wahr sein. So grausam konnte das Leben nicht sein!

Er sprach immer noch, unterbrach sich dann jedoch abrupt. Das warme Lächeln verschwand. Dunkelblonde Brauen wurden über eisblauen Augen zusammengezogen, die bis auf den Grund von Rosannes Seele zu blicken schienen. Eine Vielzahl widerstreitender Empfindungen lag in diesem Blick. Der Schock des Erkennens, ungläubige Fassungslosigkeit und dann etwas viel Stärkeres. Abscheu, Wut … Hass.

Rosanne öffnete den Mund, aber kein Laut drang über ihre Lippen. Um sie herum schien sich alles im Zeitraffer zu bewegen, nur sie standen still, als wären sie in einer unsichtbaren Blase gefangen.

Sie sah den kleinen Jungen an, den er in seinen Armen hielt. Das war ihr Verderben. Es kam ihr vor, als würde ihr Herz explodieren.

Ein letzter klarer Gedanke drang in ihr Bewusstsein, bevor sie ohnmächtig zu Boden stürzte. Das ist mein Baby.

Isandro Vicario Salazar stand am Fenster der Suite, in die er Rosanne getragen hatte. Sein Blick fiel auf einen Kirchturm in der Nähe, auf den Verkehr in den Straßen unter ihm. Und doch sah er nichts davon.

Rosanne Carmichael. Rosanne Salazar. Seine Frau.

Seine treulose Frau. Seine Frau, die ihn und ihr Baby nur wenige Stunden nach der Geburt im Stich gelassen hatte, weil sie sich nicht dazu bereit gefühlt hatte, Ehefrau und Mutter zu sein.

An jenem Tag hatte er sie nach der Geburt alleine gelassen, damit sie sich ausruhen und erholen konnte. Einige Stunden später war er zurückgekommen … und sie war fort. Seither hatte er sie nicht wiedergesehen.

Ein schwaches Geräusch vom Bett her ließ ihn zusammenfahren. Langsam drehte er sich um.

Rosanne wartete einen Moment, bevor sie die Augen aufschlug. Das hatte sie sich in den vergangenen zwei Jahren angewöhnt. Ein letzter Moment, bevor die Realität Einzug hielt, ein Moment, um Bilanz zu ziehen, um zu lauschen, was ihr Körper sagte. Um den Empfindungen nachzuspüren, zu fühlen, ob es Schmerzen gab … ob es ihr gut ging.

Sie öffnete die Augen. Und da war er. Sie hatte es sich nicht eingebildet. Ihr Ehemann stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Der maßgeschneiderte italienische Anzug schmiegte sich an seinen beeindruckenden Körper, betonte die starken Schultern, die breite Brust.

„Also …“, sagte er spöttisch. „Mir zu begegnen, war offensichtlich ein Schock für dich. Was wirklich seltsam ist, schließlich gehört mir dieses Hotel.“

Rosanne spürte, wie die Betäubung von ihr wich, wie das schützende Entsetzen zersplitterte. Sein Hotel? Seit wann besaß er ein Hotel in London? Obschon ihn seine Geschäfte immer wieder hierher führten, hatte er aus seiner Abneigung gegen die Metropole nie einen Hehl gemacht. Und warum hatte sie ausgerechnet sein Hotel ausgewählt … aus tausend anderen?

Und wie war sie in dieses Zimmer gelangt?

Dann fiel ihr alles wieder ein. Ihr Baby, ihr Sohn … sie hatte ihn gesehen, ihn gehalten.

„Habe ich … habe ich ihn erschreckt?“ Ihre Kehle fühlte sich beim Sprechen rau an.

Die kalte Abscheu, die sie in den Augen ihres Ehemanns sah, traf sie wie ein Schlag.

„Nein. Wenn du das getan hättest, wärst du jetzt nicht hier.“

Unmissverständlich lag in seiner Stimme der Tonfall eines zu allem entschlossenen Beschützers. Rosanne richtete sich auf und setzte sich auf die Bettkante. Noch immer fühlte sich ihr Kopf an, als sei er in Watte gepackt. Vorsichtig blickte sie zu Isandro auf. So lange hatte sie von diesem Moment geträumt … aber selbst in ihren Fantasien hatte er sich nie über ihr Wiedersehen gefreut.

„Hast du ihn Zacarías genannt?“, fragte sie.

„Zac, ja.“

„Nach deinem Großvater …“

Ein verächtlicher Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Bitte, fang gar nicht erst an, mir vorzuspielen, es interessiere dich.“

Rosanne zuckte zusammen. Alle Farbe wich aus ihren Wangen. Sie hatte gewusst, was ihr bei einer Begegnung mit Isandro bevorstand. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass es so bald passieren würde. Sie hatte sich darauf vorbereiten wollen, sich in Ruhe überlegen, wie sie ihm alles erklären konnte …

„Deinen Liebhaber habe ich fortgeschickt.“

Gerade hatte Rosanne aufstehen wollen, nun sank sie zurück aufs Bett. Isandro beobachtete sie kühl. Es erforderte all seine Selbstbeherrschung, nicht zu ihr zu gehen, sie auf die Füße zu ziehen und zu verlangen, dass sie … ja, was eigentlich?

„Meinen was?“ Ungläubig schaute Rosanne ihn an.

„Deinen Liebhaber“, stieß er hervor. „Der Mann, mit dem du vorhin in der Lobby verabredet warst. Ihr habt doch sicher ein Zimmer hier gebucht. Hast du so die letzten zwei Jahre verbracht? Auf einer liederlichen Tour durch die Hotelzimmer dieser Welt mit irgendwelchen Männern? Hast du das damit gemeint, als du geschrieben hast, du seist noch nicht bereit für die Rolle der Ehefrau und Mutter?“

Irgendwelche Männer?

In Rosannes Kopf drehte sich alles. Wovon sprach Isandro nur? Plötzlich sah sie vor ihrem geistigen Auge ein freundliches, gutmütiges Gesicht, und sie begriff. „Bestimmt meinst du David Fairclough. Er ist mein Anwalt. Ich wollte mich in der Lobby mit ihm treffen, als … als …“

Isandro lachte höhnisch auf. „Eine nette Geschichte. Willst du mir das wirklich weismachen?“

„Es ist wahr.“ Endlich fand sie die Kraft, aufzustehen. „Ich wollte mit ihm besprechen, wie ich am besten mit dir in Kontakt trete, um meinen Sohn zu sehen.“

Isandro verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich kann dir hier und jetzt versichern, dass das niemals passieren wird.“

Panik stieg in Rosanne auf. „Ich habe ein Recht, mein Kind zu sehen, ganz egal, was vorher passiert ist. Das kannst du nicht verhindern.“ Die aufsteigenden Tränen verengten ihre Kehle. Sie kämpfte darum, nicht die Kontrolle über sich zu verlieren. Sie durfte jetzt nicht nachgeben. Sie musste stark bleiben.

„Ich kann, und ich werde“, entgegnete Isandro kalt. Rosanne schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber er kam ihr zuvor. „So schnell, wie du damals verschwunden bist, würde es mich nicht wundern, wenn du längst vergessen hast, dass dein Kind ein Junge ist!“

Schmerz durchfuhr sie. „Ich … natürlich weiß ich, dass er ein Junge ist. Ich habe an nichts anderes gedacht, seit ich an jenem Tag …“

Mit zwei großen Schritten durchquerte Isandro das Zimmer. Bedrohlich baute er sich vor Rosanne auf. „Genug davon!“

„Isandro. Bitte, lass mich dir erklären, was passiert ist. Vielleicht kannst du dann verstehen …“

Sofort fiel er ihr ins Wort. „Verstehen? Verstehen?“

Er stand so nah vor ihr, dass sie die winzigen Fältchen um seine Augen herum erkennen konnte. Sie zwang sich, stocksteif stehen zu bleiben und die plötzlich aufflammenden Bedürfnisse ihres Körpers zu ignorieren. Wie konnte sie in dieser Situation überhaupt an so etwas denken? Wieso verspürte sie diese Sehnsucht tief in ihrem Inneren, wenn er sie doch mit unverhohlenem Hass ansah?

„Ich weiß genau, was passiert ist“, fuhr er voller Sarkasmus fort. „Du hast einen Zettel hinterlassen … erinnerst du dich? Es gibt nichts, kein einziges Wort, keine einzige lahme Geschichte, mit der du entschuldigen könntest, was du an jenem Tag getan hast. Du hast einem unschuldigen Baby das Wichtigste genommen. Nahrung, Liebe, Geborgenheit. Nichts und niemand auf diesem Planeten wird dich von dieser Schuld freisprechen. Du hast dein Recht, Mutter zu sein, an dem Tag verspielt, an dem du gegangen bist.“

Rosannes Erklärung erstarb auf ihren Lippen. Immer wieder hallten seine grausamen Worte durch ihren Kopf. Einen winzigen herrlichen Augenblick empfand sie nichts. Doch wie vergiftete Pfeile trafen die Vorwürfe ihr Ziel und gesellten sich zu dem ewig vorhandenen Gefühl der Schuld.

Wie konnte sie erwarten, dass er etwas verstand, was sie selbst kaum begriff? Hatte sie wirklich geglaubt, sich von ihrer Schuld reinwaschen zu können, indem sie ihm ihre Gründe offenbarte?

Irgendwie mobilisierte Rosanne ihre letzten Kraftreserven und entzog sich Isandros eisernem Griff um ihren Arm.

Gleichgültig bemerkte er, wie sie immer weiter vor ihm zurückwich und mit einer Hand über die Stelle an ihrem Arm rieb, an der er sie festgehalten hatte. Für einen Moment wandte Rosanne sich um und bot ihm den Anblick ihres schmal wirkenden Rückens. Unwillkürlich glitt sein Blick abwärts.

Sie war schlanker geworden, stellte er fest. Das elegante Kostüm mit dem kurzen Rock und dem eng anliegenden Jackett umschmeichelte ihre Kurven. Verlangen flammte in ihm auf, obwohl alles in ihm sich gegen diese ungewollte Reaktion wehrte. Zierlich war sie schon immer gewesen, aber nun war ihr Körper von einer unverkennbaren Zerbrechlichkeit, die zuvor nicht da gewesen war.

Rosanne war sein Schlüssel zu einer Welt gewesen, die für Außenstehende nur schwer zugänglich war: die oberste Ebene des englischen Bankensystems, das sich in der Hand einer ihr Imperium eifersüchtig bewachenden, superreichen Elite befand.

Sein Plan war einfach gewesen, nur hatte Rosanne sich als die einzige Person erwiesen, bei der seine Menschenkenntnis völlig versagt hatte.

Mit gefährlich blitzenden Augen wirbelte sie wieder zu ihm herum. „Ob es dir gefällt oder nicht, ich habe Rechte. Jedes Gericht der Welt wird das anerkennen.“

Isandros Miene glich einer steinernen Maske.

„Du bleibst in diesem Zimmer. Wenn du versuchst zu gehen, wird der Bodyguard, der draußen vor der Tür steht, dich daran hindern.“ Isandro bewegte sich auf die Tür zu. Alles, woran er denken konnte, war, Distanz zwischen sich und diese Frau zu bringen.

Ungläubig sah Rosanne ihm nach. „Warte … Wohin gehst du? Wir sind noch nicht fertig!“

Unmittelbar vor der Tür blieb er stehen. Die Klinke in der Hand, drehte er sich um. „Oh, doch, das sind wir. Für den Moment. Vergiss nur nicht, dass du deinen Sohn und mich im Stich gelassen hast. Ich kann es dir leicht machen, oder sehr, sehr schwer. Die Entscheidung liegt bei dir.“

Als er die Tür öffnete, konnte sie einen kurzen Blick auf die große Gestalt des Sicherheitsmannes erhaschen, der bereits Stellung bezogen hatte. Dann hörte sie eine helle Stimme, die aufregt: „Papa! Papa!“ rief.

Die Tür wurde geschlossen. Zac zu hören, war zu viel für Rosanne. Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank zu Boden. Lange Zeit blieb sie einfach still liegen. Erst später wurde ihr bewusst, dass ihre Wangen nass von Tränen waren und dass sie eine Faust gegen ihre Brust gepresst hielt, als könne sie so den Schmerz in ihrem Herzen besänftigen.

Schließlich stand sie auf und ging ins Badezimmer. Dort spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, betrachtete sie sich im Spiegel. Ihr Gesicht war blass, fast weiß, die Augen wirkten riesig. Sie sah aus wie ein von Scheinwerfern geblendetes Reh. Und genauso fühlte sie sich auch.

Sie ging zurück ins Schlafzimmer und trat ans Fenster, an dieselbe Stelle, an der Isandro vorhin gestanden hatte. Immer noch fiel es ihr schwer zu begreifen, auf welche ungeheuerliche Weise das Schicksal sie zusammengeführt hatte.

Dieses Hotel hatte sie hauptsächlich deshalb ausgewählt, weil es in der Nähe des Bahnhofs lag, an dem ihr Zug aus Paris eingetroffen war. In der Liste im Internet hatte es ganz oben gestanden, unter A, wie Alhambra Hotel.

Letztendlich wäre also ein Treffen in David Faircloughs Büro doch besser gewesen. Das jedoch hatte sie abgelehnt, weil die Räumlichkeiten sich in der Nähe von Isandros Londoner Bankhaus befanden.

Ironie des Schicksals, ging es ihr durch den Kopf. Sie hatte sich darauf verlassen, alle relevanten Informationen vor einem eventuellen Zusammentreffen einzuholen. Hatte sich darauf verlassen, dass Isandro sich überwiegend in Spanien aufhielt.

Stattdessen war sie nun hier.

Die Chance, in einem Brief in aller Ausführlichkeit die Gründe zu erklären, warum sie an jenem Tag gegangen war, war dahin. Seine unverhohlene Wut hatte ihr klargemacht, dass er ihr niemals zuhören würde. Außerdem glaubte er, er habe sie bei einem nachmittäglichen Stelldichein ertappt. Einen unglücklicheren Auftakt für die ersehnte Annäherung hätte es nicht geben können.

Hinter sich hörte Rosanne das Geräusch einer sich öffnenden Tür. Isandro. Seine Miene wirkte so streng und verschlossen, dass sie innerlich zusammenzuckte.

„Ich muss mich um einige geschäftliche Angelegenheiten im Hotel kümmern. Wenn du willst, darfst du jetzt gehen.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich gehe nirgendwohin. Ich bin nach London gekommen, um Kontakt zu dir aufzunehmen. Glaub, was du willst, aber ich wusste nicht, dass dieses Hotel dir gehört. Ich werde nicht eher gehen, als bis du einverstanden bist, dass ich Zac wiedersehe.“

Er presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Damit hatte er definitiv nicht gerechnet.

„Na schön. In diesem Fall bleibst du heute Nacht hier, morgen besprechen wir alles Weitere.“

Skeptisch schaute Rosanne ihn an. Sie hatte mit einem erbitterten Kampf gerechnet. Warum warf er sie nicht kurzerhand aus dem Hotel?

„Kein Grund, mich so misstrauisch zu mustern, meine Liebe. Schließlich bist du immer noch meine Ehefrau … oder nicht? Natürlich bin ich außer mir vor Freude, dich wiederzusehen!“

Mit einem letzten spöttischen Blick verließ er das Zimmer. Als sie das Geräusch einer zweiten zufallenden Tür hörte, wusste Rosanne, dass sie endlich allein war. Zögernd öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer der Suite und sah sich um. Ihr Koffer stand mitten im Raum.

Zum ersten Mal seit Stunden hatte sie das Gefühl, freier atmen zu können. Sie setzte sich auf das Sofa. Dabei spürte sie unter sich einen weichen Knubbel. Ohne nachzudenken, griff sie nach dem Gegenstand. Es war ein kleiner Stoffbär.

Zac. Mit zitternden Händen hob sie das Kuscheltier an ihre Nase und atmete tief ein. Als der Strudel aus Emotionen diesmal an die Oberfläche drängte, konnte sie ihn nicht länger zurückhalten. Den Teddy fest an ihre Brust gepresst, zog sie die Beine an, legte sich aufs Sofa und überließ sich ihren Gefühlen.

Viel später in dieser Nacht stand Isandro vor der Tür zu der Suite, die nur wenige Zimmer von seinen Privaträumen entfernt lag. Was tue ich hier eigentlich?, fragte er sich kopfschüttelnd.

Er öffnete die Tür und trat ein. Gedämpftes Licht empfing ihn. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Erst als er schon fast an ihr vorbeigegangen war, bemerkte er die schmale Gestalt auf dem Sofa.

Beinahe hätte er laut gelacht, als er Zacs Stofftier entdeckte, das sie noch immer fest umklammert hielt.

Sehr zu seinem Ärger löste der Anblick seiner friedlich schlafenden Frau eine Woge der Erinnerungen aus. Zum ersten Mal hatte er Rosanne bei einer überfüllten Veranstaltung gesehen, zu der er mit Alistair Carmichael verabredet gewesen war. Rosannes Vater steckte damals in großen Schwierigkeiten. Ihm drohte der Bankrott, falls Isandro nicht in ihrem gemeinsamen Interesse intervenierte.

Carmichael wusste, dass Isandro in die britische Bankenwelt einsteigen wollte. Und Isandro war sich im Klaren darüber, dass Carmichael nur mit seiner Hilfe der öffentlichen Schande entgehen konnte.

Im Zentrum ihres Plans stand Rosanne. Sie war Teil des Deals.

Er hatte sie gleich quer durch den Raum gesehen. Ihre Blicke hatten sich getroffen, und er hatte sich von ihren intensiven violetten Augen ein wenig eingeschüchtert gefühlt. Von der Ernsthaftigkeit, die in ihnen lag.

Dabei wirkte sie zugleich irgendwie unbeholfen – viel zu unbeholfen, um echt zu sein, wie er jetzt wusste. Alles gehörte zu ihrer Maskerade.

Carmichael hatte ihn mit der Aussicht geködert, dass eine Heirat mit seiner Tochter deren Erbe am beträchtlichen Vermögen ihrer verstorbenen Mutter freisetzen würde. Isandro ließ ihn gern in dem Glauben, dass er gegen eine Braut mit einer ansehnlichen Aussteuer nichts einzuwenden hätte. Insgeheim vermutete er schon damals, dass der alternde Bankier selbst das größte Interesse am Erbe seiner Tochter hatte.

Natürlich brauchte Isandro keine Aussteuer. Geld hatte er genug. Worum es ihm wirklich ging, war allein die gesellschaftliche Akzeptanz. Ohne die passende englische Ehefrau an seiner Seite würde man seiner Folge auf Alistair Carmichaels Stuhl in der Bank immer mit Skepsis begegnen.

Wenn jedoch zwei große Familien fusionierten – die eine aus Spanien, die andere aus England –, dann würden ihn sämtliche wichtige Kreise akzeptieren.

Und genauso war es gekommen.

Unwillkürlich presste Isandro die Lippen aufeinander. Die Pfade, die seine Gedanken einschlugen, gefielen ihm nicht. Sie führten ihn zurück an einen Ort, den er niemals wieder hatte besuchen wollen.

Womit er nie gerechnet hatte, war der Platz, den seine sanftmütige und bescheidene Ehefrau schon bald in seinem Leben und in seinem Herzen einnehmen sollte. Und die entsetzliche Leere, die die spätere Entdeckung ihres in Wahrheit habgierigen und kalten Charakters in seiner Seele anrichten würde.

Wie schrecklich es sich angefühlt hatte, an jenem Tag in das Krankenhauszimmer zurückzukehren und feststellen zu müssen, dass sie fort war. Nur mit einem dürftigen Zettel und ihrem Ehering als Abschiedsgruß.

Er hatte sich wie der größte Narr der Welt gefühlt.

Geräuschlos verließ Isandro die Suite und schwor sich bei allem, was ihm heilig war, dass Rosanne für diese Tat bezahlen musste.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen saß Rosanne angespannt in einem Sessel und beobachtete die Tür der Suite. Sie war früh aufgewacht, ihr Körper fühlte sich nach der Nacht auf der Couch steif an.

Im Licht des Morgens waren ihr einige Dinge klarer geworden. Sie durfte sich von Isandro keine Angst einjagen lassen. Stattdessen musste sie ihn dazu bringen einzusehen, dass auch sie Rechte besaß.

Insgeheim verfluchte sie sich, nicht besser vorausgeplant zu haben. Heute war Samstag, und sie kannte weder die Privatnummer noch die Handynummer ihres Anwalts. Schon gestern hätte sie ihn anrufen sollen, gleich nachdem Isandro gegangen war. Aber der Schock über das unverhoffte Wiedersehen hatte sie gelähmt. Diesen Fehler musste sie nun teuer bezahlen.

Was, wenn Isandro tatsächlich unerbittlich blieb und ihr den Umgang mit ihrem Sohn weiter verbat? Dabei wünschte sich Rosanne tief in ihrem Herzen doch nur eins: Dass sie eines Tages wieder eine glückliche Familie sein würden.

Sie waren einmal glücklich gewesen … wenn auch nur in den ersten Monaten ihrer Ehe. Isandro war der erste Mann, mit dem sie je geschlafen hatte. Der erste Mann, in den sie sich verliebt hatte. Was sie in ihrer Naivität nicht bemerkt und erst viel später herausgefunden hatte, war die Tatsache, dass er in Wirklichkeit gar nichts für sie empfunden hatte.

Dieser bittere Gedanke holte sie in die Realität zurück. Zweifellos hatte Isandro sich mittlerweile mit einer ganzen Armee von Anwälten beraten, wie er am besten mit dem überraschenden Auftauchen seiner Ehefrau umging.

Plötzlich wurde die Tür der Suite geöffnet. Erschrocken sprang Rosanne auf.

Den Blick auf seine Frau gerichtet, betrat Isandro das Zimmer. Wie schön sie immer noch war … das Gesicht weiß wie Alabaster, die Augen zwei violette Seen.

„Ich nehme an, du hast gut geschlafen?“, begann er so unverfänglich wie möglich, damit sie nicht merkte, wie schwer es ihm fiel, die Kontrolle über sich zu wahren.

„Sehr gut, danke. Das Bett war ziemlich bequem.“ Auf keinen Fall würde sie zugeben, dass sie in dieser Nacht kaum ein Auge zugetan hatte.

Während er langsam auf sie zukam, huschte ein Schatten über sein Gesicht, den Rosanne nicht einordnen konnte.

Er trug weder Krawatte noch Jackett, die Ärmel seines Hemdes waren aufgekrempelt. Plötzlich bemerkte sie einen kleinen Fleck, der verdächtig nach getrocknetem Brei aussah. Ob er Zac gefüttert hatte? Der Wunsch, ihren Sohn wiederzusehen, wurde plötzlich übermächtig. Sie musste ihn sehen, schon um sich davon zu überzeugen, dass sie sich nicht alles nur eingebildet hatte.

„Dein Timing ist wirklich erstklassig, Rosanne. Aber dieses Talent hattest du ja immer schon.“

Tapfer hielt sie seinem kalten Blick stand. Wie um sie zu provozieren, schlenderte Isandro zunächst gemächlich zum Fenster hinüber. Sie hielt den Atem an, als er an ihr vorbeiging. Seine Nähe war verwirrend. Der vertraute Geruch, kühl und männlich, drang ihr in die Nase. Und da war noch ein anderer Duft … Zac. Rosanne glaubte, ihr Herz müsse zerspringen.

„In zwei Monaten wird es genau zwei Jahre her sein, dass du aus dem Krankenhaus geflüchtet bist. Du hast diesen Zeitpunkt für deine Rückkehr gewählt, weil wir jetzt endlich die Scheidung einreichen können. Und weil du Anspruch auf das Geld hast, wie es in unserem Ehevertrag festgelegt ist. Es war sehr clever von dir, die Zweijahresfrist nicht zu überschreiten. Das Urteil wäre dann wahrscheinlich zu deinen Ungunsten ausgefallen. Bestimmt bringt es dich fast um, dass du überhaupt herkommen musstest. Aber tröste dich, sobald die Scheidung durch ist, wirst du wieder verschwinden können.“

Die Schockwellen, die das Wort Scheidung in ihr auslöste, ließen Rosanne erschaudern. Sie versuchte zu begreifen, was das alles zu bedeuten hatte. Schließlich war sie nicht zurückgekommen, weil sie einen perfiden Plan verfolgte, sondern ganz einfach deshalb, weil sie endlich in der Lage dazu war. Weil es ihr endlich wieder gut ging.

Die Arme noch immer vor der Brust verschränkt, blickte Isandro sie an. Seine Miene war hart, ausdruckslos. Wieder empfand er Wut über sich selbst, dass er Rosanne so falsch eingeschätzt hatte. Und jetzt wollte sie ihm auch noch weismachen, dass sie unter Schock stand! Er lachte kurz auf. „Komm schon … du hast ja wohl nicht erwartet, dass wir nun glückliche Familie spielen, als sei nichts passiert.“

Rosanne schüttelte den Kopf. Seine hässlichen Worte, die ihre Hoffnungen brutal in den Staub traten, raubten ihr die Sprache.

„Eigentlich hast du mir sogar einen Gefallen getan“, fuhr er in gelangweiltem Ton fort. „Wärst du nicht freiwillig zurückgekommen, hätte ich die Scheidung nicht einreichen können. Du ersparst mir also die lästige Pflicht, dich auszuspüren.“ Unvermittelt veränderte sich seine Miene. Er trat näher und schaute sie abschätzend an. „Lass mich raten … Du hast deine Erbschaft schon verbraucht?“

Rosanne wurde kreidebleich. Die beträchtliche Summe, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, war tatsächlich beinahe ausgegeben. Aber nicht für die Dinge, die er offensichtlich im Sinn hatte. Dennoch – es war zu spät. Isandro hatte ihre Reaktion bemerkt. Ein triumphierendes Funkeln lag in seinen eisblauen Augen.

„Wie ich es mir gedacht habe“, meinte er kopfschüttelnd. „Es enttäuscht mich, dass Frauen so durchschaubar sind. Andererseits frage ich mich, warum ich eigentlich überrascht bin. Das Geld aus der Scheidung wird dir ein ordentliches finanzielles Polster bieten. Obwohl es nicht lange reichen dürfte, angesichts der Schnelligkeit, mit der du dein Geld verprasst.“

Heiße Wut flammte in Rosanne auf. „Dein Geld interessiert mich nicht, Isandro. Mein einziger Wunsch ist es, meinen Sohn zu sehen!“

„Bitte, beleidige meine Intelligenz nicht. Dass du ausgerechnet jetzt zurückkommst, zeigt nur, wie geldgierig du wirklich bist. Bestimmt gehört das alles zu deinem Plan.“

Plan? Wenn er wüsste …

„Sag mir eins“, fügte er nachdenklich hinzu. „Hast du dir schon eine gute Story für die Öffentlichkeit zurechtgelegt? Wirst du behaupten, unter postnataler Depression gelitten zu haben? Immerhin haben die Zeitungen das geschrieben, um deine lange Abwesenheit zu erklären.“

„Postnatale Depression? Du meinst, die Menschen wissen es gar nicht?“ Insgeheim hatte Rosanne befürchtet, die Presse hätte längst erfahren, dass sie ihr Kind unmittelbar nach der Geburt im Stich gelassen hatte. Es überraschte sie, dass Isandro diesen Umstand nicht zu seinem Vorteil genutzt hatte.

„Warum tust du das?“ Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Warum spielst du die Unwissende?“

„Aber … ich wusste wirklich nicht …“ In den ersten sechs Monaten nach ihrem Fortgehen hatte Rosanne keine Zeitungen gelesen. Und als sie wieder kräftig genug dazu war, waren Isandro und sie schon lange kein Thema mehr gewesen.

„Niemand weiß, dass du mich verlassen hast. Als ich mit Zac nach Spanien zurückgegangen bin, hat die englische Presse das Interesse an der Geschichte verloren. Man glaubte wohl, dass du dich einfach vor den Paparazzi in unser … in mein Haus in Sevilla zurückgezogen hast.“

„Und was ist mit deiner Familie?“ Rosanne erinnerte sich an das gestrenge und von Schmerz gezeichnete Gesicht ihrer Schwiegermutter. Reglos hatte sie die Hochzeitszeremonie in London über sich ergehen lassen. Auch an Ana, Isandros misstrauische Schwester, erinnerte sie sich gut. Die Familie hatte sie in keiner Weise in ihrer Mitte willkommen geheißen.

„Oh, meine Familie weiß ganz genau, was passiert ist. Und aus irgendeinem Grund war keiner überrascht.“

Rosannes Beine drohten unter ihr nachzugeben. Mit unsicheren Schritten ging sie zu einem der Sessel hinüber und setzte sich. Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde.

„Alles, was ich möchte, ist mein Sohn“, sagte sie leise. „Deshalb wollte ich mich gestern mit Mr. Fairclough treffen. Selbst ich weiß, dass ich als Zacs Mutter Rechte habe.“

Isandro bezwang die Wut, die in ihm aufstieg, als sie Zacs Namen aussprach. Er entschied, einfach seinen eigenen Plan zu verfolgen und zu schauen, wie weit er damit kam.

„Ich kann die Scheidungspapiere heute noch aufsetzen lassen. Wenn du die Bedingungen akzeptierst, unter denen ich dir einen Umgang mit Zac erlaube, verdreifache ich den in unserem Ehevertrag festgesetzten Betrag und überweise dir das Geld sofort auf dein Konto.“

Rosanne erblasste erneut. Mit dieser Summe hätte ein kleines Land einige Jahre lang seinen Haushalt bestreiten können. Aber Geld interessierte sie nicht.

Sie stand auf und hob selbstbewusst den Kopf. Später durfte sie sich jede Schwäche erlauben, jetzt musste sie stark sein. „Nein.“

„Nein?“ Zorn flackerte in Isandros Augen auf. Er saß in der Klemme, und er war sich ziemlich sicher, dass sie das ganz genau wusste.

„Ich bin einverstanden mit … mit …“ Die Worte wollten ihr einfach nicht über die Lippen kommen. Sie errötete. „Mit der Scheidung. Es ist ja nicht so, dass diese Ehe aus Liebe geschlossen wurde. Dessen bin ich mir bewusst. Aber ich werde meine Unterschrift unter kein Dokument setzen, dass mir das Recht auf meinen Sohn abspricht. Deine Drohungen sind reine Schikane, Isandro. Ich lasse mich nicht von dir erpressen.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, damit er nicht sah, wie sie zitterte.

Isandro musste einsehen, dass er sich ein wenig verwirrt fühlte. Noch nie war er beschuldigt worden, ein Erpresser zu sein. Der Klang des Wortes gefiel ihm nicht. Und er hatte Angst. Angst vor dem, was Rosanne seinem Kind antun könnte.

„Zac ist auch mein Sohn. Neun Monate lang habe ich ihn in mir getragen. Ich habe ihn geboren. Das kannst du mir nicht wegnehmen. Du kannst nicht …“

Er musste sich zurückhalten, um nicht laut aufzulachen. Vor ihm stand die Frau, die ihn nur geheiratet hatte, um an ihre Erbschaft zu kommen. Aus demselben Grund war sie schwanger geworden: um so viel Geld wie möglich aus ihm herauszupressen.

Einmal mehr versetzte ihn ihre Abgebrühtheit in Erstaunen. Sie war keineswegs das sanfte schüchterne Mäuschen, für das er sie so lange gehalten hatte.

Isandro steckte die Hände tief in die Hosentaschen, sodass sich der Stoff über seinem Schritt spannte. Das am Hals offene Hemd gab den Blick auf ein kleines Dreieck bronzefarbener Haut frei.

Für eine Sekunde empfand Rosanne seine Gegenwart als überwältigend intensiv. Bilder erschienen vor ihrem geistigen Auge, wie sie nackt unter ihm lag und er sich auf ihr bewegte. Sie erinnerte sich daran, wie er in sie eindrang, zärtlich und tief und leidenschaftlich.

Sie schüttelte den Kopf. Ihr war heiß. Das Zimmer. Es musste an diesem Zimmer liegen. Es war viel zu heiß hier drinnen.

„Dann lässt du mir keine andere Wahl“, stellte er fest.

„Keine Wahl …?“

Sein Anwalt hatte ihm dazu geraten, Rosanne die regelmäßigen Besuchszeiten nicht zu verwehren. Sich ihrem Wunsch in den Weg zu stellen, würde ihm letztendlich nur schaden.

Isandro hatte keine Ahnung, warum sie das kleine Vermögen nicht annahm, das er ihr in Aussicht stellte. Allerdings vermutete er, dass sie glaubte, mit ihrer Besorgnis-Scharade noch mehr aus ihm herausholen zu können.

„Wenn es stimmt, was du behauptest – dass du nur hier bist, um Zac zu sehen – dann wirst du mit uns in einer halben Stunde nach Sevilla aufbrechen. Du wirst für eine gewisse Zeit in meinem Haus wohnen, um deine guten Absichten zu beweisen. Ich bewillige dir täglich ein paar Stunden, die du unter Aufsicht mit dem Jungen verbringen darfst.“

„Aber …“

„Nichts aber. So lauten meine Bedingungen, Rosanne. Und du befindest dich nicht in der Position zu handeln.“

Er beobachtete die verschiedenen Ausdrücke, die nacheinander über ihr Gesicht huschten. Kein Wunder, dass sie vor seinem Vorschlag zurückschreckte. Das bewies doch nur, wie falsch ihre Absichten waren. Zwei Jahre absoluter Freiheit im Tausch gegen ein Leben in einem kleinen spanischen Dorf außerhalb Sevillas … binnen weniger Tagen würde sie die Wände hochgehen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die sie mit Zac verbringen musste. Sein Lächeln glich dem eines Engels, aber der kleine Racker konnte auch den Geduldigsten hin und wieder zur Verzweiflung bringen.

„Ich gebe dir fünf Minuten, um darüber nachzudenken.“

Immer noch sprachlos sah Rosanne ihrem Ehemann nach, wie er das Zimmer verließ. Der Verstand sagte ihr, dass sie in London bleiben und sich mit ihrem Anwalt in Verbindung setzen sollte. Aber das würde dauern. Bis dahin hielten Isandro und Zac sich längst in Spanien auf. Unter Umständen vergingen Monate, bis sie ihren Sohn wiedersah. Zweifellos würde Isandro sich vor dem Scheidungsrichter alle Mühe geben, sie in einem denkbar schlechten Licht dastehen zu lassen.

Und wenn sie das Angebot ablehnte, mit ihrem Sohn zusammenzuleben, würde Isandro vor Gericht noch leichteres Spiel haben.

Vielleicht hoffte er ja genau darauf? Dass sie sich selbst schadete?

Zac war hier. Sie hatte ihn gesehen. Unmöglich, ihn jetzt wieder zu verlassen. Noch mehr wollte und konnte Rosanne von seinem Leben nicht verpassen. Dann würde sie eben ihrem Ehemann ihre guten Absichten beweisen – und wenn es das Letzte war, was sie auf Erden tat.

„Und?“ Mittlerweile in Jackett und mit Krawatte, stand Isandro auf der Türschwelle zur Suite.

Rosanne hielt seinem Blick stand und erklärte laut und deutlich: „Ich komme mit.“

Plötzlich geschahen die Dinge mit furchterregender Geschwindigkeit. Isandro zog ein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer. Von dem in schnellem Spanisch geführten Gespräch verstand Rosanne nur Bruchstücke. Vor zwei Jahren hatte sie die Sprache fließend beherrscht. Jetzt waren ihre Kenntnisse eingerostet.

Schließlich klappte er das Telefon wieder zu. Sein kontrollierter Gesichtsausdruck war schwer zu deuten, doch unter der Oberfläche spürte Rosanne Wut und Ungeduld. Isandro wollte nicht, dass sie ihn und Zac begleitete, das war offensichtlich.

Bestimmt hatte ihm jemand den Rat gegeben, ihr die Reise nach Spanien anzubieten. Und er hatte erwartet, dass sie Nein sagen würde.

„Wo können wir deine Sachen abholen?“

Rosanne schüttelte den Kopf. „Nirgends. Ich habe alles mitgebracht.“

Isandros Blick wanderte zu dem kleinen Koffer auf dem Boden. „Das ist alles?“

„Da ist alles drin. Mein Pass ist in meiner Handtasche.“

„Dann hast du gar nicht hier gelebt?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. Sein offensichtliches Desinteresse an ihrem Verbleib in den letzten zwei Jahren tat weh. Anscheinend hatte er ihre Nachricht wörtlich genommen und nicht versucht, sie zu finden. Und obwohl sie genau das bezweckt hatte, versetzte es ihr doch einen schmerzhaften Stich.

„Magst du mir vielleicht sagen, wo du gewesen bist?“, fragte er und trat einen Schritt näher. „Oder erwartest du, dass ich ernsthaft glaube, dass du seit zwei Jahren aus einem Koffer dieser Größe lebst?“

Rosanne schluckte. Schließlich hatte sie genau das getan. Und wenn Isandro sich die Mühe machte, richtig hinzusehen, würde er erkennen, dass dies der Koffer war, mit dem sie damals ins Krankenhaus gefahren war. Vielleicht würde er sogar bemerken, dass auch ihr Kostüm bereits zwei Jahre alt war. Aber er schaute nicht richtig hin.

„Es spielt keine Rolle, wo ich war, Isandro. Wichtig ist nur, dass ich jetzt hier bin.“

Einen langen Moment hielt er ihren Blick mit seinem gefangen, dann zuckte er die Schultern. „Komm mit. Wir müssen los.“

Rosanne griff nach ihrer Handtasche und dann nach dem kleinen Koffer. Es überraschte sie, dass Isandro auf sie zutrat und ihr mit einer brüsken Bewegung den Koffer abnahm. Ihre Hände berührten einander. Erschrocken zog sie ihre Hand zurück, als habe sie sich verbrannt.

Ihre Pupillen weiteten sich, ihr Atem ging schneller, ihr Puls begann zu rasen. Und es gab nichts, was sie tun konnte, um diese Reaktion zu verbergen.

Hilflos schaute sie ihm in die Augen. Die kurze Berührung setzte einen Strom an Empfindungen frei, an Bildern, Erinnerungen. Und als wüsste Isandro ganz genau, was in diesem Moment in ihr vorging, ließ er seinen Blick sehr langsam und gezielt provokant über ihren Körper wandern.

Als er ihr wieder ins Gesicht sah, wirkte seine Miene kalt und verschlossen. Rosanne hegte keinerlei Zweifel daran, dass er ihre Reaktion richtig eingeschätzt hatte. Seine gesamte Haltung drückte Zurückweisung und Ablehnung aus. Noch nie im Leben hatte sie sich so gedemütigt gefühlt.

Wie durch ein Wunder sagte er nichts, sondern wandte sich nur um und marschierte, ihren Koffer in der Hand, aus dem Zimmer. Er schaute sich noch nicht einmal um. Erst am Aufzug holte Rosanne ihn wieder ein.

„Wo ist Zac?“

Die Türen des Lifts öffneten sich. Isandro wartete, bis sie sich hinter ihnen geschlossen hatten, dann erwiderte er: „Zac ist bereits mit seiner Nanny im Flugzeug. Wenn wir dort eintreffen, hält er gerade seinen Mittagsschlaf. Auf diese Weise wird sein gewohnter Tagesablauf möglichst wenig gestört.“

„Oh.“ Es rührte sie, welche Rücksicht er ganz offenbar auf die Bedürfnisse des Kleinen nahm.

Vor dem Hotel erwartete sie eine Limousine mit geöffneten Türen. Isandro bedeutete Rosanne einzusteigen. Ihr fiel auf, dass er sorgfältig darauf achtete, sie nicht zu berühren.

Fasziniert blickte sie aus dem Fenster, als der Wagen durch die Straßen Londons rollte. Es war so lange her, dass sie eine so große Stadt gesehen hatte!

„Ich dachte, du hasst London.“

Er warf ihr einen harten Blick zu. „Das tue ich auch.“

„Warum hast du dann das Hotel gekauft?“

„Warum interessiert dich das, Rosanne? Rechnest du im Geiste schon meine Vermögenswerte zusammen? Du hättest mein erstes Angebot annehmen sollen. Ich werde es nicht wiederholen.“

Sie beschloss, die Stichelei zu ignorieren. „Ich war nur neugierig, das ist alles.“

Isandro betrachtete ihr Profil, während sie nach vorne durch die Windschutzscheibe starrte. Die gerade Nase, die langen schwarzen Wimpern. Die vollen Lippen … weich und einladend. Er hasste die Tatsache, dass er sein Verlangen nicht über seinen Intellekt steuern konnte. Vorhin, in der Suite, als sie ihn mit so unverhohlener Sehnsucht im Blick angeschaut hatte, da hätte er beinahe vergessen, wer sie war. Genau wie sie es beabsichtigt hatte, daran zweifelte er keine Sekunde.

„Ich habe das Hotel kurz nach Zacs Geburt gekauft. Immerhin ist er zur Hälfte britisch. Ich kann sein Erbe nicht ignorieren. Das Hotel ist eine Investition für ihn, für seine Zukunft, falls er sich jemals entscheiden sollte, in diesem Land zu leben.“

Rosanne erwiderte nichts. Sie war zu ergriffen von den Gefühlen, die Isandros Erklärung in ihr weckte. Erinnerungen an längst vergangene Zeiten stiegen in ihr auf. An Zeiten, in denen seine Fürsorge noch ihr gegolten hatte.

Auf der einen Seite war er der rücksichtslose Geschäftsmann. Aber dann gab es noch die geheime, tief verborgene Seite, von der sie geglaubt hatte, sie allein zu kennen. Wegen dieses Kontrasts hatte sie sich einst in ihn verliebt.

Sie warf ihm einen raschen Seitenblick zu. Lippen, auf denen das Versprechen ungeahnten sinnlichen Glücks zu liegen schien.

Unvermittelt wandte er ihr das Gesicht zu. Ihre Blicke trafen sich. Hitze breitete sich in den tiefsten Regionen ihres Körpers aus. Hektisch schaute Rosanne aus dem Fenster. Fast konnte sie das spöttische Lächeln fühlen, das nun seine Mundwinkel umspielte.

3. KAPITEL

Das attraktive Gesicht kam immer näher und näher, der sinnliche Mund verspottete und verhöhnte sie. Rosanne fühlte Panik in sich aufsteigen. Sie wollte zurückweichen, fort von dem grausamen Lächeln und den kalten eisigen Augen. Irgendetwas zupfte an ihrer Kleidung, zog an ihr, und plötzlich wurde sie durch einen kurzen heftigen Ruck in die Realität zurückgeholt.

Rosanne öffnete die Augen. Sie befand sich in einem Flugzeug und musste wohl eingeschlafen sein. Wieder dieses seltsame Ziehen. Sie blickte zu Boden und schaute direkt in die violetten Augen ihres Sohnes. Der Kleine schleifte ein abgenutztes Schmusetuch hinter sich her. Er wirkte noch ganz verschlafen, die weichen Haare waren zerzaust.

Sie sehnte sich so sehr danach, ihn auf die Arme zu heben, doch sie hielt sich zurück. Vielleicht machte sie ihm Angst. Allein dieser Moment mit ihm allein war alles Bisherige wert und rückte die Dinge in eine andere Perspektive. Isandro und seine Drohungen verblassten in der Bedeutungslosigkeit.

„Hi, Zac“, sagte sie leise.

Mit einer Hand hielt er sich an ihrem Bein fest, mit der anderen deutete er stolz auf sich. „Zac!“

Dann legte er eine Hand an seinen Kopf und verzog das Gesicht. Anscheinend erinnerte er sich an Rosanne und den gestrigen Tag, als er hingefallen war.

„Oh, ja, das stimmt … du bist gefallen. Hast du dir am Kopf wehgetan?“

Zac nickte und rieb sich den Kopf. Rosanne beugte sich zu ihm hinunter und gab vor, seinen Kopf gründlich nach einer Beule zu untersuchen. Zac begann zu kichern.

In diesem Moment näherte sich ihnen eine ältere Frau in einem dunklen Kleid. Sie nahm Zacs Hand und musterte Rosanne neugierig.

„Ich bin María, Zacs Nanny.“

Rosanne streckte die Hand aus. „Ich bin Rosanne …“ Sie unterbrach sich. Was sollte sie sagen? Ich bin Zacs Mutter? Ich bin Mrs. Salazar?

Aber María wartete nicht auf eine Erklärung. Lächelnd schüttelte sie die dargebotene Hand. „Entschuldigen Sie mich, Zac braucht etwas zu essen.“

Rosanne nickte und winkte Zac zum Abschied, der bereits durch den Gang des Flugzeugs davonflitzte, weil irgendetwas seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sie wandte sich ab und starrte blickleer aus dem Fenster in die undurchdringliche weiße Wolkenschicht.

Es war unendlich erleichternd, Zac so gesund und munter zu sehen. Dass er sich so prächtig entwickelt hatte, rechtfertigte ihre Entscheidung von damals. Nicht, dass sie persönlich jemals eine Rechtfertigung gebraucht hatte. Was ihren Sohn anging, war sie nur ihren Instinkten gefolgt. Zac hatte den grausamen Schmerz nicht erleben sollen, den ihr Bleiben früher oder später bedeutet hätte. Es wäre purer Egoismus gewesen, ihn nicht zu verlassen.

Unvermittelt fragte sich Rosanne, ob sie sich jetzt vielleicht egoistisch verhielt: Einfach so zurückzukommen und Zac kennenlernen zu wollen. Vielleicht hätte sie besser fortbleiben und Isandro und Zac ihr Leben weiterführen lassen sollen.

Doch die Sehnsucht war stärker gewesen.

„Warst du hungrig?“

Rosanne fuhr herum. Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie gar nicht gemerkt hatte, wie Isandro sich auf den Platz auf der anderen Seite des Ganges gesetzt und Krawatte und Jackett abgelegt hatte. Der oberste Hemdknopf stand offen. Seine bronzefarbene Haut wirkte so unglaublich attraktiv … Was war nur los mit ihr? Obwohl sie sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen gefühlt hatte, hatte sie doch nie dieses rein sexuelle Verlangen gespürt …

„Ja.“ Sie schaute auf ihren leeren Teller, auf dem nicht der kleinste Rest der köstlichen Paella zurückgeblieben war.

Stirnrunzelnd erinnerte Isandro sich an die zusammengerollte schlafende Gestalt gestern Nacht auf dem Sofa. Das Bild hatte etwas merkwürdig Schutzloses ausgestrahlt, das seine Seele rührte. „Hast du im Hotel nichts gegessen?“

Errötend schüttelte Rosanne den Kopf.

„Du hast abgenommen.“

„Ich weiß.“