Titel

Felix Mitterer

Die Beichte

Theaterstück

Schande und Scham

Der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Obhut der Kirche

Im Jahre 1999 wurde im irischen Fernsehen eine dreiteilige Dokumentarfilmserie mit dem Titel „States of Fear“ (Angstzustände) gesendet. Die Dokumentation berichtete über die Zustände in irischen Waisen-, Erziehungs- und Schülerheimen in den letzten vierzig Jahren, wobei alle Heime von kirchlichen Männer- oder Frauenorden geführt, aber vom Staat finanziert wurden. Viele Opfer berichteten in der Fernsehserie freimütig darüber, wie sie als Kinder auf grausamste Weise geschlagen, wie vor allem die Buben sexuell missbraucht wurden.

Die Dokumentation löste in der irischen Gesellschaft ein Erdbeben aus. Am 11. Mai 1999 entschuldigte sich die Regierung offiziell bei den Zehntausenden von Opfern und setzte eine Untersuchungskommission ein. Die betroffenen Orden entschuldigten sich ebenfalls.

Es gibt inzwischen vier Opferorganisationen, die die Interessen der missbrauchten Kinder (nun oft schon über fünfzig Jahre alt) vertreten. Eine Organisation heißt „One in Four“, was bedeutet, dass von vier Buben einer sexuell missbraucht wurde.

Um die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen, hob der irische Staat die gesetzliche Verjährungsfrist auf. Dies bedeutet, dass zum Beispiel im November 2003 ein nun 71-jähriger Ordensbruder der Christian Brothers zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er von 1959 bis 1974 nachweislich 25 Buben im Alter von elf bis vierzehn Jahren sexuell missbraucht und sadistisch gequält hatte. Es waren der Opfer natürlich viele mehr, aber diese 25 Männer hatten ihre Scham überwunden und waren bereit, vor Gericht auszusagen.

Bis jetzt haben sich über zweitausend Opfer gemeldet und werden von einem aus Juristen und Psychologen bestehenden Ausschuss befragt.

Die Regierung und die katholische Kirche haben außerdem ein Abkommen über eine finanzielle Entschädigung der Opfer getroffen.

Alle Opfer hatten ein Trauma erlitten, das sie bis heute nicht überwinden konnten. Viele wurden alkohol- oder drogenabhängig, viele begingen Selbstmord oder versuchten es wiederholt, viele scheiterten im Berufsleben, vielen war es unmöglich, eine funktionierende Partnerbeziehung einzugehen, die meisten eingegangenen Ehen scheiterten, und manche der Opfer wurden selber zu Tätern.

Und manche haben bis heute das Gefühl, sie selber seien schuld gewesen am schamlosen Missbrauch, der mit ihnen getrieben wurde.

Als in Irland lebender Autor all dies jeden Tag in der Zeitung lesend und erfahrend, dass seit einiger Zeit in vielen Ländern der Erde versucht wird, den sexuellen Missbrauch in kirchlichen Heimen aufzuklären, zu ahnden, Wiedergutmachung zu leisten, stellte sich mir schließlich die Frage, ob denn meine Heimat Österreich in dieser Hinsicht wirklich eine „Insel der Seligen“ ist.

Irgendwann hatte man von einem Kardinal Groër etwas gelesen, hin und wieder erfuhr man von der Versetzung eines Priesters, weil es den Verdacht des Missbrauchs gab, aber das war auch schon alles.

Ich bin überzeugt davon, dass auch in Österreich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Kinder in der Obhut der Kirche geschändet wurden. Doch das alte Prinzip der Kirche lautet auch hier: unter den Teppich kehren, zudecken, mauern.

Und niemand mag daran rühren. Warum eigentlich? Es gibt doch nichts Schlimmeres, als sich an Kindern zu vergehen, die einem anvertraut sind. Noch dazu, wenn die Täter Priester sind, von Berufs wegen dazu angehalten, die enge Sexualmoral der Kirche zu predigen.

Ich erkundigte mich im Tiroler Bekanntenkreis und sehr bald schon hatte ich Kontakt zu zwei Opfern. Ihre Erzählungen bildeten die Grundlage zu einem Hörspiel und dann zum Stück „Die Beichte“.

Meine Hoffnung ist, dass auch in Österreich die Opfer ihre Scham überwinden und zu sprechen anfangen. In einer Zeit, wo Eltern aufpassen müssen, wenn sie ihre Kinder nackt fotografieren, weil sehr schnell – zu schnell oftmals – der Verdacht des sexuellen Missbrauchs auftaucht, sollte die Schande des tatsächlichen Missbrauchs, noch dazu von katholischen Priestern und Ordensleuten, wirklich nicht der Vergessenheit anheim fallen.

Und die katholische Kirche sollte auch aus diesem Grund über das Dogma des Zölibats wieder einmal ernsthaft nachdenken.

Felix Mitterer, 2004

Personen

Pater Eberhard (80)

Martin (50)

Kind Martin (10)

Sebastian, Sohn von Martin (gespielt vom Darsteller des Kindes Martin)