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002A_12980_HANNI_NANNI_5.tifDie Mädchen von der Ringmeer-Schule

„Das ist ja eine schöne Bescherung!“, rief Hanni Sullivan und zog ihre Zwillingsschwester Nanni ans schwarze Brett. Dort wurden immer alle Neuigkeiten angekündigt, die das ganze Internat Lindenhof betrafen.

Nanni blickte gespannt hin und las:

In den nächsten Tagen kommen einige neue Schülerinnen zu uns. Sie haben bisher das Internat Ringmeer-Schule besucht, das wegen verschiedener Schwierigkeiten plötzlich geschlossen werden musste.

Ich hoffe, dass ihr die neuen Mitschülerinnen kameradschaftlich aufnehmt und ihnen auf nette Weise helft sich einzugewöhnen. Wie lange sie hierbleiben werden, ist noch unbestimmt. Ich rechne mit vier bis sechs Monaten.

Theobald, Direktorin.

„Du liebe Zeit!“, sagte Nanni und starrte auf die Ankündigung, als könnte sie ihren Augen nicht trauen.

Jenny Robin und Hilda Wentworth, die Klassensprecherin, gingen vorbei. Jenny konnte ihre lose, spitze Zunge wieder einmal nicht im Zaum halten. „Euch hat es wohl die Stimme verschlagen, Zwillinge?“, lästerte sie. „Vor Freude, nehme ich an. Ihr wolltet ursprünglich doch lieber in die Ringmeer-Schule gehen, so viel ich weiß. Sind nicht die meisten Freundinnen aus eurem früheren Internat dort?“

„Hör bloß auf“, antwortete Nanni. „Du brauchst uns nicht immer wieder vorzuhalten, dass wir damals überhaupt nicht hierher wollten und deshalb alles mies machten.“

„Das kann man wohl sagen“, meinte Jenny.

„Aber es hat sich zum Glück gegeben.“ Hilda wollte nicht, dass die drei in Streit gerieten. „Jenny, du brauchst die alten Geschichten wirklich nicht immer wieder aufzuwärmen.“

„Mir macht es Spaß“, gestand Jenny ungerührt. „Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ich mit den Zwillingen längst befreundet bin. Es schadet nichts, wenn man sie an ihre Dummheiten erinnert. Sonst schnappen sie vor lauter Eingebildetheit noch über, weil sie bei allen so beliebt sind.“

„Ich glaube, du brauchst uns gar nicht daran zu erinnern – an unsere Dummheit, meine ich“, erwiderte Nanni. Ihre Stimme klang bedrückt. „Wahrscheinlich kriegen wir klar und deutlich einen Spiegel vorgehalten, wenn die Ringmeer-Mädchen antanzen. Ich möchte vor allem wissen, welche kommen.“

„Da wirst du nicht lange warten müssen. Und ein bisschen Vorfreude ist doch schön.“ Jenny grinste und verzog sich dann schnell.

Das war an einem Montag. Schon am Donnerstag darauf brachte der Schulbus mittags elf Mädchen nach Lindenhof: den angekündigten Zuwachs aus der Ringmeer-Schule. Hanni und Nanni standen mit ein paar anderen hinter der Gardine ihres Gemeinschaftsraumes und blickten zum Vorplatz hinaus.

„Fränzi!“, rief Nanni.

„Und Mary“, sagte Hanni.

„Was haben die beiden uns damals zugesetzt, mit ihnen nach Ringmeer zu gehen!“

Nanni nickte und sah gespannt weiter nach draußen, wo die Neuen auf ihr Gepäck warteten. „Hanni!“, rief sie plötzlich erschrocken.

Hanni drehte sich schnell wieder zum Fenster, doch dann sank sie auf den nächsten Stuhl. „Die haben uns gerade noch gefehlt!“, rief sie.

„Wer ist das?“, fragten die anderen.

Hanni antwortete nicht, aber Nanni zeigte hinaus. „Seht ihr die drei Mädchen, die in gleichen Mützen und gleichen Schals mit ihren Koffern ins Haus marschieren? Das Kappenkleeblatt – so werden sie genannt und sie hören es recht gern. Es gibt ein Sprichwort: Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Das ist ihr Wahlspruch. Sie unternehmen alles gemeinsam und sind die größten Angeber, die ihr euch vorstellen könnt. Hanni und ich haben uns schon in Neuburg dauernd mit ihnen gestritten.“

„Kommen die alle in unsere Klasse?“, erkundigte sich Hilda.

„Das glaube ich schon“, antwortete Nanni. „In Neuburg waren wir ja auch zusammen.“

„Wieso in Neuburg?“ Bobby verstand gar nichts mehr. „Ich denke, die kommen von Ringmeer?“

„Das stimmt“, erklärte Nanni. „Aber in den ersten Schuljahren waren wir alle zusammen in Neuburg. Das ist so eine Art Vorschule für Ringmeer, aber nur bis zum zwölften Lebensjahr.“

„Und weshalb habt ihr euch gestritten?“

„Ich sage doch: wegen ihrer Angeberei.“

„Na, wenn euch das damals schon zu viel wurde, dann können wir uns ja auf allerhand gefasst machen.“

Die drei vom Kappenkleeblatt waren Ellen Schatz, Milli Fuhrmann und Lore Metz. Sie kamen, genau wie die Schwestern Mary und Fränzi Waters, tatsächlich in die dritte Klasse – also zu Hanni und Nanni und ihren Freundinnen. Von den übrigen sechs Mädchen waren zwei älter – schon fast sechzehn – und kamen in die oberste Klasse. Die vier anderen gehörten in die zweite Klasse.

„Na, dort sind ein paar freche Mädchen. An denen können sie sich die Zähne ausbeißen, wenn sie ihre Ringmeer-Sitten herauskehren wollen“, prophezeite Hilda.

Fränzi und Mary stürzten sofort auf die Sullivan-Zwillinge zu.

„Ist es nicht zum Schreien, dass wir nun doch wieder zusammen sind?“, fragte Mary. „Das Wiedersehen mit euch war unser einziger Trost, als wir herfuhren.“

„Ihr tut gerade so, als kämet ihr in die Verbannung“, wurde sie von Jenny unterbrochen.

Fränzi zog die Augenbrauen hoch und wandte sich an Nanni: „Vielleicht macht ihr uns zuerst einmal mit den anderen bekannt. Man will ja wissen, wer einen da einfach anspricht.“

„Huh, die feine Bildung“, spottete Jenny, aber die Zwillinge fingen sofort mit dem Vorstellen ihrer Mitschülerinnen an.

„Dies hier also ist Jenny Robin, eine Spottdrossel mit scharfer Zunge – nicht ungefährlich! Hier steht Petra, die Klassenbeste – klein, aber oho! Und dies ist Hilda, unsere Klassensprecherin, aber längst nicht so brav, wie man es bei einem solchen Amt erwarten sollte. Unsere Cousine Elli kennt ihr. Sie begeistert sich manchmal für komische Figuren und schwärmt für sie. Aber sonst ist sie ganz in Ordnung.“ Elli streckte den Zwillingen die Zunge heraus und tat ein bisschen beleidigt. „Das ist Roberta Ellis, genannt Bobby, ein ganz gescheites, aber bodenlos faules Geschöpf. Dafür hat sie so viele dumme Streiche im Kopf wie Sommersprossen auf der Nase. So schnell macht ihr dabei niemand keine Konkurrenz.“

„Ihr scheint mir recht kindisch zu sein, wenn ihr euch noch mit Schulstreichen abgebt“, sagte Fränzi mit hochgezogenen Brauen. Hanni verschlug es die Sprache.

„Entschuldigt“, wandte sie sich an ihre Freundinnen von Lindenhof, „ich wusste nicht, dass die Neuen schon so erwachsen sind!“

„Arme Zwillinge“, bemerkte Hilda, „wahrscheinlich erlebt ihr noch manche Enttäuschung.“

„Durch uns?“, fragte Fränzi pikiert. „Wenn Hanni und Nanni sich notgedrungen eurer kindischen Art angepasst haben, dann werden sie froh sein, endlich wieder vernünftigen Umgang zu haben.“

Oho, das war ein starkes Stück! Hanni und Nanni gerieten in große Verlegenheit. Zu ihrem Glück erschien die Hausmutter, trommelte die Neuen zusammen und brachte sie zur Direktorin. Der Rest der Klasse konnte ihnen nicht mehr vorgestellt werden.

„Ihr armen Zwillinge“, spottete Bobby, „jetzt sehe ich erst, dass ihr hier wirklich in der Verbannung gelebt habt – unter Wilden sozusagen.“

„Hör auf!“, schrie Nanni mit ungewohnter Heftigkeit – sie war sonst immer um ein paar Grad sanfter als ihre Schwester. „Du ahnst überhaupt nicht, wie grässlich uns zumute ist!“

„Doch, ich ahne es“, sagte Hilda ruhig. „Und die anderen verstehen es auch. Als ihr herkamt, wart ihr gewiss keine – Engel ...“

„Nein! Ein paar richtig freche Teufel“, stellte Jenny grinsend fest.

„... aber was aus diesen beiden geworden ist, das hättet ihr wahrscheinlich nie geschafft“, fuhr Hilda in ihrer ruhigen Art fort.

„Danke!“, sagten die Zwillinge wie aus einem Mund.

„Ihr müsst aber etwas anderes bedenken“, betonte Nanni. „Wir kennen Mary und Fränzi schon lange, nicht nur aus dem Internat. Unsere Mütter sind Schulfreundinnen – stellt euch das vor! – und wir haben schon im Sandkasten zusammen gespielt. Dass die beiden eingebildet und albern sind, merken wir ebenso gut wie ihr. Trotzdem können wir sie nicht einfach links liegen lassen. Schon unseren Müttern zuliebe nicht.“

„Wir werden versuchen sie umzukrempeln!“, rief Hanni. Die anderen lachten.

„Da habt ihr euch allerlei vorgenommen“, meinte Bobby. „Ich glaube nicht, dass ihr es schafft.“

„Wetten?“, antwortete Hanni.

„Ja“, riefen die anderen begeistert, „wir wetten.“

Hilda erklärte: „Dann müssen wir die Bedingungen genau festlegen. Also, um was geht es?“

„Dass wir Fränzi und Mary zu vernünftigen, normalen Mädchen umerziehen“, erwiderte Nanni.

„Und wer beurteilt, ob euch das gelungen ist? Ihr selber vielleicht?“ Bobby grinste.

„Wir alle sind die Schiedsrichter“, meinte Nanni.

Ihre Schwester schlug aber vor: „Wenn eine von euch zum ersten Mal mit Fränzi oder Mary freundlich redet oder ein Stück mit ihr geht, dann ist das ein gültiger Beweis, nicht wahr?“

„Ihr Zwillinge seid kühn“, bemerkte Jenny. „Wir werden uns natürlich hüten, so etwas zu tun. Die Wette werden wir gewinnen.“

„Abwarten“, sagte Hilda bedächtig. „Aber um was wetten wir?“

Eine knifflige Frage. Doris mischte sich ein: „Wer verliert, muss vierzehn Tage für die andere Partei die Schuhe putzen.“

Alle stimmten begeistert zu; ums Schuheputzen riss sich keiner – am allerwenigsten die Zwillinge.

„Im Grunde ist es ungerecht“, wandte Hilda ein. „Wir wetten zu fünft: Jenny, Bobby, Doris, Elli und ich. Da müssen die armen Zwillinge zu zweit für uns fünf die Schuhe putzen. Im anderen Fall aber teilen wir fünf uns das bisschen Arbeit. Da müssen wir uns was anderes einfallen lassen.“

„Nicht nötig“, rief Hanni, „wir schaffen es und ihr müsst für uns schuften.“

Nanni nickte überzeugt. Die Freundinnen glaubten es zwar nicht, aber wenn die Schwestern es so wollten ... Nun gut, dann konnte es ihnen selber nur recht sein!

„Wir sollten aber einen Zeitpunkt festsetzen, an dem die Wette zu Ende ist“, überlegte Jenny. „Sonst haben die Zwillinge immer wieder die Ausrede, dass sie es irgendwann doch noch schaffen.“

Alle waren einverstanden: Vier Monate – also bis Ende Juni – sollte die Wette gelten. In einem ausführlichen Vertrag hielten sie alle Punkte fest und jede unterschrieb. Natürlich bezog sich die Wette nur auf Fränzi und Mary Waters; mit den Kappenmädchen wollten auch die Zwillinge nichts zu tun haben.