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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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© 2012 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99026-211-5

ISBN e-book: 978-3-99026-213-9

Lektorat: Mag. Dr. Margot Liwa

Umschlagfoto: Fabrizio Argonauta | Dreamstime.com

Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.

www.novumverlag.com

Kapitel 1

Die Arbeit soll dein Pferd sein,

nicht dein Reiter

Persisches Sprichwort

Kapitel 1

Einem Geheimnis auf der Spur

Als Tom den renommierten Gastronomietempel betritt, seinen Fuß auf den weichen Teppich setzt, spürt er es: Etwas Unheimliches, Bedrohliches liegt in der Luft. Unsicher sieht er sich um. Doch das übliche sanfte Licht fällt aus den Lampenschirmchen auf die Tische mit den Blumenarrangements von roten und gelben Rosen, und auch die edlen Holzsessel mit den sandfarbenen Geflechten stehen immer noch am selben Ort. Sein Blick schweift aus dem großen Fenster auf die Île Saint-Louis, auf der sich inmitten der Seine mystisch die Notre-Dame de Paris erhebt. Das gelbliche Licht der Scheinwerfer verleiht dem gotischen Bau etwas Gespenstisches. Die nackten Äste der Bäume heben sich wie Scherenschnitte vom halbdunklen Nachthimmel ab. Zeichnet sich da am rechten Seitenportal nicht der Schatten von Quasimodo ab, welcher der Zigeunerin Esmeralda auflauert? Tom schmunzelt im Stillen über seine Fantasie.

Bienvenue, Monsieur Rey, comment allez-vous? Willkommen, wie geht es Ihnen?“, Alain steuert geradewegs auf ihn zu und weist mit der Hand auf einen Zweiertisch vor der runden Glasscheibe. „Comme d’habitude, wie immer, Ihr Platz in der ersten Reihe“, scherzt der Kellner und rückt den Stuhl vom Tisch. Ja, the same procedure like every Friday, denkt Tom und dankt. Und wie stets in den vergangenen 20 Jahren bleibt Alain stehen und neigt mit bedauernswerter Miene den Kopf:

Madame hat angerufen. Sie ist im Verzug und kommt heute etwas später.“

Tom nickt.

„Ein Glas Dom Pérignon?“

„Ja, gerne.“

Sein Blick verliert sich in den beiden spitzenlosen Türmen mit den fünf Glocken. Kein Laut ist hier vom regen Verkehr auf dem Quai de la Tournelle zu hören. Mit gedämpfter Stimme unterhalten sich die wenigen Gäste, die zu dieser Stunde schon eingetroffen sind. Seine Gedanken wandern zu Catherine. Nein, Pünktlichkeit war nie die Stärke seiner Frau. Seltsam, wieso teilt er eigentlich seinen Alltag mit einem Menschen, der ihm in all den Jahren so fremd geblieben ist? Irgendwie kam ihm noch gar nicht der Gedanke, dass sein Leben anders hätte verlaufen können. Wieso auch, hat er doch mit ihr an seiner Seite – und ihrem Vater als Geschäftspartner – eine gute Partie gemacht und die richtige Route eingeschlagen. Und was sollte denn aus ihr werden, falls er sie verlassen würde? Jetzt, wo die beiden Söhne ihre eigenen Wege gehen, wäre sie ja ohne ihn ein hilfloses Wesen, würde sich in dieser Welt gar nicht zurechtfinden! Selbstzufrieden lehnt er sich zurück und streckt unter dem Tisch behaglich seine langen Beine aus. Mensch, Tom, was für ein Werdegang! Sohn von Eltern aus einem bescheidenen Milieu, zuerst Studium der Architektur, dann der große Wurf, als er Catherine und ihrem Vater begegnet. Er lächelt, wenn er sich an seine erste Begegnung mit der Tochter des vermögenden Computerfachmanns erinnert. Grässliche Zicke, war sein erster Gedanke beim Anblick dieser gestylten Bohnenstange mit dem platinblonden, hochgesteckten Haar. Barbie lässt grüßen. Doch als er dann Catherines Vater Maxime kennenlernte, dieser ihm das Umsatteln auf die Informatik schmackhaft machte und das Studium für Computer Engineering berappte, war die berufliche Laufbahn besiegelt. Welch ein Unsinn, sich als armseliger Architekt durchs Leben zu schlagen, stets auf der Suche nach Aufträgen, wenn er als Programmierer und Sicherheitsexperte für Informatiksysteme rasch ans große Geld kommen konnte! Ein für alle Beteiligten perfekter Deal war das, denn so konnte Catherine ihren Lebensstil weiter pflegen und er sich in Ruhe auf seinen Job konzentrieren. Ja, ein Arbeitstier ist er, das ist ihm klar. Doch woher soll sonst die Miete für die Fünfzimmerwohnung in der gehobenen Île de la Cité kommen, das Geld für die monatlichen Rechnungen der Boutiquen und Bijouterien, das glücklicherweise nun zurückliegende Studium seiner Söhne?

Salut chéri!

Der raue Ton von Catherines Stimme weckt ihn aus seinen Tagträumen auf. Sie haucht einen flüchtigen Kuss links und rechts seiner Wangen in die Luft, zeigt dann mit dem Finger auf Toms Glas und gibt dem Kellner ein entsprechendes Zeichen.

Volontiers, Madame.

Sie lässt sich in den Sessel gleiten und schickt einen bekümmerten Blick auf ihre hochhackigen Pumps, derer sie sich allzu gern entledigt hätte, wäre man da nicht in einem Sternerestaurant.

„Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Stress ich den ganzen Tag hatte! Herumgerannt bin ich von morgens bis abends. Ich bin todmüde!“

„Doch, das kann ich mir gut vorstellen. Die Termine von Friseur, Schneider und Masseur lagen zu nahe beieinander!“, spöttelt Tom mit spitzer Zunge. Doch Catherine überhört es, lässt den Champagner genervt die Kehle herunterrieseln. Während sie die Menükarte studiert, misst er ihr Gesicht mit kritischem Blick. Die Jahre haben sie trotz Dolcefarniente ziemlich mitgenommen. Ihre Haut ist schlaff geworden, Fältchen zeichnen sich in den Augenwinkeln ab, laufen quer über die Stirn, unter den Augen wölben sich kleine Kissen. Eine tiefe Furche schleicht sich von der Nase zum Mund, lässt auf Frust schließen. Komisch, dabei hat sie es doch so gut mit ihm! Das einst hübsche Oval ihres Gesichts ist verschwunden, der knackige Apfel hat einer überreifen Birne Platz gemacht.

„Nimmst du als Vorspeise wieder die Quenelles de brochet?“, haucht sie, würdigt ihn dabei aber keines Blickes.

„Hm, vermutlich.“

Auch ihre Stimme ist nicht mehr so wie früher, nicht mehr hell und klar, sondern vom Zigarettenrauchen und häufigen Spülen mit Cognac heiser und brüchig geworden.

„Dann für mich das Lamm mit Oregano! Was trinken wir dazu?“

Da haben wir Männer es schon besser, folgert Tom. Mit Falten im Gesicht sind wir für die Damenwelt besonders attraktiv, grau meliertes Haar wirkt sexy, und wenn dann noch die gut dotierte Brieftasche dazukommt, fliegen uns die Herzen aller Girlies zu. Ganz zu schweigen davon, dass wir bis ins hohe Alter zeugungsfähig sind, während Evastöchter schon mit 40 Lenzen das Handtuch werfen und wegen ihres seltsamen Hormonhaushaltes kein Interesse mehr an Sex zeigen. Was macht man schon mit Hühnern, die keine Eier mehr legen …?

„Ich habe dich gefragt, was wir trinken!“ Die Lautstärke ihrer Stimme holt Tom jäh in die Realität zurück.

„Äh, zum Lamm … wohl am besten einen kräftigen, gehaltvollen Rotwein, beispielsweise einen Bordeaux, Haut-Médoc?“

Catherine deutet dem Kellner, die Bestellung aufzunehmen. Tom schluckt. Zu seinem Rouget mit Kokosraspeln wohl nicht das Geeignete, aber egal, Schwamm drüber.

Als Alain notiert, nimmt nebenan ein junges Paar Platz. Kaum hat es sich gesetzt, ergreift er zärtlich ihre Hand, streichelt sie liebevoll. Ihre Augen leuchten. Catherine beobachtet die Szene mit wachsendem Unmut. Dass sich dieses junge Gemüse ein solches Luxuslokal leisten kann, nicht zu glauben! Es zuckt um ihre Mundwinkel. Als der junge Mann sich erhebt und seiner Partnerin quer über den Tisch einen Kuss auf die Lippen drückt, wirft sie die Menükarte angewidert auf den Tisch.

„Immer dieses Restaurant“, mault sie.

Verwundert blickt Tom auf.

„Ich dachte, du bist gerne hier …?“

„Nicht wenn ich zusehen muss, wie sich Grünschnäbel gegenseitig den Dreck vom Gesicht schlecken“, zischt sie voller Ekel. Sie steht auf, ergreift ihre Tasche und verschwindet Richtung Toilette, nicht ohne den beiden Liebenden vorher noch einen giftigen Blick zuzuwerfen. Er bleibt natürlich unbemerkt, denn diese beiden schweben auf einem anderen Planeten. Nun hat auch Tom das Paar entdeckt. Wie hübsch das Mädchen ist! Sieht richtig süß aus. Aus diesem Mund kann unmöglich je ein schlechtes Wort kommen. Muss sich gut anfühlen, sich so streicheln zu lassen. Und wie sie ihren Begleiter anstrahlt, richtig glücklich! Glück­lich? Er schüttelt den Kopf. Wie mag das wohl sein?

„Nehmen wir noch einen Kaffee?“ Catherine wirft ihm nach beendetem Mahl einen undefinierbaren Blick zu. Irgendwie ist da etwas Lauerndes, Beklemmendes. Plötzlich steigen in Tom wieder die Gefühle hoch, die er beim Betreten des Lokals gespürt hat.

„Ja, gerne!“

„Gut, es ist unser letzter.“

Catherines Stimme klingt hart, trifft ihn wie ein Peitschenschlag.

„Unser letzter? Was meinst du damit?“

„Dass dies der letzte Kaffee ist, den wir zusammen trinken – dann trennen sich unsere Wege!“

Verblüfft lässt sich Tom im Sessel zurückfallen. Er öffnet den Mund, bringt jedoch keinen Ton heraus. Catherine quittiert dies mit einem höhnischen Grinsen. Da erst bemerkt er den pompösen rot-weißlich melierten Halbedelstein-Anhänger auf ihrer Brust.

„Das ist ein Rodocrosite aus Argentinien. Es ist das Verlobungsgeschenk von meinem Geliebten.“

„Deines …?“, das Wort bleibt Tom im Munde stecken.

„Ich habe vor ein paar Wochen einen Argentinier kennengelernt“, fährt sie unbeirrt fort.

Er schüttelt ungläubig den Kopf. Wer interessiert sich denn schon für seine Frau! Aber natürlich, ein Ausländer, vermutlich ein Emigrant.

„Sicher so ein Asylant, der auf eine betuchte Französin erpicht ist, damit er an Geld und gleich auch noch an einen französischen Pass kommt!“, spöttelt Tom.

Catherine setzt indessen ihr gewinnendstes Lächeln auf und beugt sich über den Tisch.

„Falsch geraten, mein Lieber. Don Roberto Pérez Pardella ist Großgrundbesitzer, nennt eine der größten Rinderherden sein Eigen.“ Sie lehnt sich lässig zurück und spielt provokativ mit ihrer Kette. „Morgen früh bringt uns die „Argentina Airlines“ nach Buenos Aires, von dort fliegen wir mit seinem Privatjet weiter in die zentrale Pampa, wo Roberto eine Hazienda von über 30’000 Hektar besitzt.“

Gebannt starrt Tom seine Frau an. Sein braun gebranntes Gesicht hat eine noble Blässe angenommen. Nervös fährt er mit seiner Hand durch die dichte Mähne, wie immer, wenn er am Ende seines Lateins ist.

„Ja, und ich?“

Catherine lacht schallend. „Du? Du hast ja deinen Job, mit dem du seit über 20 Jahren so beschäftigt bist, dass wir nie Gelegenheit hatten, uns kennenzulernen.“

Tom hat das Gefühl, in einem bösen Traum zu stecken, in welchem jeder Schrei im Halse stecken bleibt und aus dem es kein Entrinnen gibt.

„Und unsere Kinder, Charles und Alexandre?“, haucht er tonlos.

„Ha, unsere ‚Kinder‘! Unsere ‚Kinder‘ sind stattliche Männer und haben ihr eigenes Leben. Aber in deiner Selbstverliebtheit hast du wohl nicht bemerkt, dass sie mittlerweile den Windeln entwachsen sind!“

Catherine hat sich derart in Wut hineingesteigert, dass ihre Stimme ein dem Ort unangepasstes Crescendo erreicht hat. Alain taucht mit süß-säuerlicher Miene auf und erkundigt sich höflich, ob es noch etwas sein darf. Sie packt die Gelegenheit sofort am Schopf.

„Ja gerne, der Herr möchte zahlen.“

Ein beißender Wind pfeift Tom um die Ohren, als er wenig später allein auf dem nächtlichen Quai steht und wie versteinert zusehen muss, dass Catherine sich triumphierenden Schrittes entfernt. Er schaut ihr stumm nach, bis die Dunkelheit sie aufgesogen hat. Ein Hurrikan scheint in seinem Kopf zu toben, verhindert jeden klaren Gedanken. Seine Augen sind feucht. „Ach, diese verdammte Bise“, lamentiert er, nach einer Entschuldigung suchend. Mit klammen Fingern hält er sich am Brückengeländer fest. Nein, das kann nicht wahr sein! Nach über 20 Jahren unter einem Dach einfach davonzulaufen. Das ist ein übler Scherz! Mit dumpfem Gefühl bemerkt er, dass am Himmel dunkle Wolkenfetzen gleich unheilvollen Geistern vorbeihuschen. Nur ab und zu guckt der halb volle Mond hervor, wirft ein gespenstisches Licht über die menschenleere Promenade.

„Oh, was bist denn du für ein kurioser Vogel?“

Die leicht lallende Stimme schreckt Tom aus seinen düsteren Grübeleien auf. Vor ihm schwankt ein Mann mittleren Alters, dessen unrasiertes Gesicht von tiefen Furchen durchzogen ist und wohl schon seit Urzeiten keinen Waschlappen mehr gesehen hat. Sein Körper, eher von Lumpen als von Kleidern umhüllt, verströmt eine penetrante Mischung aus Schweiß, Tabak und Alkohol. Zitternd fährt seine Hand über Toms Mantel.

„Wow, da sieh mal einer an! Harris Tweed, nicht wahr? Reine Schurwolle, wie sie nur auf den Äußeren Hebriden hergestellt wird, schottische Superqualität. Da steckt wohl noch das Markenzeichen, der so genannte Orb, drin, he?!“

Verblüfft mustert ihn Tom. Der Mann lacht trocken.

„Ha, da staunste, was?“ Er kratzt sich verlegen hinter dem Ohr, hält sich dann an der Straßenlampe fest.

„Weißte, ich bin nicht so blöd, wie ich aussehe. Da war mal was drin!“ Mit dem Zeigefinger tippt er sich an den Schädel, beäugt dann wieder liebevoll den Stoff des Mantels. „Wohl ’ne Boutique an der Place Vendôme ausgenommen, hm?“

„Nein, das ist mein Mantel!“, wehrt sich Tom und schaut sich verwirrt um. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen.

Dein Mantel? Uff!“ Rasch hat sein Gegenüber ihn am Kragen gepackt und zieht ihn jenseits der Straße ins Gebüsch.

„Hey, was soll das?“ Angst steigt in Tom auf. Doch der Unbekannte legt beschwichtigend den Finger auf seine Lippen.

„Psst. Wenn dich hier einer der Plattenbrüder in die Fänge bekommt, bist du Strahlemann geliefert. Diese urbanen Piraten ziehen dir mit ihrer Fahrradkette einen Scheitel und morgens treibt deine Leiche flussabwärts …“ Er schiebt die Zweige auseinander. Im fahlen Licht erkennt Tom zerknautschte Wolldecken und Kartons mit Abfall. Ein Gestank von Verwesendem und Urin hängt in der Luft.

„Komm, setz dich, wir genehmigen uns einen.“

Bevor er sich versieht, hat der Alte eine Thermosflasche hervorgezogen und füllt den Deckel mit einer nach Spiritus riechenden Flüssigkeit. In blindem Gehorsam schluckt Tom das Zeug. Es brennt wie Feuer in seinem Inneren. Rasch folgt eine zweite Ladung nach. Mit zutraulicher Geste greift der Trinkkumpan nach Toms Hand.

„Du musst nicht meinen, ich sei ein Stromer“, erklärt er treuherzig. „Ich hatte mal einen Beruf, war angesehener Schneider, verheiratet, hatte Frau und zwei Söhne.“ Behände füllt er erneut den Becher. „Aber eines Tages hat mich diese Schlampe auf die Straße gesetzt, einen Lover einquartiert, und dann musste ich jahrelang bluten wegen der teuren Alimente.“

Tom versucht, in dieser irrealen Situation einen klaren Gedanken zu fassen. „Aber wenn sie doch mit jemandem zusammenlebt, musst du doch nicht bezahlen?“

„Doch, das ist hier so. Frauen sind bei uns immer im Recht, selbst wenn sie unrecht haben.“ Ein Hustenanfall unterbricht ihn. „Geschuftet habe ich wie ein Idiot das ganze Leben lang – für die Katz! Ich sehe schon, du hast keine Ahnung!“ Er steckt sich einen Zigarettenstummel an, den er vermutlich in der Met­ro vom Boden aufgelesen hat.

„Schließlich wurde es mir zu bunt. Ich gab den Job auf und ließ mich vom Leben treiben.“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Ha, diese Nutte hatte einen Tobsuchtsanfall, schickte mir ihre Anwälte hinterher. Aber es nützte nichts; nun musste sie arbeiten gehen und ihr Lover verflüchtigte sich. Aber …“, seine Augen verdüstern sich, „das Geld war schon weg, denn das Studium der beiden Söhne hatte den Rest aufgefressen.“

Tom versucht, den Alten aufzumuntern. „Aber du hast wenigstens die Genugtuung, etwas für deine Kinder getan zu haben.“

Der Mann schüttelt traurig den Kopf, seine Stimme ist brüchig. „Denkste! Der eine hat sich zu Tode gesoffen, der andere fiel im Kokainrausch in die Seine, kurz vor seinem 20. Geburtstag.“

Längst hört Tom nicht mehr zu. Ein seltsamer Schwindel hat ihn erfasst, Übelkeit schnürt ihm die Kehle zu, der Magen rebelliert. Plötzlich springt der alte Mann auf.

Sacré nom d’une pipe! Les poulets …“

Tom versteht ihn nicht, nimmt nur durch einen Schleier wahr, wie schwarze Gestalten auf ihn zusteuern, ihn brutal hochziehen und schütteln. Das grelle Licht einer Taschenlampe schmerzt in seinen Augen. Panik erfasst ihn.

„Ihre Ausweispapiere!“

Er hat den Eindruck, als würden 1000 Hände seinen geschundenen Körper abtasten, seine Taschen durchwühlen. Da hört er eine kalte Stimme: „Nichts zu finden, nehmen wir ihn mit aufs Revier!“

Noch nie war ein Holzstuhl mit Lehne so unkomfortabel wie in dieser Wache. Alles schmerzt ihn und ihm ist speiübel.

„Ihr Name, Adresse?“

Eine Beamtin bringt ihm ein mit heißem Wasser getränktes Tuch. Dankbar nimmt er es entgegen, presst es auf sein Gesicht, probiert, wieder einigermaßen klar denken zu können. Dann, stoßweise, in abgehackten Sätzen nennt er seine Personalien, erzählt den Grund seiner nächtlichen Präsenz unter einem Brückenbogen.

„Und wo ist Ihr Ausweis? Wir haben nichts gefunden.“

„Im Portemonnaie.“ Doch vergebens sucht er in den Taschen nach seinem Geldbeutel.

Mon dieu! Meine Kreditkarten! Ich muss sofort mein Konto sperren lassen.“

Der Polizist schiebt ihm das Telefon zu.

„Ich habe die Nummern, jedoch nicht bei mir.“

Verärgert sieht ihn sein Gegenüber an. „Rufen Sie doch Ihre Frau an. Sie hat die Nummern bestimmt notiert.“

„Ach, meine Frau …“

Erneut überkommt Tom ein Gefühl der Übelkeit, es steigt mit aller Wucht in ihm hoch. Die Gurgelgeräusche in seinen Därmen sind unüberhörbar.

„Warten Sie, mein Geschäftspartner hat sie auch aufgeschrieben. Ich habe seine Telefonnummer auf meinem Handy gespeichert.“

Er greift in seine Tasche: „Mon dieu!“ Es wird ihm schwarz vor Augen, er sackt bewusstlos zusammen.

„Geht es Ihnen ein wenig besser?“ Der besorgte Tonfall der Krankenpflegerin tropft wie Honig in Toms Seele. Er nickt, probiert sein Sonnyboy-Lächeln aufzusetzen, mit dem er sonst reihenweise Frauenherzen knickt, doch seine Charmeoffensive misslingt. Misstrauisch überlegt er: Er fühlt sich plötzlich federleicht, die Magenkrämpfe sind wie weggeblasen.

„Musste ich … ich meine, war ich … äh …“

„Sie hatten großes Glück“, schneidet ihm die Pflegerin das Wort ab. „Ihr Körper befreite sich so ziemlich von allem, was auf Ihren Organismus störend wirkte.“ Sie stemmt die Hände in ihre Hüften: „Was zum Kuckuck haben Sie getrunken? Doktor Bernard meinte, das sei grässlich gepanschter Fusel gewesen! War das Teufelszeug selbst gebrannt?“

Tom entschließt sich, vornehm zu schweigen. Doch er schickt einen verstohlenen Blick zum Medikamentenschrank, wo sie gerade – welch bezaubernder Anblick! – von dem obersten Tablett Reagenzgläser herunterholt. Hübsche Beine hat sie; überhaupt handelt es sich um eine durchwegs gelungene Kreation, gut proportioniert. Und diese wohlgeformten Brüste – ein richtiger Engel!

„Ist was?“ Ihr Tonfall ist leicht gereizt. „Sie können aufstehen und sich ankleiden. Und melden Sie sich noch am Empfang wegen der Krankenkasse. Wir müssen wissen, wie Sie versichert sind.“ Tom zögert.

„Ja, soll ich nicht duschen?“ Die Frau misst ihn mit spöttischem Blick.

„Wo denken Sie denn, dass Sie sind? Wir haben Sie natürlich gewaschen … so, wie Sie angeliefert wurden. Übrigens, ich hoffe, die Hose passt. Es ist eine Leihgabe meines Kollegen.“

„Die Hose?“

„Ihre eigene steckt dort im Plastiksack – eingeschweißt.“

„Eingeschweißt?“

„Eingeschweißt! Auch Pflegepersonal hat Geruchsorgane!“ An der Türe dreht sie sich nochmals um:

„Auf der Hose steht ‚Wiedersehen macht Freude‘.“

Tom nickt. „Ist okay, natürlich gebe ich sie zurück.“

Die Dame entschwindet, gar nicht engelhaft, aber grußlos. Er sieht sich unsicher um, ergreift dann das neue Kleidungsstück.

Es kommt Tom vor, als wäre er auf einer fernen Galaxie gelandet, als er an diesem Morgen vor der vertrauten Hausfassade auf der Île de la Cité aus dem Taxi steigt. Der Geruch künstlicher Vanille raubt ihm im Korridor fast den Atem. Freundlich wie immer nickt ihm die Concierge aus ihrem Kabäuschen an der Eingangstür zu, als er die Treppenstufen zu seiner Wohnung im dritten Stock erklimmt. Er versucht ihr Lächeln zu ergründen. Weiß sie schon, dass Catherine das Weite gesucht hat, und tut so, als wäre nichts geschehen?

Monsieur, Monsieur! Le ciel soit loué – Dem Himmel sei Dank, dass Sie kommen!“, Colette eilt ihm entgegen. Die Aufregung der Haushälterin ist ungekünstelt, ihre Stimme überschlägt sich. „Madame hat gestern ihre Habseligkeiten gepackt. Dann ist ein fremdländischer Herr gekommen, sah aus wie Rudolph Valentino, mit braunem Teint und schwarz glänzendem, gelocktem Haar. Er hat ihr geholfen, die Sachen in seinen Wagen zu verstauen. Ach, es war schrecklich. Und dann kamen Sie nicht nach Hause … ich habe mir große Sorgen um Sie gemacht!“

Verblüfft betrachtet Tom die ältere Frau. Nicht zu glauben, jemand macht sich Sorgen um ihn! Charmant lächelt er sie an. „Keine Bange, ich bin okay.“

„Aber Madame …?“

„Madame hat uns verlassen. Ja, das ist so.“

Oh, mon Dieu!“ Ungläubig schüttelt sie ihren Kopf. „Aber wieso?“

„Hm, wenn ich das wüsste.“

Colette schaut sich in der geräumigen Wohnung um, als müsste sie sich nochmals vergewissern, wie viel Luxus sie umgibt. „Ich kann das fast nicht glauben! Hier hatte sie doch alles, was das Herz begehrt, musste nie arbeiten, konnte das Leben nur so genießen.“ Sie fährt mit ihren Händen bedächtig über die weiße Schürze, meint dann hoffnungsvoll: „Das ist sicher ein Irrtum. Sie wird dies einsehen und bald wieder zurück sein.“

Diesen Aspekt hat Tom noch gar nicht in Betracht gezogen. Ja, wieso eigentlich nicht, hat sie doch den Hausschlüssel mitgenommen.

„Übrigens, Charles ist hier.“

„Mein Sohn? Wo denn?“

„Im Schlafzimmer von Madame.“

Verwundert öffnet Tom die Tür zum Refugium seiner Frau. Seltsam, diesen Raum hat er in all den Jahren nie betreten, denn dies war das erklärte Reich von Catherine.

„Ach du, Paps!“, begrüßt ihn der Blondschopf und greift gerade im Sekretär nach einem Briefumschlag. „Mum hat mir gesagt, ich solle mir noch den Scheck schnappen, den sie mir hinterlässt. Fortan kommen dann die Überweisungen aus Buenos Aires.“

„Du hast von dieser Geschichte gewusst?“

Charles misst ihn mit spöttischem Blick. „Ja natürlich. Vor ein paar Wochen lud Don Roberto Alexandre und mich ein, zusammen mit Catherine im ‚Alcázar‘ in der Rue Mazarine zu essen. Ein echt cooler Typ, ich mag ihn sehr.“

Jedes einzelne Wort fährt Tom wie ein Messerstich ins Herz. „Hm, im ‚Alcázar‘!“

„Ja, Don Roberto hat ein sicheres Gespür für hippe Lokale, mag keine musealen Gastro-Gruften, wo sich nur jene treffen, die sich und ihren sozialen Aufstieg beweihräuchern müssen.“

Der Pfeil verfehlt das Ziel nicht. Tom schluckt, zieht hörbar die Luft ein. Er hat Mühe, die Ruhe zu bewahren. „Wenn du den Scheck gefunden hast, was offenbar der Fall ist, kannst du ja wieder gehen“, versucht er, ein Quäntchen Autorität aufrecht zu erhalten.

Charles blickt kurz auf das Papier. „Hm, nicht übel, braves Mütterchen.“ Er macht einen höflichen Knicks in Richtung seines Vaters und verschwindet dann mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen. Doch plötzlich stößt er die Tür nochmals auf.

„Ach ja, was ich noch sagen wollte: Alexandre wird heute Abend noch vorbeikommen und die Familienfotos holen. Du weißt, er ist zart besaitet und hat ein sensibles Seelenkostüm“, säuselt Charles, triefend vor Spott.

„Welche Familienfotos?“, wundert sich Tom.

„Die Bilder von all den Reisen, die Mum mit uns beiden gemacht hat und bei denen du stets durch Abwesenheit geglänzt hast, da du Ärmster so schuften musstest!“

Die Türe fällt geräuschvoll ins Schloss.

„Darf ich Monsieur einen Tee bringen?“, flötet sanft die Stimme von Colette. „Ich brauche jetzt einen doppelten Whisky“, brummt er leise vor sich hin, wendet sich dann der Angestellten zu. „Ja, das ist sehr lieb von Ihnen.“

Erschöpft sinkt er in die Ledercouch. Seine Söhne „Alexander der Große“ und „Karl der Große“ – so schwebte es jedenfalls der zu höheren Weihen strebenden Catherine vor, die ihnen diese Namen gab. Ha, ausgerechnet die Familienfotos! Das ist wieder mal typisch für Alexandre: Ihn kümmern nur die Erinnerungen an gemeinsame Stunden. Er ist der ruhige, besonnene Typ. Am liebsten sitzt er in seiner Jagdhütte in den Pyrenäen, kocht irgendetwas Verrücktes zusammen mit seiner langjährigen Freundin Yvonne und den ‚copains‘, den Kumpels. Zwar setzte Catherine alle Hebel in Bewegung, um aus dem bescheidenen Jungen einen Stararchitekten zu machen, wohl nur um Tom eins auszuwischen, da er diesen Beruf aufgegeben hat, doch Alexandre jongliert gerne mit Zahlen, wurde leidenschaftlicher Programmierer und hat nun eine Professur an der Uni in Aussicht. Aber vermutlich ist sein größtes Lebensziel, seine Yvonne zu ehelichen und eine Familie zu gründen.

Wie ganz anders ist dagegen Charles. Alles sah so vielversprechend aus, als er sein Physikstudium antrat. Doch dann, auf einer Studienreise nach Italien, wurde ihm bewusst, wie er als junger Halbgott mit seinem Superbody – den er natürlich vom Senior geerbt hat – bei älteren Semestern mit dickem Portefeuille schnell Kasse machen konnte. Designerklamotten, Champagnerpartys auf den Luxusjachten in der Adria, nur teure Marken und schöner Schein – das war seine Welt. Bis er vor zwei Jahren an einer Japanerin hängen blieb, die gerade in Florenz Italienisch studierte. Als dann ein Baby unterwegs war, ging Catherine zuerst an die Decke. Doch schließlich holte sie ihr Lieblingssöhnchen samt Anhang nach Paris und quartierte die Gesellschaft in eine Eigentumswohnung in Neuilly ein, wo sie auf Kosten des Vaters, eines betuchten Industriellen in Nagoya, das Leben genoss. Nachdenklich nippt Tom am dampfenden Tee, zu seiner Schande muss er sich eingestehen: Seine Söhne sind für ihn unbekannte Geschöpfe. Er hatte eigentlich nie Kontakt zu ihnen.

Er schaut auf seine Armbanduhr. Für das Abendessen, zu dem er sich mit seinem Geschäftspartner Jean-Michel treffen will, ist es noch zu früh. Beim Gedanken an Essbares stößt ihm ohnedies die Magensäure auf. Er versetzt dem Louis-XIV-Sessel einen Fußtritt, dass dieser ein paar Meter weit über den Perserteppich fliegt. Wieso bin ich nur von musealem Mist umgeben? Doch die Tatsache, dass haufenweise altes Mobiliar und ausgesuchte Antiquitäten ihm fast die Luft nehmen, kann er nicht Catherine in die Schuhe schieben, das weiß er. Er selbst hatte all dies angeschleppt, um seiner Wohnung den Eindruck von Vornehmheit zu verleihen und bei Kunden Eindruck zu schinden. Sein Brustkorb fühlt sich an wie in einem Metallpanzer. Er ist eng, die Luft darin wird knapp. Wen könnte er jetzt anrufen, um sich die Seele aus dem Leib zu schwatzen? Ja richtig, Joëlle. Seit Jahren hat er keine Nachrichten mehr von seiner Schwester. Kurz entschlossen sucht er nach der Nummer im Internet.

„Tom?“ Ihre Stimme klingt erstaunt. „Du rufst mich an? Was ist passiert?“

Er übergeht ihren spöttischen Unterton.

„Nichts, ich – äh – wollte nur mal schauen, wie es euch geht.“ Gelächter antwortet ihm am anderen Ende. „Schleich ja nicht wie die Katze um den heißen Brei. Ich kenn dich doch. Was hast du auf dem Herzen?“

Kleinlaut, aber erleichtert schildert er sein Unglück in solchen Farben, dass es einen Stein erweichen müsste.

„Wie eine heiße Kartoffel hat sie mich fallen lassen wegen so einem Schnösel mit einer Herde Rindviecher in der Wildnis. Ist das nicht eine bodenlose Frechheit, nach allem, was ich für sie getan habe?“

„Und jetzt zerfließt du in Selbstmitleid, was? Dabei hast du sie rausgeekelt!“

„Rausgeekelt? Wie meinst du das? Ich habe diese Frau rundum verwöhnt, mich abgerackert, mir in all den Jahren keine Freizeit gegönnt, nur den Job vor Augen gehabt, um meiner Familie ein angenehmes Leben zu bieten!“

„Das ist wohl auch der Grund, wieso du nicht mitbekommen hast, wie sehr du die Rolle von Catherines Vater weitergespielt hast. Catherine schwamm stets im Luxus, konnte sich jeden erdenklichen Blödsinn kaufen, doch nie nahm sie jemand liebevoll in die Arme, gab ihr Wärme und Geborgenheit.“ Sie holt tief Luft. Einiges hat sich in den vergangenen Jahren angestaut. Doch Tom ergreift die Gelegenheit nicht, sich zu verteidigen, sondern lässt den nächsten Wortschwall hilflos über sich ergehen. „Du bist derselbe Eisschrank wie ihr Herr Papa. Statt Liebe habt ihr dieser Frau stets Geld gegeben, weil ihr in eurer Seele ausgetrocknet seid wie eine Bande Regenwürmer in der Wüste Gobi.“

„Ich habe es aber im Leben zu etwas gebracht, aus dem Nichts Karriere gemacht!“, verteidigt er sich, spürt jedoch, wie seine Gewinnchancen schwinden.

„Zu welchem Preis! Ehrlich, Bruderherz: Mein Leben mit Jules und den Kindern ist mir lieber. Wir müssen schauen, wie wir über die Runden kommen, da er ‚nur‘ Automechaniker ist. Aber wir haben eine Beziehung, die auf gegenseitiger Achtung, auf Liebe und Zärtlichkeit basiert.“

Tom läuft, das Handy ans Ohr haltend, im Zimmer auf und ab, weiß nicht, was er sagen soll, und so setzt sie noch einen drauf.

„All das hat angefangen mit diesem unseligen Pakt, als du dank Catherine Monique und Georges kennengelernt hast und dir von diesen neureichen Möchtegerns den Kopf hast vollschwatzen lassen. Im Übrigen werde ich dir nie verzeihen können, dass du wegen einer guten Partie deine Freundin Eliane, ein so liebes Geschöpf, verlassen hast. Glaub mir, das Schicksal meint es gut mit dir, wenn es dich endlich spüren lässt, was Lieblosigkeit ist. Ich wünsche dir nur, dass dir bald ein Licht aufgeht.“

Joëlle hat schon längst aufgelegt und sich wohl wieder ihrem Pot-au-feu oder ihrer gebügelten Wäsche zugewandt, als der Vollblutmacho noch immer sprachlos sein Mobiltelefon anstarrt. Er, der sich verbale Streicheleinheiten erhofft hat, sitzt da wie ein begossener Pudel. Wieso versteht ihn niemand, wieso nimmt kein einziges menschliches Wesen Anteil an seinem Schicksal? Plötzlich greift er mechanisch zum Mantel, hastet die Treppe hinunter und stürmt wie ein wildes Tier auf den Gehsteig. Kopflos rennt er über die Straße, vorbei an den hupenden Autos, aber ganz offenbar unter der schützenden Hand seines Schutzengels. Am Seine-Ufer hält er inne, ringt nach Luft, setzt sich schließlich auf einen der Steinquader. Trübsinnig versenkt er seinen Blick in die grau-blau dahinfließenden Fluten, wo ein paar Möwen geräuschvoll um ein liegen gebliebenes Pausenbrötchen streiten. Ein kalter Wind peitscht ihm ins Gesicht, doch er nimmt ihn nicht wahr. Zunehmend schwellen seine Grübeleien zu einem reißenden Strom an, der ihn hinweg spült in ein Reich der Schatten. Tiefe Trostlosigkeit erfasst ihn. Gebannt starrt er in die Fluten der Seine, verspürt zusehends deren magische Anziehungskraft. Wie schmerzhaft ist wohl der Tod durch Ertrinken? Er sieht sich um. Kein Mensch weit und breit, der ihm zu Hilfe eilen würde. Sein Unterfangen sollte also „todsicher“ klappen. Es ist ihm ziemlich egal, wie schrecklich diese letzten Minuten auch sein werden oder was ihn jenseits erwartet, aber es wird endlich Ruhe und Frieden einkehren. Niemand wird ihn mehr mit Worten erdolchen, niemand wird ihn mehr so brutal kränken! Kränken? Krank? Ja, er ist krank. Das wird ihm bewusst. Aber niemand ist da, ihm die Hand zu reichen. Der aufsteigende Schmerz schnürt ihm die Kehle zu, eine Stahlzange scheint seine Brust zu umklammern, er ringt nach Atem. Sein Herz pocht wie wild. In Panik tastet er sich auf den unteren Steinquader, näher zu den eisigen Fluten. Ob er den Mantel vor dem Sprung ablegen soll? Unschlüssig bleibt er stehen. Eine Schneeflocke gleitet tänzerisch aus dem Winterhimmel und setzt sich auf seinen Ärmel. Irritiert schaut sich Tom das anmutige Gebilde an. So hatten sie ausgesehen, die Schneeflocken, die vor dem Küchenfenster auf dem Boulevard Ménilmontant zur Weihnachtszeit herumwirbelten. Wie oft hatte er versucht, die zarten Kunstwerke in den Eisschrank zu retten, bis es seiner Mutter zu bunt wurde. „Musst du immer die Kühlschranktür so lange offen lassen? Das kostete eine Menge Strom!“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er an seine Kindheit in Belleville zurückdenkt. Wie in Zeitlupe setzt er sich und beginnt, in sich hineinzuhorchen.

Vor seinem geistigen Auge taucht die elterliche Wohnung auf. Es waren ärmliche Verhältnisse, in denen er aufwuchs im Multi-Kulti-Quartier Belleville, wo Künstler und Bohémiens verkehrten. Wehmütig erinnert er sich, was seine Eltern für Mühe hatten, ihrem Sohn das Architekturstudium zu finanzieren, von dem er träumte. Und groß war ihre Freude, als er seine erste Stelle antrat.

Müde reibt er sich die feuchten Augen. Eliane! Es ist ihm, als blicke ihn ihr hübsches Gesicht aus den Tiefen des Wassers an. Wieso um alles in der Welt hat er dieses wunderbare Mädchen verlassen? Doch Joëlle traf ins Schwarze. Alles Unheil fing an, als er Catherine zu einer Party begleitete und dort ihren Busenfreunden Monique und George über den Weg lief. Vermutlich waren es an diesem Abend wieder einmal ein paar Whiskys zu viel gewesen. Aber er brauchte in jener Zeit seine tägliche Dosis, um in die ungewohnte Welt Catherines und ihres Vaters einzutauchen.

Sofort baggerte ihn damals Monique an, eine Brünette mit Brüsten wie Kohlköpfe.

Sie war das verhätschelte Töchterchen eines Antiquitätenhändlers, verheiratet gewesen mit einem Immobilienmakler. Mutter von zwei Jungs zu sein, füllte sie offenbar nicht aus, denn sie nahm sich einen jungen Lover, wurde schwanger und wollte mit ihrem Casanova durchbrennen. Als sie mit gepackten Koffern unter der Haustür stand, bereit für den Sprung in ein neues Leben, hörte sie an der nächsten Straßenkreuzung einen ohrenbetäubenden Knall. Zwei Autos waren zusammengestoßen, ihr Lover konnte nur noch tot geborgen werden. Der Ehemann machte kurzen Prozess, steckte die Jungen in ein Institut und reichte die Scheidung ein. Monique ließ die Abtreibung über sich ergehen, doch die Luft war deswegen noch lange nicht raus. Sie war nicht der Typ, etwas anbrennen zu lassen. Auf einer Salsa-Party in Argelès stieß sie auf Georges, den ehemaligen Direktor einer chemischen Fabrik. Dieser verarbeitete gerade seine Midlife-Crisis, hatte seinen gut bezahlten Job an den Nagel gehängt und putzte als Waschmittelverkäufer die Türklinken der Wohnungen in den Pyrénées-Orientales. Für Monique war er ein dankbares Objekt, das sie in ihren Händen wie Wachs formen konnte. Treu wie ein Hund folgte er ihr nach Paris, wo sie beide in Neuilly eine luxuriöse Wohnung bezogen, sich maßlos verschuldeten und sehnsüchtig darauf warteten, dass ihre hochbetagten und betuchten Eltern endlich das Zeitliche segneten. Als dies so weit war – böse Zungen munkelten, sie hätten dem Schicksal nachgeholfen –, fing ein Leben in Saus und Braus an, was Catherines Familie wie ein Magnet anzog.

„Scheißwetter, was?“

Tom zuckt zusammen. Ein alter Mann steht neben ihm, den Kragen seines Regenmantels hochgeschlagen, den Stummel einer längst verglühten Zigarre im Mundwinkel.

„Ja, kann man sagen.“

Plötzlich fühlt Tom etwas Warmes, Feuchtes auf seiner Hand. Ein Airedaleterrier leckt eingehend seine Haut, findet anscheinend die Creme mit Macademia-Nussöl besonders lecker. Gerührt streichelt Tom das harte, drahtige Haar des schwarzen Rückens mit der dichten Unterwolle. Der Besitzer zieht an der Leine: „Achi, hör auf mit dem Unsinn!“

„Lassen Sie nur, ich finde Ihren Vierbeiner süß.“

Irgendwie tut ihm die Liebesbezeugung des Hundes gut. Der alte Mann kichert. Ob er ihn durchschaut hat? Der Airedaleterrier beschnuppert Tom gründlich, schaut ihn dann erwartungsvoll an. Das ist ja ein tolles Gefühl, nun ist er also auf den Hund gekommen! Ob diese Kreaturen fühlen, wenn ein Mensch traurig ist? Als sich der Rentner und sein Airedaleterrier entfernen, spürt Tom plötzlich die schneidende Kälte des Wintertages. Recht hat er, der Winter in Paris ist abscheulich, die Temperaturen pendeln um null Grad, der Himmel ist grau, es ist nass und windig. Höchste Zeit, heimzukehren. Heim! Was ist das schon! Eine leere Wohnung, keine Menschenseele. Nicht mal ein Hund! Vielleicht sollte er sich einen anschaffen? Aber dann heißt es, bei jedem Sauwetter Gassi gehen. Kommt definitiv nicht infrage. Wie wär’s mit einer Katze? Diese Tiere sind sehr anschmiegsam, zärtlich, schmusen gerne, aber nur, wenn ihnen danach zumute ist. Auch keine echte Alternative für einen Mann, der es gewohnt ist, das Ruder in der Hand zu haben. Er schluckt. Catherine ist unterdessen bestimmt auf der Hazienda eingetroffen, stürzt sich nun voller Elan in das neue Leben an der Seite ihres feurigen Geliebten. Tom verspürt einen bitteren Geschmack im Mund.

Als er die Treppe hochsteigt, gleitet ein Schatten an ihm vorbei.

Bonsoir, Monsieur Rey!“

Bonsoir!“, antwortet dieser zerstreut.

„Aber erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin doch Anjuscha Daschkowa, Ihre Nachbarin aus dem 4. Stock.“

Er fährt sich geistesabwesend mit der Hand durch die dichte Mähne.

„Oh, natürlich. Ach, entschuldigen Sie, ich bin in meinen Gedanken woanders.“

Sie hält inne, schaut ihn mit einem Anflug von Bedauern an. Was für eine hübsche porzellanfarbene Haut sie hat.

„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich habe gehört, dass Madame … das tut mir sehr leid für Sie.“

Tom spürt, dass ihre Anteilnahme wie Balsam auf seine Seele träufelt. „Ja, so ist halt das Leben“, versucht er die aufwallenden Gefühle in den Griff zu bekommen.

„Sie sollten jetzt nicht alleine in der großen Wohnung bleiben. Möchten Sie nicht auf einen kleinen Whisky zu mir hi­naufkommen?“

„Sie kennen sogar meine Schwäche?“

Sie lächelt spitzbübisch. „Wenn Whisky Ihre einzige Schwäche ist, würde ich mir darüber mal keine grauen Haare wachsen lassen!“

Als sie die Tür zu ihrer Wohnung aufschließt, hat Tom den Eindruck, die Russin schiebt das Felsentor zur Schatzkammer des Ali Baba beiseite. Ein Hauch von Sandelholz versetzt ihn in das Reich rehäugiger Odalisken. Teppiche bedecken den Boden, die Wände sind mit Bildwirkereien geschmückt.

„Ihr Appartement ist viel geräumiger und wärmer als meines“, konstatiert er erstaunt. Sie legt ihre Schlüssel auf ein Tischchen im warmen Rot des amerikanischen Nussbaums.

„Das scheint Ihnen nur so. Vermutlich haben Sie sogar wesentlich mehr Mobiliar als ich. Nehmen Sie doch Platz.“

Anjuscha deutet auf eine orientalisch anmutende Sitzgruppe mit Sitzbank und einem niederen Tisch. In Glasvitrinen stehen in Leder gebundene Bücher mit Goldschnitt, offenbar Raritäten, sowie allerhand Nippes.

„Sie könnten eine Kunstgewerbe-Galerie eröffnen“, nickt Tom bewundernd.

„Das sind alles Mitbringsel meines Vaters aus fernen Ländern.“ Sie streicht mit der Hand liebevoll über eine in Orangetönen, Weiß und Braun gehaltene Kameltasche, an welcher rote, mit feinen Goldfäden durchwirkte Quasten herunterbaumeln.

Mon dieu

„Und es macht Ihnen nichts aus, dieses Geheimnis nicht ergründen zu können?

Sie zuckt die Schultern. „Vielleicht soll es so sein. Mein Vater meinte nur einmal sehr geheimnisvoll, der Simorgh habe sich darin versteckt.“

„Der Simorgh? Wer ist denn das?“

Anjuscha rekelt sich in den Kissen mit den geometrischen Mustern und blickt an die Decke, an welcher eine marokkanische Lampe mit buntem Glas ein wohliges Ambiente verbreitet. „Es ist ein Märchen aus Persien und handelt von 30 Vögeln, die sich unter Anleitung eines Wiedehopfs aufmachen, ihren geliebten König, eben diesen Simorgh zu finden, dabei aber allerhand Strapazen auf sich nehmen müssen.“

„Na ja, ein Märchen!“ meint Tom abschätzig. Doch als die Worte seinen Mund verlassen haben, erfasst ihn ein seltsames Gefühl. Ein Zittern geht durch seinen Körper und es ist ihm, als weise ihn eine innere Stimme zurecht. Er blickt verstohlen zu Anjuscha herüber, doch sie hat nichts bemerkt. Einen Moment lang hängen beide ihren Gedanken nach.

„Darf ich Sie fragen, wie Sie eigentlich nach Paris gekommen sind?“, unterbricht er die Stille. Sie lehnt sich zurück und fährt dann nachdenklich mit der Zungenspitze über den Rand ihres Whiskyglases. Ein warmes Gefühl durchrieselt ihn. Er atmet tief durch und heftet die Augen auf seine Fußspitzen.

„Mein Vater war Professor für Geschichtswissenschaft an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. Ich hatte gerade in Anthropologie abgeschlossen, als ich meinen Mann kennenlernte, einen jungen französischen Wissenschaftler, der einen Sommer über an der Uni Russisch studieren wollte. Als wir Heiratspläne schmiedeten, zögerte ich erst noch, da ich nicht wollte, dass meinetwegen unsere Familie auseinanderbricht. Doch als dann mein Bruder bei einer Demonstration in Moskau erschossen wurde …“

„Weshalb denn?“, unterbricht Tom sie erschrocken.

„Ja, so was muss ein Umweltaktivist in diesem Land in Kauf nehmen“, konstatiert sie bitter. „Nach diesem Unglück verfiel mein Vater zunehmend der Depression. Mein Mann und ich beschlossen, mit meinen Eltern nach Paris zu ziehen, damit ich mich um sie kümmern und wir trotzdem zusammenleben könnten. Aber immer mehr Schuldgefühle plagten meinen Vater. Er machte sich Vorwürfe, dass er Serguei nicht von seinem Engagement abgehalten hatte. Mein Mann befürchtete Suizidgedanken und riet mir, meinen Vater in eine Klinik einzuweisen. Dort verschwand er eines Tages bei einem Spaziergang im Park spurlos.“

„Einfach so? Haben Sie nicht nach ihm suchen lassen?“

„Doch, natürlich. Wir fanden heraus, dass ihn ein Unbekannter in einem schwarzen Peugeot mitgenommen hat. In Südfrankreich verlor sich seine Spur.“

Seine Augen verirren sich im Muster des Teppichs. „Wie hat Ihre Mutter das Verschwinden aufgenommen?“

„Sie hat es glücklicherweise nicht mehr mitbekommen. Kaum in Paris, wurde sie apathisch. Der von meinem Mann hinzugezogene Arzt stellte eine vaskuläre Demenz fest.“

„Was ist das?“ Tom beugt sich interessiert vor.

„Die Hirngefäße verschließen sich wegen arteriosklerotischen Veränderungen. Dabei sterben ganze Hirnareale ab. Sie fand schließlich keine Worte mehr, sich auszudrücken, und konnte umgekehrt den Sinn unserer Worte nicht mehr nachvollziehen.“

„Ich erinnere mich noch, Sie früher in Begleitung einer alten, weißhaarigen Dame gesehen zu haben.“

„Ja, nachdem mich mein Mann wegen einer jungen Kollegin verlassen hatte, pflegte ich meine Mutter noch in meiner Wohnung. Doch zu Beginn dieses Jahres war ich am Ende meiner Kräfte und musste sie in ein Heim geben.“ Sie beißt sich auf die Lippen, wirft energisch den Kopf nach hinten. „Darf ich nachschenken?“

„Danke“, winkt Tom ab. Er ist erschüttert über ihre Worte, fühlt sich aber hilflos und weiß nicht, wie er darauf reagieren soll. Automatisch blickt er auf seine Uhr.

Parbleu, der Zeiger rückt schon gegen Mitternacht. Zeit, dass ich mich verabschiede.“

Er schaut sich nochmals um, als müssten seine Augen den kulturellen Reichtum nochmals vollends aufsaugen.

„Schade, dass ich Ihren Vater nicht kennenlernen durfte. Er war sicher ein ganz besonderer Mensch.“ Noch ahnt Tom nicht, unter welchen Umständen sein Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Im Korridor ergreift er ihre Hand.

„Es hat mir gut getan. Ganz herzlichen Dank für Ihre Gastfreundschaft, für die interessanten Gespräche!“

„Auch ich habe sie genossen. Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“ Anjuscha öffnet die Tür, verharrt dann gedankenvoll.

„Von mir aus kann man dies wiederholen“, flüstert sie mit gesenktem Blick, als würde sie etwas Unerhörtes sagen. Tom nickt.

„Ja, gerne, doch dann bitte bei mir.“ Ihr Blick ist voller Zuneigung und Wärme. Ein schon lange nicht mehr empfundenes Wohlgefühl durchfließt seinen Körper. Leichten Herzens hüpft er die Stufen hinab, bleibt dann aber wie angewurzelt stehen. Unter seiner Wohnungstür fällt ein feiner Lichtstreifen in den Flur.

„Aha, ist sie also doch zurückgekommen!“ faucht er. Eine Welle des Triumphes überrollt ihn. Im Handumdrehen ist das Wohlgefühl wie weggeblasen, er ist wieder ganz der Alte. „Na, da bin ich aber gespannt, welche Entschuldigung Catherine jetzt vorbringt!“, zischt er grimmig. Als er vorsichtig den Schlüssel im Schloss herumdreht und die Tür einen Spalt öffnet, hört er das gewohnte Klappern von Geschirr aus der Küche.

Er schleicht sich in den Korridor. „Catherine?“

Das Geräusch verstummt sofort.