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KRISTIN OEING

BITTE. NICHT.

DRÄNGELN.

EIN STADTFÜHRER FÜR MISANTHROPEN

DIEDERICHS

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© 2013 Diederichs Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Weiss | Werkstatt | München

ISBN 978-3-641-10666-9
V002

www.diederichs-verlag.de

Einzelne Begebenheiten mögen utopisch,
geradezu grotesk erscheinen.
Die Ausgeburt einer kruden Fantasie.
Doch oft sind es gerade die
fantastischen Geschichten, die der
Realität am nächsten kommen.

INHALT

VORWORT

ICH BIN WIE ICH BIN

BERLIN IST DUFTE

DIE HAUPTSTÄDTER

MEIN KIEZ HAT SCHNEID – UND EIN PROBLEM

MEIN FEIND UND MITBEWOHNER

HASTE MAL ’N TICKET?

ÖFFENTLICHE PERSONENBEFÖRDERUNG

PLATZHIRSCHE UND PAARVERHALTEN

ZWISCHEN KAVIAR UND CURRYWURST

EIN GEBEN UND NEHMEN

BERLIN ALEXANDERPLATZ

HEIMAT, DAS IST EINE DOSE BIER

TOURISTENNEPP

DIE WARTEHÖLLE

ICH GLAUB, MEIN SCHWEIN PFEIFT!

KAFFEEFAHRTEN AUF DER SPREE

DIE LEBENSMITTELSCHLACHT

ZEIT FÜR EIN LEBEWOHL

VORWORT

Schmatzen, grunzen, hüsteln, räuspern. Bitte machen Sie es. Nur zu. Halten Sie sich nicht zurück. Mich stört das nicht. Überhaupt nicht. Solange es im Rahmen bleibt, sagen wir, nicht mehr als einmal innerhalb einer Minute. Das sollte reichen, oder? Wer muss sich denn schon, medizinisch bedingt, mehr als einmal in der Minute räuspern? Anders liegt der Fall bei einem geräuschvollen Rotzen, bei dem der nette Herr neben mir den Schnodder hochzieht, bis er garantiert als schleimiger Klumpen im Mund ankommt und ihn dann vor meine Füße spuckt. Trara! Da ist er. Bitte schön.

Ähm, muss das sein?

Die gleiche Frage stellt sich, wenn aus dem kleinen Schmatzer eine anhaltende Geräuschkulisse wird. Eine Schmatz-Sinfonie, ein Stakkato zumeist, schnell, abgehackt, wiederkehrend. Dazu der Geruch der hausgemachten Frikadelle, der liebevoll beschmierten Leberwurststulle, des Zwiebel-Mettbrötchens. Und verstehen Sie mich nicht falsch. Nie im Leben würde ich am Morgen auf meine grobe Geflügel-Leberwurst-Stulle mit ihren undefinierbaren Stückchen, bei denen es sich hoffentlich um zartes Brustfleisch handelt, verzichten, doch ich esse sie zu Hause, am Küchentisch, nicht schmatzend und krümelnd in einer vollbesetzten U-Bahn. Tupperdosen gehören in die Tasche, fest verschlossen, geruchsneutral verpackt. Der Moment, wenn sie Ellbogen schwingend aus dem Rucksack gekramt werden und mit einem Klacken aufspringen, löst eine Reaktion in meinem Körper aus, auf die ich keinen Einfluss habe. Vollautomatisch sozusagen. Ein Seufzer, leise, noch nur in meinem Kopf. Doch ich höre ihn. Klar, deutlich, eine Warnung. In meinem Inneren herrscht Alarmbereitschaft.

Dann wird sie ausgepackt, die Stulle, liebevoll von allen Seiten betrachtet, bevor die Zähne in sie hineinschnellen. Mampf! Ohne dass ich es verhindern kann, geht in diesen Momenten in meinem Wutzentrum ein rotes Lämpchen an, mein Puls beschleunigt sich, ich höre nichts anderes mehr als das Schmatzen meines Sitznachbarn. Mein Oberkörper versucht sich von der Tupperdose neben mir zu entfernen, windet sich, doch der Platz in der U-Bahn ist begrenzt. Ich sitze in der Falle, blicke in die entgegengesetzte Richtung, versuche unbelastete Luft zum Atmen. Vergebens. Es dauert eine endlos lange Minute, bis ich den Geruch nicht mehr wahrnehme. Das Schmatzen bleibt.

Natürlich sind all diese Geräusche menschlich, der Sound des Körpers sozusagen. Keine Frage. Manchmal will ich aber einfach meine Ruhe haben und nicht vom animalischen Getöne meiner Sitznachbarn belästigt werden. Ich kann nichts dafür, wenn mein Blut in Wallung gerät. Es ist mein Körper, der auf dieses akustische Spektakel so aufgeregt reagiert. Und damit ist also auch meine Reaktion menschlich. Wutzentrum und Körper befinden sich im Einklang, sind empört, zornig. Und ja, natürlich weiß ich, dass es Schlimmeres gibt als das Schmatzen meines Sitznachbarn, all die Ungerechtigkeiten auf der Welt, die Kriege und Katastrophen. Aber meinem Körper ist mein logisches Denken schnurzpiepegal. Er macht, was er will. Und in diesen Fällen schaltet er ein knallrotes Lämpchen an.

Dieses rote Lämpchen begleitet mich durchs Leben. Es geht an, wenn sich der ungepflegte, junge Mann in der U-Bahn an mich kuschelt, der ältere Herr in der Supermarktschlange seinen heißen Atem in meinen Nacken bläst, ein Einkaufswagen fortwährend an meine Hacken klopft oder sich die bezaubernde Dame in ihrem wohlig warmen Pelzmantel an der Wursttheke vordrängelt, als hätte sie meine Existenz nicht wahrgenommen. Dann möchte ich ausrasten, schimpfen, fluchen. Oder einfach mal jemanden schubsen. Wie damals im Kindergarten, wenn mir die liebste Puppe weggenommen wurde. Schön mit beiden Armen – volle Kraft voraus! Bis das Gegenüber krachend mit verdutztem Gesichtsausdruck auf dem Hosenboden landet. Hach, wäre das schön! Aber es gibt ein Problem: In fremder Umgebung bin ich schüchtern. Mein Ausraster bleibt Theorie, meine Aggressionen reichen erfahrungsgemäß maximal für ein »Hmpf!«. Es fällt mir schwer, im passenden Moment die passenden Worte zu finden. Und »du blöder Arsch sei endlich leise, sonst raste ich aus«, kommt mir einfach nicht über die Lippen. Lieber fresse ich meinen Gram in mich hinein, formuliere im Kopf wüste Beschimpfungen und lasse später bei Freunden, Kollegen oder wenn es ganz schlimm kommt, abends am Telefon mit meinem Freund (wir führen eine Fernbeziehung, da ist Jammern am Telefon nur in Maßen hilfreich) meinem Ärger freie Luft.

Fernab großer Städte haben es Menschen wie ich nicht sonderlich schwer. Im Supermarkt wird es nur vor den Feiertagen wuselig, die öffentlichen Verkehrsmittel kommen so selten, dass sowieso niemand freiwillig mit ihnen fährt, und Menschenmassen sind wenn überhaupt auf dem Jahrmarkt anzutreffen. Dann drängelt sich die Dorf- und Kleinstadtjugend im Dämmerlicht um den einzigen Autoskooter auf dem Festplatz. Jeder ist froh, wenn überhaupt mal was passiert. An allen anderen Tagen zieht nach Ladenschluss der Duft der Langeweile durch die Straßen. Die Schornsteine rauchen, die Familie versammelt sich um den Küchentisch.

Immerhin gibt es einen Ausweg aus der piefigen Kleinstadt – die Flucht in die Metropolen dieser Welt. Doch wer sich im Licht der Weltstadt sonnen will, muss auch deren Schattenseiten in Kauf nehmen. Und davon gibt es viele. Millionen Körper prallen täglich aufeinander, rempeln, reiben, raufen sich. Die Stadt ist ein Auffangbecken für gescheiterte Seelen, Glücksritter und Schmarotzer. Unweigerlich teilt man sein Leben mit ihnen. Zumindest für einige Minuten am Tag – ob man will oder nicht. Und während es andere kaltlässt, wenn Menschen sich penetrant und ungefragt in ihr Leben drängeln, bringt es mich auf die Palme. Zunächst war es nur eine stinknormale Zimmerpalme aus dem Baumarkt, mittlerweile hat meine Palme tropische Ausmaße angenommen, es würde mich nicht wundern, wenn bald Kokosnüsse aus ihrer Krone fallen. Das ist der Moment in dem Menschen, deren Wutzentren ähnliche Rezeptoren haben wie meines, in Zweifel geraten. Bleiben oder Gehen ist dann die Frage, aushalten oder Umzugskisten packen.

Mich als Misanthrop zu bezeichnen, als jemand, der Menschen hasst, wäre mir dennoch im Leben nicht eingefallen. Vielmehr habe ich mich, wenn es um die Bedürfnisse und Empfindlichkeiten meiner Mitmenschen geht, immer als besonders rücksichtsvoll empfunden, schließlich würde ich sie niemals derart mit der Präsenz meines Daseins belästigen. Doch eines Tages schlich sich dieses schreckliche Wort in mein Leben. Ohne Vorwarnung. Zack, peng, da war es. Gerade regte ich mich lauthals über die Ungerechtigkeiten des Lebens auf, die impertinenten Menschen in Berlin und ganz speziell über eine ältere Dame, die sich an der Theaterkasse frech vorgedrängelt hatte. Eine Freundin, ebenfalls eine stets ausgewogene und fair argumentierende Lästertante, lachte und sagte: »Du Misanthrop.«

Zunächst wühlte ich einige Sekunden in meinem Gehirn, um mir in Erinnerung zu rufen, was dieses Wort überhaupt bedeutet, dann fragte ich mich, ob das grammatikalisch soweit korrekt war. Sollte es nicht eine weibliche Form von Misanthrop geben, vielleicht Misanthropin, Misanthropine, Misanthropastin? In Gedanken setzte ich es auf die Liste der dringend mal nachzuschlagenden Worte. Und dann ging mir auf, was meine Freundin da sagte: Ich, ein Menschenfeind? Niemals. Ich mag doch fast jeden, bin wirklich freundlich, eher zu freundlich verglichen mit anderen. Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen. Nein, nein, nein. Ich war kein Menschenhasser. Die anderen, die hassen mich! Nehmen keine Rücksicht, sind rüpelhaft, ungehobelt, drängeln …

ICH BIN WIE ICH BIN

Ich bin wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich. Mein Respekt geht postum an Konrad Adenauer, der nicht nur der erste Bundeskanzler, sondern auch Ehrenbürger Berlins war. Schöner hätte ich es nicht formulieren können. Der Mann hatte es drauf! Immer einen schmissigen Spruch auf den Lippen.

In einer Stadt wie Berlin darf per se jeder sein, wie er ist. Individualität ist gefragt, wird aber selten geboten, selbst die Punks tragen ihre Mode wie ein subkulturelles Erkennungsmerkmal an ihrem Körper, individuell sieht anders aus. Doch wer gesehen werden will, wird gesehen, alle anderen können in der Anonymität der Stadt untertauchen. Die Nachbarn interessieren sich wenig füreinander, Tote verwesen hier schon mal mehrere Wochen unbemerkt in ihren Wohnungen. Wer neu in der Stadt ist, muss ganz schön was losmachen, um aufzufallen.

Auffallen ist aber nicht mein Ding, ich bin ein Nordlicht, eher spröde also. Meine Kindheit verbrachte ich in einer Kleinstadt an der Nordseeküste, liebte die Möwen am Himmel, hasste ihren Schiss auf den Bänken. Doch meine Herkunft bringt mir, im Gegensatz zu Menschen, die aus dem Schwabenland kommen, immerhin ein anerkennendes Nicken ein. Warum, weiß ich nicht, vielleicht weil man bei fünfzig Wochen Schietwetter im Jahr, Aal zum Weihnachtsfest und dauerhafter Föhnwelle schon einiges mitgemacht hat. Für Begeisterungsstürme reicht es jedoch nicht, da hätte ich schon mit einer Geburt in einem israelischen Kibbuz, einer Jahre andauernden Sinnsuche in einem indischen Aschram oder einem turbulenten Leben in einer Diplomatenfamilie aufwarten müssen. Nordkorea, Irak, Afghanistan.

Doch auch für mich war der Weg nach Berlin weit, weiter als zunächst gedacht. Bereits zu Beginn meiner Volljährigkeit zog es mich an die Spree, in diese berauschende Stadt, die gerade zusammenwuchs, zwei Seelen, die eins werden sollten, ohne Grenzen, voller Möglichkeiten. Ich wollte was erleben, Geschichten sammeln, frei sein. Bedauerlicherweise verbrachte ich den Sommer nach meinem Abitur lieber im Freibad, als mich an der Humboldt Universität einzuschreiben, so verpasste ich wichtige Fristen, Fristen, die in keinem Fall – auch für Sie gibt es keine Ausnahme, mein Fräulein – verlängert werden konnten. Tränen flossen.

Seitdem boykottiere ich Fristen jeglicher Art, habe nicht aus meinem Fehler gelernt, sondern eine Art Protesthaltung gegenüber Fristen entwickelt. Und ich besitze Ausdauer, bis zur zweiten Mahnung rühre ich mich nicht.

In besagtem Sommer am Ende des letzten Jahrtausends begann ich also ein Studium in einer westdeutschen Kleinstadt nahe der ehemaligen ostdeutschen Grenze. Nach meinem Abschluss tingelte ich durch diverse Städte, München, Barcelona, Hamburg, arbeitete bei Zeitungen und PR-Agenturen, beim Radio und Fernsehen, zuletzt in Bielefeld. Mein Tiefpunkt.

Vor fünf Jahren war es so weit, ich nahm all meinen Mut zusammen, kündigte und zog ohne Job und mit leerem Sparbuch nach Berlin, der Stadt meiner Träume. Ein bisschen Pathos darf an dieser Stelle ruhig sein. Es war eine Herausforderung, die ich lächelnd annahm, befand ich mich doch auf der Zielstrecke zum Glück, meiner Karriere ganz nah, unbeirrbar in dem Glauben, dass mich Berlin und seine Bewohner mit offenen Armen empfangen würden. Ein Trugschluss.

Am Anfang meines Berlinlebens stieg ich die Karriereleiter so weit hinunter, wie es nur ging. Nach mir gab es nur noch Hartz IV.

Mein Einstieg war ein Praktikum beim Privatfernsehen. Ich spielte in so vielen Fernsehbeiträgen mit, dass so mancher C-Promi neidisch wäre, musste dabei meine »fünf Ticks« ausplaudern, die ich gar nicht hatte, die der Redakteur aber unglaublich amüsant fand, hatte Wildfremde auf der Straße über ihr Sexleben ausgefragt und war an einem Badesee im Berliner Umland zur »Badenixe des Jahres« gewählt worden.

Mein mit großen Erwartungen angestrebter beruflicher Aufstieg war wegen der im Vergleich zum nichtstädtischen Deutschland leicht erhöhten Lebenshaltungskosten nur durch wenig prestigeträchtige Nebenjobs auf allerhand hippen Events zu finanzieren, stets begleitet von einem großen Auflauf an Möchtegern-Promis. Dummerweise war ich nicht die mit dem schicken Kleid neben dem roten Teppich, die den Promis das Mikrofon vor den Mund hielt, sondern die mit dem Cap auf dem Kopf, die nicht mal in die Nähe des Teppichs durfte, geschweige denn in die Veranstaltungsräume. Ich und meine Flyer mussten draußen bleiben.

Das Schöne an Berlin ist, hier darf man scheitern. Die Menschen schauen sich gegenseitig dabei zu, glotzen und gaffen, nie um einen hilfreichen Kommentar verlegen. »Na, nichts gelernt? Abschluss nicht geschafft? Vergessen mit dem Chef zu schlafen?« Sie suhlen sich im Leid des anderen, immer darauf bedacht, das eigene Leben hochzujubeln. Die Gespräche drehen sich mit Bescheidenheit getarnt um die neuesten Projekte, Gigs, Kontakte. Nichts Großes, heucheln sie, aber doch recht prestigeträchtig, sogar die Tagespresse hat schon darüber berichtet. Um es auf den Punkt zu bringen, »ich bin nicht so ein Verlierer wie du«.

Doch Berlin verzeiht den Menschen ihre Marotten. Die Stadt hat für jeden ein Lächeln über, schließt die Bewohner in ihre Arme. So ist die Großstadt, sie verzeiht Schwächen. Hier darf ein jeder alles ausprobieren. Das eigene Café geht pleite? In der Probezeit gefeuert? Die erste selbst entworfene Modekollektion verstaubt im Schaufenster? Alles halb so schlimm, es gibt immer jemand, der jemand kennt, der jemand kennt, der einem weiterhilft. In Großstädten leben genug Menschen, um das Unglück der anderen zu kompensieren. Keiner wird hängen gelassen, keiner bleibt auf der Strecke. Man könnte ja der Nächste sein, bei dem es heißt: Gehe nicht über Los, ziehe keine 4000 Euro ein. Pech gehabt, aber Kopf hoch, das Leben geht weiter. Berlin liebt dich trotzdem. Eine solidarische Stadt, ein Auffangbecken für Gewinner und Verlierer. Aber zu den Verlierern zählt natürlich niemand gerne. Ich auch nicht.

Inzwischen bin ich in meinem dritten Lebensjahrzehnt angekommen, habe zwar kein prall gefülltes Sparbuch, aber momentan immerhin einen Sitzplatz in der Arbeitswelt. Ich gehöre zu den Tausenden Kreativen, die niemand so richtig braucht, die schlecht bezahlt sind, aber immer heilfroh, überhaupt eine Anstellung zu haben. Ich hoffe, es stört euch nicht, wenn ich euch ab jetzt duze. Ich wohne in Berlin. Hier macht das jeder – spätestens nach dem ersten Händedruck. Ich darf das also.

Und ich mag Menschen. Ehrlich. Sonst würde ich mir in der Wildnis eine Holzhütte bauen und hätte mir nicht ausgerechnet eine wuselige Großstadt als Domizil ausgesucht. Aber ich mag Menschen nur in einer gewissen Dosis und – ja natürlich – nicht jeden gleich gerne. Es ist ein bisschen wie mit der Schokolade zur Weihnachtszeit. Die ersten Tage bekomme ich kaum genug von Lebkuchen, Spekulatius und Christstollen. Wie wild esse ich alles durcheinander, am liebsten diese Schokoladenkringel, die mit den bunten Zuckerperlchen bestreut sind, die Kringel eben, ich hoffe, ihr wisst, was ich meine. Doch nach ein paar Tagen, manchmal leider erst nach ein paar Wochen, schleicht sich dieses Gefühl einer Überdosis ein. Dann habe ich genug. Es reicht einfach. Oder wie mein Kollege Hannes in einer Rundmail schrieb, jedem, der noch einen einzigen selbstgebackenen was auch immer mitbringt, »gehe ich persönlich an die Gurgel«. Man könnte es auch mit einem Tag im Freibad vergleichen. Erst gibt es Pommes Rot-Weiß, dann eine bunte Tüte mit allerlei Plombenziehern, nach einem ausgiebigen Sonnenbad eine eiskalte Cola, später dann einen Flutschfinger und wenn die Sonne sich langsam zurückzieht, der Tag zur Ruhe kommt, eine zweite Portion Pommes, eine große natürlich, weil irgendwer ja doch immer nascht. Am Ende ist es immer das Gleiche. Ich fühle mich nicht wirklich schlecht, aber Pommes – so viel steht fest – werde ich mindestens eine Woche lang nicht essen. Wenigstens bis zum nächsten Freibadbesuch.

Ich bin wie ich bin. Und mir geht es darum, dass man mich nimmt, wie ich bin. Im Gegensatz zum Choleriker rege ich mich nicht mal gerne auf. Es passiert einfach. Jeden Tag. Immer wieder. Die Großstadt lässt mir keine Wahl. Es leben zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Und jeder möchte in seiner grenzenlosen Individualität ernst genommen werden, möchte seinen bissigen Humor ausleben, seinen schlechten Atem verbreiten, seinen Rededrang ungehindert fließen lassen, will so akzeptiert werden, wie er ist. Ohne Kompromisse. Ebenfalls ganz nach dem Motto: Ich bin wie ich bin. Die unweigerliche Quintessenz: Die Menschen treiben einander in den Wahnsinn. Es ist nicht ihre Schuld. Die Enge der Stadt zwingt sie dazu. Lebenswelten prallen mit voller Wucht aufeinander. Menschen geraten an ihre Grenzen, emotional und körperlich, einige werden unsanft darüber hinaus geschubst. Dieses an Nötigung grenzende Verhalten bringt Wutzentren zum Kochen, so auch meins. Nun sei doch nicht so – diesen Satz höre ich fast täglich und ich mag ihn nicht sonderlich, verstehe eigentlich nicht mal genau, was mir meine Mitmenschen damit sagen wollen. Möchten sie, dass ich mich verstelle, ein Schauspiel aufführe, nicht mehr ich selbst bin? Sie kommen dann mit dem Argument um die Ecke, dass es ja auch furchtbar schlechte Eigenschaften an mir gibt, über die man sich aufregen könnte.

Bitte, ich höre?

Na ja, da wäre deine Vergesslichkeit, die schlechte Laune am Morgen, die Unfähigkeit, zwei Sachen auf einmal zu machen, deine Tollpatschigkeit, zudem bist du an einigen Tagen einsilbig und schüchtern, an anderen vorlaut, mürrisch und rotzfrech.

Ein Kollege meinte sogar mal, ich hätte Kühe im Kopf. Ich fragte ihn, was er mir damit sagen wolle. Dass ich nie zuhöre, war seine Antwort, in meinen Gedanken immer woanders bin. Das sei unhöflich, wenig professionell, gesellschaftlich eigentlich untragbar. Ich schwieg. Ungern erkläre ich beflissenen Rednern, dass es daran liegt, dass ich nach einer Minute bereits das Interesse an dem Gespräch verliere, ich also demnach eigentlich sehr höflich bin, weil ich weiterhin freundlich lächele und nicke. Dass ich mich darüber hinaus auch noch produktiv an dem Gespräch beteilige, kann wohl niemand erwarten. Zumal wenn es Stunden dauert, bis mein Gegenüber auf den Punkt kommt, so lange redet, bis der Wortbrei auf Kühlschranktemperatur abgekühlt ist. Menschen, die langsam denken und reden, sind mir zuwider. Sie verplempern meine Zeit.

Ihr seht, die Liste meiner schlechten Eigenschaften scheint beliebig erweiterbar zu sein, je nachdem, wen man fragt. Dagegen möchte ich gar nichts sagen, schließlich kann ich ein bisschen Kritik durchaus vertragen. Also bitte: Regt euch auf! Tut es. Mir ist das schnuppe. Rollt mit den Augen, stöhnt, meckert. Aber belästigt mich nicht damit.