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002A_12981_HANNI_NANNI_6.tifWieder zu Hause!

„Herrlich, dass wir wieder hier sind!“ Auf dem Bahnsteig flog Nanni ihrer Mutter um den Hals. „Die letzten Tage im Internat waren kaum noch auszuhalten. Stimmt‘s, Hanni?“

Die Zwillingsschwester hatte mit dem Vater noch ein paar Gepäckstücke aus dem Zug geholt. „Klar!“, pustete sie. Aber dann wandte sie sich den Koffern und Taschen zu. „So. Mal zählen, ob wir auch nichts vergessen haben ...“

Herr Sullivan schüttelte den Kopf. Seiner Meinung nach schleppten seine Töchter jedes Mal viel zu viel Zeug mit ins Internat und natürlich auch wieder zurück.

„Wird schon nichts fehlen“, lachte er. „Los, kommt! Sicher wollt ihr eure Ferien nicht auf dem Bahnhof verbringen!“ Er nahm die beiden größten Koffer und ging zum Ausgang.

Es dauerte eine Weile, bis das Gepäck im Auto verstaut war. Hanni und Nanni kletterten auf die hinteren Sitze.

„Alles da, alles drin?“, fragte Frau Sullivan.

„Ja!“, riefen die Zwillinge.

Herr Sullivan startete.

Und nun ließ auch Hanni ihrer Begeisterung freien Lauf: „Ach, Mami, ach, also ... Paps, ihr ahnt ja nicht, wie wir uns auf euch gefreut haben.“

Frau Sullivan drehte sich lächelnd um. „Glaubt ihr vielleicht, wir freuen uns nicht mindestens genauso wie ihr über das Wiedersehen?“

Zu Hause wurden sie von der Haushälterin Marlis empfangen. Nach der Begrüßung fragte Frau Sullivan gleich: „Ist das Essen fertig? Ich fürchte, Hanni und Nanni sind halb verhungert.“

Marlis schmunzelte: „Das hab ich mir gedacht. Es ist alles bereit.“

„Dann wascht euch die Hände und kommt!“, rief die Mutter.

Bei Tisch erzählten die Zwillinge aufgeregt von ihren Internatserlebnissen.

„Ach, und auf der Heimfahrt in der Bahn“, rief Nanni plötzlich, „da hatten wir noch einen Extraspaß.“

Hanni lachte laut auf. „Ja, erzähl mal!“, drängte sie. „Ich bin gespannt, was Mami und Papi dazu sagen.“

Die Mädchen vom Internat Lindenhof hatten wie immer reservierte Bahnabteile gehabt. Darin machten sie es sich gemütlich. An einer der ersten Stationen verließ Jenny, eine der Schülerinnen, den Zug. Dann holte Bobby ihren Koffer herunter. Sie musste auf dem übernächsten Bahnhof umsteigen. Die anderen vier hingen noch aus dem Fenster und winkten Jenny nach.

Da hörten sie Bobby plötzlich rufen: „Dieses Abteil ist reserviert!“ Die vier drehten sich um.

Eben stellte ein dicker, schnaubender Mann zwei Koffer mitten ins Abteil. Hinter ihm erschien eine schüchtern wirkende Frau.

„Reserviert?“, fauchte der Dicke Bobby an. „Für euch junges Gemüse etwa? Hier ist noch Platz für zwei Personen, wenn ihr euren Kram ein bisschen zusammenräumt!“ Er nahm Bobbys Koffer und hob ihn ins Gepäcknetz zurück. Und seine eigenen Koffer schob er einfach darüber.

„Entschuldigen Sie, dieses Abteil ist wirklich reserviert!“, sagte Hilda. „Und zufällig sah ich vorhin, dass im Nebenwagen alles leer ist.“

Doch der Mann hörte nicht auf sie. Er drückte seine schüchterne Frau auf einen Sitz und machte es sich in der Ecke bequem.

Das war die Höhe! Jetzt saß der Mann auf Hannis Platz! Die fünf Mädchen starrten sich verblüfft an. Doch sie sagten nichts, sondern setzten sich schweigend auf die verbliebenen Plätze.

„Macht das Fenster zu!“, rief der Dicke nach einer Weile. In seiner Ungeduld sprang er gleich selber auf. Rücksichtslos stolperte er über die Füße der jungen Mitreisenden.

Zunächst unternahmen die Mädchen nichts. Aber als die Hitze im Abteil unerträglich wurde, stand Bobby auf und öffnete das Fenster wieder.

„Unverschämtheit!“

Der Mann erhob sich und schob das Abteilfenster von Neuem zu. „Glaubt ihr vielleicht, ich will eine Freiballonfahrt in ‚ner offenen Gondel machen? Rücksichtslose Gesellschaft! Aber das ist die Jugend von heute! – Lass mich in Ruhe“, brummte er seine Frau an, die ihn zu beschwichtigen versuchte, „denen schadet es nichts, wenn sie mal die Wahrheit hören.“

Die Mädchen waren wütend, schwiegen aber. Doch mit einem Mal fragte Bobby in die Stille hinein: „Reist ihr auch so gern in ‚ner luftigen Ballongondel?“

Da platzten sie alle fast vor Lachen. Und nun fing das Vergnügen an.

„O ja“, gluckste Hilda. „Da hat man wenigstens gute Gesellschaft.“

„Schwergewichtler dürfen aber nicht in einen Ballonkorb“, krähte Hanni laut. Die anderen lachten und quietschten.

Da stand der Dicke auf, ging auf den Gang hinaus und rief nach dem Schaffner.

„Hoffentlich kommt der noch, bevor ich aussteige“, flüsterte Bobby.

Sie hatte Glück. Der Schaffner erschien sofort. Erstaunt musterte er die beiden Erwachsenen im Abteil, fragte jedoch zunächst nur, was los sei.

„Beschweren will ich mich“, rief der Mann dröhnend, „beschweren über diese Mädchen! Sie sind von einer unglaublichen Rücksichtslosigkeit den Mitreisenden gegenüber! Stellen Sie ihre Namen fest, damit man den Eltern Bescheid geben kann.“

„Moment, mein Herr“, erwiderte der Schaffner höflich.

„Erstens muss ich wissen, was die Mädchen eigentlich angestellt haben.“

„Sie hatten das ganze Abteil beschlagnahmt, sodass meine Frau und ich kaum Platz fanden. Dann rissen sie das Fenster auf und ließen uns in der Zugluft sitzen. Zuletzt haben sie mich sogar verhöhnt.“

„Nanu“, sagte der Schaffner, „so kenne ich die Mädchen gar nicht! Und was das Abteil betrifft, so sind die jungen Damen“ – tatsächlich: Er sagte „junge Damen“! – „durchaus im Recht. Es ist für das Internat Lindenhof reserviert. Das steht auch hier am Gangfenster!“ Der Schaffner wandte sich an die Mädchen: „Habt ihr das dem Herrn nicht gesagt?“

„Natürlich“, riefen alle fünf und Hilda fügte hinzu: „Er hat sich überhaupt nicht darum gekümmert!“

„Ja, mein Herr, dann muss ich Sie bitten, sich im nächsten Wagen andere Plätze zu suchen. Der Zug ist halb leer. Und Ihre Beschwerde kann ich natürlich nicht annehmen!“

Na, das war eine Genugtuung! Mit hochrotem Kopf holte der Mann seine Koffer herunter und verließ das Abteil. Seine Frau folgte ihm wortlos. Doch an der Türe drehte sie sich um, sagte leise „Entschuldigt, bitte!“ und versuchte zu lächeln.

„In diesem Augenblick war der ganze Spaß vorbei“, erklärte Hanni, als sie das zum Schluss noch erzählt hatte. „Die arme Frau muss sich bestimmt öfter seinetwegen schämen!“

„Es gibt schon merkwürdige Menschen“, meinte die Mutter. „Manche glauben, sie seien immer im Recht – und nicht bloß jungen Leuten gegenüber.“

„Eigentlich hast du großes Glück gehabt“, rief Nanni, „dass du Papi zum Mann hast und nicht einen solchen Nörgler!“

„Danke schön!“ Herr Sullivan verneigte sich leicht über den Tisch hinweg. Nun lachten sie alle vier.

Doch dann wurden die Zwillinge still. Marlis hatte eine Riesenschüssel auf den Tisch gestellt.

„Zitronenkrem“, hauchte Hanni andächtig. Genüsslich und schweigend schaufelten die beiden ihren Lieblingsnachtisch in sich hinein ...

„Wir möchten etwas mit euch besprechen“, sagte der Vater, als die Schüssel leer war. „Es handelt sich um die Ferien! Am besten setzen wir uns in mein Zimmer.“

„Also, ihr beiden“, fing der Vater an, „Ende nächster Woche muss ich zu einer Tagung nach Spanien, anschließend zur Eröffnung einer Klinik nach Marokko. Eure Mutter fährt mit. Wir können also nur ein paar Ferientage mit euch verleben. Ihr fahrt zu Erna, eurem früheren Kindermädchen, die seit Jahren förmlich darauf brennt, euch wiederzusehen. Sie ist mit einem Polizisten verheiratet, heißt Frau Huber – na, und sie schrieb, sie hätte ein nettes kleines Haus.“

„Zu Erna?“

Die Zwillinge waren entzückt!

„Ich will zu gern sehen, ob sie sich als Frau Huber verändert hat!“, rief Hanni.

„Und wie ihr Polizeimann ist!“, fügte Nanni hinzu.

Die Mutter lachte. „Das werdet ihr früh genug erfahren. Jetzt wollen wir aber erst mal hier ein paar schöne Tage zusammen verbringen, wenn wir schon nicht gemeinsam verreisen können. Euer Vater und ich haben uns ein ‚Daheim-Ferienprogramm’ ausgedacht!“

„Das klingt ja wirklich spannend“, lachte Nanni. „Was meinst du, Hanni? Ich lass mich jedenfalls überraschen!“

„Ich mich auch“, stimmte Hanni zu.

Es folgten ein paar vergnügte Tage. Vater und Mutter hatten sich wirklich ein großartiges Programm ausgedacht!

„Heute fahren wir zum Baden an den Lohsee“, hieß es am ersten Morgen. „Wir werden am See oder im Wald ein Picknick veranstalten und erst gegen Abend nach Hause kommen.“

Der Lohsee lag ein paar Kilometer entfernt in einem großen Buchenwald. Nur an einer Seite war sein Ufer zur Straße und zu den Feldern hin offen. Dort gab es eine Badeanstalt und eine Anlegestelle für Boote. Herr Sullivan mietete ein Ruderboot und sie ruderten ein Stück auf den großen See hinaus. Hanni und Nanni sprangen ins Wasser, schwammen eine Strecke und kletterten dann wieder ins Boot, das der Vater inzwischen kräftig weitergerudert hatte.

„Jetzt rudern wir und ihr könnt schwimmen“, rief Hanni, als sie zum zweiten Mal wieder über den Bootsrand krabbelte.

Kaum waren die Eltern ein Stück entfernt, zischte Hanni der Schwester zu: „Los – dort hinüber!“, und sie deutete auf eine winzige Insel, auf der viele Büsche die Sicht nach der anderen Seite nahmen.

Nanni begriff sofort. Als die Eltern umkehrten und zum Boot zurückschwimmen wollten, sahen sie es nicht – es schien spurlos verschwunden. Aber der Vater witterte den Streich und schwamm um die Insel herum. Von den Zwillingen und dem Boot war immer noch nichts zu sehen! Die beiden waren längst wieder um die Insel herumgerudert und lauerten nun in einer winzigen Bucht unter den tief herabhängenden Zweigen einer Weide. Was die Eltern wohl unternahmen?

„Ätsch, hereingefallen!“, rief der Vater plötzlich hinter ihnen. Er hatte seine Frau allein weiterschwimmen lassen, war auf das Ufer der Insel geklettert und hatte schnell die Büsche durchquert. Jetzt kam auch die Mutter und die Eltern lachten die Ausreißer tüchtig aus.

„Können wir nicht auf der Insel picknicken?“, fragten die Zwillinge. „Hier kommt bestimmt kein Mensch her.“

„Dafür sind aber schon Scharen von Mücken da“, sagte der Vater.

„Außerdem können wir hier nicht kochen“, ergänzte die Mutter.

„Kochen?“, riefen die Schwestern entzückt.

„Nun ja, ein paar Würstchen heiß machen und Eier braten“, erklärte die Mutter.

„Au fein, dann rudern wir natürlich zum Strand hinüber“, jubelte Hanni.

Sie fanden bald eine Stelle, an der sie zwischen großen Steinen ihren Spirituskocher anzünden konnten. Dann gab es ein üppiges Mahl. Die Mutter hatte sogar Kartoffelsalat mitgebracht und zum Nachtisch ein Körbchen voller Kirschen mitgenommen.

Am Strand herrschte jetzt reger Betrieb. Schulkinder, die Ferien hatten, und Urlauber aus der Umgebung badeten, ruderten und spielten. Deshalb packten die Sullivans nach dem Essen schnell ihre Sachen zusammen und fuhren in den Wald.

Sie kannten ein paar Stellen, die zum Lagern geeignet waren und wohin Fremde nur selten kamen. Während die Eltern ausgiebig Mittagsruhe hielten, lasen Hanni und Nanni in den Büchern, die sie mitgebracht hatten.

Damit war das Tagesprogramm noch lange nicht zu Ende. Später durchquerte die Familie Sullivan den ganzen Wald bis zur Stadt Kronburg. Dort ließ der Vater das Auto auf dem Marktplatz mit den schönen alten Häusern stehen und sie stiegen zum „Schlössel“ hinauf. So wurde die Ruine genannt, die auf einer Bergnase stand und die schönste Aussicht ins Tal bot. Ganz vorn war in das alte Gemäuer hinein ein Terrassencafé gebaut. Und dort gab es immer leckeren Kuchen. Und Eis! Hanni und Nanni ließen es sich schmecken ...

So war jeder Tag ein Fest für sich. Aber dann mussten die Eltern ihre letzten Reisevorbereitungen treffen. Die Zwillinge packten auch.

Von Erna war eine Karte gekommen: „Schreibt, mit welchem Zug ihr in Rottleben ankommt. Wir holen euch vom Bahnhof ab. Erkennen werden wir uns ja wohl noch!“

Am letzten Abend vor dem Abschied saßen die vier Sullivans vergnügt zusammen.

„Fotografiert unterwegs so viel wie möglich“, baten die Zwillinge. „Dann könnt ihr uns eure Reise später vorführen.“

„Und ihr werdet hoffentlich nicht zu viel Unfug anstellen“, ermahnte sie der Vater. „Ernas Mann, der Polizist, wird euch schon den Marsch blasen, wenn‘s notwendig sein sollte.“

Hanni und Nanni lachten. „Bei Erna kann uns nichts passieren.“