003A_12983_HANNI_NANNI_8.tif

001A_12983_HANNI_NANNI_8.tif

002A_12983_HANNI_NANNI_8.tifWie schön, wieder in Lindenhof zu sein

„Lindenhof ist ja kaum wiederzuerkennen“, rief Hanni Sullivan, als der Bus um die letzte Kurve fuhr und das Internat vor dem Hügel in Sicht kam. Die Mauern waren nicht mehr grau wie in den letzten Jahren. Sie strahlten schneeweiß in der hellen Mittagssonne. Und die beiden Türme an den Seiten hatten einen zarten roten Anstrich. Es war ein wunderhübsches Bild: das helle Gebäude inmitten der herbstlich bunten Parkanlagen.

„Wahrhaftig – kaum wiederzuerkennen“, wiederholte Hanni.

Und ihre Zwillingsschwester Nanni rief begeistert:

„Frisch geputzt wie zu einem Fest.“

„Na, wenn das kein Festtag ist!“, sagte Doris. „Die Burgfräulein von Funkelstein geben ja auch Lindenhof die Ehre.“

Die anderen Mädchen lachten. Schließlich hatte man sie ausquartiert. Ein paar Wochen war das Internat in den Räumen des Landschulheims auf Burg Funkelstein zu Gast gewesen, weil Lindenhof renoviert wurde. Sie hatten dort viel Spaß gehabt und eine schöne Zeit verbracht. Aber jetzt freuten sich alle auf die Rückkehr in die gewohnte Umgebung.

Hilda, die Klassensprecherin der Vierten, sprach allen aus dem Herzen, als sie sagte: „Es geht doch nichts über Lindenhof.“

Die Französischlehrerin – von Schülern und Kollegen kurz und bündig Mamsell genannt – drehte sich um: „In den neuen Räumen wird euch das Lernen sicher kinderleicht fallen, n‘est-ce-pas, ihr lieben Mädchen? Die Vokabeln werden rutschen wie ... wie ... gefettet ...“

„... wie geschmiert“, verbesserte Doris lachend und Mamsell wiederholte schmunzelnd: „Ja, wie geschmiert. Auch bei dir, liebe Doris.“

Davon war Doris freilich nicht überzeugt. Sie konnte und konnte es nun mal nicht, bei allem guten Willen und aller Mühe, die ihre Freundin Petra sich mit ihr gab, dabei war Petra ausgerechnet die Klassenbeste!

Aufgeregtes Winken vom Schulhof her ... Dort stand die erste Klasse. Frau Theobald, die Schulleiterin von Lindenhof, hatte die Jüngeren sofort nach Lindenhof zurückgeschickt, als ihre Räume im Erdgeschoss fertig waren. Sie sollten unter der Obhut ihrer Klassenlehrerin möglichst schnell lernen, sich ins Internatsleben einzufügen. Aber diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Die überaus lebhaften Kinder waren in dem großen leeren Bau bald außer Rand und Band geraten und hatten sich als absolute Könige gefühlt. Frau Roberts und die Hausmutter hatten ihre liebe Not mit ihnen gehabt. Höchste Zeit, dass die anderen Klassen kamen!

„So, da sind wir!“ Der Busfahrer – eigentlich der Hausmeister des Internats – öffnete die Tür und fing an das Gepäck auszuladen.

Kichernd und aufgeregt sprangen die Mädchen aus dem Wagen.

„Es kommt mir fast so vor, als ob wir zum ersten Mal hier wären“, sagte Nanni. „Wir entdecken Lindenhof neu.“

Tatsächlich war vieles anders geworden. Die Wände der langen Gänge strahlten und leuchteten in hellem Gelb, wenn die Sonnenstrahlen drauffielen. Auch die Gemeinschaftsräume, in denen sie ihre Schulaufgaben erledigten oder ihre Freizeit mit Spielen, Lesen und Unterhaltungen verbrachten, hatten einen hellen, freundlichen Anstrich bekommen. Begeistert liefen die Mädchen überall herum. Aus allen Stockwerken klangen entzückte Rufe.

Der neue Klassenraum löste in der Vierten einen wahren Begeisterungssturm aus. Neue Möbel, schöne Bilder an den Wänden und ein paar Blumenstöcke auf den Fensterbänken.

„Wo schlafen wir eigentlich?“, fragte Hilda.

Dann hörte sie die Hausmutter rufen: „Hallo, vierte Klasse, bitte euer Gepäck aus der Halle abholen!“ Sie erklärte den Mädchen: „Ihr zieht ein Stockwerk höher als bisher. An jeder Tür klebt ein Zettel mit den Namen. Danach richtet ihr euch bitte!“

Es stellte sich heraus, dass die Zwillinge in einem schmalen Eckzimmer schlafen sollten, nicht, wie sonst üblich, zu sechst, sondern nur zusammen mit Hilda und Elli – „unserer unvermeidlichen Kusine“, wie Hanni boshaft sagte. Die anderen waren auf dem selben Flur untergebracht. Am anderen Ende des Flurs blieb ein schmaler Raum mit drei Betten frei. Kamen etwa Neue?

„Glaub ich nicht“, sagte Hilda. „Das Schuljahr hat ja längst angefangen.“

„Neue werden kaum angemeldet sein“, sagte auch Jenny später, als sie nach dem Auspacken im Essraum saßen und das Festmahl genossen, das die Hausmutter spendiert hatte: Schnitzel, Blumenkohlgemüse und als Nachtisch für jede eine Riesenportion Vanille- und Schokoladeneis.

Jenny irrte – genau wie Hilda. Die Direktorin, Frau Theobald, hieß ihre Schülerinnen kurz willkommen: „Unsere kleine Gemeinschaft ist wieder beisammen und ich hoffe, wir werden auch weiterhin gut miteinander arbeiten. Übrigens kommen ein paar Neue in die Schule, drei in die unterste Klasse und zwei in die Vierte. Nehmt sie freundlich und kameradschaftlich auf.“

Na, das war vielleicht eine Überraschung! „Zwei Neue kommen zu uns?“, tuschelten die Mädchen aus der Vierten. „Ob sie schon morgen eintreffen? Oder erst zum Wochenanfang? Und woher? So mitten im Schuljahr – das ist doch ganz ungewöhnlich für einen Wechsel.“

„Wir werden ja sehen“, meinte Bobby gelassen. „Schließlich sind das nicht die ersten Neuen, die zu uns kommen.“

Am nächsten Tag erschien niemand. Dafür aber flüsterte Uschi aus der dritten Klasse etwas von einem Geheimnis, das die eine Neue umgebe. Uschi Born war bekannt dafür, dass sie hinter alle Geheimnisse kam, auch wenn die Beteiligten sie zu verbergen suchten. In ihrer eigenen Klasse erzählte ihr deshalb längst niemand mehr etwas.

Nur wenn eine Sache schnell bekannt werden sollte, dann wurde sie Uschi anvertraut. Da konnte man sicher sein, dass alle in kürzester Zeit Bescheid wussten.

„Nehmt euch vor dieser kleinen Kröte in Acht, sie lauscht und tratscht herum!“, hieß es auch in den anderen Klassen. Arme Uschi, ihre scheinbar harmlosen Fragen erschienen den anderen stets verdächtig! Sie bekam dann höchstens eine falsche Antwort und hatte sich dadurch schon ein paarmal gründlich blamiert.

Als nun Petra von Uschis neuesten „Nachrichten“ erzählte, fragte Hilda ärgerlich: „Woher will sie das schon wieder wissen? Die Uschi ist furchtbar neugierig, horcht überall herum und redet lauter närrisches Zeug zusammen.“

Doch Uschi war nicht zu bremsen. Sie wusste noch mehr Aufregendes: „Die eine von den Neuen ist eine Prinzessin. Aber das muss ein Geheimnis bleiben.“

„So“, sagte Hilda trocken, „das Geheimnis ist bei dir ja in besten Händen – sozusagen. Woher hast du diese Neuigkeit nun wieder?“

Uschi nahm Hildas Stichelei nicht übel. „Ich stand zufällig unter dem Fenster von Frau Theobalds Zimmer. Sie sprach mit Frau Jenks und sagte: ‚Außer uns beiden braucht niemand zu wissen, dass es sich um die Tochter eines Fürsten handelt’ – jawohl, so hat sie sich ausgedrückt: Tochter eines Fürsten. Darunter verstehe ich eine Prinzessin. – ‚Die Mädchen’, so sagte sie dann weiter, ‚aber vielleicht auch ein paar Kolleginnen, werden bestimmt unsicher, wenn sie vom Rang und Schicksal des Mädchens erfahren.’“

Stolz sah Uschi sich um. Sie hatte mittlerweile einen ganzen Kreis von Zuhörerinnen gefunden. Die Zwillinge standen neben Hilda. Petra, Doris und Katrin waren herangekommen, Carlotta auch.

Carlottas Augen funkelten. Sie ärgerte sich und hielt damit nicht zurück.

„Du hast also gelauscht“, sagte sie hitzig, „ganz schäbig gelauscht und fühlst dich nun mit deiner Geheimnistuerei furchtbar wichtig. Ich will dir mal was sagen“, ihre Stimme wurde immer lauter, „du bist eine alberne, dumme Schwatzliese. Wer weiß, was Frau Theobald geredet hat. Es war jedenfalls nicht für dich bestimmt und du hattest kein Recht zu lauschen. Noch schlimmer aber ist es, dass du dich jetzt auch noch wichtig machst mit dem, was du gehört haben willst. Und ich rate dir: Verbreite deinen Klatsch nicht weiter, sonst kriegst du es mit mir zu tun!“

„Mit uns auch!“, riefen die Zwillinge und die anderen stimmten zu.

Sehr kleinlaut räumte Uschi das Feld. Trotzdem wussten schon nach kurzer Zeit sämtliche Schülerinnen: In die Vierte kommt eine Prinzessin!

Gespannt warteten alle auf die Neuen. Am Montag waren sie da: Grit Berger und Andrea Harrach erschienen in der vierten Klasse.

Grit war ein zierliches kleines Mädchen. Ihre Haare und ihre Augen waren dunkel, die Haut bräunlich. Sie wirkte scheu, fast bedrückt.

„Anscheinend wieder einmal ein Problemmädchen“, flüsterte Jenny. „So etwas hat uns schon lange gefehlt.“

Problemmädchen – diesen Namen hatte Carla Hillmann bekommen, weil sie sich nach ihrem Eintritt ins Internat zurückzog wie eine Schnecke in ihr Haus.

Keine hatte geahnt, wie unglücklich Carla in Wirklichkeit war und welche Sorgen sie sich um ihre schwer kranke Mutter machte. Ob diese Grit auch geheime Sorgen hatte und jeden Scherz, aber auch jede ehrliche Anteilnahme der Mitschülerinnen abblockte? Jenny war fest entschlossen, sich nicht mit ihr einzulassen.

Andrea war das genaue Gegenteil von Grit: ein hochgewachsenes, hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren, die sie lachend zurückwarf, wenn sie ihr zu weit ins Gesicht fielen. Ihre blauen Augen blitzten. Die hatte bestimmt ihren eigenen Kopf!

„Du“, sagte Elli leise zu Hanni, die gerade mit ihr durch die Halle lief, als der Chauffeur die fünf Neuen hereinführte, „ich glaube doch, dass die Blonde da eine Prinzessin ist.“

„Blödsinn“, rief Hanni.

Aber Elli blieb mit ihrer Meinung nicht allein. „Andrea hat schon etwas Hoheitsvolles“, sagten manche. „Man braucht sie ja nur anzusehen. Die ist es gewöhnt, zu befehlen. Und wenn Frau Theobald von ihrem schweren Schicksal gesprochen hat ... Wer weiß, was dahinter steckt!“

„Vielleicht wurde ihr Vater umgebracht und die Familie musste fliehen?“ Das war eine Vermutung von Suse. Aber die hatte immer solche romantischen Einfälle und die meisten nahmen sie nicht ernst.

Es dauerte nicht lange, da sammelte sich ein kleiner Kreis von Bewunderinnen um Andrea. Katrin, Suse und Christel aus der Vierten gehörten dazu. Uschi aus der Dritten natürlich auch, ebenso ihre Freundin Heide und sogar ein paar aus der Fünften.

„Ihr Hofstaat“, sagten die Zwillinge grinsend.

Ihre Kusine Elli war Andreas eifrigste Anhängerin. „Ihr braucht doch bloß an ihren Namen zu denken“, sagte sie. „Harrach – klingt das nicht nach altem Fürstengeschlecht?“

„Ach, Elli, es hat keinen Zweck, mit dir über solche Dinge zu streiten. Du brauchst immer jemanden, den du vergöttern kannst!“

Besondere Leuchten im Unterricht waren die beiden Neuen keineswegs. Grit war zu schüchtern, um sich zu melden, obwohl sie die meisten Fragen richtig beantworten konnte, und Andrea war bodenlos faul.

Die anderen sahen erstaunt zu ihr hin, wenn sie in den Arbeitsstunden am Stift kaute, anstatt zu schreiben, oder die Nase in einen Schmöker steckte, anstatt ins Geschichtsbuch. Auch im Sport war sie eine Null.

Grit dagegen taute beim Sport auf. Mit dem Schwimmen war es jetzt allerdings vorbei. Die Herbsttage waren schon recht frisch und die Turnlehrerin wollte nicht, dass die Mädchen sich im Bad einen Schnupfen holten. Aber Grit spielte ausgezeichnet Tennis und besiegte fast alle anderen. Auch im Handball war sie gut, das gab sogar Marianne zu, die im Sport alle scharf kritisierte.

Vor allem merkte Lexa Kraus es bald. Sie war der neue Sportwart des Internats und immer auf der Suche nach guten Spielerinnen. Als sie zufällig hörte, wie gut Grit wieder einmal beim Handball abgeschnitten hatte, beobachtete sie die Neue beim Spiel. Wahrhaftig, sie schien ein Talent zu sein!

Lexa überlegte: In anderen Jahren hatten die Lindenhofer oft Freundschaftsspiele mit anderen Schulen ausgetragen. Durch die Umsiedlung nach Funkelstein waren diese Spiele im neuen Schuljahr ausgefallen. Warum sollten sie sie nicht nachholen? Die Eichenwaldschule hatte schon nachgefragt. Die hatten besonders gute Spielerinnen. Aber ohne tüchtige Sportlerinnen in der eigenen Mannschaft war das Risiko zu groß. Und Lexa selber war als Sportwart noch nicht routiniert genug. Freilich hatte sie mit ihrer Vorgängerin Linda schon lange zusammengearbeitet. Doch jetzt trug sie die Verantwortung.

„Ich muss sehen, dass ich ein Spiel einplanen kann“, hatte sie den Eichenwaldern zunächst gesagt. „Wir konnten bis jetzt noch gar nicht richtig trainieren.“

Nun aber sieht die Angelegenheit viel günstiger aus, dachte Lexa. Margret aus der Fünften ist beim Handball schon immer eine Wucht gewesen. In der Vierten spielen Katrin, Nanni und Marianne besser als der Durchschnitt. Und nun diese Grit ... mit solchen Spielerinnen können wir es wagen. Die reißen auch die anderen mit.

Sie sprach mit der Sportlehrerin und machte einen Plan für die Übungszeiten. Sie stellte ihre Mannschaftsliste auf und sagte dann der Eichenwaldschule zu. „Aber bitte noch vor Weihnachten!“ Das war ihre Bedingung.

„Das ist eine tolle Ehre für dich“, versicherten die Mädchen aus der Vierten. Mit einem Mal war Grit interessant für sie.

„Anfang Dezember müssen wir fit sein, vergesst das nicht!“, schärfte Lexa ihrer Mannschaft nach dem ersten Spiel ein. Sie übten eifrig Werfen und Fangen, gaben den Ball schnell von Hand zu Hand oder sausten damit über den Sportplatz.

„Grit ist ein Schatz“, urteilte Hilda, die oft zuschaute. „Ich wette, dass sie das Spiel entscheidet. Zugunsten von Lindenhof natürlich! Die holt bestimmt ein paar Tore für uns heraus.“

Das aber war der einzige Wirbel, den Grit verursachte. Und Andrea ahnte zum Glück nicht, was die anderen von ihr dachten.

Als Jenny einmal laut spottete: „Hoheit geruhen heute wohl gar nicht zu arbeiten?“, da hielt Andrea das für eine von Jennys üblichen Bosheiten. Sie ließ es sich aber gern gefallen, dass die Mädchen ihr den Hof machten. Elli putzte ihr sogar einmal die Schuhe, als sie bei Regenwetter draußen im Schlamm herumgelaufen waren.

Zu Ellis Entsetzen bog ausgerechnet Bobby um die Ecke und beobachtete höhnisch ihren Freundschaftsdienst. „Es ist doch etwas Schönes, treue Untertanen zu haben!“, sagte sie.