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01.jpgWieder in Lindenhof

Hanni und Nanni Sullivan betraten ihr neues Klassenzimmer und schauten sich neugierig um.

„Jetzt sind wir schon in der fünften Klasse“, sagte Hanni. „Da sind wir ganz schön vorangekommen. Findest du nicht auch, Nanni?“

„Ja, alt sind wir geworden!“, meinte ihre Schwester lachend. „Weißt du noch, als wir vor drei Jahren nach Lindenhof kamen? Da waren wir reichlich dumm. Und albern! Sie haben uns die hochnäsigen Zwillinge genannt. Niemand konnte uns leiden. Wir haben uns damals auch wirklich unmöglich benommen - nur weil wir alles scheußlich finden wollten!“

„Und jetzt gefällt es uns so gut, dass wir gar nicht mehr wegwollen“, lachte Hanni. „Hoffentlich können wir bis zum Abitur in Lindenhof bleiben - und hoffentlich bleiben auch unsere Freundinnen!“

„Das sagst du so! Einige sind ja schon weg“, meinte Nanni. „Vielleicht sind unter den Neuen ein paar nette Mädchen.“

„Sicher“, sagte Hanni und trat ans Fenster. „Da kommen Bobby und Jenny“, rief sie. „Hallo, wieder im Lande?“

Die beiden Mädchen winkten und rannten dann zu den Schwestern hinauf. Bobby sah frech und jungenhaft aus wie immer.

„Wie geht‘s euch?“, fragte sie. „Ihr sucht euch wohl schon die besten Plätze aus? Ein nettes Klassenzimmer haben wir diesmal!“

„Wie ist eigentlich unsere neue Klassenlehrerin?“, fragte Hanni.

„Frau Ellis - ach - die soll ganz passabel sein.“

„Sie ist ruhig und gesetzt“, sagte Bobby. „Aber ich glaube, sie ist in Ordnung!“

„Jenny, hast du wieder ein paar Scherzartikel mitgebracht?“, erkundigte sich Nanni. „Dein Bruder hat dich wahrscheinlich bestens ausgestattet!“

Jenny grinste. Sie hatte einen älteren Bruder, der vor Einfällen beinahe platzte, wenn es galt, jemanden hereinzulegen.

„Abwarten!“, meinte Jenny. „Schließlich sind wir keine Babys mehr. In der Fünften werden wir uns wohl kaum den gleichen kindischen Unsinn ausdenken wie in den unteren Klassen! Ich habe mir sogar vorgenommen, fleißig zu sein. Wie findet ihr das?“

„Uns ist es lieber, du bringst uns zum Lachen“, sagte Hanni. „Kommen eigentlich diesmal wieder ein paar Neue nach Lindenhof?“

„Zwei oder drei“, antwortete Bobby und wandte sich zu Hilda Wentworth, die gerade reinkam: „Hallo, Hilda! Waren deine Ferien erträglich?“

Hilda nickte lachend. „Mehr als das! Sie waren einfach toll!“, rief sie. „Aber erklärt mir bloß, was das für ein Engel ist, der da draußen sitzt?“

„Ein Engel?“, fragten die Zwillinge und Bobby erstaunt.

„Habt ihr sie nicht gesehen? Sie muss gerade angekommen sein, hat einen funkelnagelneuen Koffer, drei Tennisschläger unter dem Arm und eine riesige Handtasche mit Goldbuchstaben. Wetten, dass unsere Elli sie für eines der sieben Weltwunder halten wird? Hellblonde Locken, ein zuckersüßes Gesicht und eine glockenhelle Stimme.“

„Die müssen wir uns ansehen!“, riefen die anderen sofort.

„Sie sitzt unten in der Vorhalle“, sagte Hilda. „Sie ist im größten Auto angekommen, das ich in meinem Leben gesehen habe.“

„Du willst uns wohl auf den Arm nehmen?“, fragte Hanni lachend. Sie rannten hinaus und beugten sich über das Treppengeländer.

Das neue Mädchen sah wirklich so aus, wie Hilda es beschrieben hatte: wie ein zarter, blondlockiger Engel aus dem Märchen, obwohl sie einen modischen Mantel und drei Tennisschläger unter dem Arm trug!

„Sehr hübsch!“, sagte Bobby. „Ich glaube auch, dass Elli ihr wie ein Hündchen nachlaufen wird. Sie ist ja nur glücklich, wenn sie jemanden anbeten kann!“

In diesem Augenblick kam Elli dazu. Sie war eine Cousine der Zwillinge, ein liebes, aber nicht übermäßig intelligentes Mädchen. „Guten Tag, alle miteinander!“, rief sie. „Habe ich nicht eben meinen Namen gehört?“

„So ist es“, erwiderte Hilda. „Gerade haben wir festgestellt, dass dies Engelsgesicht da draußen genau dein Fall ist!“

Elli beugte sich mit den anderen über das Treppengeländer, und wahrhaftig: Sie verlor augenblicklich ihr Herz an das neue Mädchen.

„Wie eine Märchenprinzessin sieht sie aus“, schwärmte Elli begeistert. „Ich will gleich runtergehen. Vielleicht kann ich ihr irgendwie behilflich sein!“

Eilig rannte sie die Treppe hinunter. Die anderen grinsten sich an. „Elli hat schon wieder ihr Herz verschenkt“, sagte Hanni.

„Arme Elli! Wie schnell gewinnt sie Freundinnen - und wie schnell verliert sie sie wieder! Bis jetzt ist sie immer hereingefallen. Keine einzige dieser sogenannten Freundinnen hat ihr auch nur eine Zeile geschrieben, sobald sie von Lindenhof weg waren.“

„Und diesmal wird es dieser Engel sein“, meinte Nanni. „Seht euch das bloß an! Jetzt gehen sie schon eingehängt und Elli redet und redet!“

„Dort sitzt übrigens noch ein anderes Mädchen“, sagte Bobby plötzlich. „Die sieht so hilflos aus. Eigentlich könnte Elli sie gleich mitnehmen, wenn sie dem Engel die Schule zeigt. Hallo, Elli!“

Aber Elli war mit ihrer goldhaarigen Märchenprinzessin schon verschwunden. Die Zwillinge gingen runter und sprachen das neue Mädchen an.

„Hallo! Du bist neu hier, nicht wahr? Du musst dich zuerst bei der Hausmutter melden. Komm, wir bringen dich hin!“

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Hanni unterwegs.

„Bettina Müller-Stobe“, erwiderte die Neue. „Ich wäre froh, wenn ihr mir sagen könntet, was ich alles tun muss.“ Das klang ein bisschen geschraubt.

„Meist ist die Hausmutter hier, um die Neuen zu begrüßen und einzuweisen“, meinte Hilda ein wenig verwirrt. „Ich frage mich, wo sie heute steckt?“

„Ich habe sie überhaupt noch nicht gesehen“, sagte Hanni. „Als wir ankamen, war sie nicht da.“

„Das ist seltsam“, meinte Nanni. „Vielleicht schauen wir in ihrem Zimmer nach. Wir müssen uns ja doch bei ihr melden.“

Zusammen mit Bettina gingen die Zwillinge ins Haus. Sie klopften am Zimmer der Hausmutter und warteten mit leisem Herzklopfen. Zwar konnten sie sie sehr gut leiden, aber sie hatten auch großen Respekt vor ihr. Die Hausmutter war seit vielen Jahren in Lindenhof; ihren durchdringenden Blick hatten schon viele Schülerinnen zu spüren bekommen.

Eine Stimme rief: „Herein.“

„Das klingt nicht nach Hausmutter“, flüsterte Hanni erstaunt. Sie öffnete die Tür. Eine fremde Frau saß am Tisch und nähte. „Entschuldigen Sie“, sagte Hanni. „Wir suchen die Hausmutter.“

„Das bin vorläufig ich“, erwiderte die Fremde. „Eure Hausmutter ist während der Ferien krank geworden. In der nächsten Zeit soll ich sie vertreten. Ich hoffe, dass wir gut miteinander auskommen werden.“

Die Mädchen schwiegen. Die alte Hausmutter war rund und fröhlich gewesen. Sie hatte Vertrauen erweckt. Diese Hausmutter jedoch wirkte dürr und säuerlich. Ihre dünnen Lippen waren zu einem Strich zusammengezogen und ihre Augen schauten kühl zu den Mädchen hin.

„Wir haben unsere Hausmutter schon vermisst“, sagte Bobby. „Im Allgemeinen begrüßt sie nämlich die Neuen im Hof. Dieses Mädchen hier gehört dazu. Sie muss Ihnen eine Liste von allen Sachen geben, die sie mitgebracht hat.“

„Das weiß ich, danke“, sagte die Hausmutter und legte ihre Näharbeit weg. „Schickt bitte alle neuen Mädchen zu mir! Wie viele sind denn schon da?“

Die Mädchen wussten es nicht. Das soll sie doch selbst herausfinden!, dachten sie bei sich. Bei ihrer alten Hausmutter wäre das anders gewesen. Sie hätte die neuen Mädchen herzlich und freundlich begrüßt und sich um sie gekümmert.

„Das ist Bettina Müller-Stobe“, sagte Hanni schließlich. „Und dann haben wir noch eine Neue gesehen. Unsere Cousine Elli ist mit ihr unterwegs.“

Die Mädchen verabschiedeten sich und ließen Bettina bei der neuen Hausmutter. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, sahen sie einander an. „Die erinnert mich an eine Flasche Essig!“, sagte Hanni.

Die anderen lachten. „Hoffentlich ist unsere alte Hausmutter bald wieder zurück“, sagte Bobby. „Lindenhof kommt einem ganz komisch vor, wenn sie nicht da ist.“

In dem Moment kam Elli an, aufgeregt und strahlend. Der „Engel“ war bei ihr.

„Oh“, sagte Elli. „Hanni, Nanni, Bobby, Hilda - das ist die Baronesse Angela von Faber.“

Bobby grinste.

„Früher hatte ich mal eine Puppe, die hieß Angela“, sagte sie. „Die sah dir eigentlich recht ähnlich!“

„Wo ist die Hausmutter nur?“, fragte Elli. „Ich suche sie schon die ganze Zeit.“

„Wir haben eine neue Hausmutter“, erklärte ihr Bobby. „Sicher magst du sie genauso wenig wie wir!“

Bobbys gerade Art und ihre laute Stimme gefielen der Baronesse anscheinend gar nicht. Mit ihrer hohen Stimme sagte sie: „Wir sollten jetzt zur Hausmutter gehen. Ich möchte endlich meine Sachen auspacken.“

Zusammen mit Elli ging sie weg. Hilda lachte. „Ich weiß, wo Elli in den nächsten Monaten zu finden ist - zu Füßen der Baronesse!“

In der neuen Klasse

„Schaut“, sagte Bobby, „da ist noch eine Neue. Sie hat anscheinend schon ihre Sachen ausgepackt. Sieht so aus, als ob sie auch in unsere Klasse käme.“

Das Mädchen kam näher und blieb stehen, als Bobby sie ansprach. „Hallo, du bist neu, nicht wahr? In welche Klasse kommst du?“

„In die fünfte“, erwiderte das Mädchen. „Ich heiße Irene Petersen.“

„Wir sind auch in der fünften“, sagte Hanni und stellte sich und die anderen vor. „Sollen wir dich herumführen und dir alles zeigen? Im Allgemeinen macht das ja die Hausmutter, aber diesmal haben wir eine neue, die sich noch nicht so auskennt oder sich vielleicht auch keine Mühe machen will!“

Das Mädchen sah plötzlich verärgert aus. „Ich weiß schon Bescheid, danke“, sagte sie steif. „Ich bin bereits eine Woche hier.“

Ohne ein weiteres Wort lief sie weg. Die anderen starrten ihr verwundert nach.

„Was hat die nur gebissen?“, fragte Bobby. „So unfreundlich braucht man wirklich nicht zu sein. Und was soll das heißen: Sie ist schon eine Woche hier? Kein vernünftiger Mensch kommt mitten in den Ferien!“

In dem Augenblick erschien Marianne mit Carla. „Hallo, wie geht‘s?“, begrüßten die Klassenkameradinnen die beiden Freundinnen. „Nett, euch wiederzusehen. Habt ihr das Mädchen gesehen, das gerade gegangen ist? Sie heißt Irene Petersen und tut, als gehöre die ganze Schule ihr!“

„Nein, gesprochen habe ich noch nicht mit ihr“, erwiderte Marianne. „Aber ich weiß, dass ihre Mutter die neue Hausmutter hier ist. Unsere alte ist ja krank geworden. Irene ist seit einer Woche mit ihrer Mutter in Lindenhof.“ Bobby pfiff durch die Zähne. „Kein Wunder, dass sie sich geärgert hat, als ich ein paar unfreundliche Bemerkungen über unsere neue Hausmutter machte. Übrigens gefällt mir diese Irene nicht sonderlich.“

„Wir müssen sie erst mal näher kennenlernen“, meinte Hilda, vernünftig wie sie nun mal war. „Manchmal täuscht der erste Eindruck.“

Unter ihrer Klassenlehrerin, Frau Ellis, gewöhnten sich die Mädchen bald an den Schulalltag. Die Baronesse Angela von Faber wurde äußerlich immer mehr einem Engel ähnlich und sie strich sich während des Unterrichts ständig über ihr langes, goldgelocktes Haar.

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„Wisst ihr, dass sie nur handgearbeitete Schuhe trägt?“, berichtete Elli den Zwillingen. „Und zu jedem Kleid hat sie eine passende Handtasche, mit Goldbuchstaben drauf!“

„Sei still“, sagte Hanni. „Wen interessiert das schon? Deine liebe Angela ist schrecklich eingebildet.“

„Warum auch nicht?“, erwiderte Elli, die ihre neue Freundin sofort in Schutz nahm. „Ich wäre auch stolz, wenn ich aus einer so alten Familie käme und so reich wäre und so wunderschöne Sachen hätte.“

„Du bist schon angesteckt“, meinte Nanni ärgerlich, „warum musst du dich dauernd an so oberflächliche Menschen hängen? Wichtig ist, was du bist, nicht, was du hast!“

„Ich bin froh, dass Angela meine Freundin ist“, erwiderte Elli gereizt. „Ich finde sie wundervoll.“

„Schade nur, dass sie so wenig Verstand hat“, spottete Bobby. „Ich glaube, sie kann noch nicht mal das kleine Einmaleins.“

Angela war wirklich sehr eingebildet - auf ihre vornehme Herkunft, auf ihren Reichtum, auf ihre vielen Autos und ganz besonders auf ihr gutes Aussehen. Nur wenige Mädchen fanden Gnade vor ihren Augen. Elli war die Einzige der Klasse, die sie zur Freundin erwählte, denn Elli war hübsch, hatte gute Manieren und bewunderte die schöne Angela aus tiefstem Herzen.

Auf die meisten anderen Schülerinnen sah Angela hochmütig herab. Bobby konnte sie nicht ausstehen. Carlotta? Ein ehemaliges Zirkusmädchen?

Carlotta ärgerte sich nicht darüber. Sie schämte sich ihrer Vergangenheit keineswegs. Carlottas verstorbene Mutter war Zirkusreiterin gewesen. Seit ein paar Jahren lebte Carlotta in den Ferien im Haus ihres wohlhabenden Vaters und unter den strengen Augen ihrer Großmutter. Sie hatte sich an ein bürgerliches Leben, an geregelte Schulstunden und die Internatsvorschriften gewöhnt - doch nie vergaß sie ihre abenteuerliche Zeit beim Zirkus. Oft brachte sie ihre Klasse zum Lachen, wenn sie ganz plötzlich auf den Händen herumspazierte oder einen Schwall spanischer Schimpfworte ausstieß.

Elli hatte Angela die Lebensgeschichte aller Mädchen erzählt und Angela hatte ihre kleine Nase gerümpft, als sie erfuhr, dass Carlotta tatsächlich als Zirkusreiterin aufgetreten war.

„Wie kann man nur solche Leute in einer guten Schule aufnehmen. Skandalös!“, sagte sie entrüstet. „Wenn meine Mutter das wüsste!“

„Warum bist du eigentlich gerade nach Lindenhof gekommen?“, erkundigte sich Elli neugierig. „Es gibt doch viel vornehmere Internate - ich meine Schulen, in denen man gar nicht so viel lernen muss, in denen man ein angenehmes, unterhaltsames Leben führen kann.“

„Ich wollte ja gar nicht herkommen. Meine Mutter hatte eine viel nettere Schule für mich ausgewählt, aber mein Vater hat seltsame Ansichten. Er meinte, meine Ecken müssten abgeschliffen werden.“

„Aber Angela, du hast doch gar keine Ecken“, sagte Elli. „Wirklich, ich kann nicht einen einzigen Fehler an dir entdecken!“

Solche schmeichelnden Worte hörte Angela gern. Sie schaute ihre Freundin mit unschuldigen blauen Augen an und setzte ein liebreizendes Lächeln auf.

„Du sagst immer so reizende Dinge, Elli“, rief sie. „Du bist bei Weitem das netteste Mädchen der Klasse. Ganz anders als Irene und diese schreckliche Carlotta oder diese eingebildete Bettina Müller-Stobe!“

Bettina war auch bei den anderen nicht beliebt. Auf ihre Art genauso hochnäsig wie Angela - nur passte diese Eigenschaft überhaupt nicht zu ihrem Aussehen. Sie trug keine eleganten Kleider und besaß keine kostbaren Sachen. Außerdem war sie kein bisschen hübsch.

Bettina und Angela versuchten sich immer gegenseitig zu übertreffen. Beide wollten die reichsten und vornehmsten sein. Die anderen kicherten, wenn sie die zwei protzen hörten.

„Mein Vetter hat ein eigenes Sportflugzeug“, erzählte Angela einmal. „In den Ferien darf ich mit ihm fliegen.“

„Bist du denn noch nicht geflogen?“, wunderte sich Bettina. „Meine Güte, das habe ich längst hinter mir. Zum ersten Mal saß ich in einem Flugzeug, als ich bei den reichen Brockmanns zu Gast war. Stell dir nur vor, die haben zwölf Badezimmer in ihrem Haus. Aber es ist ja auch ein richtiges Schloss! Und dort habe ich ...“

„Ich wette, dass ihr nicht ein einziges Badezimmer daheim habt“, sagte Angela gehässig. „Wir haben aber fünf!“

„Und wir haben sieben, wenn man die zwei des Personals dazurechnet“, sagte Bettina sofort. Die anderen Mädchen starrten sie überrascht an. Von Angela konnten sie sich vorstellen, dass sie zu Hause über eine Flucht von Badezimmern verfügte, aber Bettina sah nicht nach Reichtum aus. Sie wirkte eher ärmlich.

„Jetzt muss ich einmal unsere Badezimmer zählen“, spottete Bobby. „Drei für mich - vier für meine Mutter - fünf für Papa - zwei für Gäste - wie viel sind denn das gleich?“

„Dummkopf.“ Hanni kicherte. Angela und Bettina runzelten ärgerlich die Stirn.

„Ich kann mich gar nicht erinnern, ob wir zu Hause überhaupt ein Badezimmer haben oder nicht“, sagte Hilda grinsend. „Da muss ich wirklich scharf nachdenken!“

Aber all das half nichts. Angela und Bettina fuhren mit ihrer Protzerei fort und jede versuchte die andere auszustechen. Einmal ging es um die Badezimmer, dann um Autos. Und wussten sie sich mit Autos nicht mehr zu übertrumpfen, dann mussten die Mütter herhalten - kostbar gekleidete, wunderschöne Mütter. Die Klasse wurde es langsam leid, diese ewigen Prahlereien anzuhören. Nur Irene schien es nicht viel auszumachen, dass Angela und Bettina sie von oben herab behandelten. Für sie gab es nur einen Gesprächsstoff - und das war ihr älterer Bruder. Er arbeitete in der nächstgrößeren Stadt und Irene schwärmte ihn an.

„Er heißt Edgar“, sagte sie. „Aber alle nennen ihn Eddy.“

„Das kann ich mir vorstellen“, sagte Angela gehässig. „Und wenn er Alfred hieße, würdet ihr ihn Freddy nennen, und wenn er Herbert hieße, dann wohl Berty, und wenn er ...“

Irene wurde rot vor Ärger. „Du bist gemein, Angela“, sagte sie. „Warte nur, bis du Eddy kennenlernst. Dann wirst du anders über ihn reden. Er sieht fantastisch aus, und wenn er lächelt, muss man ihn einfach gern haben. Er ist der beste Bruder der Welt. Wir haben unseren Vater sehr früh verloren, und deshalb muss unsere Mutter arbeiten und Eddy konnte nicht studieren.“

„Deine Familienangelegenheiten interessieren mich nicht!“, sagte Angela kühl und stolzierte mit Elli davon.