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01.jpgEin Ferienjob winkt

Im Internat Lindenhof fehlte Frau Roberts.

„Au prima! Da fällt heute Erdkunde aus“, sagte Hanni Sullivan zu ihrer Zwillingsschwester Nanni. „Ob Frau Roberts wieder krank ist? Sie war doch schon mal ein paar Wochen weg.“

Nein - krank war die Lehrerin diesmal nicht. Nach einer Woche erschien sie wieder. Aber sie war wie umgewandelt, viel vergnügter und nicht halb so streng wie sonst.

„Ob sie eine Erbschaft gemacht hat?“, rätselte Hanni.

Mit dieser Vermutung traf sie ins Schwarze. Eine ältere Tante hatte ihr ein Ferienheim vermacht. Die einzige Bedingung war, dass Frau Roberts ihren Beruf aufgab und das Heim übernahm.

Das erzählte sie ein paar Mädchen aus den oberen Klassen, die sie eines Tages zu sich ins Zimmer gebeten hatte. Hanni und Nanni waren dabei, auch ihre Freundin Hilda Wentworth.

„Ich habe einen besonderen Grund, dass ich euch zu mir eingeladen habe“, fuhr Frau Roberts fort und ließ den Kuchenteller erneut herumgehen. „Ich will euch nämlich etwas vorschlagen beziehungsweise euch um etwas bitten.“

Da horchten sie alle auf. Sollten sie ihre Sachen packen und das Heim neu einrichten helfen? Es war ja nur noch eine Woche bis zu den großen Ferien.

„Ihr könnt euch denken, dass nun viel Arbeit auf mich zukommt. Das ist an sich nicht schlimm, ich kann mir ja Hilfskräfte nehmen und habe sogar schon welche. Aber in dem Haus wohnen eine Menge Gäste, die ihren Erholungsurlaub deshalb nicht unterbrechen möchten oder auf ihre Bequemlichkeiten verzichten wollen, weil ich meine Tante ablöse. Sie wollen auch in dieser Übergangszeit gut betreut werden. Denen kann man nicht bloß das Essen hinstellen und ihnen die Zimmer richten. Man muss sich um ihre kleinen Extrawünsche kümmern und dafür sorgen, dass sie dort einen wirklich schönen Urlaub verbringen. Das aber schaffe ich einfach nicht, schon gar nicht mit fremden Helfern. Deshalb habe ich gedacht, ob nicht ein paar von euch mitkommen und mich ein wenig unterstützen wollen. Habt ihr Lust?“

Die Mädchen sahen sich an. Das kam ziemlich unerwartet! Ob sie das überhaupt konnten? Und was für Menschen wohnten eigentlich in dem Heim? Kranke? Alte?

Hilda fragte schließlich: „Was sind denn das für Gäste, Frau Roberts? Sind sie pflegebedürftig?“

Die Lehrerin lachte. „Das würde ich euch nicht zumuten. Ich war ja nur einige Tage dort und kann nicht allzu viel sagen. Aber ich habe ein paar sehr nette Leute kennengelernt: zwei Studentinnen, die gerade ihr Examen hinter sich haben; einen alten Herrn, der täglich ein paar Stunden durch den Wald läuft und Blumen oder Steine sammelt; eine junge Ärztin; eine Malerin - ja, und eine Lehrerin. Vor allem sind ein paar Familien da, also auch Kinder. Insgesamt wohnen dort vielleicht zwanzig Gäste. Eine Köchin sorgt fürs Essen und zwei Zimmermädchen halten Zimmer und Haus in Ordnung. Mir wird es später gewiss einmal großen Spaß machen, mich um alles zu kümmern. Im Augenblick fürchte ich aber, dass mir die Arbeit über den Kopf wächst. Ich muss ja erst einmal die ganze Verwaltung in den Griff kriegen. Was meint ihr zu meinem Vorschlag?“

Einige Mädchen nickten, andere blieben still und zwei sagten gleich: „Wir dürfen bestimmt nicht, weil unsere Eltern mit uns verreisen wollen.“

Hanni und Nanni hatten sich zunächst nur angesehen. Lust hatten sie wohl, aber was würden die Eltern sagen?

„Bis wann müssen Sie Bescheid haben, Frau Roberts?“, fragte Hilda wieder.

„Ist es zu früh, wenn ich sage: in zwei Tagen? Ihr könnt gern auf meine Kosten mit euren Eltern telefonieren. Frau Theobald weiß Bescheid und ist einverstanden. Sie erlaubt sogar, dass ihr zwei oder drei Tage die Schule schwänzt!“

Das sagte die strenge Frau Roberts!

Nun, die Eltern der Zwillinge hatten nichts dagegen, dass Hanni und Nanni in Frau Roberts’ Ferienheim gingen. Ihr Vater konnte sowieso einstweilen noch keinen Urlaub nehmen. „Vielleicht überraschen wir euch in ein paar Wochen dort“, schrieb die Mutter, nachdem sie ihren Töchtern schon telefonisch ihre Zustimmung gegeben hatte.

Hilda durfte ebenfalls mit. Von den Mädchen aus den anderen Klassen sagten Andrea Peters, Rose Grill und Conny Rust zu. Und Erika Klose, Connys Freundin, bat Frau Roberts, sie ebenfalls mitzunehmen. „Eigentlich wollte Conny mich nämlich in den Ferien besuchen“, berichtete sie. „Wir möchten gern ein paar Wochen zusammen sein.“

„Dann kommst du natürlich mit“, antwortete Frau Roberts, die von allen anderen Absagen bekommen hatte. „Du bist ja ein verständiges Mädchen. Ich dachte bloß, dass du ein bisschen klein bist.“

„Klein, aber oho“, sagte Conny lachend. Sie stand natürlich daneben, um Erikas Bitte zu unterstützen.

„Wo liegt denn das Heim?“, hatte Hanni gefragt, als sie Frau Roberts die Zusage brachten.

„Ziemlich abseits“, war die Antwort. „In einem Tal, umgeben von Wald. Früher befand sich dort eine Sägemühle. Deshalb haben meine Verwandten es Fuchsenmühle getauft.“

„Warum gerade Fuchsenmühle?“

„Weil sich die Füchse dort Gute Nacht sagen!“ Frau Roberts lachte. „Wenigstens hat meine Tante es mir so erklärt. Aber erschreckt nicht. So abgelegen ist es nun auch wieder nicht. Inzwischen gibt es eine gute Straße bis zu dem Anwesen. Und zweimal am Tag verkehrt ein Omnibus.“

Vier Wochen sollten sie wenigstens bleiben, so verabredeten sie es. „Doch ich setze euch danach nicht etwa an die Luft“, meinte Frau Roberts. „Wahrscheinlich werde ich froh sein, wenn ein paar von euch es noch länger dort aushalten.“

Zwei Tage vor Schulschluss reisten sie alle zusammen ab. Ihre Freundinnen winkten ihnen nach, manche waren ein bisschen neidisch.

Die Zwillinge und Hilda waren die Ältesten, sie fühlten sich verantwortlich, passten auf, dass alle einen Platz fanden und das Gepäck richtig verstaut wurde.

Frau Theobald, die Direktorin, kam selber mit zur Bahn.

Am Abend vorher hatte sie für Frau Roberts zum Abschied eine schöne Feier veranstaltet. „Ich besuche Sie bestimmt einmal“, versicherte sie ihr.

Sie mussten zwei Stunden mit der Bahn fahren. Dann rief Frau Roberts: „In zehn Minuten sind wir da.“

Am Bahnhof wartete ein Kleinbus. Daneben stand ein würdiger älterer Mann. Als er Frau Roberts entdeckte, schwenkte er den Hut.

„Da sind wir also, Herr Marcel!“

Das Gepäck von sieben Mädchen und dazu die beiden großen, schweren Koffer von Frau Roberts - das alles musste im Bus verstaut werden. Aber Marcel war nicht zu erschüttern. Mit großem Geschick verlud er alles. Es blieb noch reichlich Platz für die Fahrgäste. Frau Roberts setzte sich vorn neben ihn.

„Er stammt aus Frankreich“, hatte sie den Mädchen schnell berichtet, solange er mit dem Gepäck beschäftigt war. „Zunächst kam er als Gast in unser Heim. Er wollte die Folgen eines Unfalls auskurieren. Dann ist er bei uns hängen geblieben. Als meine Tante nach dem Tode ihres Mannes sich dem Betrieb nicht mehr gewachsen fühlte, hat er ihr treu zur Seite gestanden. Hoffentlich hilft er auch mir über die erste schwere Zeit hinweg.“

Als sie alle im Wagen saßen, erklärte sie laut: „Dies ist also Monsieur Lati, der gute Geist unseres Hauses.“

„Die jungen Damen dürfen mich ruhig mit Marcel anreden“, sagte der Franzose. „Ich höre das sogar besonders gern. Denn die Leute hier haben meinen schönen Namen, weil er ihnen fremd klingt, einfach in Maxel umgewandelt“, setzte er lachend hinzu.

Die Mädchen lachten mit. Monsieur Marcel gefiel ihnen sofort.

„Wie schade, dass Mamsell nicht hier ist“, rief Hanni. „Sie wäre selig, wenn sie einen Landsmann träfe.“

„Genau das Gleiche habe ich eben auch gedacht“, sagte Frau Roberts. „Habt ihr eine Ahnung von Mamsells Ferienplänen?“

Nein, darüber wussten sie nichts.

„Meist fährt sie ja nach Frankreich“, meinte Hilda. „Ich glaube, außer ihrer Familie hat sie nicht viele Bekannte.“

Frau Roberts nickte. Mamsell - die ja eigentlich mit Mademoiselle angeredet werden sollte - war zwar ein bisschen wunderlich, aber dennoch eine kluge und liebe Kollegin und ein prachtvoller Mensch. Sollte sie sie nicht einladen? Es war bestimmt gut, wenn sie sich gelegentlich mit einem gleichaltrigen Menschen beraten konnte. Denn Frau Roberts hatte - das wussten die Mädchen zum Glück nicht - ein bisschen Angst, ob sie ihrem neuen Beruf gewachsen war.

„Ferienheim Fuchsenmühle“ stand über dem Torbogen, vor dem das Auto hielt. Herr Marcel stieg aus, öffnete das Tor und fuhr an dem großen runden Rosenbeet vorbei zum Haupteingang. Dann half er Frau Roberts aus dem Wagen und erklärte wie ein Kavalier: „Madame, meinen Glückwunsch zum Einzug in Ihr neues Heim.“ Dabei gab er ihr eine Rose, die er schnell abgebrochen hatte, und küsste ihr die Hand.

Staunend beobachteten die Mädchen diese feierliche Begrüßung. Frau Roberts sah verlegen zu ihnen hin. Aber Herr Marcel hatte so selbstverständlich und natürlich gehandelt, dass alle einfach „weg“ waren, wie Nanni später sagte. „Kinder, unser Mamsellchen wäre begeistert von diesem höflichen Marcel. ,Ein echter Franzose!’, würde sie rufen. Frau Roberts war auch ganz gerührt.“

„Ha, da sind sie ja, unsere Haustöchter“, rief eine fröhliche Stimme. Eine rundliche Frau mit einer großen weißen Schürze lief eilig herbei. „Ich bin die Gustel“, stellte sie sich vor, „und koche für den ganzen Laden. Mit mir müsst ihr euch also gut stellen, wenn ihr gern mal was besonders Gutes essen wollt.“

Na, das war garantiert kein Problem. Gustel machte einen unheimlich netten Eindruck! Die beiden Hausmädchen, Rosa und Hetti, sahen kaum älter aus als die Zwillinge und Hilda. Mit denen würden sie sich gewiss auch verstehen.

Die bisherige Besitzerin, Frau Wendland, begrüßte die Mädchen noch am gleichen Abend.

Sie bedankte sich bei ihnen: „Lieb, dass ihr meiner Nichte über den schwierigen Anfang hinweghelfen wollt. Sie hat mir gesagt, dass sie lauter verständige, zuverlässige Mädchen mitbringt.“

Da wurde jede einzelne von den sieben rot. Sie dachten an die vielen Strafpredigten und Strafarbeiten, die Frau Roberts ihnen - nicht ohne Grund - im Laufe der Zeit aufgebrummt hatte!

Sehr groß war die Fuchsenmühle nicht. Aber wenn nur zwanzig Gäste untergebracht wurden, war noch genügend Platz für sie alle. Und dann war auch noch das Personal da. Einen Hausburschen gab es auch noch. Tim hieß er.

„Werden wir überhaupt genug zu tun haben?“, fragte Rose Grill, ein energisches Mädchen. Sie arbeitete sehr gern und hatte sich für die Zeit in der Fuchsenmühle viel vorgenommen.

Frau Wendland lachte. „Keine Angst! Ihr werdet manchmal ganz schön ins Schwitzen kommen. Wir haben ja nicht bloß Dauergäste, die ein paar Wochen lang unsere gute Luft und die Ruhe hier genießen wollen. Nein, da tauchen oft auch Wanderer auf, die nur kurze Rast machen. Manche von ihnen bleiben auch ein oder zwei Nächte. Wieder andere besuchen ihre Freunde, die bei uns wohnen. Ihr werdet schon sehen: Es geht bei uns recht lebhaft zu.“

„Außerdem will ich euch die Ferienzeit ja nicht ganz rauben“, sagte Frau Roberts. „Ihr sollt nicht etwa den ganzen Tag von früh bis spät nur helfen. Ich bin froh, dass ich euch dabeihabe. Aber wir wollen nicht ganz vergessen, dass es eigentlich eure Freizeit ist.“