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Liebe Hanni-und-Nanni-Fans!

Die Bücher von Enid Blyton über Hanni und Nanni, die lustigen Zwillinge, gibt es seit vielen Jahren. Millionen begeisterte Leserinnen haben sie verschlungen, und wir haben zahlreiche Leserbriefe zu dieser Serie bekommen. Viele Mädchen haben uns gebeten, es solle weitergehen mit Hanni und Nanni.

Die Geschichten ab Band 16 knüpfen aber nicht an den Abschied von Internat Lindenhof an, sondern an die lustigsten und aufregendsten Erlebnisse der Zwillinge im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren.

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Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

02.jpgEin schwarzer Tag für Hanni

Als die Zwillinge ganz unerwartet die Tür zur Bibliothek aufrissen, saß Elli mit einem kleinen Handspiegel an einem der Lesetische und probierte den neuen Lippenstift aus, den sie heute im Ort gekauft hatte. Erschrocken ließ sie die Neuerwerbung in der Tasche verschwinden. Um diese Zeit war die Bibliothek für gewöhnlich wenig besucht. Es war ihr äußerst peinlich, dass man sie vor dem Spiegel ertappt hatte. Für die anderen Mädchen von Lindenhof stand sie in dem Ruf, ein unverbesserliches Modepüppchen zu sein, und diesem Ruf wollte sie keinesfalls gerecht werden. Aber dafür war es nun zu spät.

„Sieh nur, Hanni, unser Cousinchen macht sich wieder mal hübsch!“, stichelte Nanni auch gleich los und zog sich mit einem imaginären Lippenstift den Mund nach, wobei sie eine komische Grimasse zog.

„Zeig mal!“, forderte Hanni Elli auf.

Widerstrebend kramte Elli das Corpus Delicti hervor und reichte es Hanni.

„Für verführerisch glänzende Lippen - ‚Wildrose‘“, entzifferte Hanni die Schrift auf der rosaroten Kartonverpackung, die noch auf dem Tisch lag, und drehte den Stift neugierig aus der Hülse. „Ob mir die Farbe ‚Wildrose‘ steht?“, fragte sie ihre Schwester.

Aber die tippte sich nur an die Stirn. Schließlich waren sie gekommen, um ein Buch über die Französische Revolution zu holen. Mamsell, die Französischlehrerin, hatte ihnen ein Referat darüber aufgebrummt - auf Französisch natürlich! Es sollte Hanni und Nanni die Chance geben, ihre Note aufzupolieren, nachdem Mamsell ihre letzten Französischarbeiten mit einem drohenden ‚Fürchterlich‘ - oder wie sie es aussprach: ‚fürschterlisch‘ - kommentiert hatte.

„Darf ich den Lippenstift mal ausprobieren?“, wandte sich Hanni nun an Elli, der man ansah, wie unangenehm ihr die Sache war.

Es war nicht so, dass Elli sich in der Internatsschule nicht wohlfühlte. Ganz im Gegenteil! Sie fühlte sich hier in Lindenhof sogar ausgesprochen wohl. Die meisten Mädchen waren wirklich nett, und Elli hatte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten, die wohl jeder hat, wenn er in eine neue Schule kommt, richtig gut eingelebt. Nur - ihr Interesse für Kosmetik und ein gepflegtes Äußeres teilte eigentlich niemand mehr mit ihr, seit Angela den Lindenhof verlassen hatte.

Umso verwunderter sah sie zu Hanni auf, die mit dem Stift in der Hand vor ihr stand und sie fragend ansah. Sie versuchte in Hannis typischem Blick Spott zu finden, konnte aber nichts dergleichen entdecken.

Zögernd klappte sie den Taschenspiegel auf und reichte ihn ihrer Cousine. „Von mir aus, gern!“, sagte sie etwas verunsichert.

Hanni ging zum Fenster, wo das Licht besser war, und malte mit dem Stift ihren Mund nach. Dann presste sie die Lippen zusammen, wie sie es bei ihrer Mutter gesehen hatte, und hielt den Spiegel auf Armlänge von sich weg. „Schmeckt komisch“, stellte sie fest. „Sieht aber gar nicht übel aus. Was meint ihr?“

Nanni, die inzwischen den Geschichtsband herausgesucht hatte, sah fassungslos zu ihr hinüber. „Hast du sie noch alle?“, fragte sie.

„Ich finde, die Farbe steht Hanni ausgezeichnet“, sprang Elli Hanni schnell zur Seite. „‚Wildrose‘ passt genau zu ihrem Teint.“

Elli freute sich darüber, dass Hanni der Lippenstift ganz offenbar gefiel. „Ich leihe ihn dir gern, wann immer du ihn willst“, sagte sie eifrig, als Hanni ihr die hübsche Silberhülse zurückgab.

Nanni wendete sich kopfschüttelnd zum Gehen. Hanni folgte ihr.

Die Zwillinge waren sich eigentlich meistens einig, auch was ihren Geschmack anging. Deshalb kleideten sie sich meistens gleich, was es umso schwieriger machte, sie auseinanderzuhalten. Aber gerade das kosteten sie oft mit Vergnügen aus. Auch jetzt kam es nur zu einer kleinen Hakelei.

„Wen willst du denn verführen mit ‚Wildrose‘, den alten Holzbauer - oder etwa den jungen?“, mokierte sich Nanni.

„Bäh!“, Hanni streckte der Schwester ganz undamenhaft die Zunge aus dem wildrosefarbenen Mund.

Der alte Holzbauer war der Mann für alle Fälle in Lindenhof, der Hausmeister, Gärtner, Fahrer und, wenn es sein musste, auch Seelentröster. Der junge Holzbauer, auf den Nanni angespielt hatte, hieß Marc und war der Enkel des alten. Seine Eltern waren vor einigen Jahren in die USA ausgewandert. Sie hatten Marc nach dessen Schulabschluss in die Heimat geschickt, wo er bei seinem Großvater wohnen sollte, bis ihm ein Studienplatz zugeteilt wurde. Seit Marc im Gärtnerhaus wohnte, war er der erklärte Schwarm der Lindenhoferinnen. Er sah ja auch wirklich verdammt gut aus - das fanden alle. Dunkelhaarig und groß, mit sanften Augen, aus denen aber durchaus der Schalk blitzte. Marc war sich seiner Anziehungskraft sehr bewusst, und er genoss es, als unangefochtener Hahn durch seinen Hühnerstall zu stolzieren, wie sein Großvater einmal treffend bemerkt hatte. Marc war zu allen Mädchen gleichermaßen freundlich und zuvorkommend. Seit er da war, verbrachten einige Mädchen entschieden mehr Zeit vor dem Spiegel als zuvor.

Nanni knuffte Hanni in die Seite und warf ihr einen schelmischen Blick zu. „Ja, ja, ich weiß schon, um wen es geht!“, stichelte sie.

Hanni fühlte sich ertappt. Ihr Interesse an Ellis Lippenstift war wohl wirklich nicht ganz unabhängig von Gedanken, die sich um den umschwärmten Jungen rankten.

Nanni fand Marc zwar auch nett, aber im Gegensatz zu ihrer Schwester ließ sie sich von dem allgemeinen Marc-Fieber nicht anstecken. Dafür war sie zu nüchtern.

Hanni zog eine Grimasse und dann prusteten beide los. Plaudernd und gut gelaunt setzten sie ihren Weg durch den hohen, weitläufigen Gang fort, wobei ihre Stimmen laut durch das ehrwürdige Haus hallten.

Da öffnete sich plötzlich die Tür zu Frau Theobalds Büro. Mit energischen Schritten rauschte die Internatsleiterin auf die Mädchen zu. „Beherrscht euch und nehmt Rücksicht!“, fuhr sie die beiden ganz unvermittelt an. „Ihr wisst doch, dass Studierzeit ist. Von den Kleinen erwartet ihr, dass sie sich mäßigen, und ihr als Schülersprecherinnen haltet euch nicht daran.“

Hanni und Nanni erstarrten. Was war denn nur in die gute Frau Theobald gefahren?

Aber das war noch nicht alles gewesen. Jetzt fiel Frau Theobald Hannis Lippenstiftmund auf. Sie durchbohrte Hanni mit einem Blick, der Hanni wünschen ließ, im Boden zu versinken, und donnerte gleich noch einmal los.

„Hanni Sullivan - ich nehme doch an, dass du Hanni bist!“

Hanni nickte verstört.

„Schminken ist, wie du weißt, hier in Lindenhof nicht erwünscht - am wenigsten bei einer Schülersprecherin. Wir wollen hier keine Modepüppchen. Hier geht es nicht um Äußerlichkeiten, sondern um innere Werte. Deshalb seid ihr hier und deshalb bezahlen eure Eltern ein kleines Vermögen an Schulgeld.“

Hanni traten die Tränen in die Augen. Sie brachte kein Wort zu ihrer Verteidigung heraus.

„Aber Frau Theobald“, versuchte Nanni die aufgebrachte Direktorin zu beschwichtigen, „Hanni schminkt sich sonst nie, sie hat doch den Lippenstift nur einmal ausprobiert.“

Aber Frau Theobald wollte nichts hören. „Ich muss wohl ernsthaft darüber nachdenken, ob ihr als Schülersprecherinnen geeignet seid. Womöglich sollte ich Petra Erdmann und Marianne für euch eintauschen.“

Damit drehte sie auf dem Absatz um, verschwand in ihrem Büro und ließ die völlig verdatterten Zwillinge einfach stehen.

Nach einigen Schrecksekunden heulte Hanni los. Sie war erschrocken, wütend und verletzt. „Das ist gemein!“, schluchzte sie. „Wir sind gute Schülersprecherinnen, die Kleinen mögen uns und hören auf uns. Erst vor ein paar Wochen hat die Theobald unseren guten Einfluss bei den Eltern lobend erwähnt! Und jetzt das, wegen so einer Lappalie! Ich verstehe das nicht!“

Nanni war auch den Tränen nahe, aber sie war die Besonnenere von beiden. Sie legte tröstend den Arm um Hanni. „Ich möchte wirklich wissen, was in unsere gute alte Frau Theobald gefahren ist“, meinte sie nachdenklich. „Seit ein paar Wochen ist sie schon so ernst und bedrückt. Und neulich hat sie die arme Frau Willmer zusammengestaucht, bloß weil sie uns zwei Minuten zu spät aus der Pause geholt hat. Irgendetwas stimmt da nicht. Vielleicht hat sie Sorgen oder fühlt sich nicht gut.“

„Das ist mir piepegal!“, polterte Hanni los und wischte sich übers Gesicht. „Wir müssen uns auch zusammenreißen, wenn uns eine Laus über die Leber gelaufen ist. Dabei will die Theobald immer das große Vorbild sein! Und außerdem - eine Frechheit ist das! Petra Erdmann - diese Streberin, die kennt doch nur ihre Bücher. Die ist doch froh, wenn sie ihre Ruhe hat! Die gäbe eine prima Schülersprecherin ab!“

Erbost kniff Hanni die Augen zusammen und imitierte damit die kurzsichtige Petra. Dann fuhr sie in Petras leicht näselndem Ton fort: „Tut mir leid, aber jetzt und nachher und später habe ich wirklich keine Zeit für eure Problemchen, meine Kleinen. Ich muss nämlich lernen, damit ich nächstes Jahr den Nobelpreis kriege!“

Trotz der Abreibung, die ihnen noch in den Knochen steckte, heiterte Hannis Darbietung die beiden etwas auf.

„Und Marianne kann ja gar nicht Schülersprecherin werden, die ist ja schon Sportleiterin. Das würde sie nie aufgeben!“, meinte Nanni schließlich.

Je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass Frau Theobald das alles nicht ernst gemeint haben konnte. Aber warum hatte sie es dann gesagt? Sie musste ganz schön unter Strom stehen!

Verstimmt gingen die Zwillinge zu ihrem Zimmer zurück. Da stürmten mit Getöse aus dem Gemeinschaftsraum der Unterstufe ein paar Schülerinnen heraus.

„Werdet ihr wohl ruhig sein!“, brüllte Hanni sie an. „Es ist Studierzeit. Lernt ihr denn die Regeln nie?“

Die Kleinen blieben ganz verblüfft stehen. So kannten sie die lustige, nette Hanni gar nicht.

„Reg dich ab, Hanni!“, raunte Nanni ihrer Schwester zu. „Du erinnerst mich an jemanden!“

Hanni biss sich betroffen auf die Lippen.

Leise schlichen die Kleinen zum Treppenhaus. Die Zwillinge sahen ihnen nach. Sophie Melcer, eine vorwitzige blonde Göre mit Ponyschopf, drehte sich noch einmal nach ihnen um und feixte sie frech an, dann tuschelte sie mit ihren Freundinnen, die gedämpft kicherten.

Nanni schaute Hanni prüfend an. „‚Wildrose‘ ist eindeutig nicht wischfest“, stellte sie fest und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken.

Als Hanni wenig später vor dem Spiegel stand, wäre sie am liebsten im Boden versunken. Der Lippenstift war ja total verschmiert! Sie sah aus wie ein Clown. Sie hatte sich bei den Kleinen komplett lächerlich gemacht.

Aber noch etwas ließ ihr keine Ruhe. Wie hatte Frau Theobald gleich herausgefunden, dass nicht Nanni ihre Lippen geschminkt hatte?

„Ich glaube, die Theobaldine hält dich für viel anständiger als mich“, sagte sie und wusch sich das Gesicht ab. „Sie hat gleich erraten, dass ich die mit dem Lippenstift sein muss.“

„Unsinn!“, tröstete Nanni sie und kam zu ihr hinüber.

Gemeinsam betrachteten sie sich im Spiegel.

„Frau Theobald zählt unsere Sommersprossen“, sagte sie. „Schau, ich habe viel mehr davon als du!“

„Meinst du wirklich?“, fragte Hanni unsicher. Denn der Gedanke, dass Frau Theobald sie schlechter einschätzen könnte als ihre Schwester, machte sie ein wenig traurig.

„Wir sind doch ein Herz und eine Seele, Schwesterchen!“, sagte Nanni und umarmte Hanni. „Obwohl ich natürlich eindeutig die Bravere von uns beiden bin!“

Schwups, hatte sie einen nassen Waschlappen im Gesicht. Und dann begann eine wilde Jagd durchs Zimmer, die damit endete, dass die beiden ganz außer Atem auf dem Teppich lagen und vor sich hinjapsten.