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Liebe Hanni-und-Nanni-Fans!

Die Bücher von Enid Blyton über Hanni und Nanni, die lustigen Zwillinge, gibt es seit vielen Jahren. Millionen begeisterte Leserinnen haben sie verschlungen, und wir haben zahlreiche Leserbriefe zu dieser Serie bekommen. Viele Mädchen haben uns gebeten, es solle weitergehen mit Hanni und Nanni.

Die Geschichten ab Band 16 knüpfen aber nicht an den Abschied von Internat Lindenhof an, sondern an die lustigsten und aufregendsten Erlebnisse der Zwillinge im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren.

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Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

02.jpgClaudine hat einen Plan

Claudine stürmte ins Zimmer. Sie fuchtelte aufgeregt mit einem kleinen Buch. „Ich hab eine sensationelle Idee!“

Hanni und Nanni, die eben über den Hausaufgaben brüteten, sahen erstaunt hoch.

Jenny legte die Zeitschrift weg, in der sie gerade gelesen hatte. Ein spöttischer Zug umspielte ihre Mundwinkel. „Das wird wieder so was sein!“

Claudine runzelte die Stirn. „Wenn‘s euch nicht interessiert - dann eben nicht! Pah!“ Sie verschränkte die Arme und drehte sich schmollend um.

„Jetzt hast du sie beleidigt“, sagte Nanni zu Jenny.

Jenny grinste. „Excusez-moi!“

„Na, rück schon raus mit der Sprache!“, forderte Hanni Claudine amüsiert auf. „Du platzt ja gleich!“

Ohne Jenny eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte sich Claudine zu den Sullivan-Zwillingen. Sie deutete auf das ledergebundene Büchlein, das sich bei näherem Hinsehen als Kalender erwies. „In vier Wochen hab ich Geburtstag!“

Jenny klatschte theatralisch in die Hände. „Na, so etwas! Claudine hat herausgefunden, wann sie Geburtstag hat!“

Claudine streckte ihr die Zunge raus.

„Beachte Jenny gar nicht“, sagte Hanni, jetzt doch neugierig geworden. „Was ist denn mit deinem Geburtstag?“

„Er fällt auf Vollmond!“, erklärte Claudine strahlend.

Jenny brummelte feixend etwas in sich hinein. Nanni sah sie streng an.

Claudine setzte eine geheimnisvolle Miene auf und machte eine kleine Pause, um die Spannung zu erhöhen.

„Wir feiern in meinen Geburtstag hinein. Und dazu gebe ich eine Vollmondparty auf der Hirtenwiese!“, sagte sie schließlich und blickte triumphierend in die Runde.

„Ist ja irre!“, sagte Hanni.

Sabrina betrat das Zimmer. „Was ist irre?“, fragte sie. Als Hanni ihr erklärt hatte, worum es ging, tippte sie sich an die Stirn. „Das ist wirklich irre! Die gute Theobaldine trifft der Schlag, wenn wir nachts das Schulgelände verlassen.“

Nanni nickte. Sabrina hatte ganz recht. Frau Theobald, die Internatsleiterin, und ebenso die Hausmutter, wären sicher entsetzt, wenn ihre Mädchen mitten in der Nacht das Gebäude verließen.

Aber jetzt war es Jenny, die Claudine zur Seite sprang. „Also, ich finde die Idee großartig. Dann ist endlich mal was los in dem alten Kasten hier. So eine Vollmondparty ist doch was ganz anderes als die langweiligen Feste im kleinen Musiksaal.“

Claudine nickte ihr geschmeichelt zu. Jenny Robins war zwar eine Spottdrossel, aber für ein Abenteuer war sie immer zu haben.

Hanni kaute nachdenklich auf einem Stift herum. „Mir gefällt die Idee auch“, sagte sie. „Wenn alle mitmachen, gibt es im schlimmsten Fall eine Standpauke und Ausgehverbot. Schließlich kann die Theobaldine nicht die halbe Oberstufe rausschmeißen - und Sabrina schon gar nicht, wo ihr Vater doch der Eigentümer von Lindenhof ist.“

Sabrina zwinkerte Hanni verschmitzt zu. „Da ist was dran. Mich kann sie wirklich schlecht rausschmeißen. Und schließlich sagt Frau Theobald immer: gleiches Recht für alle!“

Das leuchtete Nanni ein. „Na gut“, lenkte sie ein. „Aber besser ist es, wenn es erst gar nicht rauskommt. Wir müssen verflixt vorsichtig sein!“

Claudines Augen blitzten vor Abenteuerlust. „Vorsicht ist der Vater der Geschirrschachtel“, sagte sie.

Die Mädchen lachten.

„Die Mutter der Porzellankiste“, verbesserte Nanni. „Du bist ein hoffnungsloser Fall!“

Claudine war Französin. Sie und ihre kleine Schwester Antoinette besuchten das Internat, weil ihre Tante, die von allen nur Mamsell genannt wurde, in Lindenhof Französisch unterrichtete. Die beiden Mädchen sollten hier eine ordentliche Schulbildung bekommen und ihre Deutschkenntnisse verbessern. Claudine sprach im Allgemeinen auch gut Deutsch, nur mit den Redewendungen stand sie ständig auf Kriegsfuß. Claudine machte sich nichts aus ihrem Fehler. Sie genoss es, dass sie die anderen für ihre Idee begeistert hatte.

„Wir sitzen ums Lagerfeuer und braten Würstchen. Dazu der Mond, die Sterne, Grillen zirpen ...“ Sie verdrehte träumerisch die Augen. „Ah, das wird herrlich!“

Beim Abendessen trug Claudine den Plan ihren Tischgenossinnen vor. Doris und Bobby, die für jeden Unsinn zu haben waren, waren sofort dabei, ebenso Carlotta, die als Zirkuskind gewagte Vorhaben liebte. Molly fand die Aussicht, Würstchen zu braten, sehr verlockend.

Nur Elli hatte Bedenken. „Ich weiß nicht“, sagte sie, „das kommt doch bestimmt raus, und dann gibt‘s einen Mordsspektakel. Und ihr“, sie wandte sich an die Zwillinge, „ihr als Schülersprecherinnen kriegt dann wahrscheinlich das meiste Fett weg.“

„Fett?“ Claudine sah Elli entgeistert an.

„Ärger“, erklärte ihr Jenny kurz. Dann wandte sie sich mürrisch an Elli. „Alte Unheilsunke!“

Nanni stocherte nachdenklich in ihrem Essen.

Hanni, die genau wusste, was jetzt in ihrer Schwester vorging, rempelte sie an. „Mensch, Nanni, lass dir doch von Elli nicht den Spaß verderben! Gut, wir sind Schülersprecherinnen! Aber deshalb müssen wir nicht mit einem Heiligenschein herumlaufen. Elli sieht doch sowieso immer schwarz.“

Sie funkelte ihre Cousine böse an. Warum musste Elli immer zuerst das Negative sehen? Manchmal war es wirklich nicht leicht, sie gern zu haben. Sie konnte eitel und besserwisserisch sein. Dabei hatte sie doch eigentlich einen guten Kern.

Hanni nickte Nanni aufmunternd zu. „Und außerdem kommt es gar nicht raus!“

„Was kommt nicht raus?“

Hanni drehte sich erschrocken um und biss sich auf die Lippen. Claudines kleine Schwester stand hinter ihr. Antoinette, die heute Tischdienst hatte, stellte mit einem herausfordernden Blick eine Kanne Tee auf den Tisch.

Claudine scheuchte sie mit einer Handbewegung weg. „Lauschen gehört sich nicht!“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Genau“, sagte Doris. Sie legte beide Hände wie Hasenlöffel an den Kopf und verzog das Gesicht zu einer Fratze. „Davon kriegt man sooo große Ohren!“

Antoinette trollte sich mit einem frechen Lachen.

Elli starrte missmutig auf ihren Teller.

„Also, wer ist dabei?“, fragte Claudine.

Alle meldeten sich, nur Elli zögerte. Als die anderen sie gespannt ansahen, gab sie sich einen Ruck und hob zögernd den Zeigefinger.

„Sehr gut“, sagte Claudine sichtlich zufrieden. „Einstimmig angenommen!“

Einige Tische weiter saß ein kleines dunkelhaariges Mädchen und lugte neugierig zu den Großen hinüber.

Neuigkeiten

Aber schon der nächste Tag brachte Neuigkeiten, die Claudines Plan vorübergehend verblassen ließen.

Frau Theobald hatte die Zwillinge und Elli nach dem Abendessen zu sich ins Büro bestellt. Obwohl sich die Mädchen am Tisch die Gehirne zermarterten, was die Internatsleiterin von den dreien wollte, kamen sie zu keinem Ergebnis.

„Ob schon was durchgesickert ist von der Vollmondparty?“, fragte Elli ängstlich.

„Quatsch!“, fuhr Jenny ihr über den Mund. „Woher soll sie das denn wissen? Wir sind doch keine Klatschweiber, oder?“ Sie sah prüfend in die Runde.

Entrüstet schüttelten alle die Köpfe. „Und außerdem“, fuhr Jenny fort, „würde sich die Theobaldine dann die Schülersprecherinnen und Claudine vorknöpfen, und nicht dich.“

Das leuchtete Elli ein. Trotzdem hatte sie ziemlich Bauchschmerzen, als sie und die Zwillinge wenig später an Frau Theobalds Tür klopften.

„Herein!“

Zögernd betraten die Mädchen den gemütlichen, wohlbekannten Raum mit dem schweren alten Eichenschreibtisch und den deckenhohen Regalen, deren Bretter sich unter der Last der vielen Bücher bogen.

Frau Theobald deutete zu einer kleinen Polstergruppe hinüber. „Setzt euch!“

Beklommen gingen die drei über den dicken grünen Teppich und setzten sich auf die Sofakante.

Frau Theobald nahm ihnen gegenüber auf einem ausladenden Lehnstuhl Platz.

Verflixt, warum hab ich eigentlich immer ein schlechtes Gewissen, wenn die Theobaldine uns rufen lässt, dachte Hanni. Dabei haben wir doch gar nichts angestellt. Jedenfalls bis jetzt nicht.

Frau Theobald schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Sie lächelte. „Da ihr die Schülersprecherinnen seid, möchte ich euch davon unterrichten, dass Lindenhof nächste Woche eine neue Schülerin aufnehmen wird.“

Die Zwillinge und Elli atmeten auf. Darum ging es also!

„Das ist aber noch nicht alles“, sagte Frau Theobald weiter. „Es kommt noch jemand. Herr Holzbauer ist schon recht alt geworden, und er kann eine Hilfe gebrauchen. Deshalb habe ich Herrn Schwarz eingestellt.“ Sie sah Elli an. „Es wird dir sicher nicht gefallen, Elli, aber Herr Schwarz wird in deinem Zimmer wohnen. Es liegt nahe zum Treppenhaus und verfügt über ein eigenes Waschbecken. Du ziehst zu Molly und Carlotta.“

Elli schnappte nach Luft. Seit ihre Zimmergenossin vor einigen Wochen das Internat verlassen hatte, weil ihre Familie nach Australien ausgewandert war, bewohnte Elli das Zweierzimmer allein.

Noch ehe sie etwas entgegnen konnte, fuhr Frau Theobald fort. „Ich weiß, dass euch in der Oberstufe Zweierzimmer zustehen, aber im Moment lässt sich das nicht anders machen. Wir platzen aus allen Nähten.“

Elli war knallrot geworden. „Aber warum ausgerechnet zu Carlotta und Molly?“, stieß sie hervor.

Frau Theobald ließ sich nicht beirren. „Weil ich denke, dass es den beiden guttut, wenn ihnen jemand etwas Ordnung beibringt.“

Elli starrte sie fassungslos an. Molly und Carlotta hatten bekanntlich das chaotischste Zimmer im ganzen Haus. Da keine von beiden Wert auf Aufräumen legte, sah es bei ihnen oft aus wie nach einem Erdbeben. Die Hausmutter war schon ganz verzweifelt.

„Bitte nicht zu Carlotta und Molly“, flehte Elli.

„Kann sie nicht zu Bobby und Doris ziehen?“, schlug Hanni vor, der ihre Cousine richtig leidtat.

„Gute Idee“, stimmte ihr Nanni zu. „Die haben doch ein ziemlich großes Zimmer.“

Die Internatsleiterin schüttelte den Kopf. „Dort wird Saskia - so heißt die neue Schülerin - wohnen. Informiert bitte auch die anderen über die Veränderungen und sorgt dafür, dass Ellis Zimmer bis Ende der Woche frei geräumt ist! Dass ihr nett zu dem neuen Mädchen seid, versteht sich ja von selbst.“ Sie stützte die Hände auf die Armlehnen und stand auf. „Nun, das war‘s auch schon!“

Ganz benommen folgte Elli den Zwillingen hinaus. „Ein Albtraum!“, sagte sie niedergeschmettert. „Mit Molly und Carlotta - das klappt keine fünf Minuten!“

Nanni legte den Arm um ihre Cousine. „So schlimm wird‘s schon nicht werden.“

Molly und Carlotta waren nicht weniger entsetzt, als sie erfuhren, dass Elli bei ihnen einziehen sollte.

„Wo die so etepetete ist“, jammerte Carlotta. „Wir haben‘s doch so gemütlich hier.“

Nanni sah sich um. Gemütlich konnte sie es nicht gerade finden. Überall lagen Klamotten herum. Die Regalbretter der beiden quollen über vor Krimskrams, und Staub war ganz offensichtlich schon monatelang nicht mehr gewischt worden.

Aber obwohl beide Seiten alles andere als begeistert waren, blieb ihnen nichts weiter übrig, als sich zu fügen.

So kam es, dass in den nächsten Tagen reges Treiben auf dem Flur herrschte.

Doris und Bobby waren froh, dass Elli nicht bei ihnen wohnen sollte, und fanden, dass sie mit der Neuen das kleinere Übel abbekommen hatten. Und vielleicht war diese Saskia ja sogar ganz nett.

Unter Anleitung der Hausmutter schleppten die Mädchen zwei Bettgestelle und Nachtkästchen vom Dachboden, und Herr Holzbauer half ihnen beim Aufbauen.

„Ich weiß wirklich nicht, was sich Frau Theobald gedacht hat“, brummelte er, während er Ellis Bett zusammenschraubte. „Hält die mich für einen Tattergreis, oder was? Ich brauch noch lang keine Hilfe!“

Die Sache mit Herrn Schwarz beschäftigte alle. Warum musste er ausgerechnet im Wohntrakt der Mädchen untergebracht werden? Dass Herr Holzbauer ihn nicht in der kleinen Hausmeisterwohnung aufnehmen

03.jpgkonnte, war verständlich. Aber konnte dieser Herr Schwarz nicht im Ort wohnen? Vor allem Doris und Bobby fanden die Aussicht, ihn im Zimmer neben sich zu haben, nicht gerade verlockend.

Nur Jenny hielt die ganze Aufregung für völlig übertrieben. „Er wird euch schon nicht beißen!“, sagte sie, als sich die beiden beim nächsten Mittagessen darüber aufregten. „Wenn die Theobaldine Marc neben euch einquartiert hätte, würdet ihr bestimmt nicht so ein Gezeter machen.“

Als Antwort auf ihre freche Bemerkung warf Doris mit einem Brötchen nach ihr. Jenny duckte sich feixend. Das Wurfgeschoss landete am Nebentisch in Petra Erdmanns Suppenteller.

„So eine Schweinerei!“, kreischte Petra aufgebracht und putzte sich die Brille ab. Ihre Kleider, das Tischtuch - alles voller Suppenspritzer. Die Mädchen an ihrem Tisch sahen sich suchend um. Doris machte sich ganz klein. Angewidert fischte Petra das aufgeweichte Brötchen aus ihrem Teller und legte es kopfschüttelnd auf den Rand. Dann zeigte sie den anderen den Vogel und deutete mit dem Daumen zum Nebentisch. Ihre Tischgenossinnen nickten. So viel war klar, da drüben saßen einige, denen so etwas zuzutrauen war.

Aber die da drüben hielten zusammen und verrieten Doris nicht. Sie mussten sich beherrschen, um nicht loszuprusten.

„Himmel, Doris!“, sagte Jenny schließlich. „Du wirst ja zur Furie, wenn es um Marc geht.“

Doris funkelte sie wütend an. „Du musst ja nicht neben diesem Herrn Schwarz wohnen. Und was Marc angeht, den finden doch alle toll.“

„Ich nicht“, entgegnete Jenny wahrheitsgemäß.

Sie hatte zwei Brüder und fand Jungs ziemlich blöd. Dass die meisten anderen Marc, den Enkel vom alten Holzbauer, unwiderstehlich fanden, konnte sie nicht verstehen. Wenn er irgendwo auftauchte, benahmen sich viele ihrer Freundinnen wie verliebte Hühner. Ihr machte es nichts aus, dass Marc jetzt einen Studienplatz ziemlich weit weg hatte und nur noch ab und zu nach Lindenhof kam.