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Stenz

Thomas Grasberger

Stenz

Die Lust des Südens

Diederichs

Stenz. Die Lust des Südens
erscheint auch als Hörbuch.

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© 2013 Diederichs Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München

ISBN 978-3-641-10917-2
V002

www.diederichs-verlag.de

Inhalt

Einleitung oder:
Worum es überhaupt (fast immer) geht
7

Ist der Baier grundsätzlich geschlechtlich?
11

Der Lover auf dem Land
15

Stenz Royal
51

Stenz sakral
79

Stenz fatal
97

Urban Stenz
131

Stenz’ End? Ein verfrühtes Schlusswort!
219

Der Stenz-Ratgeber: 20 Tipps für den garantierten Erfolg
223

Und jetzt nachad? Schlusswort, die zweite
259

Danksagung
261

Weiter(ver-)führende Literatur
263

Einleitung oder: Worum es überhaupt (fast immer) geht

Dieses Buch handelt von der Liebe. Oder genauer gesagt von der Liebe in Baiern. Also quasi vom Bavarian Lover und seinen mehr oder weniger natürlichen Habitaten zu verschiedenen Zeiten – womit nicht (nur) Tages- oder Jahreszeiten gemeint sind, sondern auch historische Epochen. Selbstverständlich kommt in diesem Zusammenhang auch die Bavarian Loverin nie zu kurz; und zwar nicht nur als Passantin, die vom Stenz im Schwabinger Straßencafé begutachtet wird, sondern als weibliche Hauptrolle. Ohne sie geht gar nichts! Nie! Weder im Buch, noch im Leben. Das weiß niemand besser als der Stenz.

Der Begriff »Stenz« soll übrigens aus dem Rotwelschen stammen und einen Stock oder einen Wanderstab bezeichnen. Also etwas, das von Hand zu Hand geht. Womit neben der Anspielung auf das spezifisch männliche Körperteil auch die weitere Bedeutung im Sinne erotischer Vagabondage metaphorisch schön umrissen ist. Der Stenz ist also ein Frauenheld und daher recht häufig auch ein Meister in der Kunst des Flirtens. Das Wort »Stenz« weist wohl nicht zufällig eine enge klangliche Verwandtschaft auf zur »Stanz«. »Er macht einer Schönen die Stanz, den Cour, den Hof«, schreibt der bairische Schriftsteller Georg Queri (1879–1919), der beim Sprachwissenschaftler und Bibliothekar Johann Andreas Schmeller (1785–1852) im Bayerischen Wörterbuch nachgeschaut hat. Queri beschreibt in seinem Standardwerk Kraftbayrisch die Lieblingstätigkeiten der bairischen Burschen, die gern anbandeln möchten, folgendermaßen: »Auf die Stanz gehn, auf der Stanz sein: ans Kammerfenster gehn, aber auch zu irgendeinem andern Vergnügen gehn.«

Dieses Buch könnte also gut und gerne auch »Stanz« heißen, denn es geht ja um das, was sich zwischen dem Stenz und seiner Geliebten abspielt, nämlich um Liebe, Lust und Leidenschaft – im weiteren Sinn. Dass der Stenz gern auf die Stanz geht, versteht sich von selbst; dass er dabei manchmal eine halbseidene Figur ist, überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass »stenzen« so viel bedeutet wie »betrügen« oder »anführen«; oder laut Schmeller im eher scherzhaften Sinn auch so viel wie »entwenden, stehlen, schnipfen oder wegpflücken«. Der Stenz kann also manchmal auch ein kleiner Dieb, ein Gauner sein. In jedem Fall aber ist er eine schillernde Figur, die recht unterschiedliche Seiten zeigt; nicht jeder Stenz ist so harmlos und sympathisch wie der Monaco Franze, der in diesem Buch natürlich auch vorkommt. Die Palette reicht vielmehr vom geckenhaften Kleinstadt-Casanova bis zum urbanen, selbstverliebten Flaneur, vom Hallódre (= einem leichtsinnigen jungen Mann) und dem mit langem a gesprochenen Baze (= einem Tausendsassa, der aber auch durchaus ein richtiger Lump und Gauner sein kann) bis hin zum kleinkriminellen Zuhältertyp, der im bairischen Süden gern als Strizzi (sprich: Striezi) in Erscheinung tritt. Das Wörterbuch der deutschen Umgangssprache aus dem Jahr 1955 kennt den »Stenz« nur als den Zuhälter. Im Süden ist man da etwas nachsichtiger – der Begriff ist hier vielschichtiger, hat mehrere Bedeutungen. Und es ist wohl kein Zufall, dass man in München gleich mehreren sympathischen Stenzen ein Denkmal gesetzt hat.

Dieses Buch ist gedacht als eine kleine Kulturgeschichte der Lust und Leidenschaft in Baiern (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) – wobei Baiern, wie schon beim Grant – Der Blues des Südens, meist mit -ai geschrieben wird und sich im weiteren Sinn auf den bairischen Sprach- und Kulturraum bezieht (außer natürlich, wenn’s politisch wird und der Freistaat gemeint ist). Auf literarischen, historischen, ethnografischen und alltäglichen Streifzügen geht das Buch im Wesentlichen der Frage nach: Wie hält es der Baier mit der Liebe? Keine Angst bzw. keine falschen Hoffnungen: pornografisch wird’s eher selten! Zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich kein Kamasutra auf Bairisch, auch kein erotischer Wanderführer. Wenn der eine oder andere lebenspraktische Tipp mit dabei sein sollte, dann ist er – inspiriert von antiken Vorbildern – zu verstehen als ganz bescheidene »Ars armatoria Bavariae«, die sich immer wieder den drei zentralen Fragen widmet: Wo kann (oder konnte) man in Baiern ein Mädchen kennenlernen? Wie kann (oder konnte) man ihre Liebe gewinnen? Wie behält (oder behielt) man sie? Und ergänzend liefert das Buch natürlich auch mehr oder weniger brauchbare Informationen hinsichtlich des Problems »Wie wird (oder wurde) man sie wieder los?«. Die Beispiele sind übrigens keinesfalls alle zur Nachahmung empfohlen; es tun sich nämlich manchmal wahre Abgründe der Leidenschaft auf.

Auf der Suche nach den Jagdgründen des ewigen Stenzes werden wir nicht nur in die Schlafkammern von Bauernmägden vordringen, sondern auch in die Kemenaten adliger Liebhaber und in die Zellen bairischer Klöster (wo seit alters her so manches Ringen mit dem Unterleibhaftigen veranstaltet wird). Der Leser wird die magischen Rituale der Bauernerotik ebenso kennenlernen wie den ewigen Stadt-Stenz und sein Straßencafé sowie die modernen Formen des »Fensterlns«, die im Zeitalter des Hochhauses gar nicht mehr anders sein können als digital. Selbst da sind Abstürze schon schmerzhaft genug.

Kurzum, es geht um Liebesfreud’ und Liebesleid in vielen möglichen, stets jedoch bairischen Varianten. Aus Gründen der Redlichkeit sei darauf hingewiesen, dass das weite Feld von Liebe, Lust und Leidenschaften nicht in all seinen Varianten beackert werden konnte und sollte. Dies hat nichts mit der Diskriminierung Andersliebender zu tun, sondern ist allein auf den eingeschränkten Blick des Autors als heterosexueller Mann zurückzuführen. Es wird gebeten, diesen Geburtsfehler zu entschuldigen. Zunächst soll jedoch eine ganz grundsätzliche Frage beantwortet werden, nämlich: Warum ist der Baier eigentlich immer noch nicht ausgestorben?

Ist der Baier grundsätzlich geschlechtlich?

Der Mensch lebt nicht vom Grant allein – nicht einmal der männliche Mensch, und nicht einmal im bairischssprachigen Süden. Denn der Grant schafft zwar bekanntlich den erforderlichen Abstand zu unliebsamen Zeitgenossen; wahre menschliche Nähe aber entsteht nur dort, wo der Grant aufhört und geselligere Formen des Daseins – wie zum Beispiel Liebe, Lust und Leidenschaft – regieren. So weit, so gut! Aber was haben Liebe, Lust und Leidenschaft mit bairischen Männern zu tun? Diese Frage mögen sich bairische Frauen gelegentlich stellen. Vor allem aber stehen ortsfremde Damen manchmal ratlos vor solchen bairischen Mannsbildern, die ihnen ein ewig’ Rätsel bleiben. Und zwar nicht nur dann, wenn diese sich, in lustige Gewänder gehüllt, schenkelklatschend und schnaderhüpfelnd vor jenen im Kreise drehen. Nein, auch der nach mitteleuropäischen Maßstäben konventionell gekleidete Baier, der ruhig stehen bleibt und nicht jodelt, kann mitunter zum Mysterium werden.

So hat unlängst eine in der Liebeskunst nicht völlig unerfahrene Mittfünfzigerin aus der Wiesbadener Gegend zugegeben, keinerlei erotische Erfahrungen mit Südmännern gesammelt zu haben, weil sie sich gar nicht vorstellen könne, dass Liebe, Lust und Leidenschaft auch nur im entferntesten etwas mit Baiern und seinen eigentümlichen männlichen Bewohnern zu tun haben. Diese ablehnende Einschätzung der Wiesbadenerin ist bedauerlich (oder auch nicht). Verwunderlich aber ist sie keinesfalls. Das lässt sich sogar wissenschaftlich belegen.

Füttert man beispielsweise die Suchmaschine einer großen Bibliothek mit den Begriffen »Lust« und »Bayern«, kann es einem passieren, dass die ersten drei Treffer auf ein Büchlein verweisen, das den vielversprechenden Untertitel trägt »Genießen unter freiem Himmel in den Landkreisen Altötting und Mühldorf«. Das klingt interessant und erotisch reizvoll – also mehr oder minder, je nach Jahreszeit. Bei genauerem Hinschauen merkt man freilich schnell, dass es sich bei dem Treffer keineswegs um eine Einführung in naturnahes Liebesspiel auf südostbairischem Rasen handelt, sondern schlicht und ergreifend um einen Biergartenführer; was ja an sich auch keine ganz schlechte Sache ist. Nur, wenn halt jemand nach einer ganz bestimmten »Lust« gesucht hat, also mehr einer fleischlichen, und zwar einer, die nichts mit Wurstsalat, Spareribs oder Grillhendl zu tun hat, dann wird er (oder sie) – und für diese Behauptung muss man kein ausgewiesener Kenner der erwähnten Landkreise sein – mit dem Biergartenführer eher schlecht bedient sein. Er oder sie wird darin nämlich nichts Einschlägiges finden, weil es sowohl in Altötting als auch in Mühldorf meist recht sittsam zugeht – zumindest in Biergärten; also, jedenfalls bei Tageslicht und während der regulären Öffnungszeiten. Das gilt – mit all den erwähnten Einschränkungen – auch für den Rest Bayerns.

Was aber kann man daraus ableiten? Dass Lust und Bayern nicht zusammengehören? Dass Leidenschaft nicht ins Bairische zu übersetzen ist? Dass in bairischen Betten deshalb nichts los ist? Ein voreiliger Betrachter könnte zu diesem Ergebnis kommen – und würde es vielleicht mit dem in Bayern tief verankerten katholischen Glauben erklären und mit dem immer noch weit verbreiteten Nationalgetränk; schließlich soll der Hopfen im Bier in sexueller Hinsicht eher beruhigend wirken. Jedenfalls glaubten das schon die Mönche des Mittelalters zu wissen.

Ob das so auch wirklich stimmt? Wir werden noch sehen, dass Katholizismus und Keuschheit nicht zwingend ein siamesisches Zwillingspaar ergeben müssen. Und was den Hopfen angeht? Neuerdings preisen bairische Wellness-Landgasthöfe die erotisierende Wirkung von Humulus lupulus – da räkelt sich dann auf dem Plakat eine schöne Nackte im hölzernen Badezuber und blickt versonnen auf ihre Dolden (also die der Hopfenpflanze), weil die nicht nur schön machen, sondern auch entspannen und gegen üble Laune helfen sollen. Sagt man. Freilich – Biergarten hin, Biergarten her –, allzu viel sollte man sich in erotischer Hinsicht von solchen Hopfen-Kuren nicht erwarten. Aber auch ohne Räkel-Reklame muss die Frage erlaubt sein, ob der Baier vielleicht doch gar nicht so lustfeindlich und prüde ist, wie ihm oft unterstellt wird. Ob also Bigotterie und Bierseligkeit doch nicht die einzigen Kardinaltugenden der bairischen Menschen sind? Oder ob es am Ende gar so etwas wie eine bairische Erotik gibt?

Langsam, langsam! Die geäußerten Zweifel sind ja nicht ganz unberechtigt. Wer schon einmal in einschlägigen Wörterbüchern geblättert hat, fragt sich, welcher – vermutlich bairische – Hirnschwammerl auf die Idee gekommen ist, so etwas Wunderbares wie eine weibliche Brust mit Begriffen aus der Forst- und Landwirtschaft zu belegen, Begriffen wie »Holz vor der Hütte« oder »Milchgeschirr«. Oder anders gefragt: Was kann Erotik in einem Landstrich bedeuten, in dem ein BH gelegentlich als »Krickerlhalter« oder »Tuttengeschirr« firmiert; eher technisches Gerät also, das die sogenannten »Gaudi«- oder auch »Spielnockerl« im Zaum zu halten hat? Wer waren die infantilen Schöpfer solcher Begriffe? Etwa jene Kulturschaffenden, die sich auch um die bairische Filmkunst verdient gemacht haben – mit Werken wie Liebesgrüße aus der Lederhos’n oder Oktoberfest, da kann man fest? Der bairische Mann: stets brünstig und potent wie ein Stier? Das sind vermutlich nur die Wunschträume älterer Herren, deren prostatischer Humor gelegentlich mit ihnen durchgegangen ist.

Was aber ist mit jenen Wortschöpfungen, die schon lange vorher im Umlauf waren? Wie konnte eigentlich ein Volk überleben, das die weiblichen Geschlechtsorgane lange Jahrhunderte mit dem Begriff »Unkeuschheit« belegte und damit alles Sexuelle verdammte und verbannte? Haben also doch jene Norddeutschen recht, die kritisch fragen, was Liebe, Lust und Leidenschaft mit Baiern zu tun hat, für die es anscheinend nur bigotte Prüderie oder brunzdummen, präpotenten Lederhosenklamauk gibt?

Georg Queri, dem wir in diesem Buch noch häufiger begegnen werden, weil er in eroticis durchaus Wichtiges geschrieben hat, dürfte mit seinem Ratschlag recht haben: »Da muß man sich schon gut umgesehen haben in der Welt: bis Sankt Barthlmä, bis Chieming, bis Rottach und bis in die Scharnitz muß man gekommen sein, dann kann man reden über Land und Leut’.« Also, auf geht’s! Machen wir uns auf die Suche nach »Stenz und Co.«.