Über das Buch

Für Toni Morrison ist er so wichtig wie einst James Baldwin, und sein Buch ist schon wenige Monate nach Erscheinen ein Klassiker, der aus keiner zukünftigen Diskussion um Rassismus wegzudenken ist. Ta-Nehisi Coates, aufgewachsen im Ghetto von Baltimore, ist einer der führenden Intellektuellen der USA – einem Land, das auch 150 Jahre nach Ende der Sklaverei ungebrochen an die Existenz von »Rasse« glaubt und diesen Glauben seit jeher gewaltsam an den Körpern schwarzer Frauen und Männer vollzieht. Sie besorgten als Sklaven den Reichtum des Landes und sterben als freie Bürger auf seinen Straßen. Was heißt das für junge Schwarze heute? Mit fulminanter sprachlicher Kraft verdichtet Coates amerikanische und persönliche Geschichte zu einem bewegenden Brief an seinen Sohn, der in einem Land aufwächst, das sich seiner Vergangenheit nie gestellt hat.

TA-NEHISI COATES

ZWISCHEN
MIR UND
DER WELT

Aus dem Englischen von
Miriam Mandelkow

Hanser Berlin

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
Between the World and Me bei Spiegel & Grau, New York.

Der Essay »Plädoyer für Reparationen« auf S. 151ff. wurde übersetzt von Britt Somann-Jung. Er erschien zuerst unter dem Titel »The Case for Reparations« in The Atlantic Magazine, distributed by Tribune Content Agency.

Richard Wright, »Between the World and Me« (S. 9), übersetzt von Eva Hesse, zitiert nach: Englische und amerikanische Dichtung 4: Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. von Eva Hesse und Heinz Ickstadt, München 2000.

Die Auszüge aus den Gedichten von Sonia Sanchez (»Malcolm«, S. 11) und Amiri Baraka (»Ka’Ba«, S. 77) sowie das Zitat von James Baldwin (S. 133) wurden übersetzt von Laura Dshamilja Weber.

John Locke (S. 153) zitiert nach: Zwei Abhandlungen über die Regierung, hg. und eingeleitet von Walter Euchner, aus dem Englischen von Hans Jörn Hoffmann, Frankfurt am Main 1977.

ISBN 978-3-446-25195-3

© 2015 Ta-Nehisi Coates

»The Case for Reparations« © 2014 The Atlantic Media Co.

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2016

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, nach einer Idee von Greg Mollica

© Private Collection / Peter Newark American Pictures / Bridgeman Images

Satz: Greiner & Reichel, Köln

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INHALT

Zwischen mir und der Welt

Plädoyer für Reparationen

Namenglossar

Für David und Kenyatta,
die glaubten

ZWISCHEN
MIR UND
DER WELT

Und eines Morgens unterwegs in den Wäldern stieß ich auf einmal darauf,

Stieß darauf in einer grasbewachsenen Lichtung, umstellt von Ulmen und Eichen mit tiefrissiger Borke.

Und die rußige Szene erstand vor mir bis ins Kleinste und schob sich zwischen mich und die Welt.

RICHARD WRIGHT

I

Sprich nicht zu mir von Märtyrertum,

von Männern, die sterben, um gefeiert zu werden

an irgendeinem Gedenktag.

Ich glaube nicht ans Sterben

und doch, auch ich bin sterblich.

Und Veilchen wie Kastagnetten

werden mein Echo sein.

SONIA SANCHEZ

Mein Sohn,

letzten Sonntag fragte mich die Moderatorin einer beliebten Nachrichtensendung, was es bedeute, seinen Körper zu verlieren. Die Moderatorin saß in Washington, D.C., und ich in einer New Yorker Dependance an der Westside von Manhattan. Ein Satellit überbrückte die Meilen zwischen uns, doch keine Technik konnte die Lücke zwischen ihrer Welt und jener schließen, für die zu sprechen man mich hergebeten hatte. Als die Moderatorin mich zu meinem Körper befragte, wurde ihr Gesicht ausgeblendet und über den Bildschirm liefen Worte, die ich in derselben Woche geschrieben hatte.

Die Moderatorin las den Zuschauern diese Worte vor, und dann kam sie auf meinen Körper zu sprechen, wenn auch nicht direkt. Aber inzwischen bin ich daran gewöhnt, dass sich intelligente Menschen, ohne sich dessen bewusst zu sein, nach dem Zustand meines Körpers erkundigen. Diese Moderatorin wollte konkret wissen, weshalb der Fortschritt des weißen Amerika beziehungsweise der Fortschritt jener Amerikaner, die glauben, sie seien weiß, meiner Meinung nach auf Plünderung und Gewalt beruhe. Als ich das hörte, stieg in mir eine alte, unbestimmte Traurigkeit auf. Die Antwort auf diese Frage liegt in der historischen Bilanz dieser Gläubigen. Die Antwort ist die amerikanische Geschichte.

Nichts an dieser Aussage ist überspitzt. Amerikaner vergöttlichen die Demokratie auf eine Weise, die sie übersehen lässt, dass sie ihrem Gott hin und wieder trotzen. Doch die Demokratie ist ein nachgiebiger Gott, und Amerikas Ketzereien – Folter, Diebstahl, Versklavung – sind unter den Menschen und Nationen so weit verbreitet, dass keiner für sich Immunität beanspruchen kann. Streng genommen haben Amerikaner ihren Gott auch niemals hintergangen. Als Abraham Lincoln 1863 verkündete, durch die Schlacht von Gettysburg müsse sichergestellt sein, »dass die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk nicht von der Erde weiche«, war das nicht nur Ausdruck eines politischen Bestrebens; zu Beginn des Bürgerkriegs hatten die Vereinigten Staaten von Amerika eine der weltweit höchsten Wahlrechtsquoten. Die Frage ist nicht, ob Lincoln tatsächlich eine »Regierung des Volkes« im Sinn hatte, sondern was mit dem politischen Begriff »Volk« in unserem Land – quer durch seine Geschichte – eigentlich gemeint war. 1863 waren damit deine Mutter und deine Großmutter nicht gemeint und auch nicht du und ich. Amerikas Problem ist also nicht der Verrat an der »Regierung des Volkes«, sondern die Art und Weise, wie »das Volk« zu seinem Namen kam.

Das führt uns zu einem ebenso wichtigen Ideal, das Amerikaner implizit akzeptieren, ohne es bewusst für sich zu beanspruchen. Amerikaner glauben an »Rasse« als fest umrissenes, naturgegebenes Merkmal unserer Welt. Rassismus – das Bedürfnis, Menschen bis ins Mark zu kategorisieren und darauf‌hin zu demütigen, zu reduzieren und zu vernichten – wäre demnach eine unvermeidliche Folge dieser unabänderlichen Gegebenheit. So wird Rassismus zur unschuldigen Tochter von Mutter Natur, und uns bleibt nur, die transatlantische Menschenfracht der Middle Passage oder die Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner auf dem Trail of Tears zu beklagen wie ein Erdbeben, einen Tornado oder jedes andere Phänomen, das des Menschen Werk übersteigt.

Doch Rasse ist das Kind des Rassismus, nicht seine Mutter. Und die Definition eines »Volkes« hatte nie etwas mit Abstammung und Physiognomie zu tun, sondern immer mit Hierarchie. Unterschiede von Haut und Haar sind alt. Der Glaube an die Überlegenheit von Haut und Haar, der Gedanke, diese Faktoren könnten eine Gesellschaft angemessen strukturieren und würden auf tiefere, unauslöschliche Eigenschaften hinweisen – das ist der neue Gedanke im Herzen dieser neuen Menschen, die rettungslos in dem tragischen Irrglauben genährt wurden, weiß zu sein.

Diese neuen Menschen sind wie wir eine moderne Erfindung. Doch im Gegensatz zu uns hat ihr neuer Name keine Bedeutung unabhängig vom Räderwerk krimineller Macht. Die neuen Menschen waren etwas anderes, bevor sie weiß wurden – Katholiken, Korsen, Waliser, Mennoniten, Juden –, und wenn sich unsere nationalen Hoffnungen erfüllen sollen, müssen sie auch wieder etwas anderes sein. Vielleicht werden sie dann wirklich Amerikaner und schaffen ein nobleres Fundament für ihre Mythen. Das liegt nicht in meiner Hand. Einstweilen sei gesagt, dass das Weißwaschen versprengter Stämme – die Überhöhung des Glaubens an das eigene Weißsein – nicht durch Weinproben und Gartenpartys erreicht wurde, sondern durch die Plünderung von Leben, Freiheit, Arbeitskraft und Land; durch das Auspeitschen von Rücken, das Anketten von Gliedmaßen, das Erdrosseln von Andersdenkenden, die Zerstörung von Familien, die Vergewaltigung von Müttern, den Verkauf von Kindern und diverse andere Maßnahmen, die in erster Linie dir und mir das Recht absprechen sollten, in Sicherheit über unseren eigenen Körper zu bestimmen.

Die neuen Menschen waren wahrlich nicht die Ersten, die so etwas taten. Vielleicht hat es im Lauf der Geschichte irgendwann mal eine Großmacht gegeben, die nicht aus der gewaltsamen Ausbeutung fremder Körper erwachsen ist – in dem Fall steht mir noch eine Entdeckung bevor. Doch die Banalität der Gewalt kann Amerika nicht entschuldigen, denn Amerika will mit dem Banalen nichts zu schaffen haben. Amerika hält sich für außergewöhnlich, die größte und edelste Nation, die es je gab, ein einsamer Kämpfer vor den Toren der weißen Stadt der Demokratie, den Terroristen, Despoten, Barbaren und anderen Feinden der Zivilisation trotzend. Man kann sich nicht für übermenschlich erklären und dann sagen, Irren sei nun mal menschlich. Ich plädiere dafür, den Anspruch unserer Mitbürger auf Amerikas Exzeptionalismus ernst zu nehmen, das heißt, ich plädiere dafür, unser Land auch exzeptionellen moralischen Maßstäben zu unterwerfen. Das fällt schwer, denn wir sind von einem System umgeben, das uns drängt, die amerikanische Unschuld für bare Münze zu nehmen und nicht zu sehr nachzufragen. Und es ist so leicht, wegzuschauen, mit den Früchten unserer Geschichte zu leben und das große Unrecht zu ignorieren, das in unser aller Namen begangen wurde. Doch du und ich, wir konnten uns diesen Luxus eigentlich nie erlauben. Ich glaube, das weißt du.

Ich schreibe dir in deinem fünfzehnten Lebensjahr. Ich schreibe dir jetzt, denn dies ist das Jahr, in dem du gesehen hast, wie Eric Garner erwürgt wurde, weil er Zigaretten verkaufte, in dem du erlebt hast, dass Renisha McBride erschossen wurde, weil sie Hilfe holen wollte, und dass John Crawford erschossen wurde, weil er durch ein Kauf‌haus schlenderte. Du hast gesehen, wie Männer in Uniform im Vorbeifahren Tamir Rice ermordeten, einen zwölf‌jährigen Jungen, den sie ihrem Eid gemäß hätten beschützen sollen. Und du hast Männer in ebensolchen Uniformen gesehen, wie sie am Straßenrand auf Marlene Pinnock einprügelten, eine Großmutter. Und spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören. Es spielt keine Rolle, ob die Zerstörung die Folge einer bedauerlichen Überreaktion ist. Es spielt keine Rolle, ob sie einem Missverständnis entsprungen ist. Es spielt keine Rolle, ob die Zerstörung von einer albernen Vorschrift herrührt. Wenn du ohne Genehmigung Zigaretten verkaufst, kann dein Körper zerstört werden. Wenn du dich gegen die Menschen auf‌lehnst, die deinen Körper einfangen wollen, kann er zerstört werden. Wenn du ein dunkles Treppenhaus betrittst, kann dein Körper zerstört werden. Die Zerstörer werden selten zur Rechenschaft gezogen. Meist erhalten sie eine Rente. Und Zerstörung ist auch nur die Steigerung einer Herrschaft, die Filzen, Festnehmen, Schlagen und Demütigen vorsieht. All das ist normal für Schwarze. Ein alter Hut. Verantwortlich gemacht wird dafür niemand.

Die Zerstörer sind nicht beispiellos böse, sondern schlicht Menschen, die die Launen unseres Landes umsetzen, die sein Erbe und sein Vermächtnis richtig deuten, bis heute. Das mag man nicht unbedingt wahrhaben. Doch unsere ganze Begriff‌lichkeit – race relations, racial chasm, racial justice, racial profiling, white privilege, sogar white supremacy – dient nur dazu, zu verschleiern, dass Rassismus eine zutiefst körperliche Erfahrung ist, dass er das Hirn erschüttert, die Atemwege blockiert, Muskeln zerreißt, Organe entfernt, Knochen bricht, Zähne zerschlägt. Davor darfst du nie die Augen verschließen. Du musst dir immer bewusstmachen, dass die Soziologie, die Geschichte, die Wirtschaft, die Tabellen und Statistiken, die Regressionen allesamt mit Wucht auf deinem Körper landen.

Das war es, was ich der Moderatorin jener Nachrichtensendung am vergangenen Sonntag zu erklären versuchte, so gut es in der vorgegebenen Zeit eben ging. Doch am Ende zauberte die Moderatorin ein populäres Foto von einem elf‌jährigen schwarzen Jungen auf den Schirm, der tränenreich einen weißen Polizisten umarmt. Dann fragte sie mich, wie es denn mit der »Hoffnung« stehe. Und da wusste ich, dass ich versagt hatte. Und erinnerte mich daran, dass ich nichts anderes erwartet hatte. Und wunderte mich erneut über diese unbestimmte Traurigkeit, die in mir aufstieg. Warum genau war ich traurig? Ich kam aus dem Studio und ging eine Weile spazieren. Es war ein ruhiger Dezembertag. Familien, die sich für weiß hielten, auf den Straßen. Kinder, die als Weiße aufwachsen würden, eingemummelt in ihren Kinderwagen. Und ich war traurig um ihretwillen, traurig um der Moderatorin willen und all der Zuschauer dort draußen, die sich einer trügerischen Hoffnung hingaben. Mir wurde klar, wieso ich traurig war. Als die Journalistin mich nach meinem Körper fragte, war es, als forderte sie mich auf, sie aus einem köstlichen Traum zu wecken. Ich kenne den Traum schon mein ganzes Leben lang. Er besteht aus schmucken Häusern mit hübschen Vorgärten. Grillen am Memorial Day, Nachbarschaftszirkeln und Garageneinfahrten. Baumhäusern und Pfadfindern. Der Traum riecht nach Pfefferminz und schmeckt nach Erdbeerkuchen. Und so lange wollte ich in diesen Traum flüchten und mir mein Land wie eine Decke über den Kopf ziehen. Aber das geht nicht, die Möglichkeit bestand nie, denn der Traum ruht auf unserem Rücken, sein Bettzeug ist aus unseren Körpern gemacht. Diese Erkenntnis, die Erkenntnis, dass der Traum nur weiterbesteht, weil er gegen die bekannte Welt ankämpft, machte mich traurig, um der Moderatorin und um all dieser Familien und um meines Landes willen, vor allem aber, in diesem Augenblick, um deinetwillen.

Es war die Woche, in der du erfahren hattest, dass die Mörder von Michael Brown ungeschoren davonkommen. Die Männer, die ihn auf der Straße haben liegen lassen wie eine krasse Demonstration ihrer unantastbaren Macht, würden niemals bestraft werden. Ich hatte nicht die Erwartung gehabt, dass irgendjemand jemals bestraft würde. Aber du warst jung und noch zuversichtlich. Du bist bis elf Uhr abends aufgeblieben, um die Anklageverkündung abzuwarten, und als stattdessen verkündet wurde, dass es keine geben würde, hast du gesagt »ich muss los« und bist in dein Zimmer gegangen, und dann hörte ich dich weinen. Ich kam fünf Minuten später zu dir und habe dich nicht in den Arm genommen, ich habe dich nicht getröstet, weil ich es für falsch hielt, dich zu trösten. Ich habe dir nicht gesagt, dass alles gut wird, weil ich noch nie geglaubt habe, dass alles gut wird. Stattdessen habe ich dir das gesagt, was deine Großeltern mir schon zu erklären versucht haben: dass dies dein Land ist, dass dies deine Welt ist, dass dies dein Körper ist und du irgendwie darin leben musst. Und jetzt sage ich dir, dass die Frage, wie man in einem schwarzen Körper leben soll, in einem traumverlorenen Land, die Frage meines Lebens ist, und dieser Frage nachzugehen, habe ich festgestellt, ist letztlich die Antwort.

Das kommt dir bestimmt merkwürdig vor. Wir leben in »zielorientierten« Zeiten. Unser Medienvokabular brummt vor big ideas und hochtrabenden Theorien zu allem und jedem. Ich habe jeglichem Wunderwerk allerdings schon vor langer Zeit entsagt, und diese Entsagung ist ein Geschenk deiner Großeltern, die mich nie mit dem Jenseits zu trösten versuchten und Amerikas ruhmreiche Bestimmung hinterfragten. Indem ich sowohl das Chaos der Geschichte als auch die Tatsache meines endgültigen Endes akzeptierte, war ich frei genug, mich grundsätzlich zu fragen, wie ich leben will – insbesondere, wie ich als freier Mensch in diesem schwarzen Körper leben will. Die Frage ist wesentlich, denn Amerika versteht sich als Gottes Werk, doch der schwarze Körper ist der deutlichste Beweis dafür, dass Amerika von Menschen gemacht ist. Ich bin dieser Frage in meinem Lesen und Schreiben nachgegangen, durch die Musik meiner Jugend, durch Diskussionen mit deinem Großvater, mit deiner Mutter, deiner Tante Janai, deinem Onkel Ben. Ich habe Antworten in nationalistischen Mythen gesucht, in Klassenzimmern und Seminarräumen, draußen auf der Straße und auf anderen Kontinenten. Die Frage ist nicht zu beantworten, was nicht heißt, dass sie müßig wäre. Die größte Belohnung für dieses ständige Befragen, die Beschäftigung mit der Brutalität meines Landes, besteht darin, dass sie mich von Geistern befreit und für die nackte Panik vor der Entleibung gewappnet hat.

Denn die Angst, sie ist da. Wenn du nicht bei mir bist, ist sie am größten. Aber sie war schon da, lange bevor es dich gab, und nicht nur mich hatte sie im Griff. Als ich in deinem Alter war, waren alle Menschen, die ich kannte, schwarz, und alle hatten beträchtliche, beharrliche, gefährliche Angst. Ich wusste schon in ganz jungen Jahren, wie diese Angst aussah, auch wenn ich sie nicht immer als solche erkannte.

Sie war da, direkt vor meinen Augen. Sie lebte in den Posen der Jungs meines Viertels, in ihren großen Ringen und Anhängern, ihren dicken Jacken und bodenlangen Ledermänteln mit Pelzkragen, ihrer Rüstung gegen die Welt. Sie standen an der Ecke Gwynn Oak und Liberty oder Cold Spring und Park Heights oder vor der Mandawmin Mall, die Hände tief in ihren Russell-Jogginghosen vergraben. Wenn ich heute an diese Jungs denke, sehe ich nur die Angst, und ich sehe, wie sie sich gegen die Geister der bösen alten Zeit wappnen, in der der Mississippi-Mob sich um ihre Großväter scharte, um die Zweige des schwarzen Körpers abzufackeln und wegzuschneiden. Die Angst lebte in ihrem federnden Gang, ihren tief hängenden Jeans, ihren großen T-Shirts, dem präzisen Winkel ihrer Baseballcaps – dem ganzen Katalog von Verhaltensweisen und Kleidungsstücken, der glauben machen sollte, diese Jungs besäßen alles, was sie sich wünschten.

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Ich sah die Angst in ihren Kriegsbräuchen. Ich war kaum fünf, als ich auf den Eingangsstufen unseres Hauses in der Woodbrook Avenue saß und zusah, wie zwei Jungs mit bloßen Oberkörpern einander umkreisten und ihre Schultern gegeneinanderrammten. Seitdem weiß ich, dass Straßenkämpfe einem Ritual folgen, Codes und Prinzipien, die gerade durch ihre Notwendigkeit die ganze Verwundbarkeit jugendlicher schwarzer Körper bezeugen.

Ich hörte die Angst in der ersten Musik, die mir vertraut wurde – den pumpenden Beats aus den Ghettoblastern, großspurig und protzig. Die Jungs oben in Park Heights an der Ecke Garrison und Liberty liebten diese Musik, weil sie ihnen allen Realitäten zum Trotz bescheinigte, Herr über ihr Leben, ihre Straßen, ihre Körper zu sein. Ich sah die Angst in den Mädchen, in ihrem lauten Lachen und den vergoldeten Bambusohrringen, die ihre Namen dreifach ausbuchstabierten. Sie hauste in ihrer harten Sprache und ihren harten Blicken, in der Art, wie sie einen mit ihren Augen schnitten und mit ihren Worten vernichteten, wenn man ihnen zu nahe kam. »Nimm meinen Namen nicht in deinen Mund«, sagten sie dann. Ich sah sie nach der Schule wie Boxer in Stellung gehen – Vaseline, Reeboks, die Ohrringe abgelegt – und einander anfallen.

Ich spürte die Angst, wenn ich meine Großmutter in Philadelphia besuchte. Du hast sie nicht mehr kennengelernt. Ich kannte sie auch kaum, aber ich erinnere mich an ihre schroffe Art, ihre raue Stimme. Und ich wusste, dass der Vater meines Vaters tot war und dass mein Onkel Oscar tot war und dass mein Onkel David tot war und dass das alles unnatürlichen Umständen zu verdanken war. Und ich sah sie in meinem Vater, der dich liebt, der dir Ratschläge erteilt, der mir Geld zugesteckt hat, damit du versorgt bist. Mein Vater hatte solche Angst. Sie saß in dem schwarzen Ledergürtel, den er mit mehr Sorge als Zorn auf mich niederknallen ließ, mein Vater, der mich schlug, als könnte mich jemand stehlen, weil genau das um uns herum geschah. Jeder hatte ein Kind verloren, an die Straße, an das Gefängnis, an Drogen, an eine Kugel. Jene verlorenen Mädchen, von denen man sich erzählte, sie seien zuckersüß gewesen und hätten keiner Fliege was zuleide getan. Jene verlorenen Jungen, von denen es hieß, sie hätten gerade die Highschool abgeschlossen und angefangen, ihr Leben umzukrempeln. Jetzt waren sie fort, und ihr Vermächtnis war eine große Angst.

Haben sie dir diese Geschichte erzählt? Als deine Großmutter sechzehn war, klopfte ein junger Mann bei ihr an die Tür, es war der Freund ihrer Schwester. Sonst war keiner zu Hause, und sie ließ den jungen Mann hinein, aber dann kam deine Urgroßmutter. Sie schickte den jungen Mann weg, und dann verprügelte sie deine Großmutter furchtbar, ein letztes Mal, um sie für immer daran zu erinnern, wie schnell sie ihren Körper verlieren konnte. Ma vergaß das nie. Ich weiß noch, wie sie meine kleine Hand festhielt, wenn wir über die Straße gingen. Sie sagte, wenn ich losließe und von einem Auto überfahren würde, dann würde sie mich zurück ins Leben prügeln. Als ich sechs war, gingen Ma und Dad mit mir in einen Park. Ich verschwand aus ihrem Blickfeld und fand einen Spielplatz. Deine Großeltern brachten ängstliche Minuten damit zu, mich zu suchen. Als sie mich fanden, tat Dad das, was alle Eltern, die ich kannte, getan hätten – er nahm seinen Gürtel. Ich weiß noch, dass ich ihm benommen zusah, tief beeindruckt von dem Missverhältnis zwischen Strafe und Vergehen. Später hörte ich die Angst in Dads Stimme: »Entweder ich schlage ihn oder die Polizei.« Vielleicht war das meine Rettung. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nur, dass aus der Angst Gewalt aufstieg wie Rauch aus einem Feuer, und ich kann nicht sagen, ob diese Gewalt, auch wenn sie der Angst und der Liebe entsprang, uns weckte oder erstickte. Aber ich weiß, dass Väter, die ihre aufmüpfigen halbwüchsigen Söhne verdroschen, sie dann auf die Straße entließen, wo diese dasselbe Recht beanspruchten und erlitten. Und ich kannte Mütter, die ihre Töchter mit dem Gürtel peitschten, aber der Gürtel konnte die Mädchen nicht vor Drogendealern bewahren, die doppelt so alt waren wie sie. Wir, die Kinder, brauchten unseren schwärzesten Humor, um damit fertigzuwerden. In den Gassen jagten wir Basketbälle durch hohle Kisten und rissen Witze über den Jungen, dessen Mutter ihn vor seiner gesamten fünften Klasse windelweich geprügelt hatte. Im Fünfer-Bus nach Downtown lachten wir über ein Mädchen, deren Mutter alles benutzte, was sie zu fassen kriegte – Kabeldraht, Verlängerungsschnüre, Töpfe, Pfannen. Wir lachten, aber ich weiß, dass wir Angst vor den Menschen hatten, die uns am meisten liebten. Unsere Eltern griffen zum Gürtel wie die Flagellanten während der Pest zur Geißel.

Schwarz zu sein im Baltimore meiner Jugend bedeutete, den Elementen der Welt – Schusswaffen, Fäusten, Messern, Crack, Vergewaltigung, Krankheit – nackt ausgeliefert zu sein. Die Nacktheit ist kein Irrtum, kein pathologischer Befund. Die Nacktheit ist die angestrebte Folge politischer Entscheidungen, das, was dabei herauskommt, wenn Menschen jahrhundertelang in Angst leben müssen. Das Gesetz war nicht zu unserem Schutz da. Und jetzt, in deiner Zeit, ist das Gesetz zu einem Vorwand verkommen, dich anzuhalten und zu filzen, den Angriff auf deinen Körper fortzusetzen. Doch eine Gesellschaft, die die einen durch ein Sicherheitsnetz aus Schulen, staatlichen Hypotheken und ererbtem Reichtum schützt, dich hingegen nur mit der Keule des Strafrechts zu schützen vermag, hat entweder ihre guten Absichten verfehlt oder etwas sehr Abgründiges erreicht. Wie immer man es betrachtet, das Ergebnis ist unsere Anfälligkeit gegenüber den kriminellen Kräften der Welt. Es spielt keine Rolle, ob diejenigen, durch die diese Kräfte wirken, weiß oder schwarz sind – entscheidend ist unser Zustand, entscheidend ist das System, das unseren Körper zerbrechlich macht.

Diese Kräfte haben sich mir im Laufe meines Lebens nach und nach offenbart, in einer Reihe großer Veränderungen. Die Veränderungen sind noch im Gang und setzen sich wahrscheinlich fort bis zu meinem Tod. Ich war elf, stand auf dem Parkplatz vor dem 7-Eleven und beobachtete eine Gruppe älterer Jungs nahe der Straße. Sie brüllten und gestikulierten, und der Adressat war ein Junge in meinem Alter, der dastand, beinahe lächelnd, und tapfer die Arme hochnahm. Er hatte bereits die Lektion gelernt, die er mir an dem Tag beibringen würde: dass sein Körper sich in ständiger Gefahr befand. Wer weiß, was ihn zu dieser Erkenntnis geführt hatte? Sein Leben in den Housing Projects, ein besoffener Stiefvater, ein älterer Bruder, dem die Polizei eine Gehirnerschütterung beigebracht hatte, ein Cousin im Knast. Dass die anderen in der Überzahl waren, spielte keine Rolle, denn die ganze Welt war schon immer in der Überzahl gewesen, und was spielten Zahlen schon für eine Rolle? Hier ging es darum, wer die Kontrolle über seinen Körper besaß, und darum würde es sein ganzes Leben lang gehen.

Ich stand da und bewunderte den exquisiten Modegeschmack der älteren Jungs. Sie trugen alle Skianoraks von der Art, wie Mütter sie damals im September zurücklegen ließen, um sie nach unzähligen Überstunden zu Weihnachten frisch verpackt überreichen zu können. Ich konzentrierte mich auf einen hellhäutigen Jungen mit länglichem Kopf und schmalen Augen. Er schaute grimmig zu einem anderen Jungen, der nicht weit von mir entfernt stand. Es war kurz vor drei am Nachmittag. Ich war in der sechsten Klasse. Die Schule war gerade aus, das Kampfwetter der ersten Frühlingstage hatte noch nicht eingesetzt. Was genau war das Problem hier? Wer konnte das schon wissen?

Der Junge mit den schmalen Augen griff in seinen Skianorak und zog eine Pistole heraus. In meiner Erinnerung läuft alles in extremer Zeitlupe ab, wie in einem Traum. Da stand der Junge und präsentierte seine Knarre, zog sie langsam raus, schob sie wieder ein Stück rein, zog sie erneut raus, und in seinen schmalen Augen sah ich einen rasenden Zorn, der binnen einer Sekunde meinen Körper auslöschen konnte. Das war 1986. Ein Jahr, in dem ich das Gefühl hatte, in Meldungen über Morde zu ertrinken. Mir war bewusst, dass diese Morde sehr oft nicht ihr angestrebtes Ziel trafen, sondern Großtanten und fröhlich spielende Kinder ereilten, Mütter, die vom Elternabend kamen, und Onkel, die Überstunden machten – so willkürlich und erbarmungslos wie ein Wolkenbruch. Das wusste ich zwar, aber ich begriff es erst richtig, als der Junge mit den schmalen Augen mir gegenüberstand und meinen ganzen Körper in seinen kleinen Händen hielt. Der Junge schoss nicht. Seine Freunde hielten ihn zurück. Er brauchte nicht zu schießen. Er hatte meinen Platz in der Ordnung der Dinge bestätigt. Er hatte mich wissen lassen, wie schnell ich an die Reihe kommen konnte. Ich fuhr mit der Subway nach Hause und verarbeitete dieses Ereignis ganz allein. Ich erzählte es nicht meinen Eltern und auch nicht meinen Lehrern, und wenn ich es meinen Freunden erzählt habe, dann als aufregende Geschichte, hinter der ich die Angst verbarg, die in jenem Augenblick von mir Besitz ergriffen hatte.

Ich weiß noch, wie verblüfft ich war, dass der Tod so mühelos in das Nichts eines Nachmittags einbrechen, so plötzlich aufsteigen konnte wie Nebel. Ich wusste, dass West Baltimore, wo ich wohnte, und der Norden von Philadelphia, wo meine Cousins wohnten, und die South Side von Chicago, wo Freunde meines Vaters wohnten – dass diese Gegenden eine eigene Welt bildeten. Irgendwo da draußen jenseits des Firmaments, hinter dem Asteroidengürtel, gab es andere Welten, in denen Kinder nicht ständig um ihre Körper fürchteten. Das wusste ich, weil in unserem Wohnzimmer ein großer Fernseher stand. Abends saß ich vor diesem Fernseher und wurde Zeuge der Botschaften aus dieser anderen Welt. Da gab es kleine weiße Jungs mit kompletten Footballkartensets, denen nichts fehlte als eine beliebte Freundin und die nichts fürchteten außer giftigen Gewächsen. Diese andere Welt lag in den Vorstädten und war unendlich, in ihr drehte sich alles um Schmorgerichte und Blaubeerkuchen, um Feuerwerk und Eisbecher, um blitzsaubere Badezimmer und Spielzeugtrucks, die durch belaubte Gärten mit Bächen und kleinen Schluchten brummten. Wenn ich diese Botschaften mit den Gegebenheiten meiner angestammten Welt verglich, begriff ich, dass mein Land eine Galaxie war, die sich vom Höllenchaos von West Baltimore bis hin zu den seligen Jagdgründen eines Mr Belvedere erstreckte. Die Entfernung zwischen jenem anderen Weltraumwinkel und meinem beschäftigte mich über alle Maßen. Ich wusste, dass mein Teil der amerikanischen Galaxie, wo Körper von einer störrischen Schwerkraft versklavt wurden, schwarz war und der andere, befreite Teil nicht. Ich wusste, dass irgendeine unbegreif‌liche Energie diese Kluft bewahrte. Ich spürte den Zusammenhang zwischen meiner Welt und dieser anderen Welt, ohne ihn zu begreifen. Und ich nahm darin eine kosmische Ungerechtigkeit wahr, eine abgrundtiefe Grausamkeit, die mir den beharrlichen, unwiderstehlichen Wunsch eingab, meinen Körper zu entfesseln und Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen.

Hast du auch manchmal so ein Bedürfnis? Dein Leben ist so anders als meins. Die Großartigkeit der Welt, der realen Welt, der ganzen Welt, ist dir nicht fremd. Und du brauchst keine Botschaften, weil du so viel von der amerikanischen Galaxie und ihren Bewohnern – ihre Häuser, ihre Hobbys – aus eigener Anschauung kennst. Ich weiß nicht, wie es ist, mit einem schwarzen Präsidenten aufzuwachsen, mit sozialen Netzwerken, allgegenwärtigen Medien und schwarzen Frauen, die sich ihre Haare nicht glätten. Ich weiß nur, dass du, als sie den Mörder von Michael Brown laufenließen, gesagt hast »ich muss los«. Und das tat mir weh, weil ich mich, so verschieden unsere Welten sein mögen, in deinem Alter genauso gefühlt habe. Und ich erinnere mich, dass ich mir selbst damals noch nicht ansatzweise die Gefahren vor Augen geführt hatte, die uns umgeben. Du glaubst immer noch, die Ungerechtigkeit beziehe sich auf Michael Brown. Die Mythen und Erzählungen deines Lebens sind noch intakt, du hast die Plünderungen rings um uns noch nicht entdeckt.

Bevor ich etwas entdecken, bevor ich fliehen konnte, musste ich überleben, und das konnte nur eine Konfrontation mit der Straße bedeuten, womit ich nicht nur die Häuserblocks meine und auch nicht bloß die Menschen, die dort hineingepfercht leben, sondern das Gemenge an tödlichen Rätseln und seltsamen Risiken, das vom Asphalt selbst aufzusteigen scheint. Die Straßen verwandeln jeden gewöhnlichen Tag in eine Kette von Fangfragen, und jede falsche Antwort kann Prügel, Schüsse oder eine Schwangerschaft nach sich ziehen. Keiner kommt ungeschoren davon. Und doch geht von der ständigen Gefahr, von einem Leben als Nahtoderfahrung, auch eine berauschende Hitze aus. Das meinen Rapper, wenn sie sagen, sie seien süchtig nach den streets oder in das game verliebt. Wahrscheinlich spüren sie so etwas wie Fallschirmspringer, Bergsteiger, Basejumper oder andere, die freiwillig am Abgrund leben. Wobei wir dort nicht freiwillig leben. Und nie habe ich den Brüdern geglaubt, die vorgeben, die Stadt zu »beherrschen« oder gar zu »besitzen«. Wir haben die Straßen nicht entworfen. Wir finanzieren sie nicht. Wir erhalten sie nicht. Doch ich war da, und wie alle dort war ich damit betraut, meinen Körper zu schützen.

Die Crews, die jungen Männer, die ihre Angst in Wut umgewandelt hatten, waren die größte Gefahr. Sie zogen laut pöbelnd um die Blocks, weil sie nur durch ihre pöbelnde Lautstärke so was wie Sicherheit und Macht verspüren konnten. Sie brachen dir den Kiefer, zertraten dir das Gesicht oder schossen dich nieder, um diese Macht auszukosten, die Potenz ihrer eigenen Körper. Und die Drastik ihrer Taten ließ ihre Namen erklingen. Der Ruf wurde gefestigt, Gräuel machten die Runde. Und so wusste man in meinem Baltimore: Wenn die Crews aus Cherry Hill auf‌tauchten, tauchte man besser ab; North und Pulaski war keine Kreuzung, sondern ein Orkan, der nur Splitter und Scherben hinterließ. Und so wurde die Sicherheit der Viertel zur Sicherheit der dort lebenden Körper. Man hielt sich zum Beispiel von Jo-Jo fern, weil man wusste, dass er ein Cousin – ob tatsächlich verwandt oder nicht – von Keon war, dem Paten der Murphy Homes. In anderen Städten, ja in anderen Baltimores hatten die Viertel andere Methoden und die Jungs andere Namen, aber ihre Mission war dieselbe: durch die Macht, Knie, Rippen und Arme zu brechen, die Unverwundbarkeit ihres Blocks, ihrer Körper zu beweisen. Diese Praxis war so verbreitet, dass jeder Afroamerikaner, der in den Städten dieser Zeit aufgewachsen ist, einem bis heute sagen kann, welche Crew bei ihm welche Viertel kontrollierte, wer ihre Anführer waren, wer zum inneren Zirkel gehörte und mit welchen Husarenstücken sie sich ihren Namen gemacht hatten.

Um in dieser Umgebung zu überleben und meinen Körper zu schützen, eignete ich mir eine Sprache an, die daraus bestand, wie man jemandem zunickte oder ihm die Hand schüttelte. Ich wusste, welche Blocks tabu waren und wie es roch, wenn etwas in der Luft lag. Ich lernte, dass »Shorty, kann ich mal dein Fahrrad sehen?«, keine ernstgemeinte Frage war und dass es sich bei »Yo, du hast meinen Kumpel angemacht« weder um eine echte Anschuldigung noch um ein Missverständnis handelte. Das waren die Vorladungen, die man mit dem linken Fuß vorn, dem rechten hinten und den Händen vorm Gesicht, eine etwas tiefer als die andere und wie einen Hammer gewinkelt, beantwortete. Oder mit Ausbruch, ab durch die Gassen, quer durch die Höfe, rein durch die Tür und am kleinen Bruder vorbei ins eigene Zimmer, um das Ding aus dem Lammfell oder unter der Matratze hervor- oder aus dem Adidas-Karton zu holen, die eigenen »Cousins« anzurufen und noch am selben Tag zum selben Block zur selben Crew zurückzukehren und zu rufen: »Yeah, nigger, what’s up now?« Das Lernen dieser Regeln steht mir deutlicher vor Augen als das Lernen des Abc, weil die Regeln für die Sicherheit meines Körpers unerlässlich waren.

Das empfinde ich als großen Unterschied zwischen uns beiden. Die alten Regeln sind dir nicht ganz fremd, aber sie sind für dich nicht so unerlässlich, wie sie für mich waren. Bestimmt weißt du, was es heißt, dich in der Subway oder im Park behaupten zu müssen, aber als ich in deinem Alter war, war mein Gehirn jeden Tag zu einem vollen Drittel damit beschäftigt, mit wem ich zur Schule ging, wie viele wir waren, wie wir dabei wirkten, wie oft ich lächelte, wen oder was ich anlächelte, wer mir die Faust bot und wer nicht – mit anderen Worten, ich praktizierte die Kultur der Straße, eine Kultur, die in erster Linie der Sicherung des Körpers dient. Ich sehne mich nicht nach dieser Zeit. Ich habe kein Bedürfnis, dich »tough« oder »street« zu machen, vielleicht, weil ich mir meine »toughness« nach und nach nur widerwillig zugelegt habe. Ich glaube, der Preis dafür war mir immer irgendwie bewusst. Ich glaube, mir war klar, dass jenes Drittel meines Gehirns sich mit schöneren Dingen beschäftigen sollte. Ich glaube, mir war, als hätte irgendwas da draußen, irgendeine namenlose, gewaltige Macht mich beraubt. Mir was geraubt? Zeit? Erfahrung? Ich glaube, du hast einiges von dem kennengelernt, was dieses Drittel hätte tun können, und ich glaube, aus diesem Grund ist dein Fluchtbedürfnis noch ausgeprägter als meins damals. Du hast das wunderbare Leben oberhalb der Baumgrenze gesehen, gleichzeitig begreifst du, dass dich im Grunde nichts von Trayvon Martin trennt, deshalb erschreckt dich Trayvon Martin, wie er mich niemals erschrecken könnte. Du hast so viel mehr von dem gesehen, was verloren geht, wenn sie deinen Körper zerstören.

Die Straße war nicht mein einziges Problem. Fesselte sie mein rechtes Bein, fesselte die Schule mein linkes. Durchschaute man die Straße nicht, gab man seinen Körper gleich auf. Durchschaute man die Schule nicht, gab man seinen Körper später auf. Ich litt unter beiden, aber mein Groll gegen die Schule ist größer. Die Gesetze der Straße waren nicht heilig – sie waren amoralisch und praktisch. Man ging im Pulk zur Party, wie man im Schnee Stiefel trug oder im Regen den Schirm aufspannte. Das waren Regeln, die sich auf etwas Offensichtliches bezogen – die große Gefahr, die jeden Ausflug zum Shake & Bake überschattete, jede Busfahrt in die Stadt. Die Gesetze der Schule hingegen bezogen sich auf etwas Fernes, Vages. Was bedeutete es, wenn die Erwachsenen uns auf‌trugen, »etwas aus uns zu machen«? Und was genau hatte das mit einer Schulbildung zu tun, die auf Auswendiglernen setzte? In dem Baltimore, in dem ich zur Schule ging, bedeutete das, stets einen Bleistift Stärke 2 in Reserve mitzuführen und still zu arbeiten. Schulkinder liefen im Gänsemarsch auf der rechten Seite des Korridors, meldeten sich, wenn sie mal mussten, und trugen auf dem Weg zur Toilette eine Genehmigung bei sich. Schulkinder hatten keine Ausreden vorzubringen – und ganz gewiss nicht die Kindheit selbst. Die Welt hatte keine Zeit für die Kindheit schwarzer Jungs und Mädchen – wie dann die Schulen? Mathematik, Biologie und Englisch waren weniger Fächer als Gelegenheiten, den Körper zu disziplinieren, indem man ordentlich auf der Linie schrieb, die Aufgabenstellungen lesbar abschrieb und Lehrsätze auswendig lernte, die jener Welt entstammten. Das lag mir alles so fern. Ich weiß noch, wie ich in der siebten Klasse im Französischunterricht saß und keine Ahnung hatte, was ich dort sollte. Ich kannte keine Franzosen, und nichts deutete darauf hin, dass sich das jemals ändern würde. Frankreich war ein Felsbrocken in einer anderen Galaxie, der Runden um eine andere Sonne drehte, in einem anderen Himmel, den ich nie durchqueren würde. Was genau machte ich in diesem Klassenzimmer?