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John-Paul Flintoff

Wie man die Welt verändert

Kleine Philosophie

der Lebenskunst

Herausgegeben von Alain de Botton und der SCHOOL OF LIFE

Aus dem Englischen von

Erika Ifang

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Die britische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »How to Change the World« bei Macmillan, einem Imprint von Pan Macmillan, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

© 2012 The School of Life

Lektorat: Gerhard Juckoff, Schwalmtal

Umschlaggestaltung: WEISS WERKSTATT MÜNCHEN unter Verwendung verschiedener Motive von © Shutterstock

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-08847-7
V002

www.kailash-verlag.de

Die Unvollkommenheit treibt uns voran. Die Vollkommenheit ist nur ein Ziel.

Ivor Cutler

I Einleitung

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, würden Sie dann die Welt verändern? Natürlich würden Sie das! Es gibt viele Dinge, die Sie sofort ändern würden, wenn Sie einen Zauberstab in die Hand gedrückt bekämen.

Schließlich benötigt die Welt dringend Verbesserungen. So sehr, dass wir nachts manchmal wach liegen und uns stundenlang hin und her wälzen, weil wir darüber nachgrübeln. Am Tag ärgern wir uns und fluchen auf die vielen kleinen Dinge, die falsch zu laufen scheinen. Und wenn es uns besser geht, geben wir uns Träumereien hin und beschwören Parallelwelten herauf, die uns in jeder Hinsicht erfreulich vorkommen.

Wie auch immer wir die Sache ansehen, meist kommen wir zu dem Schluss, dass es ein hartes Stück Arbeit wäre, die Welt zu verändern, vielleicht sogar unmöglich. Und so probieren wir es gar nicht erst.

Das ist eine Schande, denn aktiv etwas zu verändern bringt auch uns selbst etwas: Unser Einfühlungsvermögen wird größer, wir entdecken mehr Möglichkeiten, kreativ zu sein, und wir können furchtloser ins Leben schauen. Es kommt noch besser, denn wie sich herausstellt, verschafft uns das Weltverändern ein tiefes, anhaltendes Gefühl der Befriedigung, und zwar nicht nur, wenn wir damit »fertig« sind – was kaum geht –, sondern bei jedem Schritt auf diesem Weg.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, sind Sie bereits daran interessiert, die Welt zu verändern. Wahrscheinlich glauben Sie auch, dass Sie etwas tun können. Aber nicht jeder wird Ihre Überzeugung teilen. In diesem Fall ist es ratsam, sich daran zu erinnern, dass die in diesem Buch dargelegten Ideen durch uralte Weisheit und die neuesten wissenschaftlichen Forschungen untermauert werden. Und sie sind keine reine Theorie, sondern gründen sich auf eine historische Tatsache: Es hat sich erwiesen, dass sie funktionieren. Sobald Sie das Buch zu Ende gelesen haben, müssten Sie besser dafür gerüstet sein, Veränderungen zu bewirken, und auch entschlossener zu Werke gehen können.

Um unsere Thesen durch gesicherte Fakten zu bestätigen, ist das Buch mit Anekdoten und Beispielen aus allen Zeiten der Geschichte und aus aller Welt gespickt. Manche dieser Geschichten haben eine große historische Bedeutung, aber ich habe auch Geschichten aus meinem eigenen Leben oder aus dem Leben von Leuten, die ich kenne, angeführt, um zu zeigen, dass das Weltverändern nicht allein Sache so charismatischer Menschen wie Mahatma Gandhi, Mutter Teresa oder Nelson Mandela ist.

Ich entschuldige mich nicht dafür, solche persönlichen Geschichten wiederzugeben. Im Gegenteil, es wäre schändlich von mir zu behaupten, dass jeder dazu fähig ist, Veränderungen zu bewirken, ohne einige meiner eigenen Erfahrungen beizusteuern. Diese haben aber keineswegs Vorbildfunktion: Es sind einfach meine bescheidenen Beiträge. Die Feminismustheorie besagt, dass »das Persönliche politisch ist«, und wenn das stimmt, werden die Beweise dafür schon per Definition meistens unspektakulär sein. Aber es sind trotzdem Beweise, die zeigen, dass die kleinen alltäglichen Handlungen »gewöhnlicher« Sterblicher das Potenzial haben, weltverändernd zu wirken.

Dieses Buch will Ihnen nicht nur Denkanstöße geben, mit denen Sie sich geistig auseinandersetzen können. Wir lernen am besten durch unser eigenes Handeln, und ein Buch wie dieses ist nur dann von Nutzen, wenn wir das Gelesene praktisch anwenden. Denken Sie beim Lesen immer an die Relevanz des Gelesenen für Ihre eigene Situation.

Und dann machen Sie die Probe aufs Exempel.

II Wie man anfängt, etwas zu verändern

1 Mit der Schwarzseherei aufhören

Wie kann ich als einzelner Mensch unter Milliarden hoffen, irgendetwas verändern zu können? Es gibt viele Gründe dafür, warum uns solche resignierte Fragen so leicht einfallen. Sie sind ein Hinweis darauf, wie wir aufgewachsen sind, wie wir uns ein Leben lang mit Dingen arrangiert haben, die uns frustrieren oder verstören, und wie schmerzlich die Erinnerungen an unsere vergeblichen Bemühungen sind, irgendetwas dagegen zu tun.

Doch es bleibt eine Tatsache, dass wir alle sowieso ständig etwas bewirken. Das eigentliche Problem besteht darin, dass wir unter Umständen nur unbewusst Wirkungen ausüben und in diesem Fall kaum den gewünschten Erfolg erzielen.

Manchen Leuten fällt es schwer zu glauben, dass sie sowieso ständig etwas bewirken. Dann hilft es vielleicht, einmal von der globalen Perspektive abzusehen und sich näher mit den täglichen menschlichen Interaktionen zu befassen – mit der Art, wie wir jeden Augenblick entweder entscheiden, was wir selbst tun wollen, oder uns den Vorschlägen eines Mitmenschen anschließen. Egal wie, all unsere Handlungen sind absichtsvoll, und sie haben ausnahmslos Auswirkungen. Nun könnten Sie sagen, unser Lebensalltag sei wohl kaum die Bühne, auf der Geschichte geschrieben wird. Im Vergleich zu Julius Cäsars Britannienfeldzügen, Dschingis Khans Eroberung Bagdads oder Christoph Kolumbus’ Entdeckung Amerikas sicher nicht. So etwas verstehen viele Leute unter Geschichte. »Die Geschichte der Welt ist vor allem die Geschichte großer Männer«, schrieb Thomas Carlyle. Aber die Geschichtstheorie der »großen Männer« ist ein Auslaufmodell. Heute wissen wir, dass diese Männer das, was sie taten, allein gar nicht hätten tun können. Und wir erkennen inzwischen die historische Bedeutung bislang übersehener Episoden.

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi hat als einer der Ersten die Beobachtung gemacht, dass Geschichte eher als etwas betrachtet werden sollte, das aus der vereinten Wirkung der vielen kleinen Dinge besteht, die gewöhnliche Menschen Tag für Tag tun, aus »einer unendlich großen Zahl von unendlich kleinen Handlungen«.

Nach Tolstois Auffassung schreiben wir vom Augenblick des Aufstehens am Morgen bis zum Zubettgehen am Abend Geschichte. Und nicht nur das, was wir tun, wird Geschichte, sondern auch das, was wir nicht tun. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn wir vor der Entscheidung stehen, ob wir wählen gehen sollen oder nicht. Aber schlussendlich nehmen wir selbst dann noch Einfluss, wenn wir zu Bett gegangen sind: nämlich weil wir schlafen, statt die ganze Nacht an einem welterschütternden politischen Manifest zu arbeiten oder durch die Straßen zu patrouillieren und Essen an Obdachlose auszuteilen.

Dass wir nachts schlafen, ist natürlich ganz in Ordnung, denn wir alle brauchen unseren Schlaf. Aber nach Tolstois Erkenntnis müssen wir einsehen, dass wir auch alle dafür verantwortlich sind, wie die Dinge sind. »Jeder von uns ist absolut wesentlich, jeder ist unersetzbar«, sagt der indianisch-amerikanische Aktivist Leonard Peltier. »Jeder von uns ist das Zünglein an der Waage bei der derzeitigen Entscheidungsschlacht zwischen unseren besten und unseren schlimmsten Möglichkeiten.«

Und doch ist die alte Vorstellung, die uns während unserer Schulzeit eingetrichtert wurde – dass es in der Geschichte um die Taten bedeutender Persönlichkeiten gehe –, schwer auszuräumen. Es scheint, dass sie in Demokratien sogar noch positiv verstärkt wird.

Am zwanzigsten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer flogen die führenden Politiker der Welt nach Deutschland, um vor riesigen Zuhörermassen Reden zu halten. Verblüffend war, dass sie alle kamen, weil sie sich selbst das Verdienst für dieses einzigartige historische Ereignis anrechneten, obwohl sie kaum etwas zum Fall der Mauer beigetragen hatten. In Wirklichkeit wurde die Barriere zwischen Ost- und Westberlin durch viele ganz normale Berliner zum Einsturz gebracht, die nur eine Kleinigkeit getan hatten. Da sie mitbekommen hatten, welche signifikanten Veränderungen in mehreren Nachbarländern durch die »Macht des Volkes« ausgelöst worden waren, schlossen sie sich zu massiven Protesten überall in Ostdeutschland zusammen und gingen schließlich demonstrativ zur Mauer, um zu sehen, was los war. Der Funke sprang auf die Wachposten der Volksarmee über, denen die Veränderungen durch die Macht des Volkes in den Nachbarländern nicht entgangen waren und die schließlich den Weg frei gaben, sodass die Bürger vom Ostteil der Stadt in den Westen überwechseln konnten.

Wenig später wurde die Mauer, da sie ihren Zweck verloren hatte, niedergerissen. Die Tatsache, dass die führenden Politiker der Welt den Ruhm für sich einheimsten, schmälert den Erfolg der Bürger keineswegs, sondern zeigt eigentlich nur, dass man die Welt zwar verändern kann, aber nicht unbedingt Anerkennung dafür erwarten darf.

Wenn wir davon reden, wie tief enttäuscht wir von der Welt sind, wählen wir oft Begriffe wie »das System« oder »der Status quo« und beklagen achselzuckend, dass wir machtlos sind, ob nun eine hohe Mauer mitten durch unsere Stadt gebaut wird und uns den Weg zu Freunden und Verwandten versperrt oder ob weniger bedeutungsschwere Dinge geschehen. Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, wir wollten ein Straßenfest veranstalten, sähen uns jedoch mit kleinlichen Verwaltungsauflagen konfrontiert, die ursprünglich einen völlig anderen Zweck erfüllten: Wir geben auf. Wenn wir so abstrakte Begriffe benutzen wie »das System« oder »der Status quo«, übersehen wir leicht unsere Mitschuld an dem Problem. In Wahrheit haben wir nämlich die Wahl. Wir könnten versuchen, die Vorschriften zu ändern, die uns lähmen, oder sie einfach übergehen. Das liegt ganz bei uns.

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10. November 1989: Menschenmassen versammeln sich auf der Berliner Mauer am Tag nach der Maueröffnung.
(Berliner Mauer, © Caro/Alamy)

Um es so in Worte zu fassen, dass selbst ein Kind es verstehen könnte: Stellen Sie sich einen Moment lang vor, der Status quo sei ein mächtiger König. Schließen Sie die Augen, und versuchen Sie, ihn sich bildlich vorzustellen. Woran erkennen Sie, dass er ein mächtiger König ist? Daran, dass er eine imposante Krone trägt und auf einem goldenen Thron sitzt? Nein. Daraus geht nur hervor, dass er ein König ist. Woher wissen Sie dann, dass er mächtig ist? Weil sich die Leute in seiner Nähe niederwerfen und zittern. Es liegt an deren Verhalten, dass Ihnen der König so mächtig erscheint, nicht an seinem. Wenn die Menschen sich aus dem Staub erhöben, ihm den Rücken zukehrten und anfingen, Witze zu reißen oder Zigaretten zu rauchen, oder wenn sie ein Nickerchen hielten, würde der gleiche König, wie Sie ihn sich vorgestellt haben – mit imposanter Krone und goldenem Thron –, überhaupt keine Macht mehr ausstrahlen. Stellen Sie sich nun einmal vor, der mächtige König wäre ein Bühnenschauspieler, und alle, die sich vor ihm niederwerfen, wären gleichfalls Schauspieler. Ein Schauspieler, der vor einem angeblich mächtigen König im Staub liegt, weiß, dass es auch anders geht: Er könnte sich einfach erheben und etwas anderes machen, und zwar mit großer Wirkung. Auch im wirklichen Leben haben wir die Möglichkeit, unser gewohntes Rollenverhalten aufzugeben und etwas anderes zu machen, nur vergessen wir das oft – falls es uns überhaupt je zu Bewusstsein kommt.

Dies liegt zum Teil daran, dass in der landläufigen Vorstellung ebenso wie in den Geschichten von Königen und Königinnen (oder Präsidenten) die Kinder von klein auf in der Schule lernen, dass Macht oben angesiedelt ist. Eltern und Lehrer erziehen wie der Zauberer von Oz die Kinder zu dem Glauben, sie und andere »Autoritätspersonen« seien allmächtig. Später, als Erwachsene, sollen wir glauben, dass unsere Arbeitgeber und Regierungen ebenfalls allmächtig sind. Und solange wir das glauben, sind sie es auch.

Es klingt vielleicht seltsam, diese eigentlich alltägliche Sache so dargestellt zu bekommen, als drehten wir einem mächtigen König den Rücken zu, aber die meisten Leute in aller Welt fühlen sich tatsächlich machtlos Schikanen aller Art ausgeliefert, ob sie von Regierenden und Arbeitgebern oder gar Freunden und Verwandten ausgehen, und es kann sehr befreiend sein, sich klarzumachen, dass Untertänigkeit ganz allein unsere eigene Entscheidung ist, mit welchen Folgen auch immer.

Tolstoi wunderte sich, dass kaum jemand zu dieser Einsicht kam. Er konnte nicht begreifen, warum normale russische Bauern, nachdem sie in die Zarenarmee eingetreten waren, sich bereit fanden, andere russische Bauern zu töten, vielleicht sogar ihre eigenen Väter und Brüder – nur weil der Zar es befahl. Da ihn diese und andere Fragen des Soziallebens quälten, gab Tolstoi sein privilegiertes Leben in der Stadt auf und zog sich auf sein Gut zurück. Während er sich dort aufhielt, nahm ein junger, politisch aktiver Inder, der in Südafrika lebte, brieflich Kontakt zu ihm auf. Tolstoi erwiderte seinen Brief und veröffentlichte seine Antwort später unter dem Titel Brief an einen Inder.

Darin beschrieb Tolstoi die Unterjochung Indiens durch die Britische Ostindien-Kompanie wie folgt:

Die Handelsgesellschaft hat ein zweihundert Millionen starkes Volk zu Sklaven gemacht. Sagen Sie das einem vom Aberglauben unberührten Menschen – er wird nicht verstehen, was das heißen soll, dass dreißigtausend Mann, keine Athleten, eher sogar schwächliche und üble Leute, zweihundert Millionen lebensvoller, kluger, starker, freiheitsliebender Menschen unterworfen haben? Geht es nicht schon aus diesen Zahlen klar hervor, dass die Inder sich selber geknechtet haben? 1

Der junge Inder, dem Tolstoi schrieb, war Mohandas K. Gandhi, der aus ebenso privilegierten Verhältnissen stammte wie Tolstoi. Aber Gandhi hatte am eigenen Leib erfahren, wie weh Ungerechtigkeit tut, als er wegen seiner dunklen Hautfarbe in Südafrika aus einem Zug geworfen wurde. Von dem Augenblick an widmete er sich voll und ganz dem Kampf gegen die Unterdrückung. Er kehrte in sein Heimatland Indien zurück, das damals unter der Kontrolle Großbritanniens stand, und startete eine gewaltfreie Kampagne für die Freiheit.

Gandhi betonte, wie wichtig eine Sinnesänderung als Voraussetzung für Veränderungen in den Verhaltensmustern des Gehorsams und der Kooperation sei. Er sah die Notwendigkeit erstens für eine psychologische Veränderung weg von passiver Unterwerfung und hin zu Selbstachtung und Mut, zweitens für die Erkenntnis der Unterdrückten, dass ihre Mitwirkung ein Regime erst möglich macht, und drittens für die zunehmende Entschlossenheit, dem Regime Kooperation und Gehorsam zu verweigern. Nach Gandhis Auffassung können diese Veränderungen durch bewusste Einflussnahme gesteuert werden, und so machte er sich daran, sie gezielt herbeizuführen:

Meine Reden sollen »Unzufriedenheit« der Art säen, dass die Leute es als Schande betrachten, eine Regierung zu fördern oder mit ihr zu kooperieren, die jeden Anspruch auf Respekt oder Unterstützung verwirkt hat.

In dem Augenblick, in dem der Sklave beschließt, dass er nicht länger Sklave sein will, fallen seine Ketten. Er befreit sich und zeigt anderen den Weg. Freiheit und Knechtschaft sind Geisteszustände. Darum muss man als Erstes zu sich selbst sagen: »Ich werde die Rolle des Sklaven nicht länger hinnehmen. Ich werde Befehlen nicht mehr gehorchen, nur weil es Befehle sind, und ich werde den Gehorsam verweigern, wenn sie nicht mit meinem Gewissen vereinbar sind.«

Natürlich waren die Briten empört. Manche Leute haben bis heute noch immer Probleme damit, die Rechtmäßigkeit zivilen Ungehorsams anzuerkennen. Gesetze müssen geachtet werden, sagen sie. Aber diese Position zu vertreten hieße, dass alle Deutschen, sobald Hitler die Macht ergriffen hatte, die Pflicht gehabt hätten, sich seinem Regime ohne Wenn und Aber zu unterwerfen. Das glauben heute allerdings nur wenige; im Gegenteil, die meisten sind der Meinung, dass unter bestimmten Umständen Ungehorsam und Widerstand absolut gerechtfertigt sind.

Wie die alltägliche Realität auf der ganzen Welt zeigt, verhält sich nie die gesamte Bevölkerung gehorsam. Viele Menschen übertreten gelegentlich die Gesetze oder missachten unbedeutendere Bestimmungen, und manche tun es sogar häufig. Einige tun es aus egoistischen und andere aus edleren Motiven. Dramatische Fälle massenhaften zivilen Ungehorsams sind nur die offensichtlichere Form dieses allgemeinen und alltäglichen Fakts.

Wenn Sie dieses Buch zur Hand genommen haben, weil Sie bereits eine gewisse Vorstellung davon haben, wie Sie die Welt verändern möchten, zum Beispiel, indem Sie einen billigen, bequemen Schuh herstellen, sind Sie jetzt wahrscheinlich ein bisschen beunruhigt über die Wendung, die die Dinge genommen haben mit Gandhis Rede über die geistige Knechtschaft und meinem Hinweis auf Hitler. Was hat das mit Ihnen zu tun? Klar, wir müssen nicht glauben, dass wir Sklaven sind, und wir müssen auch nicht in einer Diktatur leben, um an der Weltveränderung mitzuwirken. Wir müssen nur überzeugt sein, dass irgendetwas vollkommen verkehrt ist (wie etwa der Preis und die Bequemlichkeit der gegenwärtig erhältlichen Schuhe), und zu dem Schluss kommen, dass wir das nicht länger tolerieren wollen.

Gleichwohl erwähne ich Nazideutschland mit Absicht. Ich behaupte, dass es selbst dann, wenn Sie glauben, mit Ihren Bemühungen nichts ausrichten zu können, unerlässlich ist, dass Sie wenigstens den Versuch machen.

Skeptiker behaupten oft, dass die Nazis sich nicht durch gewaltfreie politische Aktionen hätten besiegen lassen. Haben sie recht? Ob ja oder nein, Hypothesen können nicht bewiesen werden. Statt sich in fruchtlosen Debatten darüber zu erschöpfen, ob Gewaltlosigkeit gegen die Nazis etwas genützt hätte oder nicht, ruft Gene Sharp uns dazu auf, uns lieber einmal klarzumachen, wie den Nazis tatsächlich

The Politics of Nonviolent Action

Als Gefangene aus einem polnischen Lager auszubrechen begannen, setzte eine junge Telegrafistin ihr Leben aufs Spiel, indem sie einfach die Bitte der Lagerleitung um Verstärkung nicht abschickte.

In Dänemark trug der König aus Sympathie mit den Juden, die den sogenannten Judenstern tragen mussten, ebenfalls einen gelben Stern. Als dänische Beamte Juden für die Deportation zusammentreiben sollten, ließen sie diese Information vorher an die Öffentlichkeit durchsickern, sodass die Betroffenen reichlich Zeit hatten unterzutauchen. Außerdem hielten sich viele Dänen nicht an die von den Nazis verhängte nächtliche Ausgangssperre und blieben so lange draußen, wie es ihnen beliebte.

In Deutschland wagte eine Gruppe von nichtjüdischen Bürgern, öffentlich zu protestieren, nachdem ihre jüdischen Ehemänner und -frauen abgeholt worden waren, und zwar mitten im Krieg im Zentrum von Berlin. Kaum zu glauben, aber die Protestierenden hatten Erfolg: Ihre Ehepartner wurden ihnen zurückgegeben und blieben für die Dauer des Krieges unbehelligt.

Ärzte, die das Nazi-Regime ablehnten, erklärten einfach junge Männer für wehruntauglich. (Sie wurden »Guten-Tag-Doktoren« genannt, weil sie ihre Patienten statt mit »Heil Hitler« mit »guten Tag« begrüßten.)

Am bekanntesten geworden ist der Widerstand gegen Hitler, den die Gruppe Weiße Rose leistete, die Anti-Nazi-Flugblätter verfasste und per Post an zufällig aus dem Telefonbuch ausgewählte Haushalte im Land verteilte. Die Flugblätter kursierten erstmals im Jahr 1942, als der Krieg für Deutschland noch erfolgreich zu sein schien. »Wir schweigen nicht, wir sind euer schlechtes Gewissen!«, hieß es auf einem Flugblatt. Im ganzen Land waren die Flugblätter zu finden. Niemand ahnte, dass die Weiße Rose nur ein kleiner Freundeskreis in München war. Das letzte Flugblatt der Weißen Rose wurde aus Deutschland hinausgeschmuggelt, millionenfach kopiert und von alliierten Fliegern über Deutschland abgeworfen. Die Blätter erreichten sogar die Konzentrationslager. »Als wir hörten, was in München geschah«, erinnerte sich ein Häftling später, »umarmten wir einander und applaudierten. Es gab offenbar doch noch anständige Menschen in Deutschland.«

Wenn es solche Nadelstiche nicht gegeben hätte, hätte das Hitler-Regime womöglich noch schlimmer gewütet als ohnehin schon. Anders gesagt: Hätten sich mehr Menschen getraut, Widerstand zu leisten, wären die schlimmsten Gräueltaten der Nazis vielleicht verhindert worden.

heute

1Quellenangaben im hinteren Teil des Buches