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Rosi Gollmann

mit Beate Rygiert

Einfach Mensch

Das Unmögliche wagen für unsere Welt

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1. Auflage

Originalausgabe

© 2012 Kailash Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München

Umschlagfotos: © Markus Lanz (Rosi Gollmann), © Andheri-Hilfe (indische Kinder)

Fotos im Innenteil: siehe Bildnachweis auf Seite 383

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-09075-3

www.kailash-verlag.de

Mein Buch –

Meine Liebe –

Mein Leben

widme ich euch,

den an den Rand gedrängten Menschen

in unserer einen Welt

Verehrte, liebe Frau Gollmann,

mir sind die Erlebnisse mit Ihrer Initiative stets ganz unvergesslich. Die tiefe Dankbarkeit der Menschen, die dank Ihres Einsatzes zu einem neuen Leben gefunden haben, nicht nur durch die Wiederherstellung der Gesundheit, sondern auch durch diese bewegende Erfahrung des Mitempfindens, hat sich mir fest eingeprägt.

Dass Sie nun Ihr reiches Leben in einem Buch niederlegen wollen, das uns Lesern Anregung zu eigenem Engagement sein wird, empfinde ich als gut und sinnvoll.

Ich grüße Sie voller Respekt und Dankbarkeit und mit den herzlichsten Wünschen

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Richard von Weizsäcker

Liebe Rosi,

immer wieder hatte ich dich im Fernsehen gesehen, über dich gelesen. Doch als du dann tatsächlich vor mir standest, war es um so viel beeindruckender: was für ein Gesicht! Ich kenne niemanden – außer Heiner Geißler vielleicht –, dem das Leben so eindrucksvolle Linien gemalt hat wie dir. Irgendwann habe ich begonnen, dich mit meiner alten Leica zu porträtieren. Bin dir damit auf die Nerven gegangen, immer wieder. Habe versucht, dein Gesicht mit der Kamera zu ergründen, so wie Reisende eine uralte Landschaft erkunden: Schritt für Schritt, Tal für Tal. Ich glaube, es ist ein Spiel, das die Natur mit uns treibt: Nur wer wahrhaft geduldig ist, erfährt manchmal etwas von den Geheimnissen, die sich in solchen Landschaften verbergen.

Wann immer ich in solchen Welten unterwegs war, ob in Ostafrika oder in den Weiten der Mongolei, habe ich Menschen getroffen mit ähnlich faszinierenden Gesichtern. Feine, kluge Gesichter, durchzogen von tiefen Furchen, in die sich eine Art von Lebensweisheit eingegraben hatte, die es nur noch selten gibt.

Einer dieser Menschen ist ein äthiopischer Mönch. Seit Jahrzehnten lebt er in einem schwer zugänglichen Kloster, auf einer einsamen Insel mitten im Tanasee gelegen. »Ich bin tot für die Welt, und die Welt ist tot für mich«, sagte er mir, als ich ihn nach seinem Leben fragte. Er isst nur einmal am Tag: ein paar Scheiben Brot, nach Sonnenuntergang, gebacken mit dem brackigen Wasser aus dem See. Er hat keinen Fernseher, keine Zeitungen, er hatte nicht einmal mitbekommen, dass Barack Obama der neue amerikanische Präsident war. Er hat sich ganz und gar aufgegeben, um, versunken in Gebete und lange Meditationen, von einer besseren Welt zu träumen. Er ist zutiefst davon überzeugt, dass wir spüren, wenn der Mann im fernen Äthiopien für uns betet.

Ein anderer ist Mönch in einem der letzten Klöster der Mongolei, noch jung, ein buddhistischer Gelehrter und ebenso weise wie gelassen. Seine Schüler nennen ihn »Lama«. Geld, Macht, Einfluss: Wer Menschen wie ihn danach fragt, merkt schnell, dass er sich lächerlich macht. Es sind Begriffe aus unserer Welt, in seiner sind sie ohne jede Bedeutung. »Euer Problem sind die Gedanken. Warum lasst ihr so viele Ängste in euer Leben?«, fragte er mich. Dann nahm er mich mit auf einen einsamen Berg, um zu meditieren. Manchmal verbringt er dort Wochen, manchmal sogar Monate. Ganz allein. Zum Abschied sagte er mir: »Du musst dich besser konzentrieren. Auf das, was wichtig ist.« Ich entgegnete: »Ich versuche es doch.« Und er: »Nein, du bist nicht einmal in der Lage, dich für zehn Sekunden auf einen roten Apfel zu konzentrieren.«

Du hast dich konzentriert, Rosi, hast deinem Herzen vertraut. Ich habe es erlebt auf unserer gemeinsamen Reise durch den Süden Indiens. Habe gesehen, wie unerschrocken du dich mit deinen 85 Jahren durch Staub und glühende Hitze kämpftest, wie angstfrei du sterbende Aidskranke in den Arm nahmst, wie hartnäckig du Fragen stelltest, um deine Projekte voranzutreiben. Jede einzelne Furche deines faszinierenden Gesichts erzählt eine solche Geschichte, dieses Buch ist voll davon. Und wer genau hinschaut, der wird noch etwas entdecken. Nur ganz besondere Menschen haben es. Der Mönch vom Tanasee, der Gelehrte aus der Mongolei, auch du. Es ist das, was Enkel manchmal in den Augen ihrer Großeltern entdecken: Güte.

Herzlichst, Dein

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Markus Lanz

Prolog

»Was haben Sie eigentlich davon, dass Sie sich ein Leben lang für andere Menschen eingesetzt haben?«

Es war am 5. November 2011. Soeben war ich, am selben Tag wie Hans-Dietrich Genscher, vom Senat der Wirtschaft zur Ehrensenatorin ernannt worden. Während der abendlichen Feierstunde suchte ein junger, dynamischer Unternehmer, der durch die Laudatio von meiner Lebensgeschichte erfahren hatte, das Gespräch mit mir. Und jetzt stellte er mir diese überraschende Frage.

Ja, was habe ich davon, dass ich im Alter von achtzehn Jahren die Entscheidung traf, nicht zu heiraten, um für eine andere, eine soziale Aufgabe frei zu sein? Als sich mir Jahre später tatsächlich eine solche Aufgabe in den Weg legte, verlangte sie bald meinen vollen Einsatz. Ein Berufsleben hatte daneben keinen Raum mehr, und ich verzichtete auf mein Gehalt und finanzielle Absicherung. Heute bin ich 85 Jahre alt und lebe zusammen mit meiner indischen Adoptivtochter von einer kleinen Rente. Doch das macht mir nichts aus. Schließlich hatte ich nie das Ziel, etwas Besonderes zu sein oder viel zu besitzen. Was habe ich also von meinem Leben?

»Ich bin ein zutiefst glücklicher Mensch«, gab ich zur Antwort, »glücklicher könnte ich gar nicht sein.«

Der junge Mann, der sein Ziel als Unternehmer vermutlich im Ausbau seines Betriebes und der Maximierung seiner Erträge sah, blickte mich überrascht an.

»Wissen Sie«, fuhr ich fort, »nicht viel zu besitzen, das schafft mir eine ungeheure Beweglichkeit. Wäre ich vermögend, dann lebte ich ständig in der Sorge, meinen Besitz zu erhalten und zu verwalten. Das würde mir viel von meiner Freiheit nehmen, würde meine Zeit und meine Energie binden. Die setze ich lieber für Aufgaben ein, die mir wichtiger sind und mich außerdem wirklich glücklich machen. Wenn zum Beispiel ein Mensch, der in Blindheit leben musste, endlich sehen kann! In diese Augen zu blicken, in die das Licht zurückgekehrt ist – das ist das Schönste, was Sie erleben können. Ja, das ist es, was ich davon habe: ein wirklich unbeschreibliches Glück!«

Mein Gegenüber wirkte nun recht nachdenklich.

»Aber«, so wandte er ein, »Sie können doch nicht allen armen Menschen auf der Welt helfen.«

»Da haben Sie Recht«, antwortete ich, »unser Vorstand hatte die gleichen Bedenken, als ich vor vielen Jahren den Kampf gegen die Blindheit in Bangladesch aufnehmen wollte. ›Was willst du mit deiner kleinen Schar von Mitstreitern gegen diese millionenfache Not ausrichten? Wo willst du denn da anfangen?‹, fragten sie mich. ›Beim Ersten‹, war meine Antwort. Inzwischen konnten wir mehr als 1,25 Millionen blinden Menschen zum Glück des Sehens verhelfen.«

»Wie hat das eigentlich alles angefangen?«, wollte der junge Unternehmer nun wissen.

»Ach«, sagte ich und lachte, »das ist eine lange Geschichte.«

»Warum halten Sie es dann nicht einmal in einem Buch fest?«

Er war nicht der Erste, der mir diese Frage stellte. Seit Jahren hörte ich immer wieder: »Sie sollten das alles aufschreiben. Das ist so spannend!« Ebenso lange schon drückte ich mich vor dieser Herausforderung. Zunächst aus Zeitmangel und weil ich meinte, die Zeit effektiver einsetzen zu können. Vor allem aber, weil ich mich nicht als jemand Besonderen sehe und präsentieren möchte. Sicher: Aus der Andheri-Hilfe Bonn, die ich 1967 als kleinen Verein ins Leben rief, ist im Laufe des vergangenen halben Jahrhunderts eine anerkannte und effektive Bewegung geworden, die in Tausenden von Projekten Menschen auf der Schattenseite des Lebens zu einem menschenwürdigeren Leben verholfen hat. Schon immer trieb mich das Unrecht einer Politik um, in der von einer »Ersten«, »Zweiten« und einer »Dritten« Welt die Rede ist und in der die Allerärmsten sogar in eine »Vierte« Welt abgeschoben werden. Leben wir nicht alle in der einen Welt für alle und tragen Verantwortung für sie?

In dem Wort »Verantwortung« steckt »Antwort«. So habe ich mein Leben lang einfach nur versucht, eine Antwort auf das zu geben, was mir in den Weg gelegt wurde. Und nie war ich dabei allein. Wann immer ich eine Auszeichnung entgegennehmen durfte – seien es die verschiedenen Bundesverdienstkreuze, das »Goldene Herz« oder der Päpstliche Orden »Pro Ecclesia et Pontifice« –, habe ich betont, dass ich die Ehrung stellvertretend für meine vielen Mitstreiter hier in Deutschland wie auch in Indien und Bangladesch entgegennahm: Dass Zigtausende von Heimkindern in ihre Familien zurückkehren konnten, dass ganze Dörfer durch sinnvolle Projekte der dörflichen Entwicklung zum Erblühen kamen, dass ausgegrenzten Menschen wie Leprakranken und Behinderten, aber auch Ureinwohnern und Kastenlosen die ihnen angestammten Rechte zugesprochen wurden, dass unzählige Kinder von der Arbeit in Steinbrüchen und Fabriken befreit wurden und eine Schul- oder Berufsausbildung erhielten, dass unterprivilegierten Frauen wieder Würde und Respekt entgegengebracht werden – das sind nur einige Beispiele dafür, was eine fruchtbare Zusammenarbeit bewirken kann.

Die von mir gegründete Andheri-Hilfe Bonn steht im Mittelpunkt all meines Handelns, sie ist mein Leben. Meine persönliche Geschichte betrachtete ich lange als meine Privatangelegenheit. Doch nun gab die Frage »Rosi Gollmann, was haben Sie eigentlich von dem Ganzen?« den letzten Anstoß, meine Geschichte endlich einmal aufzuschreiben.

Und so möchte ich kein Fachbuch schreiben, sondern dem Leser erzählend begegnen, auf gleicher Augenhöhe, so wie ich den Menschen stets begegne: sei es den Vertretern von Wirtschaft und Politik in Deutschland oder den Hilfsbedürftigen armseliger Slums in Indien und Bangladesch, sei es auf internationalen Veranstaltungen und Kongressen oder bei Besuchen in Schulen, Vereinen und Gemeinden in Deutschland – gleich welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe mein Gegenüber auch sein mag, welcher Glaubensgemeinschaft er angehört oder auf welche Sprosse der sozialen Leiter die Gesellschaft ihn platziert hat. Denn was für mich zählt, ist der Mensch, so wie er von seiner Mutter geboren wurde; und da ist jeder gleich. Einfach Mensch – genauso sehe ich mich, als einen Menschen, der grenzenlos neugierig und offen für andere ist. Und der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als anderen Menschen zu begegnen und sie in ihrer ganz besonderen Wesensart kennenzulernen.

Kapitel Eins: Vom Glück, zu den Menschen zu gelangen

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

Franz Kafka

»Liebe Tante Rosi, bist Du gut aus Indien zurückgekommen, oder bist Du an der Pest gestorben?«

Diese Zeilen meines neunjährigen Patenkindes fand ich vor, als ich 1994 von einer Projektreise durch Indien heimkehrte. Das Mädchen brachte auf den Punkt, was wohl viele besorgte Freunde und Verwandte damals bewegte. Was war geschehen?

Gemeinsam mit Dr. Antonius Nienhaus, dem Zweiten Vorsitzenden unserer Andheri-Hilfe, hatte ich in jenem Jahr eine Reise nach Indien und Bangladesch geplant. Der Flug war gebucht, die Reiseroute festgelegt, unsere Projektpartner erwarteten uns, alles war bis ins letzte Detail vorbereitet. Dann, zwei Tage vor der Abreise, die alarmierende Nachricht in den Medien: »Pest in Indien! Deutsche Gesundheitsbehörden warnen.« Auch das Auswärtige Amt riet dringend von einer Reise nach Indien ab.

Was sollten wir tun? Wohin ich mich auch wandte, alle versuchten, mich von der Reise abzubringen. Die Pest, diese längst ausgerottet geglaubte »Geißel der Menschheit«, verbreitete immer noch Angst und Schrecken. Doch so vernünftig die Argumente auch klangen, in mir sträubte sich alles dagegen, die Reise abzusagen. Ich dachte an unsere Freunde und Partner, die in dem jetzt von der Seuche bedrohten Land leben mussten, die keine Möglichkeit hatten, der Krankheit auszuweichen.

Mein Reisebegleiter und ich, wir waren es, die nun entscheiden mussten. Wir berieten uns, holten detailliertere Informationen ein. Indien ist groß, vielleicht lauerte die ärgste Gefahr nicht gerade dort, wo wir erwartet wurden? Tatsächlich schien es so. Die ersten Pestfälle waren in der Stadt Surat aufgetreten, viele Hundert Kilometer vom Bundesstaat Orissa entfernt, wo wir erwartet wurden. Natürlich war das keine Garantie. Eine Epidemie kann sich rasend schnell ausbreiten, was sind da schon einige hundert Kilometer?

Die Zeit drängte und damit die Entscheidung. Wir trafen sie – und zwar für die Reise.

»Wir sprechen so viel von Partnerschaft und davon, dass die Partner unsere Freunde sind«, gab ich denen zur Antwort, die mich entsetzt fragten, warum um alles in der Welt wir dieses Wagnis auf uns nehmen wollten. »Wir sagen immer, dass wir Freud und Leid mit ihnen teilen wollen. Jetzt können wir zeigen, ob das nur schöne Worte sind oder ob es uns wirklich ernst damit ist. Freunde lässt man nicht allein.« Und so traten wir die Reise an.

Zunächst schien alles gut zu gehen. Doch bereits an unserem zweiten Tag in Indien wurden wir Zeugen der ernsten Realität: Ein Kind wurde auf einer Trage in Windeseile aus der Schule direkt ins Krankenhaus gebracht – Pestverdacht! Ob er sich bestätigte, erfuhren wir nicht. Und dann sahen wir sie: die vielen tausend Menschen, die aus Surat, wo sie Arbeit in der berühmten Schmuckindustrie gefunden hatten, vor der Krankheit zurück in ihre Dörfer in Orissa flohen. Niemand konnte sagen, ob nicht einige von ihnen, ohne es zu wissen, die Krankheitserreger in sich trugen?

Wir befanden uns also mitten in der Gefahrenzone.

Aber wir ließen uns nicht beirren. Schließlich waren wir nicht auf Urlaubsreise, sondern unser Aufenthalt, der ein straffes Programm vorsah, galt den ohnehin hart Getroffenen, den Leprakranken. Mit ihnen und unseren Projektpartnern standen wichtige Gespräche und weitreichende Entscheidungen an, um diesen von der Gesellschaft »ausgesetzten« Menschen zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen. Darum waren wir hier und nicht, um in Panik zu verfallen.

Unsere indischen Partner und Freunde waren ganz offensichtlich erleichtert, dass wir die Dinge so pragmatisch sahen und die Reise wie geplant fortsetzten.

Es war also richtig zu reisen.

Was ihnen unser Kommen in jener schweren Zeit bedeutet hat, brachten sie nach unserer glücklichen Rückkehr nach Deutschland in einem Brief zum Ausdruck. »Lassen Sie uns Ihnen ganz herzlich danken, dass Sie zu uns gekommen sind, ungeachtet der gefährlichen Situation in unserem Land durch die Pest. Wir bewundern Ihren Mut und Ihre Bereitschaft, bei uns zu sein in einer Zeit, da die ganze Welt den Bann über uns ausgesprochen hat. Dass Sie trotzdem zu uns kamen, zeigt uns erneut Ihren unbeirrbaren Einsatz für die Sache der Ärmsten …«

Und meinem Patenkind konnte ich antworten: »Ja, meine Liebe! Deine Tante Rosi ist gesund und munter wieder zurück.«

~~~~~~~~~

Ich fühle mich einfach zu den Menschen hingezogen, egal, welche Hindernisse zwischen uns zu stehen scheinen. Schon die früheste Erinnerung, die ich habe, führt mich zurück in eine solche Situation. Obwohl ich damals noch ein ganz kleines Mädchen war, ist die Begebenheit in meiner Erinnerung immer noch so frisch und lebendig, als sei es gestern erst gewesen:

Wie so oft gehe ich an der Hand meiner älteren Cousine am Rheinufer spazieren. Es ist ein bitterkalter Wintertag. Aber warum ist heute alles so anders? Kein strömender Fluss, keine Schiffe. Stattdessen sehe ich Menschen – sonst weit von uns entfernt auf der anderen Uferseite – mitten auf dem Rhein. Sie lachen und rufen, sie kommen auf uns zu! Wie ist denn das möglich?

Ein seltenes Ereignis, der Rhein ist zugefroren. Das breite Wasserband, das das westliche Ufer Bonns von der gegenüberliegenden Stadt Beuel trennt, ist auf einmal begehbar. Der Fluss, sonst eine unüberwindliche Grenze, ist zu einer grünlich schimmernden, unwirklich im Eis erstarrten Landschaft geworden. Und ich mitten darin, erfüllt von dem Wunsch, hinüber zu gelangen, auf die andere Seite. Entschlossen reiße ich mich los und laufe aufs Eis.

»Rosi!«, ruft meine Cousine erschrocken hinter mir her, »bleib stehen, das ist viel zu gefährlich.«

Aber ich höre nicht auf sie. Ich sehe keine Gefahr, fühle keine Angst. Nur den Wunsch: hin zu den Menschen …

Ein Zeitungsartikel vom 12. Februar des Jahres 1929 – von einem Andheri-Freund im Bonner Stadtarchiv ausfindig gemacht – beschreibt, wie »sich der Rhein bis über beide Ohren in einen prunkvollen schneeverbrämten Eismantel gehüllt hat und sich wie ein müder Alter durch die stille Wintereinsamkeit schleppt … ein grandioses Schauspiel … immer weiter schiebt sich das Randeis in den Strom hinein. Immer weiter wagt sich unbedachte Jugend zur Strommitte vor. Besonders am ›Schänzchen‹ herrscht ein buntes, frohes Treiben. In dicke Schals und wollene Mützen gehüllt tummelt sich ein spielfreudiges Völkchen auf der blau-grünen Eisfläche …«

Unter ihnen das kleine Mädchen Rosi – nicht einmal zwei Jahre alt.

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Abb. 1: Die kleine Rosi mit Mutter und Bruder Ernst

Hin zu den Menschen – das lebte mir auch meine Mutter vor. Ich hatte das Glück, in einer liebevollen Familienatmosphäre aufzuwachsen. Nach zwei Söhnen hatte sich meine Mutter eine Tochter gewünscht. Obwohl meine Eltern in einfachen Verhältnissen lebten und abwägen mussten, ob ein drittes Kind zu verantworten war, entschieden sie sich dafür.

»Du bist im Rosenmonat Juni geboren«, erzählte mir meine Mutter oft. Und so passte es ausgezeichnet, dass ich den Namen meiner Mutter erhielt: Rosi.

Zu meinen Brüdern, die vier und sechs Jahre älter waren, hatte ich ein herzliches Verhältnis, wenn es auch hin und wieder hieß: »Was will denn die Kleine!« In meiner Erinnerung war mein ältester Bruder Karl-Heinz fast ständig krank, das Sorgenkind meiner Eltern. Weil er so schwach war, wurde er von meiner Mutter besonders umsorgt, und er bekam immer das beste Essen. Das zu verstehen war für uns jüngere Geschwister nicht immer ganz einfach. Mein Vater war Handelsvertreter, ein einfacher Mann, aber überaus intelligent. Ich besitze noch heute seine hervorragenden Schulzeugnisse. Doch was er verdienen konnte, war nicht viel für eine fünfköpfige Familie.

So war mein Elternhaus auch eine Schule der Einfachheit. Meist trug ich gebrauchte Kleidung auf, die Verwandte oder Freunde an uns weitergaben – so war es damals weithin üblich. Und eine Scheibe Brot mit Margarine und Rübenkraut war ein Hochgenuss für uns Kinder. Aber ich empfand das alles nie als Mangel.

Meine Mutter kam aus einer großen Familie mit sechzehn Kindern. Ihre Eltern unterhielten in Bonn-Endenich eine »Restauration mit Ball- und Conzertsaal: Gasthaus zur Deutschen Reichshalle von Wilh. Schurz«, wie auf einer alten Ansichtskarte aus dem Jahr 1900 zu lesen ist. Ich finde es bemerkenswert, dass meine Großeltern all ihren Kindern – darunter fünfzehn Mädchen – eine Ausbildung ermöglichten, schließlich war das damals keine Selbstverständlichkeit. Meine Mutter lernte Hutmacherin, und tatsächlich sah man sie sonntags selten ohne einen eleganten, selbstgefertigten Hut.

Eine meiner Tanten hatte eine sogenannte »gute Partie« gemacht, und bei ihr verdiente sich meine Mutter als Putzhilfe etwas dazu. Bevor ich eingeschult wurde, begleitete ich sie oft. Und obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war, erinnere ich mich gut daran, dass mich eine Frage sehr beschäftigte: Warum kann sich die Tante eine Putzhilfe nehmen, und meine Mutter muss als Putzhilfe dienen?

Ich half gern mit und erhielt für das Staubwischen hin und wieder ein paar Pfennige. Dieses erste selbstverdiente Geld sparte ich so lange an, bis es für ein Tütchen echten Bohnenkaffees reichte, gerade genug für eine Tasse, samt einer kleinen Portion Milch. Das schenkte ich meiner Mutter, die sich selbst einen solchen Luxus niemals gegönnt hätte, sondern sich mit sogenanntem »Muckefuck«-Malzkaffee zufrieden gab. Im Haushalt ihrer Schwester Käthchen war dagegen Bohnenkaffee an der Tagesordnung. Schon damals erfuhr ich, wie viel Freude das Geben macht. Meine Freude über ein paar Bonbons für mich selbst hätte nicht größer sein können.

Während des Krieges und in der Nachkriegszeit war die Nahrungsmittelversorgung besonders knapp. Wir alle hungerten, und meine Mutter ging oft übers Land, von Haus zu Haus, und tauschte irgendwelche entbehrlichen Gegenstände gegen Lebensmittel. Mitunter mussten sogar ein paar meiner geliebten Bücher als Tauschobjekte herhalten, natürlich nicht gerade zu meiner Freude. Was auch immer meine Mutter von ihren »Hamstertouren« mitbrachte, teilte sie großherzig mit anderen.

Da war zum Beispiel Tante Christine, eine ältere Schwester meiner Mutter, die es mit vier Kindern und einem arbeitslosen Ehemann besonders schwer hatte. Sie wohnte nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Nicht selten lief meine Mutter am frühen Morgen in Pantoffeln – noch bevor sie mich zur Schule brachte – zu ihrer Schwester, um ihr von den eingetauschten Lebensmitteln etwas abzugeben.

So wurden das Teilen und Füreinander-Sorgen für mich zu einer Selbstverständlichkeit. Über Ungleichheiten, die ich in meiner Umgebung wahrnahm, ließ ich mich jedoch nicht hinwegtäuschen. Meine Grundschullehrerin Fräulein Feierabend schrieb gar in mein Zeugnis: »Rosi hat einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn!«

Ich ging mit Begeisterung zur Schule, lernte mit Freude und großem Eifer und verehrte Fräulein Feierabend über alles. Sie war vom Schlag jener Lehrerinnen, für die der Beruf eine Berufung war, eine Aufgabe, die nicht an der Schulpforte endete. Damals blieb eine Lehrerin in den meisten Fällen unverheiratet, war ganz für die Kinder da und kümmerte sich auch außerhalb des Unterrichts intensiv um sie. Sie machte Hausbesuche, führte Gespräche mit den Eltern und begleitete ihre Zöglinge bis ins angehende Erwachsenenalter. Auf diese Weise vermittelte uns Fräulein Feierabend nicht nur Wissen, sondern auch Werte, die über den Lehrstoff weit hinausgingen. Gemeinsam mit den Eltern formten diese Lehrerinnen damals unsere Persönlichkeit, wirkten als Vorbilder, mitunter auch mit einer gewissen Strenge, prägten uns aber vor allem über die Begeisterung, die sie in uns weckten. Ich hing so sehr an Fräulein Feierabend, dass ich mich nach der vierten Klasse strikt weigerte, aufs Gymnasium zu wechseln, obwohl meine Lehrerin sehr dazu riet. Diese Entscheidung sollte ich später sehr bereuen! Einmal schenkte mir Fräulein Feierabend als Auszeichnung ein sogenanntes »Realienbuch«, das sich auf die Fächer Erdkunde, Naturkunde und Geschichte bezog. Sie hatte es viele Jahre lang benutzt, und vermutlich kaufte sie sich eine neuere Ausgabe. Für mich aber bedeutete dieses alte Buch einen Besitz von ungeheurem Wert.

Fräulein Feierabend hatte ich es auch zu verdanken, dass ich 1937 im Rahmen einer sogenannten Kinderlandverschickung vier Wochen im damals weit entfernten Berchtesgaden verbringen durfte. Ich war unter jenen Kindern, die nicht in den Ferien, sondern während der Schulzeit aufs Land »verschickt« wurden, da ihre Versetzung aufgrund ihrer guten Noten trotz der langen Abwesenheit vom Unterricht nicht gefährdet war. Mit etwa hundert anderen Kindern trat ich die lange Bahnreise an. Jedes von uns trug ein Schild um den Hals, auf dem unser Name und unser Bestimmungsort standen. Viele Stunden waren wir schon unterwegs, als wir endlich in der Ferne die Alpen erkennen konnten. Hoffentlich muss ich noch nicht so bald aussteigen, dachte ich, denn ich wollte gern so nah wie möglich an die Berge heran. Immer wieder hielt der Zug, Ortsnamen wurden ausgerufen, und die Kinder, auf deren Schildern die entsprechenden Namen standen, verließen uns. Tatsächlich war ich dann die Letzte, die aussteigen durfte – in Berchtesgaden.

Eine Familie mit einer vierjährigen Tochter nahm mich auf. Verwundert entdeckte ich in jeder Ecke des Hauses Fotografien, auf denen die kleine Helene zusammen mit Adolf Hitler abgebildet war. Kein Wunder, entsprach sie doch mit ihren dicken blonden Zöpfen genau dem Rasseideal des deutschen Mädchens im Nationalsozialismus. Ich weiß nicht, ob die Familie Hitler und seinem Regime besonders nahe stand oder ob die kleine Tochter lediglich als Model für Propaganda-Aufnahmen gedient hatte. Mit einer nationalsozialistischen Gesinnung jedenfalls wurde ich während meines Urlaubs nicht konfrontiert, im Gegenteil.

Ich schloss mich besonders dem Großvater der Familie an, der aus dem Rheinland stammte und gerade seine Ferien in den Bergen verbrachte. Eine wunderbare Freundschaft entspann sich zwischen meinem neuen »Onkel Philipp« und mir. Ich war zehn Jahre alt, wissbegierig und neugierig auf alles. Ich liebte es, mit ihm schon früh am Morgen zu einer Gebirgswanderung aufzubrechen. Onkel Philipp nannte mir dann die Namen der Berge, brachte mir die Pflanzenwelt der Alpen nahe, und zum Abschied schenkte er mir ein Büchlein mit dem Titel »Was blüht denn da?«.

Es war eine herrliche Zeit dort im Berchtesgadener Land, solche Ferien hätten mir meine Eltern nie finanzieren können. Als Dank schickte ich meinen Gasteltern ein Gedicht, das später in der Bonner Tageszeitung veröffentlicht wurde. Die Naturerfahrung während jener vier Wochen in den Bergen hat mich für mein ganzes Leben geprägt, noch heute wandere ich gerne in der Umgebung von Berchtesgaden. Die Liebe zur Natur wurde mir schon früh von meinen Eltern vermittelt, und nun hatte ich bei den sonntäglichen Ausflügen mit der Familie oder mit dem Naturheilverein, in dem meine Eltern Mitglied waren, stets Onkel Philipps Pflanzenbestimmungsbuch bei mir. Meine Brüder zogen mich gern damit auf, brachten mir irgendwelche Blumen und wollten wissen: »Na, Rosi? Was blüht denn da?«

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Abb. 2: Rosi mit ihren Brüdern Ernst und Karl-Heinz

Auch am Rheinufer identifizierte ich mithilfe des Büchleins Kräuter und Blumen – dort, wo 1929 der Rhein zugefroren gewesen war und ich mich von der Hand der Cousine losgerissen hatte. Wie die Geschichte damals ausging, weiß ich nicht mehr. Vermutlich hat mich meine Cousine eingeholt und vom Eis zurückgehalten. Später ließ ich mich nicht mehr aufhalten. Ich habe das Gefühl, dass diese Begebenheit aus frühester Kindheit wie eine Metapher bereits im Kern vorwegnahm, was mein späteres Leben ausmachen sollte. Auf Menschen zuzugehen, mich nicht aufhalten zu lassen, Gefahren nicht zu beachten – so wie 1994, als wir zu unseren Freunden nach Indien fuhren, obwohl dort die Pest wütete.

Es gab so viele Situationen in meinem langen Leben, in denen eine ängstliche Haltung die richtige Antwort auf eine bestimmte Situation verhindert hätte. Jede Zeit birgt eigene Gefahren und Risiken, und ich habe früh lernen müssen, damit umzugehen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass es in Deutschland einer Mutprobe gleichkam, sich zu seinem Glauben zu bekennen.

Kapitel Zwei: Kreuz versus Hakenkreuz – eine Jugend im Nationalsozialismus

Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber man muss es vorwärts leben.

Søren Kierkegaard

Als überzeugte Christen standen meine Eltern dem Nationalsozialismus und seinen Lehren kritisch gegenüber. Der sonntägliche Kirchgang gehörte für sie selbstverständlich zum Leben. Uns Kindern waren sie ein Vorbild, jedoch übten sie niemals Zwang auf uns aus. Als einer meiner Brüder irgendwann beschloss, der Sonntagsmesse fernzubleiben, gab es weder Diskussionen noch Strafen. Selbst als Ernst, von der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen bei Sport, Touren und Lagerfeuer angezogen, der Hitlerjugend beitrat, ließen meine Eltern ihn gewähren. Sie machten keinen Hehl daraus, was sie von den neuen Machthabern hielten, und auch mein Bruder wurde spätestens an jenem Tag eines Besseren belehrt, als seine Kameraden von der HJ rote Farbe in die Weihwasserbecken von Bonner Kirchen gossen, damit die Kirchgänger beim Kreuzzeichen mit dem geweihten Wasser denken sollten, sie hätten sich mit Blut besudelt.

Mir wurde der tägliche Gang zur Messe in früher Morgenstunde ab meinem vierzehnten Lebensjahr zur Selbstverständlichkeit, und zwar ganz und gar freiwillig. Meine Mutter erzählte gern, dass sie mich eines Morgens, als ich etwa elf Jahre alt war, aus der Kirche holen musste. Völlig versunken hatte ich die Zeit vergessen und so tatsächlich den Schulbeginn verpasst.

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Abb. 3: Erstkommunion 1937

Unfassbar war für mich jener Tag im Jahr 1939, an dem die Kreuze aus den Klassenzimmern entfernt und der Religionsunterricht sowie das Gebet an den Schulen verboten wurden. Stattdessen bot die Kirche freiwillige »Seelsorge-Stunden« an, und ich nahm mit Freuden daran teil. Auch engagierte ich mich in der Pfarrbücherei und schloss mich einer katholischen Jugendgruppe an. Wir unternahmen herrliche Ausflüge, und mancher Kontakt mit Freunden von damals hat sich bis heute gehalten, einige von ihnen gehören heute zu unserem Spenderkreis.

Tief eingeprägt haben sich mir aus jenen frühen Jahren die Jugendbekenntnisfeiern jeweils am Sonntag nach Pfingsten. Das Bonner Münster war dann stets bis auf den letzten Stehplatz mit jungen Menschen gefüllt, die den mitreißenden Predigten des Jugendkaplans Fuhrmans lauschten. Allerdings saßen unter seiner Kanzel auch Spitzel mit Notizblock und Stift, um jede Aussage, die man als gegen Hitler und Genossen gerichtet auffassen konnte, aufzuschreiben und gegebenenfalls gegen den Geistlichen zu verwenden. »Freund«, rief der Kaplan einem von ihnen einmal unbeeindruckt zu, »schreibe richtig!«

Furchtlos waren auch wir Jungen und Mädchen, die wir begeistert »Wir sind bereit, rufen es weit: Gott ist der Herr auch unserer Zeit!« sangen. Wir wussten genau, dass draußen die Hitlerjugend nur darauf wartete, dass wir aus dem Münster traten. Dann blieb es nicht bei harten Worten und gehässig skandierten Parolen, meist kam es zu brutalen Schlägereien. Wir nahmen das auf uns. Es waren Zeiten, die einen jungen Menschen forderten, aber auch formten. Man wurde früher reif, weil man früher wichtige Entscheidungen treffen musste.

Eines Tages fasste ich einen verwegenen Plan: Ich wollte mich freiwillig zum Bund Deutscher Mädchen melden mit der Absicht, eine Jugendgruppe zu übernehmen und den Nazithesen christliche Ideale entgegenzusetzen. Unser Kaplan Zimmermann, ein stiller, religiöser und dabei weltoffener junger Priester, hatte viel Mühe, mir das auszureden. »Das wird dir nicht gelingen«, warnte er mich, »lass das sein!« Nur widerstrebend folgte ich seinem Rat, dabei hatte er natürlich Recht. Kaplan Zimmermann wurde zum Militärdienst eingezogen und fiel wenig später »für Volk und Vaterland«.

Ich betrachte es als ein großes Glück, in meiner Jugend einigen dieser Menschen begegnet zu sein, die mir den Glauben nicht nur mit Worten vermittelten, sondern ihn mir auf beeindruckende Weise vorlebten. So erfuhr ich die christliche Lehre niemals als eine Drohbotschaft, sondern als eine Frohbotschaft der Freude und der Liebe.

Meine Eltern saßen in jenen Jahren oft vor dem Radio, dem sogenannten Volksempfänger, um von ausländischen Sendern die Wahrheit über die politische Lage zu erfahren. Das war natürlich bei Strafe verboten, und ich musste dann draußen aufpassen, dass es niemand merkte. Uns gegenüber wohnte nämlich eine äußerst engagierte Nazifamilie. Einer der Söhne war ein Klassenkamerad meines Bruders, und den hatten wir im Verdacht, ein Spitzel zu sein. Das war auch der Grund, so sagten meine Eltern, warum in unserem Wohnzimmer ein Hitler-Bild hing: um uns Kinder nicht in Gefahr zu bringen.

Am 20. Juni 1942 sollte meine sanfte und stets freundliche Mutter dieses Hitler-Portrait allerdings im hohen Bogen zu Boden schleudern. Es war der Tag, an dem die Nachricht eintraf, dass mein ältester Bruder Karl-Heinz im Afrika-Feldzug gefallen war. Niemand hatte ernsthaft geglaubt, dass er bei seinem Gesundheitszustand als Soldat eingezogen würde. Doch im »Totalen Krieg« wurde jeder junge Mensch gebraucht. Sein Tod war für unsere ganze Familie ein harter Schlag, und meine Mutter, die sich so viele Jahre lang mit all ihren Kräften dafür eingesetzt hatte, die Gesundheit meines Bruders zu erhalten, sollte den Verlust ihres Sohnes nie wirklich verwinden. Fast die Hälfte seiner Schulzeit hatte Karl-Heinz wegen seiner vielen Erkrankungen versäumt. Um ihm dennoch eine gute Ausbildung zu ermöglichen, schickten meine Eltern ihn unter großen persönlichen Entbehrungen auf eine private Handelsschule. So konnte er eine kaufmännische Lehre in einem renommierten Lebensmittelbetrieb abschließen. Den kinderlosen Eigentümern war er als tüchtiger und vertrauenswürdiger Mitarbeiter bald so ans Herz gewachsen, dass sie planten, ihm später den Betrieb zu übergeben. So viele Hoffnungen, so viele Mühen. Und nun war der überall beliebte Karl-Heinz im Alter von 21 Jahren Opfer des sinnlosen Krieges geworden.

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Abb. 4: Rosi Gollmann im Ernteeinsatz in Dernbach, Westerwald

In jenen Sommerferien, als wir mit dem Tod meines ältesten Bruders fertigwerden mussten, meldete ich mich freiwillig zu einem Ferieneinsatz in einem kleinen Dorf namens Dernbach im Westerwald. Denn wenn ich auch nicht das Naziregime unterstützte, so half ich gern jenen Familien, denen die Arbeitskraft ihrer Soldatensöhne fehlte. Für mich als Städterin war die Arbeit in der Landwirtschaft etwas völlig Neues. Der Umgang mit den Tieren und die Feldarbeit machten mir so viel Freude, dass ich zwei Jahre später zurückkehrte, um dort mein Pflichtjahr abzuleisten. Junge Frauen unter 25 Jahren waren damals verpflichtet, ein Jahr lang in der »Land- und Hauswirtschaft« zu arbeiten; zum einen wollte man so die Arbeitskraft der fehlenden Soldaten ersetzen, zum anderen sollten die jungen Frauen auf ihre künftige Rolle als Haus- und Landfrauen vorbereitet werden. Ohne dieses Pflichtjahr konnte damals keine Lehre oder anderweitige Ausbildung begonnen werden.

So erlebte ich einen gesamten Jahreszyklus in der Landwirtschaft und konnte mir wertvolle Grundkenntnisse aneignen. Heute staune ich darüber, wie wundersam sich in meiner Jugend alles fügte. Denn später konnte ich in der Entwicklungsarbeit in Indien gerade von diesen Erfahrungen sehr profitieren. Bis heute erlebe ich immer wieder, dass nichts zufällig geschieht, auch wenn ich den Sinn und die Zusammenhänge manchmal erst Jahrzehnte später erkenne. Dazu gehört auch eine Begegnung, die zu den wertvollsten Erinnerungen meines Lebens zählt.

Es war im Februar 1943. Ich hatte die Schule abgeschlossen und besuchte bereits im letzten Jahr die Handelsschule. Noch immer ging ich jeden Morgen um halb sieben vor Unterrichtsbeginn zur Frühmesse. Damals war es üblich, dass Frauen und Männer getrennt voneinander im linken und im rechten Seitenschiff saßen. Unter den wenigen Kirchenbesuchern fiel mir eines Morgens ein junger Mann auf, ein wenig älter als ich. Von nun an sah ich ihn jeden Morgen. Immer verließen wir die Kirche nach dem Gottesdienst in gleicher Weise: durch den rechten Ausgang die fünfzehnjährige Rosi, durch den linken der siebzehnjährige Hans-Robert. Bis wir eines schönen Morgens – als hätten wir uns abgesprochen – beide den Mittelgang benutzten. So lernten wir uns kennen.

Mit der Zeit entwickelte sich aus dieser Morgenbegegnung eine wunderbare Freundschaft. Wir hatten einander viel zu erzählen: Hans-Robert hatte seine Mutter bei seiner Geburt verloren, und auch sein Vater starb früh. Seine vier älteren Schwestern hatten als Elternlose genug mit sich selbst zu tun. So kümmerten sich zwei ältere Tanten, beide Ordensschwestern, um den Jungen und sorgten für seine Ausbildung. Da sie sich wünschten, ihr Neffe möge Priester werden, schickten sie ihn auf ein kirchliches Internat. Unter den Nationalsozialisten wurde dieses Institut jedoch geschlossen, und so war Hans-Robert nach Bonn gekommen, um sich in einer Klosterschule auf sein Abitur vorzubereiten.

Ehe wir uns versahen, wurde aus unserer Freundschaft eine tiefe Zuneigung, und von Hans-Roberts Plan, Priester zu werden, war irgendwann nicht mehr die Rede. Wir verbrachten so viel Zeit miteinander wie möglich, besuchten gemeinsam Konzerte und gingen ins Theater. Er steckte mich mit seiner Begeisterung für Kunst, Kultur und Literatur sowie mit seinem Sinn für alles Schöne an. Und ich sog das alles begierig in mich auf.

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Abb. 5: Voller Lebensfreude und -erwartung

Wir schmiedeten Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Hans-Robert plante jetzt, Medizin zu studieren. Nach dem Abschluss meiner Handelsschule arbeitete ich zwar zunächst im Büro einer großen Firma, doch im Hinblick auf unsere Zukunftspläne orientierte ich mich neu: Ich fand in einer Bonner Praxis eine Stelle als Sprechstundenhelferin. Unser gemeinsamer Weg schien fest vorgezeichnet. Während meines Pflichtjahres im Westerwald schrieben wir uns täglich, mitunter sogar mehrmals am Tag. Es war eine herrliche Freundschaft und eine bereichernde Zeit, die uns beide aufbaute und wachsen ließ – und dabei, für heutige Verhältnisse kaum vorstellbar, vollkommen unschuldig blieb.

Doch dann wurde mein Freund im Sommer 1943, im Alter von achtzehn Jahren, eingezogen und an die Westfront geschickt. Wie sehr ich ihn vermisste, vertraute ich in jener Zeit nur meinem Tagebuch an. Der Krieg ging seinem Höhepunkt entgegen und wurde mehr und mehr auch bei uns in den Städten ausgetragen. Fast täglich fielen die Bomben, und in der Arztpraxis war ich mit den schrecklichsten Verletzungen konfrontiert. Zu meiner Sorge um den geliebten Freund – immerhin hatte mein ältester Bruder in diesem Krieg bereits sein Leben gelassen – kam der beängstigende und immer zerstörerischer werdende Bombenterror.

Am 18. Oktober 1944 schrieb ich in mein Tagebuch: »Unser Bonn fiel einem fürchterlichen Terroranschlag zum Opfer. Ein schauerliches Bild bot sich mir, als ich nach dem Angriff, der nur zwanzig Minuten dauerte, aus dem Luftschutzkeller ins Freie trat: überall Jammer und Elend, Brand und Verwüstung.« Später erfuhr ich, dass bei diesem Angriff vierhundert Menschen starben. Angeblich hatte ein britischer Kommandeur an jenem Tag meine Heimatstadt nur deshalb bombardieren lassen, um neue Navigations- und Abwurfeinrichtungen zu erproben.

Mein Bruder Ernst war inzwischen Soldat in einer Kaserne im oberbayerischen Schongau und wartete auf seinen Fronteinsatz bei der Fliegerabwehr, der »FLAK«. Auch unser Vater wurde zum Zivilen Luftschutz abkommandiert; in der Bonner Nordschule war jetzt seine Unterkunft. Wegen der ständigen Bombenangriffe machte ich mir Sorgen um meine Mutter, die tagsüber allein in unserer Wohnung blieb, während ich bei der Arbeit war und mein Vater sich beim Luftschutz befand. Seit dem Tod unseres ältesten Bruders war ihr Gesundheitszustand labil, besonders das Herz machte ihr zu schaffen. So schlug ich vor, sie zu evakuieren. Wir entschieden uns für Altenstadt bei Schongau in Oberbayern, wo Ernst stationiert war. Bei einer Bauernfamilie fand mein Bruder eine Unterkunft für sie, und so brachte ich meine Mutter an einem düsteren Novembertag im Jahr 1944 zum Zug.

Sie war gerade noch rechtzeitig abgereist. Die Bombardierungen nahmen zu und wurden immer grausamer. Kurz vor Weihnachten überraschte mich ein Angriff auf dem Heimweg von der Praxis, die ersten Bomben fielen bereits während des Voralarms. Ich rannte um mein Leben, flüchtete von Haus zu Haus, doch Tür um Tür war verschlossen. Bis mir endlich geöffnet wurde und ich im Keller Zuflucht fand, wo ich mit den Bewohnern ausharrte, während draußen der Bombenregen nicht aufhören wollte. »Grauenvoll sieht unsere Stadt aus«, schrieb ich danach ins Tagebuch. »Unser herrliches Münster erhielt einen Volltreffer im linken Seitenflügel. Münsterplatz, Markt und Hofgarten bieten ein grausames Bild. So viele Wohnhäuser sind getroffen. Es raucht und brennt und schwelt noch überall. Dieser Angriff ist überstanden. Wann mag der nächste folgen?«

Er ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Tage später, an Heiligabend, nahmen die feindlichen Bomber die Innenstadt Bonns erneut ins Visier und jagten uns, als wir aus der Christmette kamen, in die nächstgelegenen Luftschutzkeller. Stundenlang mussten wir voller Angst ausharren.

Fast täglich fielen die Bomben. Nie werde ich diese Bilder vergessen, Bilder von brennenden Straßenzügen, von Menschen, die eben noch gesund und lebendig gewesen waren wie ich und nun als zerstückelte Leichen zwischen den Trümmern lagen. Unvergessen bleibt mir auch ein Erlebnis nach einem besonders schweren Brandbombenangriff: Ich war allein in der Praxis, der Arzt bei zwangsverpflichteten Fremdarbeitern im Einsatz. Da stand plötzlich eine verzweifelte Mutter vor mir und hielt mir ihr schwer verletztes kleines Mädchen entgegen; es war halb verbrannt. Die Haut hing ihm in blutigen Fetzen herab, die Beine waren verkohlt. Meine Knie zitterten. Aber es war keine Zeit für Schwäche, ich musste handeln. Und mit meiner bescheidenen medizinischen Erfahrung konnte ich tatsächlich das kleine Menschenleben retten.

»Wir sind vom Tod umlauert«, schrieb ich in jenen Wintertagen in mein Tagebuch, als auch noch mein Vater an einer schweren Lungenentzündung erkrankte. Und so wanderte ich täglich zwischen der Arztpraxis und unserer Wohnung, zwischen Bunkern und dem provisorisch eingerichteten Hospital auf dem Venusberg, wo mein Vater untergebracht war, hin und her, vorbei an oft noch qualmenden Trümmern, an noch nicht geborgenen Leichen – Bilder des Grauens.

Im Februar, inmitten all dieses Sterbens, erlebte ich einen kurzen Moment der Erleichterung: Nach fünf Monaten Schweigen erhielt ich endlich ein Lebenszeichen von meinem Freund. Er war in Frankreich in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, und es ging ihm, wie er schrieb, »an Leib und Seele gut«. Wenigstens dieser Sorge war ich nun enthoben. Ein kurzes Durchatmen in einer Zeit des Schreckens.

Am 5. Februar 1945 schrieb ich in mein Tagebuch: »Gestern Abend saß ich im Haus ›Maria Einsiedeln‹, dem provisorisch eingerichteten Hospital auf dem Bonner Venusberg, am Krankenbett meines Vaters. Kaum hatten die Sirenen Fliegeralarm angekündigt, zersplitterten bereits durch die ersten Bomben Fenster und Türen. Krachend stürzte die Decke ein. Jeder versuchte, sich in Sicherheit zu bringen; an meinen todkranken Vater dachte in der Panik keiner. Ich schrie, aber niemand hörte mich. Die Not der Stunde verlieh mir ungeahnte Kräfte: Ich nahm den kranken, stöhnenden Vater auf meine Arme und trug ihn hinunter in die Kellerräume. Wie endlos erschien mir die Treppe mit dieser Last. Draußen regnete es Brand und Vernichtung vom Himmel. Alles war taghell vom Feuer ringsum und im Haus selbst. Erschöpft erreichte ich den Keller und ließ mich dort nieder, den todkranken Vater auf dem Schoß haltend. Mit allem, was ich an eigener Kleidung entbehren konnte, bedeckte ich seinen zitternden Körper. Ob sein Herz wohl durchhält?, fragte ich mich bang. Ob er in meinen Armen stirbt? Ob wir zusammen sterben? Die Hausbewohner, die Schwestern und wir alle glaubten an unser Ende. Wir beteten. Das Feuer und der Brandgeruch vertrieben uns bald in einen anderen Raum und dann ins Freie. Ich konnte Vater noch im einigermaßen heil gebliebenen Nachbarhaus unterbringen, dann galt es, die noch zu rettenden Gegenstände aus dem brennenden Krankenhaus zu bergen. Schließlich ging es ans Löschen – die ganze Nacht hindurch. Viele hundert Wassereimer wanderten von Hand zu Hand. Gegen Morgen hatten wir es geschafft. Das Feuer war gelöscht, übrig blieben Ruinen. Und Vater hatte es überlebt – Gott sei Dank. Mir blieb eine kurze Stunde Rast in einem Liegestuhl, dann zur Praxis.«

Später erfuhr ich, dass in jener Nacht 350 feindliche Flugzeuge rund 2000 Sprengsätze und unzählige Brandbomben über Bonn abgeworfen hatten. Man erwog daraufhin, Bonn komplett zu evakuieren, aber wie sollte das organisatorisch umgesetzt werden?

Wenig später wurde auch das Haus getroffen, in dem sich meine Arbeitsstelle befand. Behandlungen waren nicht mehr möglich. Auch wenn sich der Gesundheitszustand meines Vaters inzwischen etwas gebessert hatte, machte ich mir dennoch Sorgen um ihn. Sollte ich nicht auch ihn in Sicherheit bringen? Es gelang mir, seine Beurlaubung zu erwirken, und ich bereitete alles vor, um ihn nach Altenstadt zu meiner Mutter zu begleiten.