cover

Hilmar Klute

Wir Ausgebrannten

Hilmar Klute

Wir Ausgebrannten

Vom neuen Trend, erschöpft zu sein

Diederichs

Für Amalia

© 2012 Diederichs Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Weiss | Werkstatt | München

unter Verwendung eines Motivs © plainpicture/Sabine Schründer

ISBN 978-3-641-08351-9

www.diederichs-verlag.de

INHALTSVERZEICHNIS

Volkskrankheit Burnout

Die Lust an der Erschöpfung

Verliebt in die Krise

Wer sagt, dass die Arbeit uns erfüllen muss?

Der elende Stress mit der Lust

Das Zeitalter des Narziss

Die große Aussteigeritis

Sinn und Selbstzweifel

Unser schöner neuer Krankheitskatalog

Die große Zukunftsmüdigkeit

Das Burnout der Politik

Das Burnout der Debattenkultur

Ausgebrannte Landschaften

Die Wegschieber

Die elenden Abmahner

Mut zum Hedonismus

Des Lebens Süße zum Dessert

Literatur

VOLKSKRANKHEIT BURNOUT

Kaum ein Thema jenseits der Weltpolitik hat die Deutschen in den vergangenen zwei Jahren dermaßen beschäftigt wie das Burnout-Syndrom. Jedes deutsche Magazin, jede Tages- und Wochenzeitung widmet sich ausgiebig dem Thema, die Talkshows laden Experten und Betroffene ein und in den Internetforen tauschen sich Ausgebrannte und potenzielle Kandidaten für ein Burnout über ihre Erfahrungen aus. Es scheint so, als sei Burnout die Krankheit des digitalen Zeitalters, wenn man überhaupt von einer Krankheit reden möchte, denn in der Medizin gibt es Burnout als klinischen Begriff nicht. Trotzdem ist die Botschaft eindeutig: Der Mensch geht an seine körperlichen und seelischen Grenzen respektive er wird dorthin getrieben, vom Arbeitgeber, von der Familie und den Anforderungen, die das viel zu komplexe Leben an ihn stellt. Dass Menschen zu viel arbeiten und infolge ihrer Arbeit Erschöpfungszustände erleben, das hat es immer schon gegeben. Aber die Burnout-Debatte zeigt, dass der große Erschöpfungszustand das Ausmaß einer Epidemie angenommen hat. In den Wirtschaftsbilanzen kommt er als Verlustziffer vor, und wer in der Welt der Prominenz etwas auf sich hält, weiß sich mit seiner ganz persönlichen Erschöpfungsgeschichte zu präsentieren.

Der Koch Tim Mälzer, der Fußballtrainer Ralf Rangnick und der Schriftsteller Frank Schätzing sind mit ihrer Burnout-Geschichte an die Öffentlichkeit getreten, die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel hat ihre Erfahrungen mit dem Ausgebranntsein in einem Buch geschildert. Der Tenor all dieser Geschichten ist einheitlich: Die Gesellschaft und ihre Anforderungen treiben den Menschen in die Überkonditionierung, man muss immer besser werden und es allen recht machen, der Firma, dem Chef, der Familie. Weil aber die Kräfte des Menschen begrenzt sind, kommt es früher oder später zur totalen Erschöpfung.

Seit längerer Zeit wird das Thema Burnout mit großer Entschiedenheit und Ernsthaftigkeit rauf und runter erzählt. Fallgeschichte löst Fallgeschichte ab, die immer gleichen Deutungsmuster werden immer wieder angebracht und die Zahl der Experten und Therapeuten, die gegen das Burnout-Syndrom zu Felde rücken, ist Legion. Dass es mittlerweile einen Überdruss an Erschöpfungsberichten gibt, eine Art Burnout-Burnout, lassen die, leider noch sehr wenigen und verhaltenen, Stimmen ahnen, die fordern: Lasst uns in Ruhe mit eurem Burnout.

Diesen Stimmen und auch jenen, die einen leisen Zweifel anmelden, dass jeder Überdruss mit der Arbeit und die damit verbundene Müdigkeit in die große Volkskrankheit Burnout münden muss, ist dieser Essay gewidmet. Es soll hier nicht darum gehen, Menschen, die aufgrund persönlicher oder beruflicher Umstände in Unpässlichkeiten geraten, vorzuführen. Es geht vielmehr darum, eine fixe Idee auf ihren negativen Wert hin abzuklopfen und sie mit der Verfasstheit unserer Gesellschaft abzugleichen, in der Individualismus, Libertinage und Eigensinnigkeit längst keine Tugenden mehr sind. Die großen Abmahner und Tugendwächter, es gibt deren viel zu viele, schreiben uns Tag für Tag vor, wie wir zu leben haben. Sie verbieten uns das Rauchen, das Trinken und heben mahnend den Finger, wenn wir ein Flugzeug besteigen oder eine Birne in die Fassung drehen, die nicht als energiesparend zertifiziert ist. Unser Burnout oder das, was wir damit bezeichnen, ist auch die fiebrige Reaktion auf zu viel Reglementierung. Mittlerweile wird der Begriff sogar auf die Weltpolitik angewendet, wenn es darum geht zu beschreiben, wie die Kraftressourcen der Politik und der Wirtschaft zur Neige gehen und Menschen immer weniger Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Entscheidungsträger setzen.

Wenn in der Öffentlichkeit über Burnout geredet oder geschrieben wird, so geschieht dies fast durchgehend affirmativ. Fragen werden selten gestellt, jedenfalls solche nach der Eigenverantwortung, die jedem Menschen nun einmal obliegt. Sollte ein erwachsener Mensch im frühen 21. Jahrhundert nicht wissen, wie man sein Leben und seine Arbeit dergestalt ausrichtet, dass sie einander bedingen und nicht behindern? Muss jeder, der am Sinn seines Tuns zweifelt, der einmal nicht mehr weiterweiß, sofort als kranker Mensch gelten, der in eine Spezialklinik gehört? Und ist Burnout nicht vielleicht auch eine probate und gewinnträchtige Erfindung für eine Gesellschaft, die sich zunehmend als therapeutisch definiert und die für jede Unpässlichkeit eine passende Krankheit bereithält, für die es auch umgehend eine Heilmethode gibt? Und schließlich: Sind wir aufgeklärte Bürger nicht auch in der Pflicht, für unser Wohlergehen selbst Sorge zu tragen und die reichlich kurze Zeit hienieden mit Würde und Sinn zu füllen und diese Würde und diesen Sinn sogar selbst zu definieren?

Diese und verwandte Fragen will dieser Essay stellen und so gut es geht beantworten. Er will auch für das Wagnis werben, die eine oder andere Expertenmeinung getrost in den Wind zu schlagen, die gehobenen Zeigefinger der Abmahner und Tugendwächter nach hinten zu knicken und die Koordinaten für ein gutes, kluges und vergnügliches Leben selbst zu suchen. Man muss kein nerviger Emphatiker sein, um zu finden, dass selbst unsere hochgetunte Effektivgesellschaft der Ausgestaltung jenes guten, klugen und vergnüglichen Lebens genug Platz einräumt. Dass wir uns den Anspruch auf diesen Platz nicht nehmen lassen, auch dafür wirbt dieser Essay. Und weil er im Ton und in der Haltung der Polemik verfasst ist, sieht er sich nicht verpflichtet, dem Genüge zu tun, was man gemeinhin »politische Korrektheit« nennt.