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Vor der Wandlung

Es war Donnerstag. Genau eine Woche, bevor es geschah. Noch wusste Sue nicht, dass sich ihr Leben und das ihrer Freunde Jenny und Alex rasant ändern würde. Die drei saßen im Matheunterricht in der Schule und langweilten sich zu Tode. Sie gingen in die achte Klasse und nahmen gerade Gleichungen durch. Da sie alle drei hochbegabt waren, hatten sie den Stoff schneller durch, als die restlichen Schüler ihrer Klasse. Die Lehrer waren oft ratlos, was sie mit ihnen anstellen sollten. Alle Aufgaben, die sie den dreien gaben, wurden in Rekordzeit erledigt. So saßen sie immer ohne Arbeit da und warteten auf das Ende der Stunde. Der Direktor und der Klassenlehrer hatten schon oft mit ihnen darüber geredet, ob sie nicht an eine andere Schule gehen wollten. Eine, die sich mit hochbegabten Kindern auskannte. Doch die drei wollten weder auf eine andere Schule noch eine Klasse überspringen. Warum? Das wussten sie selbst nicht. Vielleicht, weil sie hier ihre Freunde hatten. Vielleicht auch, weil sie nicht anders sein wollten als ihre Mitschüler. Ihnen gefiel es an der kleinen Schule. Sie fühlten sich wohl – so mehr oder weniger. Zaghaft hob Jenny die Hand.

„Ähm, Mrs Cort? Wir sind fertig.“ Sie sagte es vorsichtig, denn sie wusste, dass die Lehrer manchmal genervt reagierten. Tatsächlich sah jetzt die Lehrerin entgeistert zu ihren drei Schützlingen und schüttelte den Kopf.

„Es ist mir ein Rätsel, wie ihr so schnell sein könnt. Leider habe ich keine Aufgaben mehr für euch. Aber wenn ihr möchtet, könnt ihr euren Mitschülern helfen.“

Sue nickte und fragte in die Klasse, ob jemand Hilfe brauche. Sofort schnellten ein halbes Dutzend Arme in die Höhe. Jenny seufzte und verdrehte die Augen. Sue trottete zu einem der Mitschüler. Sie war normal groß, schlank und körperlich fit. In der Klasse war sie sehr beliebt, eigentlich sogar in der ganzen Schule. Sie erklärte dem Jungen lustlos die Gleichung. Alex dagegen war voller Elan dabei. Er war stolz darauf, hochbegabt zu sein. Vielleicht lag es daran, dass er es so weiterbringen konnte als sein Vater damals. Warum ihn das so stolz machte, war den Mädchen schleierhaft, denn die Begabung brachte auch einen Haufen Nachteile mit sich. Ständig wurde von einem erwartet, dass man alles wusste, und es war natürlich selbstverständlich, dass sie den anderen den Stoff beibrachten, während die Lehrer hinter ihrem Pult saßen und tagträumten. Außerdem waren die drei immer schneller als ihre Mitschüler und langweilten sich in jeder Stunde. Alex erklärte seinem Freund Devin, wie man Gleichungen rechnet. Zehn Minuten später gongte es endlich, und Mrs Cort entließ die Klasse in die Pause. Jenny ging aus dem Klassenzimmer und seufzte. Jetzt nur noch Chemie. Ein Glück! Sue wusste genau, was ihre Freundin dachte. Lange würde sie es hier nicht mehr aushalten. Sie sollten endlich auf eine andere Schule. Scheiß auf die anderen. Mit denen konnten sie sich immer noch in ihrer Freizeit treffen. Sue wollte das Thema ansprechen, doch dann zögerte sie. Auf welche Schule konnten sie gehen? Welche Schule entsprach denn ihrem „Niveau“? Keine, die sie kannten, außer vielleicht die Maurice Ice School. Aber für dieses Internat brauchte man ein Stipendium. Da ging man nicht einfach hin und fragte, ob noch drei Plätze frei sind. Das war ein Eliteinternat für die Besten der Besten. Sue schüttelte resigniert den Kopf. Sie machten sich auf den Weg in den Chemiesaal, um auch noch die letzte Stunde hinter sich zu bringen. Dort erwartete sie schon Mr Boom. Wie er wirklich hieß, wusste niemand, alle nannten ihn nur Mr Boom. Die Klasse hatte ihn erst seit einem halben Jahr, da der alte Chemielehrer für längere Zeit ausgefallen war. Die Schüler waren froh über den Lehrerwechsel gewesen, denn Mr Chronk, der alte Chemielehrer, hatte immer nur Theorie mit ihnen durchgekaut. Mr Boom dagegen machte viele Experimente, allerdings flog bei ihm jede Stunde mindestens einmal etwas in die Luft. Und er legte es auch immer darauf an. Zwar waren die Explosionen nie stark genug, um einen großen Schaden anzurichten, aber immerhin, es waren Explosionen. Egal, was man ihm sagte, die falschen Stoffe landeten trotzdem zusammen im Reagenzglas und … KABOOM!!! flog alles in die Luft. Anfangs war das noch cool gewesen. Welcher Lehrer ließ schon absichtlich etwas in die Luft gehen? Aber inzwischen schrieben sie alle nur noch mit, um die Bombe später selber nachzubauen und in der Schultoilette hochgehen zu lassen.

Mr Boom rieb sich vor Vorfreude die Hände und wartete, bis auch der letzte Schüler Platz genommen hatte. Dann begrüßte er die Klasse und holte eine Schale aus dem Vorbereitungsraum. Aus einer mit Öl gefüllten Dose fischte er ein Stück Natrium. „Die Flüssigkeit in der Schale ist Ethanol, also reiner Alkohol. Ich werde nun das Natrium in die Schale schütten, und dann schauen wir mal, was passiert“, erklärte der Lehrer den Schülern.

„Ist das nicht gefährlich? Ein Kollege meiner Mutter hat auch mal so einen Versuch mit Natrium gemacht, und das ist ziemlich übel ausgegangen“, sagte Sue. Ihre Mutter arbeitete in einem Labor im Zentrum der Stadt. Was genau sie dort tat, woran sie forschte, wusste Sue nicht. Sie und ihre Freunde durften ab und zu mal mit ins Labor und zuschauen. Dabei hatten sie schon so einige Versuche mitbekommen, die leider immer wieder auch mal schiefgegangen waren. Der Lehrer hatte sich wieder gefasst und lächelte Sue an.

„Ja, Susan, du hast recht. Das Experiment kann ganz schön schiefgehen, wenn man etwas falsch macht. Aber ich weiß schon, wie viel ich nehmen darf, damit nichts passiert. Außerdem, bin ich denn nicht für meine Experimente bekannt?“

„Ja, das sind Sie. Aber bitte, glauben Sie mir! Ich …“ Weiter kam sie nicht, denn ein Mitschüler namens Harry fuhr ihr barsch ins Wort.

„Jetzt lass ihn doch. Er ist schließlich der Lehrer. Er weiß, was er tut.“ Mr Boom sah von seinem Experiment auf und nickte dankend in Harrys Richtung. Er ließ das Natrium in die Schale fallen. Plötzlich gab es eine Stichflamme und eine Explosion. Mr Boom schrie vor Schmerzen auf. Von der Stichflamme entzündet, fing plötzlich die Decke an zu brennen. Jenny rannte entschlossen nach vorne.

„Alle raus!“, rief sie und machte sich auf den Weg zur Tür. Die Klasse folgte ihr und lief hinter ihr her aus dem Raum, wobei Alex und Sue das Schlusslicht bildeten. Der Lehrer taumelte hinter ihnen her und hielt sich eine Hand vors Gesicht.

„Lauft. Ich komm schon hier raus. Bringt euch in Sicherheit!“, rief er panisch.

Alex drückte auf den Feueralarmknopf. Innerhalb weniger Minuten war die Schule leer. Nur Sekunden, nachdem die letzten Schüler aus der Tür getreten waren, hörte man einen Knall und dann ein Rumpeln. Die Schüler duckten sich. Mrs Miller schrie mit schriller Stimme, und erst Sekunden später konnte Sue verstehen, was sie gerufen hatte: Mr Boom fehlte. Er war noch im Gebäude. Er hatte es doch nicht alleine geschafft. Sue dachte gar nicht erst nach. Sie rannte los. Neben dem Seiteneingang stand ein randvolles Fass mit Wasser. Sie zog im Rennen ihre Sweatjacke aus und stopfte sie hinein. Dann tauchte sie auch den Kopf ins Wasser. Für einen Augenblick war alles seltsam ruhig. Dann zog sie den Kopf wieder raus, und der Lärm traf sie noch lauter als vorher. Sie streifte ihre Jacke wieder über, presste sich die Kapuze vor den Mund und rannte ins Gebäude. Das Letzte, was sie hörte, bevor sie von der Feuerhölle eingeschlossen wurde, waren die Schreie und Pfiffe ihrer Mitschüler, die sie zurückhalten wollten.

Der Rauch brannte in ihren Augen und vernebelte ihr die Sicht. Halb blind rannte sie in Richtung Chemiesaal. Es war schwer, sich in dem ganzen Rauch zurechtzufinden, doch irgendwie schlug sie den richtigen Weg ein. Sie bekam Qualm in die Lungen und fing an zu husten. Einige Meter vor dem Chemiesaal stolperte sie beinahe über ihren bewusstlosen Chemielehrer. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. So gut wie der komplette Chemiesaal war zerstört worden, und Mr Boom hatte starke Verbrennungen am ganzen Körper sowie eine große Platzwunde am Hinterkopf. Sue erinnerte sich an den Erste-Hilfe-Kurs, den sie vor einigen Jahren absolviert hatte. Sie packte ihren Lehrer mit dem Rettungsgriff und versuchte, sich zu orientieren. Um sie herum wütete das Feuer. Flammen schlugen an den Wänden hoch und zerfraßen die Türen. Auf dem Boden lagen Trümmerteile, über die sie leicht stolpern konnte. Ihre Kleidung war schon wieder trocken, und auch die Haare waren kaum noch feucht. Langsam stieg Panik in ihr auf. Ihr wurde bewusst, wie brenzlig die Situation war, in der sie sich befand. Was wäre, wenn sie es nicht schaffen würde? Was wäre, wenn herabstürzende Trümmer sie unter sich begruben? Sie biss die Zähne zusammen. Atmen war kaum noch möglich. Keuchend sog sie jedes bisschen Luft, das sie erwischen konnte, in die gequälten Lungen. Ein Balken stürzte herab und riss sie zu Boden. Vor Schmerz schrie sie auf. Ihre Jacke fing Feuer, und sie schlug panisch darauf ein. Das Ziehen in ihrem Rücken war beinahe unerträglich. Dann nahm sie ihren Lehrer wieder hoch. Doch nach einigen Metern stolperte sie und fiel der Länge nach hin. Beim Abfangen verdrehte sie sich den Arm, und etwas knackte unangenehm. Verdammt! Das tat weh! Mit schmerzverzerrtem Gesicht schaute sie sich um. Ging sie überhaupt in die richtige Richtung? Was hatte sie sich nur gedacht? Sie könnte draufgehen dabei! Sue rang mit sich, ob sie ihren Lehrer nicht einfach liegen lassen und ihr eigenes Leben retten sollte. Er war schließlich selbst schuld. Bullshit! Jetzt war sie schon so weit gekommen. Sie durfte jetzt nicht aufgeben. Das ging gegen ihren Stolz. Noch einmal stürzte sie fast, konnte sich jedoch an einer mehr oder weniger unversehrten Wand abstützen. Der Seiteneingang kam in Sicht. Sie konnte gar nicht sagen, wie erleichtert sie war. Ein Stein, nein, ein ganzes Gebirge fiel ihr vom Herzen. Sie biss die Zähne zusammen und mobilisierte ihre letzten Kräfte.

Komm schon! Die letzten paar Meter schaffst du auch noch! Los! Jenny und Alex warten auf dich!, spornte sie sich selbst an. Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit brach sie endlich aus dem Flammeninferno an die frische Luft. Hustend und keuchend schleifte sie den bewusstlosen Mann noch ein Stück weiter, weg von den Flammen, bis sie erschöpft zusammenbrach. Gierig schnappte sie nach Luft. Sofort kamen die Lehrer und auch einige Schüler, darunter Jenny und Alex, auf sie zugerannt. Die vielen Leute redeten auf sie ein, doch sie hörte sie nur ganz dumpf, als wäre sie taub geworden. Allmählich drangen Worte zu ihr durch. Einige nannten sie verrückt. Für andere war sie nun eine Heldin. Das alles interessierte sie nicht. Sie saß nur da und war froh, lebend wieder rausgekommen zu sein. Die Feuerwehr versuchte, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Ein Notarzt kümmerte sich mit seinem Team um den schwer verletzten Mr Boom. Nur wenige Minuten später kam ein zweiter Rettungswagen. Der Notarzt sprang heraus, stürzte auf Sue zu und redete auf sie ein. Etwas überfordert schaute sie zu ihm hoch. Er fing noch mal von vorne an, diesmal langsamer.

„Wie heißt du?“

„Sue. Susan Bow.“

„Okay, Susan. Wie lange warst du da drin?“

„Ich weiß nicht. Fünf Minuten. Vielleicht auch zehn. Ich war zu sehr damit beschäftigt, lebend wieder rauszukommen, da habe ich ganz vergessen, auf die Uhr zu schauen.“ Sie hustete heftig. Einer der Sanitäter gab ihr eine Sauerstoffmaske, die sie sich dankbar vors Gesicht presste. Der Arzt schaute sie eindringlich an. Er hatte die gleichen funkelnd braunen Augen wie sie. Er war vielleicht Mitte 30 und eigentlich ganz nett.

„Wo tut es dir weh?“

„Arme, Rücken, Lunge, Kopf …“

„Bist du gestürzt?“

„Ja. Ein brennender Balken hat mich niedergerissen. Als ich mich abfing, knackste irgendwas in meinem Arm.“ Der Mann drehte sich um, sagte etwas zu seinem Sanitäter und wandte sich dann wieder zu ihr.

„Okay. Du bekommst jetzt eine Schiene an den Arm und eine Halskrause für den Nacken. Wir wissen nicht, was der Balken an deinem Rücken angerichtet hat. Wir bringen dich ins Krankenhaus, wo du geröntgt wirst, und dann sehen wir weiter. Okay?“

Sue nickte benommen. Hauptsache die Schmerzen hörten auf.

„Können Alex und ich mit?“ Jenny hatte sich neben ihre beste Freundin gekniet und sah sie nun besorgt an. Der Arzt zögerte. Sue schaute bittend zu ihm hoch. Plötzlich weiteten sich seine Augen.

„Ja, natürlich könnt ihr mitkommen. Sollen wir sonst noch jemanden benachrichtigen?“ Er klang geschockt. Etwas verwirrt schaute sie ihn an.

„Meine Mutter. Sabrina Bow. Jenny gibt Ihnen die Nummer.“ Wieder musste sie heftig husten.

„Sabrina Bow.“ Der Arzt murmelte den Namen ihrer Mutter vor sich hin, während einer der Sanitäter ihren Arm schiente und dann diese komische Halskrause um ihren Nacken legte. Er grinste sie schelmisch an. Sie lächelte zurück. Jenny hatte dem anderen Sanitäter unterdessen Sabrinas Nummer gegeben. Die würde sowas von austicken.

Und tatsächlich machte Sues Mutter im Krankenhaus erst einmal Randale. Als sie dann auch noch den Notarzt sah, rastete sie völlig aus und stapfte wütend aus dem Krankenhaus – um etwas frische Luft zu schnappen, wie sie Sue erklärte. Sue wurde noch am gleichen Tag entlassen. Ihr Arm war an einer Stelle glatt gebrochen und würde in spätestens vier Wochen wieder funktionstüchtig sein. Und auch ihr Rücken war so weit in Ordnung. Weder Wirbelsäule noch Rippen hatten etwas abbekommen. Nur die Schulter war stark geprellt, und die Haut dort und am Nacken war leicht verbrannt. Der Arzt verschrieb ihr Schmerzmittel und Salben und bat sie, sofort zu ihm zu kommen, wenn sie Beschwerden habe. Sabrina fuhr ihre Tochter nach Hause. Sie wollte die nächsten Tage bei ihr bleiben und sich um sie kümmern, doch Sue schickte sie wieder zur Arbeit. Sie wusste um den Arbeitskräftemangel im Labor ihrer Mutter, und ihr Chef klingelte Sturm auf ihrem Pieper. Schließlich konnte Sue ihre Mutter überzeugen, doch bevor sich Sabrina auf den Weg machte, rief sie Jenny und Alex an und bat sie, auf ihre Tochter aufzupassen und ihr Gesellschaft zu leisten, während sie nicht da war.

„Ich wusste ja gleich, dass er nicht auf dich hören würde. Er kann von Glück reden, dass du so selbstlos warst und ihn gerettet hast. Sonst könnten sie jetzt seine verkohlte Leiche einpacken.“ Alex spuckte die Worte aus, als wären sie etwas Bitteres in seinem Mund. Sue wusste, dass er schreckliche Angst um sie gehabt hatte. Sie lächelte ihn aufmunternd an. Er guckte etwas verlegen. Dann nahm er sie und Jenny bei der Hand und zog sie zu sich auf die Couch.

„Wieso ist das Zeug eigentlich so hochgegangen? Das ergibt doch keinen Sinn.“

„Die Reaktion war viel zu stark. So viel Natrium hat er ja gar nicht in die Schüssel getan. Es hätte brennen müssen und zischen. Aber niemals explodieren dürfen.“ Sue fasste sich an den Kopf und knetete ihre Haare.

„Aber gibt es eine andere Erklärung dafür? Ich meine, es ist doch unwahrscheinlich, dass jemand das Experiment manipuliert hat“, warf Alex skeptisch ein. Jenny stellte sich auf Sues Seite.

„Aber noch unwahrscheinlicher ist, dass er den Chemiesaal aus Versehen in die Luft gesprengt hat. Alex, überleg doch mal. Er hat Chemie studiert, sonst hätte er gar nicht Lehrer werden können. Und auch wenn er manchmal etwas leichtsinnig ist, ist er bestimmt nicht lebensmüde. Oder glaubst du, er will sich selbst in die Luft jagen? Hast du nicht die Panik in seinen Augen gesehen, als ihm klar wurde, was passieren würde?“

„Ja. Aber wer sollte so etwas tun? Die ganze Klasse hätte dabei draufgehen können. Und selbst wenn es so wäre, was könnten wir schon ausrichten? Wir sind Achtklässler, keine Topagenten.“

„Alex, Sue wäre fast dabei draufgegangen. Willst du nicht wissen, was hinter dieser Sache steckt?“

Alex seufzte. Jenny wusste genau, wie sie ihn rumkriegen konnte.

„Welches Motiv könnten der oder die Täter gehabt haben? Wieso sollten die eine Schule in die Luft sprengen wollen?“

„Vielleicht war es gar nicht gegen die Schule gerichtet, sondern gegen Mr Boom.“

Sue kam ein Gedanke.

„Wisst ihr noch, als Mr Chronk krank wurde, da waren doch zwei Bewerber da, Mr Boom und noch so ein anderer Typ. Ich habe ihn kurz gesehen, als er total sauer aus dem Büro des Rektors gestürzt kam. Ich kann nicht mehr genau sagen, wie er aussah. Aber er war ziemlich wütend, weil er die Stelle nicht gekriegt hat. Und er schrie rum, dass Mr Boom sich noch wundern werde. Wenn das kein Motiv ist.“

Alex kaute auf seinen Fingernägeln und überlegte.

„Ja. Klingt einleuchtend, aber wir haben keine Beweise dafür.“

„Dann holen wir sie uns eben“, sagte Jenny geradeheraus. Das bewunderte Sue an ihr. Sie sagte einfach, was sie dachte, und war dabei total unkompliziert. Sue schaute sie begeistert an. Ihr gefiel der Gedanke.

„Ihr wollt jetzt nicht wirklich in die Schule einbrechen und Beweise suchen, oder?“ Alex zog eine Augenbraue hoch. Ihm war klar, dass die Mädchen es ernst meinten.

„Natürlich. Die Dose mit dem Natrium wird nicht mehr da sein. Die ist vermutlich verbrannt. Aber im Vorbereitungsraum müssen noch die anderen Chemikalien stehen. Die Wände sind feuerfest. Da drin ist vermutlich nicht viel passiert.“

„Also dann. Auf in die Schule!“ Alex stürmte zur Tür. Die Freundinnen verdrehten die Augen.

„Alex. Bleib mal cool. Da ist doch jetzt bestimmt alles voller Polizisten. Die schicken uns nur lachend wieder weg, wenn wir da reinwollen. Ich fürchte, wir müssen warten, bis es dunkel ist.“ Das Telefon klingelte, und Sue ging ran. Es war ihre Mutter, die ihr sagte, dass sie erst später aus dem Labor nach Hause komme. Es gab Dutzende neue Aufträge, die schnell erledigt werden mussten. Sie und Jennys Mutter Corry würden wohl bis in die Nacht arbeiten müssen. Sue versicherte ihrer Mutter, dass es kein Problem sei. Jenny würde bei ihr übernachten, und sie würden auch bestimmt früh schlafen gehen. Oh Gott! Wenn ihre Mutter wüsste, was sie und ihre Freunde vorhatten.

Sobald es dunkel war, zogen die drei schwarze Sachen an, streiften sich Handschuhe über und machten sich auf den Weg zur Schule. Sie sparten sich das Geld für ein Taxi und gingen zu Fuß. So mussten sie auch niemandem erklären, warum sie wie Einbrecher aussahen. Sie liefen durch den Wald und schlichen dann zur Schule. Jetzt kamen sie sich wirklich wie Einbrecher vor. Aber in jedem guten Ermittler steckt eben auch ein Funken von Verbrecher.

Das komplette Schulgelände war mit Absperrband gesichert. Ein Teil des Neubaus, den das Feuer zerstört hatte, war eingestürzt. Es war ein einziges Chaos.

„Sollen wir da wirklich rein? Ich meine, ist das nicht verboten? Wenn die uns erwischen … ich will gar nicht dran denken!“ Jenny schaute sich ängstlich um. Auch Alex sah unsicher zu Sue. Ehrlich gesagt, war sie sich gar nicht mehr so sicher. Aber sie wollte unbedingt herausfinden, was die Explosion verursacht hatte, bei der sie beinahe draufgegangen wäre. Sie schaute kurz auf das Absperrband und tauchte dann darunter hindurch. Die anderen beiden sahen sich an und folgten ihr. Leise wie Katzen huschten die drei Freunde über das Gelände und kletterten über die Trümmer. Bilder vom Kampf mit dem Feuer stiegen in Sue auf, und sie fing an zu würgen. Ein Glück, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Sanft legte ihr Alex eine Hand auf den Rücken. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. Ihre Brandwunden schmerzten heftig.

„Sollen wir die Aktion abbrechen?“ Alex’ Stimme war nur ein Hauch und doch verstand ihn Sue. Sie schüttelte den Kopf.

„Gut. Dann rauf in den Vorbereitungsraum.“

Im Vorbereitungsraum neben dem Chemiesaal stand noch die Flasche mit dem Ethanol auf Mr Booms Tisch. Triumphierend nahm Sue eine Probe von dem Zeug. Alex und Jenny machten Fotos. Dann zogen sie sich in den Flur zurück. Plötzlich durchschnitt ein Lichtkegel die Dunkelheit. Alex stürzte zur Fensteröffnung und sah hinunter. Zwei Schatten huschten über den Schulhof und kamen genau auf das Nebengebäude zu, in dem sich die drei Freunde befanden.

„Scheiße! Entweder sind das die Täter, oder es ist die Polizei. Wir sind geliefert.“ Alex fluchte leise. Die drei rannten instinktiv ein Stück den Flur hinab zum Lehrerzimmer, dessen rußgeschwärzte Tür sperrangelweit offen stand. Offensichtlich war es bei dem Alarm fluchtartig verlassen worden. Sie traten ein und bewegten sich langsam auf die Tür zum Rektorat zu. Sue vernahm Schritte auf der Treppe, die immer näher kamen. Sie hatten sich nun bis ins Rektorat zurückgezogen, doch jetzt saßen sie in der Falle. Der Raum war nur über das Lehrerzimmer zugänglich, und aus dem konnten sie nicht mehr unbemerkt entkommen. Die Typen waren bereits am Chemiesaal angekommen. Es waren eindeutig zwei Männer. Ihre Schritte waren schwer, und man hörte ihre leisen, brummenden Stimmen. Jenny rückte noch ein Stück an Sue heran und stieß dabei mit dem Fuß an einen Ordner. Der Ordner kippte um und verursachte ein schepperndes Geräusch. Die Schritte draußen stoppten kurz und schienen dann weiter auf sie zuzukommen. Verdammt! Die Typen hatten etwas gehört. Gleich würden sie sie haben.

Denk nach, Sue! Denk nach! Setz dein Hirn ein einziges Mal für was Vernünftiges ein!

Sie ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Ordner auf dem Schreibtisch, Akten, Computer, eine Kiste mit Kletterseilen, Ordner in Schränken, eine Kaffeemaschine … Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie stupste Jenny an, die direkt neben ihr stand.

„Jenny? Hör zu, ich hab einen Plan.“

Jenny hauchte ein Ja und gab dann die Infos, die Sue ihr hastig ins Ohr flüsterte, an Alex weiter. Der nickte, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Vor der Tür zum Rektorat waren jetzt fluchende Männerstimmen zu hören. Alex ging zu einem der Fenster und öffnete es. Leichtfüßig stieg er hinaus auf den breiten Fenstersims und schob sich ein Stück weiter, um Jenny Platz zu machen. Gerade als auch Sue hinauskletterte, kamen die Unbekannten in den Raum. Sue drehte sich noch einmal kurz um. Einer der beiden Männer schwenkte seine Taschenlampe zu ihr herüber. Dabei streifte der Strahl das Gesicht seines Komplizen, sodass Sue für einen winzigen Moment die Augen des Mannes erkennen konnte. Dann war sie auch schon aus dem Fenster heraus. Diese Augen. Sie war sich sicher, dass sie die schon mal irgendwo gesehen hatte. Das eine war blau, das andere braun. Sie hatte sie nur flüchtig wahrgenommen, doch sie war sich ganz sicher. Sie kannte diese Augen. Nur woher? Aber jetzt war nicht der Moment, darüber nachzudenken. Ein helles Licht blitzte auf. Sue wusste nicht, was es war, aber es holte sie wieder in die Gegenwart zurück. Rasch band sie eine Schlaufe in eines der Seile aus der Kiste und schaute zur Schulflagge hinüber. Die Stange, an der die Flagge hing, müsste stabil genug sein, um sie alle drei zu halten. Dann warf sie das Seil. Erleichtert sah sie, wie sich die Schlaufe um die Stange legte.

„Springt!“

Die Kids nahmen ihren ganzen Mut zusammen und sprangen, gerade noch rechtzeitig, bevor die Männer sie erreichen konnten. Wegen ihres gebrochenen Arms konnte Sue sich nur mit einer Hand festhalten. Oh Gott! Hoffentlich würde das gut gehen. Sie rutschte an dem Seil herab, während sie durch die Luft schwang. Dabei berührte sie Jennys Hand, die ebenfalls das Seil umfasst hielt und daran herabrutschte. Sue hoffte, dass das Seil halten würde. Sie hingen in großer Höhe zu dritt an einem Seil. Trotz der Handschuhe spürte sie die Hitze, die durch die Reibung an der Handfläche entstand. Adrenalin schoss ihr durch den Körper. Sie schwangen hin und her, und Sue dachte schon, ihr würde der Arm abfallen. Als sie sicher hingen und nicht mehr allzu stark baumelten, sprangen sie nacheinander auf eine Fensterbank im untersten Stock. Sue hüpfte das kurze Stück auf den Rasen und kletterte von dort über den Zaun auf die Straße. Dort blieb sie stehen und rieb sich die schmerzende Schulter. Hinter ihr ächzte Jenny und schüttelte die Beine aus. Sue warf einen Blick nach oben und bemerkte, dass der Lichtkegel aus dem Rektoratszimmer verschwunden war. Folgten ihnen die Unbekannten? Um Deckung zu bekommen, rannten die Kids zurück in den Wald. Nach einer Weile hörten sie hinter sich das Rascheln von Schritten. Die Einbrecher folgten ihnen tatsächlich! Einer der Männer fluchte. Ihrem Keuchen nach zu urteilen war ihre Kondition nicht gerade gut. Sue und ihre Freunde waren da eindeutig im Vorteil. Durch das wöchentliche Joggen und die Teilnahme an Marathonläufen waren sie gut trainiert. Aber Sue war bewusst, dass diese Typen skrupellos waren. Sie hatten den Tod unschuldiger Kinder in Kauf genommen, nur um sich an Mr Boom zu rächen! Sie beschleunigte ihre Schritte. Ängstlich schaute sie nach hinten. Lichtkegel wanderten zwischen den Bäumen umher. Shit! Die Typen waren näher als gedacht.

„Haken schlagen und in Richtung Sportplatz“, flüsterte Sue den anderen beiden zu. Alex antwortete noch etwas, doch sie konnte ihn nicht genau verstehen. Also dann. Sie bogen vom Waldweg ab und schlugen sich durch das dichte Unterholz. Das Keuchen und Fluchen der Verfolger wurde leiser. Am Waldrand machten die drei kurz Halt, um zu verschnaufen.

„Verdammt … war das knapp.“ Sue stützte sich mit den Händen auf ihre Knie. Alex grinste sie jungenhaft an. Er stand gegen einen Baum gelehnt da und holte keuchend Luft.

„Ja, … aber … wir haben … die Kerle abgehängt. Drei Teenager haben … zwei Erwachsene abgehängt.“

„Aber was wollten die von uns?“ Jenny schaute ihre Freunde fragend an. Sue hob abwehrend die Hände.

„Hey, Gedankenlesen kann ich nicht. Das waren aber jedenfalls keine Polizisten. Das heißt …“ Sie brach ab und lauschte in den Wald. Ja! Genau, da war wieder ein Knacken zu hören. Es war noch nicht vorbei.

„Das heißt was?“ Ungeduldig wedelte Jenny mit den Armen. Sue würgte sie mit einer Handbewegung ab. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.

„Weg hier. Die sind immer noch hinter uns her. Hört doch, da im Wald.“ Jenny hielt den Atem an und lauschte. Dann packte sie Alex und Sue am Arm und zog sie auf die Straße. Dabei stolperte sie, fiel hin und schürfte sich das Knie auf, doch sie ignorierte den brennenden Schmerz. Besorgt half Sue ihr wieder auf, doch Jenny schüttelte den Kopf. Halb so schlimm. Sie rannten weiter. Weg vom Wald und von der Gefahr. Doch die Männer folgten ihnen nicht mehr. Sie waren weg.

Zurück am Haus, schloss Sue mit zittrigen Fingern die Tür auf, und die drei stolperten hinein. Sue betete, dass ihre Mutter noch im Labor war. Sie hatten Glück. Sabrina schien tatsächlich die ganze Nacht zu arbeiten. Stöhnend lief Sue in ihr Zimmer. Die verbrannte Haut an Rücken und Hals spannte schmerzhaft. Die anderen folgten ihr.

„Also entweder, die Typen wollten Computer und Fernseher und solche Sachen klauen, oder es waren die Täter, und sie sind zurückgekommen, um ihre Spuren zu verwischen.“

„Ich tendiere zur zweiten Möglichkeit.“ Alex kam mit Gläsern, Flaschen und Chipstüten bepackt aus der angrenzenden Küche in das Zimmer. Sue nahm ihm die Gläser ab. Jenny nickte.

„Ist am wahrscheinlichsten. Ich meine, wieso hätten die uns sonst verfolgen sollen? Wenn ich ein Dieb wäre und man würde mich erwischen, würde ich doch auf jeden Fall versuchen abzuhauen und nicht noch irgendwelchen Leuten hinterherrennen.“

„Jenny, guck dir die Bilder an, die wir gemacht haben, und druck sie aus. Verdächtiges vergrößerst du und druckst es noch mal aus. Alex, du hilfst ihr dabei. Ich kümmere mich inzwischen um unsere Proben.“ Jenny und Alex setzten sich an den Computer und fuhren ihn hoch, während Sue sich einen Laborkittel überzog und hinter die Trennwand ging, die das Zimmer von ihrem eigenen Minilabor trennte. Sie mischte das Ethanol mit einigen anderen Stoffen und steckte es in den selbst konstruierten Analys3000. (Alex hatte ihn gebaut und ihr zum 9. Geburtstag geschenkt. Auch den Namen hatte er sich selbst ausgedacht.) Während der Apparat leise vor sich hinsummte, ging sie das Erlebte noch einmal durch. Erst steckt ein Lehrer unabsichtlich die Schule in Brand. Dann kommt der Verdacht auf, dass sein Experiment manipuliert worden ist. Bei der nächtlichen Spurensuche kehren die Täter an den Tatort zurück. Vermutlich um die eigenen Spuren zu verwischen. Sie entdecken die Kids und verfolgen sie. Warum? Was hat ihnen das gebracht? Haben die gedacht, sie könnten uns zum Schweigen bringen? Das Piepsen des Analys3000 riss Sue aus ihren Gedanken. Sie schaute auf den Monitor des Laborlaptops und lächelte. Zufrieden ging sie in ihr Zimmer zurück.

„Volltreffer! Ich hab was gefunden.“

Die anderen beiden kamen mit ins Labor und schauten sich die Ergebnisse an.

„Oh Shit! Kein Wunder, dass das Zeug hochgegangen ist. Das war ja praktisch Sprengstoff. Der hat Glycerin in die Schale gekippt, kein Ethanol.“ Alex griff sich an den Kopf. Sue nickte. „Ganz genau. Jetzt müssen wir nur noch rausfinden, wer das war.“ Jenny lief zum Drucker und kam mit einem Stapel Bilder zurück. Sie blätterte darin herum, bis sie fand, wonach sie suchte.

„Da ist es ja. Hier schau, auf dem Bild. Das sind die Täter. Ich muss zufällig auf den Auslöser gedrückt haben, als wir aus dem Fenster geklettert sind. Bin wohl irgendwie hängen geblieben. Die hatten zwar Masken auf, aber schau dir die Augen an.“

Sue erinnerte sich an das grelle Licht. Das war also der Fotoapparat gewesen. Sie schaute sich das Bild an und nickte. Blau und braun, wie sie es gesehen hatte. Woher kannte sie diese Augen nur?

„Die habe ich schon mal gesehen. Hundertprozentig!“

„Ja. Ich auch“, stimmte Alex ihr zu. „In der Schule. Da war mal so ein Mann. Das war kurz nachdem sich Mr Chronk krankgemeldet hatte und die Stellenanzeige für den Chemielehrerposten raus ist. Ich habe ihn gesehen und dachte noch: Komisch, was der für Augen hat.“

„Glaubt ihr, wenn wir noch mal zurück in die Schule gehen, könnten wir was über ihn herausfinden?“, fragte Jenny.

Sue und Alex schauten sich an und zuckten gleichzeitig die Achseln.

„Vielleicht gibt’s im Rektorat irgendeine Schulakte oder so was“, sagte Alex.

„Dann müssen wir da wohl noch mal rein, fürchte ich.“ Jenny schluckte hörbar. Die beiden Mädchen schauderten bei der Vorstellung, erneut in die Schulruine zu müssen.

„Aber nicht mehr heute. Mir tut alles weh, und Jenny, du blutest mit deiner Wunde den ganzen Boden voll. Außerdem könnte ich im Stehen einschlafen, so müde bin ich. Wir gehen morgen Nacht.“ Erleichterung breitete sich aus. Alex verabschiedete sich von den Mädchen, die sich zum Schlafengehen fertigmachten. Sie fielen ins Bett wie nasse Säcke und schliefen sofort ein.