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IMPRESSUM

Dem Paradies so nah erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2002 by Helen Bianchin
Originaltitel: „A Passionate Surrender“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1515 - 2004 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Karin Weiss

Umschlagsmotive: standret / Thinkstock

Veröffentlicht im ePub Format in 12/2016 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733774370

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Du liebe Zeit!“ Luc Dimitriades warf das Fax ärgerlich auf den Schreibtisch.

Die genaue Überwachung seiner Frau während der letzten neun Tage hatte kaum Überraschungen ans Tageslicht gebracht. Doch etwas machte Luc dennoch misstrauisch. Nachdenklich kniff er die Augen zusammen.

Schließlich wusste er, was er tun musste. Beinah schon automatisch griff er nach dem Handy und tippte eine Nummer ein.

„Stellen Sie mich zu Marc Andreas durch“, forderte er die Rezeptionistin kurz angebunden auf, die den Anruf beantwortete.

„Der Doktor hat gerade einen Patienten im Sprechzimmer.“

„Es ist dringend“, erklärte Luc unnachgiebig und nannte seinen Namen. „Ich bin sicher, er wird kurz Zeit für mich haben.“

Wenige Minuten später hatte er die offizielle Bestätigung für seine Vermutung. Seine Miene verfinsterte sich, während er über die nächsten Schritte nachdachte. Dann setzte er seinen Plan in die Tat um, stellte eine interne Verbindung her und erteilte knappe, aber präzise Anweisungen. Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, stand er auf und stellte sich an das große Spiegelglasfenster.

Vor ihm lagen die Stadt und der Hafen, das glitzernde blaue Wasser, die Bürogebäude aus Beton, Stahl und Glas, die unterschiedlich groß und hoch waren. Exklusive ein- und zweigeschossige Wohnhäuser lagen hinter Bäumen und Sträuchern verborgen auf einer Anhöhe oberhalb des Binnenhafens.

Boote und Jachten ankerten in den Buchten, und die Fähren und Schnellboote wetteiferten mit einem riesigen Tanker, der von zwei Schleppern in den Hafen gezogen wurde. Die Harbour Bridge, die Hafenbrücke von Sydney, die eigenwillige Architektur des Opernhauses, das alles war ein vertrauter, wunderschöner Anblick. An diesem Tag nahm er jedoch nichts davon wahr. Auch die teuren Möbel und die wertvollen Gemälde an den Wänden seines luxuriösen Büros beachtete er nicht.

Luc stand gedankenverloren da. Seine strengen, markanten Gesichtszüge wirkten reglos, und sein finsterer Blick gab nichts von seinen Gefühlen preis.

Seine kurze Ehe mit seiner Jungendliebe Emma hatte tragisch geendet. Emma war wenige Monate nach der Hochzeit bei einem Unfall ums Leben gekommen. Vor Schmerz und Kummer hatte er sich in die Arbeit gestürzt, hatte wenig geschlafen und ungewöhnlich rasch Karriere gemacht. Sein Erfolg in der Geschäftswelt war beispiellos.

Ein zweites Mal zu heiraten hatte er nicht geplant. Er hatte geliebt und verloren, er wollte sein Herz nicht noch einmal verlieren. Die letzten zehn Jahre hatte er einige Beziehungen gehabt, ohne sich zu binden und ohne jede Verpflichtung. Mehr hatte er nicht gewollt.

Und dann hatte er Ana kennengelernt, die Tochter eines seiner Geschäftsführer. Sie hatte ihren verwitweten Vater oft zu offiziellen Anlässen begleitet, war attraktiv, intelligent und Mitte zwanzig. Außerdem hatte sie viel Sinn für Humor, und, was noch wichtiger war, sie war von Lucs Reichtum und seiner gesellschaftlichen Stellung überhaupt nicht beeindruckt.

Einige Monate lang hatten sie sich regelmäßig getroffen, waren ausgegangen und hatten auch zusammen geschlafen. Zum ersten Mal seit Emmas Tod war Luc sich seiner eigenen Sterblichkeit und seines unermesslichen Reichtums bewusst geworden. Er hatte sich plötzlich gewünscht, sein Leben wieder mit einer Frau zu teilen, Kinder zu haben und Zukunftspläne zu schmieden.

Und wer hätte sich besser dazu geeignet, seine Frau zu werden, als Ana? Er hatte sie gern, sie passte zu ihm, und er konnte ihr ein angenehmes, sorgenfreies Leben bieten, um das die meisten Frauen sie beneiden würden.

Die Hochzeit hatte im Kreis der Familie stattgefunden, und die Flitterwochen hatten sie auf Hawaii verbracht. Nach ihrer Rückkehr war das Zusammenleben erstaunlich harmonisch gewesen, es hatte kaum Reibereien gegeben.

Doch nach einem Jahr war ein Schatten auf ihr Glück gefallen. Celine Moore, eine seiner Exfreundinnen, hatte plötzlich für Unruhe gesorgt. Sie war frisch geschieden und offenbar wild entschlossen, Unheil zu stiften.

Luc presste die Lippen zusammen, als er sich daran erinnerte, wie Celine einige Male absichtlich eine kompromittierende Situation provoziert hatte. Er war mit diesen Zwischenfällen geschickt und diplomatisch umgegangen, hatte Celine aufgefordert, damit aufzuhören, und sie nachdrücklich gewarnt, seine Geduld zu sehr zu strapazieren. Doch sie dachte gar nicht daran, aufzuhören, und Ana hatte es zunehmend schwieriger gefunden, mit Celines Verhalten zurechtzukommen.

Vor eineinhalb Wochen hatten Luc und Ana beim Frühstück eine heftige Auseinandersetzung gehabt. Als er am Abend nach Hause gekommen war, hatte er feststellen müssen, dass sie eine Reisetasche gepackt hatte und an die Goldküste geflogen war.

Sie hatte ihm einen Zettel hingelegt, auf dem stand, sie brauche Zeit zum Nachdenken und müsse einige Tage allein sein.

Aber jetzt war sie schon neun Tage weg. Während der beiden letzten Tage hatte Luc immer wieder auf den Anrufbeantworter ihres Handys gesprochen und ihr SMS-Nachrichten geschickt. Doch Ana hatte nicht reagiert und sich auch nicht gemeldet.

Luc befragte ihren Vater, der ihm versicherte, dass auch er von Ana nichts gehört habe. Luc glaubte ihm, denn der ältere Mann konnte sich nicht erlauben, ihn zu belügen.

Rebekah, Anas jüngere Schwester und Geschäftspartnerin, erklärte, sie habe keine Ahnung, wo genau Ana sich aufhalte. Sie wisse nur, dass sie sich in einem Hotel an der Goldküste ein Zimmer gemietet habe, aber nach einigen Tagen wieder ausgezogen sei.

Deshalb hatte Luc keine Bedenken gehabt, einen Privatdetektiv einzuschalten. Der Mann hatte ihm jetzt, nachdem er ihn zuvor schon telefonisch unterrichtet hatte, seinen detaillierten Bericht per Fax geschickt.

Anas Aktivitäten bestätigten Lucs Verdacht. Sie hatte ein Apartment gemietet und eine Stelle angenommen, was nicht darauf schließen ließ, dass sie sich nur vorübergehend von ihm getrennt hatte.

Dass er die Situation nicht hinnehmen würde, war völlig klar. Er hatte jedoch noch nicht endgültig entschieden, wie er Ana zur Rückkehr bewegen wollte. Am liebsten hätte er sie sich über die Schulter gelegt und sie nach Hause geholt.

Das hätte ich einen oder zwei Tage nach ihrem Verschwinden tun müssen, statt ihr Zeit zum Nachdenken zu geben und zu erlauben, länger wegzubleiben, sagte er sich. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie versuchen würde, ihre Spuren zu verwischen, was ihr natürlich nicht gelungen war.

Glaubte sie etwa wirklich, er würde eine längere Trennung zulassen?

In dem Moment läutete das interne Telefon. Luc durchquerte den Raum und nahm den Hörer ab.

„Die Maschine ist startklar, und Ihr Wagen steht vor dem Eingang“, verkündete seine persönliche Assistentin.

Sie war geradezu perfekt. Er konnte sich darauf verlassen, dass immer alles genau nach Plan ablief. Dafür zahlte er ihr auch ein außergewöhnlich hohes Gehalt.

„Petros wird Ihre Reisetasche gepackt haben, sobald Sie zu Hause eintreffen“, fügte sie hinzu.

Eine Stunde später ging Luc an Bord seines Privatjets. Er ließ sich auf einen der vier gepolsterten Sitze sinken und bereitete sich auf den Start vor.

„Du kannst jetzt deine Mittagspause machen.“

Ana legte das Rosenbouquet, das sie mit einem Schmuckband versehen hatte, zur Seite. Es war ihr dritter Tag als Verkäuferin in dem Blumengeschäft in dem bei Touristen beliebten Vorort von Main Beach. Sie hatte das Geschäft zufällig entdeckt. Um das Apartment, das sie gerade erst gemietet hatte, mit einem Blumenstrauß zu verschönern, war sie spontan in den Laden gegangen. Sogleich war ihr aufgefallen, wie gestresst die Besitzerin wirkte. Scherzhaft hatte Ana sie gefragt, ob sie Hilfe brauche, und erwähnt, sie sei Floristin. Dass sie Mitinhaberin eines Geschäfts in einem Vorort Sydneys war, hatte sie wohlweislich verschwiegen.

Es war schier unglaublich, wie leicht es gewesen war, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit einen Job zu finden.

Das Schicksal meinte es offenbar gut mit ihr. Ihr war jedoch klar, dass sie früher oder später über Sydney und ihre Ehe würde sprechen müssen.

Sie lachte kurz auf, während sie sich die Tasche über die Schulter hängte und nach draußen ging.

Es war ein schöner Sommertag, die Sonne schien warm, und vom Meer her wehte eine leichte Brise.

Wie immer waren die Cafés an der Tedder Avenue während der Mittagszeit gut besetzt. Ana überquerte die Straße, entdeckte einen freien Tisch und ließ sich auf den Stuhl sinken.

Sogleich kam eine Kellnerin herbei und fragte nach ihren Wünschen. Ana gab ihre Bestellung auf. Dann trank sie ein Glas eisgekühltes Wasser und blätterte in einer Zeitschrift.

Einer der Artikel erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie las ihn interessiert durch. Schließlich servierte man ihr den köstlich duftenden Gemüserisotto, dazu frische Brötchen, und sie begann zu essen.

Ana fühlte sich wohl. Das Stimmengewirr um sie her und das leise Brummen der Motoren der Autos, deren Fahrer auf der Suche nach einem Parkplatz langsam die Hauptstraße entlangfuhren, empfand Ana nicht als unangenehm. Es waren teure Wagen, und die reichen Besitzer bummelten über die beliebte Straße, um sich dann in eins der vielen Straßencafés zu setzen, wo man Freunde und Bekannte traf. Doch es ging nicht so sehr um das Mittagessen, sondern eher darum, gesehen zu werden.

Ana gefiel das Ambiente, und es machte ihr Spaß, dazuzugehören. Die Ähnlichkeit mit bestimmten, momentan ausgesprochen beliebten Vierteln von Sydney war sehr auffallend.

Es war relativ leicht, die Sehnsucht nach der Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, zu verdrängen. Schwieriger war es, nicht immer wieder an den Mann zu denken, den sie vor über einem Jahr geheiratet hatte.

Luc Dimitriades war groß, breitschultrig und so attraktiv, dass fast alle Frauen sich nach ihm umsahen. Außerdem war er charmant, weltgewandt und strahlte Macht aus.

Als Sohn griechischer Einwanderer war er in Australien geboren. Nach dem Studium hatte er sich für eine Laufbahn als Banker entschieden, und es hatte nicht lange gedauert, bis er sich eine verantwortungsvolle Spitzenposition erobert hatte.

Sein ererbter Reichtum und sein scharfer Verstand brachten es mit sich, dass er zu den Reichen und Berühmten des Landes gehörte, bei denen er hohes Ansehen genoss.

Ana hatte sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen gefühlt. Sie war von den Empfindungen, die auf sie eingestürzt waren, geradezu überwältigt gewesen. Es hatte heftig zwischen ihnen geknistert, aber es war viel mehr als sexuelles Verlangen. Er berührte sie wie kein anderer Mann zuvor, und sie liebte ihn.

Deshalb hatte sie seinen Heiratsantrag angenommen. Sie hatte sich eingeredet, es reiche ihr, dass er ihr ewige Treue versprach, sie achten und respektieren und für sie sorgen wollte.

In einem Zeitungsartikel, der anlässlich der bevorstehenden Hochzeit mit Ana Stanford erschienen war, hatte man Luc Dimitriades als Partie des Jahrzehnts bezeichnet.

Vielleicht wäre aus seiner Zuneigung zu ihr im Lauf der Zeit Liebe geworden. Ana war jedenfalls nach dem ersten Ehejahr zuversichtlich und zufrieden gewesen. Sie hatte einen aufmerksamen Mann, fantastischen Sex, und das Leben an Lucs Seite war in jeder Hinsicht angenehm.

Doch dann war Celine, die Verführerin, wieder auf der Bildfläche erschienen. Sie war frisch geschieden und auf der Jagd nach Luc. Offenbar hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, ihn für sich zu erobern.

Sie ging sehr geschickt vor, Anas Vertrauen langsam, aber sicher zu zerstören. Celine achtete sorgfältig darauf, ihre boshaften Bemerkungen nie in Lucs Gegenwart fallen zu lassen. Sie tat so, als hätten sie und Luc eine Affäre. Immer wieder behauptete sie, sie hätten sich an Tagen und zu Zeiten getroffen, als er angeblich auf Geschäftsreise oder abends bei einem Geschäftsessen gewesen war. Dadurch erweckte Celine den Eindruck, er hätte Ana gegenüber Ausreden erfunden, um mit ihr, seiner Geliebten, zusammen zu sein.

Über mehrere Wochen hinweg wuchsen Anas Zweifel und ihr Misstrauen. Sie war eifersüchtig und wurde immer zorniger.

Sogar jetzt noch biss Ana vor Zorn die Zähne zusammen, als sie sich an die letzte Begegnung mit Celine erinnerte. Ana war klar, dass es keinen Rauch ohne Feuer gab, obwohl Luc es hartnäckig abgestritten hatte. Sie wollte sich jedenfalls mit seiner Untreue nicht abfinden.

Es hatte einen heftigen Streit gegeben. Danach hatte Ana einige Anrufe getätigt, eine Reisetasche gepackt und war am Mittag an die Goldküste geflogen.

Außer einem Zettel, den sie ihm hingelegt hatte, hatte sie ihm auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen, die ihn sicher nicht lange besänftigte.

„Ana“, ertönte plötzlich eine ihr allzu vertraute, tiefe Stimme, die immer etwas spöttisch klang.

Kein sechster Sinn, keine Vorahnung hatte Ana gewarnt, dass Luc in ihrer Nähe sein könnte.

Langsam sah sie auf, und ihre Blicke begegneten sich. Nichts hatte sich geändert, er hatte dieselbe Wirkung auf sie wie zuvor. Mit allen Sinnen reagierte sie auf diesen Mann, und sie bemühte sich sehr, sich nichts anmerken zu lassen.

Sie fühlte sich ungemein verletzlich und schutzlos, und sie begehrte ihn viel zu sehr. Solche Empfindungen konnte sie momentan gar nicht gebrauchen, und sie schwor sich, sich auf ihren Verstand zu verlassen, statt ihr Herz sprechen zu lassen.

Aber das gelang ihr leider nicht, wie sie sich eingestehen musste. Ein einziger Blick und einige wenige Sekunden in Lucs Gegenwart reichten aus, um ihre Gefühle außer Kontrolle geraten zu lassen.

Wie war es möglich, jemanden so sehr zu lieben und zugleich so sehr zu hassen? Obwohl sie den Wunsch verspürte, ihren Mann genauso zu verletzen, wie er sie verletzt hatte, sehnte sie sich danach, in seinen Armen zu liegen, seine Lippen auf ihren und seinen warmen Körper an ihrem zu spüren.

Nein, das darfst du nicht geschehen lassen, du musst dich zusammennehmen, schien eine innere Stimme ihr zuzuflüstern.

Deshalb zwang Ana sich, Luc abschätzend zu mustern. Sein Blick war durchdringend, seine markanten Züge wirkten wie gemeißelt und seine Lippen viel zu verführerisch.

Das dichte dunkle Haar war etwas länger, als es die Mode momentan vorschrieb. Zu dem eleganten dreiteiligen Anzug trug er ein blaues Seidenhemd und eine Seidenkrawatte. Insgesamt strahlte er Macht und Überlegenheit aus.

Groß, finster und gefährlich, so könnte man ihn beschreiben, dachte Ana. Die Rücksichtslosigkeit, die sich hinter seiner Beherrschtheit verbarg, war deutlich zu spüren.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

„Was machst du, wenn ich Nein sage?“

Er lächelte nachsichtig und überlegte, ob sie ahnte, wie leicht es für ihn war, sie zu durchschauen. „Es war keine rhetorische, sondern eine ernst gemeinte Frage.“

Ana sah ihn unverwandt an. „Warum fragst du überhaupt? Meine Antwort interessiert dich doch nicht.“

Luc setzte sich ihr gegenüber und bat die Kellnerin, die diskret in der Nähe wartete, ihm einen Kaffee zu bringen. Dann betrachtete er seine Frau aufmerksam.

Sie war blass und hatte einige Kilo abgenommen, obwohl sie ohnehin sehr schlank und zierlich war. Die dunklen Schatten unter ihren Augen schienen darauf hinzudeuten, dass sie in der letzten Zeit schlecht oder zu wenig geschlafen hatte. Sie wirkte müde. Statt der sonst so perfekten und eleganten Frisur hatte sie das goldblonde Haar zu einem Pferdeschwanz frisiert.

Plötzlich ärgerte sie sich darüber, dass er sie schweigend musterte. „Bist du fertig?“, fuhr sie ihn an und merkte selbst, wie angespannt ihre Stimme klang.

Er kam ihr vor wie eine geschmeidige Raubkatze, die den Eindruck erwecken wollte, sie hätte nichts Böses im Sinn. Aber Ana ließ sich von seiner entspannten Miene nicht täuschen. Sie bezweifelte keine Sekunde, dass er zuschlagen würde. Es war nur die Frage, wann.

„Nein“, antwortete Luc, während Ana den noch halb vollen Teller wegschob. „Iss das“, forderte er sie ruhig auf.

Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Mir ist der Appetit vergangen.“

„Dann bestell dir etwas anderes.“

Nur mühsam konnte sie sich beherrschen, ihm nicht irgendetwas an den Kopf zu werfen. „Sollte ich dich jetzt fragen, wie du mich gefunden hast?“

Er sah sie unverwandt an, sein Blick war kühl und rätselhaft. „Ich bin der Meinung, die Frage ist überflüssig.“

„Du hast einen Privatdetektiv beauftragt und mich beobachten lassen, stimmt’s?“ Ihre Stimme klang etwas lauter als zuvor.

„Hast du gedacht, ich würde es nicht tun?“

Ana hatte so etwas befürchtet. Und die Vorstellung, überwacht zu werden, hatte sie in den letzten Nächten bis in die Träume verfolgt und an ihren Nerven gezerrt.

In dem Moment brachte die Kellnerin den Kaffee, und Luc bat um die Rechnung.

„Ich bezahle mein Essen selbst“, erklärte Ana.

Er warf ihr einen strengen Blick zu. „Das ist doch lächerlich.“

Sie sah auf die Uhr. „Was willst du, Luc? Mach es kurz. In zehn Minuten muss ich wieder im Geschäft sein.“

„Nein, das musst du nicht“, entgegnete er betont sanft.

„Wie bitte?“ Sie sah ihn an.

„Du arbeitest ab sofort nicht mehr, und der Mietvertrag für dein Apartment ist aufgelöst“, erklärte er.

Ana hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Vor Ärger errötete sie, und ihre Augen wurden ganz dunkel. „Du hast kein Recht …“

„Doch, das habe ich“, unterbrach er sie gefährlich ruhig.

Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt. „Nein, da irrst du dich“, widersprach sie ihm heftig.

„Wir können noch eine Zeit lang darüber streiten, aber das Ergebnis bleibt dasselbe.“

„Wenn du glaubst, ich würde so ohne Weiteres mit dir nach Sydney zurückkehren“, begann sie hitzig, „hast du dich getäuscht.“

„Irgendwann kommst du mit, heute Nachmittag, heute Abend oder morgen. Das weiß ich genau.“

Ana stand auf, doch sogleich hielt er sie am Arm fest. Ohne zu zögern, griff sie nach der Dose mit den Zuckerpäckchen und warf sie in seine Richtung. Fasziniert und entsetzt zugleich beobachtete sie, wie er sie auffing und wieder auf den Tisch stellte, ehe er ruhig und gelassen die Zuckerpäckchen einsammelte.

„Ich habe vor, die Scheidung einzureichen.“ Du liebe Zeit, weshalb habe ich das gesagt? überlegte Ana. Bis jetzt war es für sie nur eine von mehreren Möglichkeiten gewesen, über die sie nachgedacht hatte, seit sie aus Sydney geflüchtet war. In den vielen Stunden, in denen sie nachts nicht hatte schlafen können, hatte sie sich mit allen möglichen Gedanken herumgequält.

„Eine Scheidung kommt nicht infrage“, antwortete er.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, das mit jeder Sekunde, die verstrich, beredter zu werden schien. Schließlich zwang Luc sie mit festem Griff, sich wieder hinzusetzen.

„Hast du mir nichts zu erzählen?“ Er spürte, dass sie plötzlich auf der Hut war.

Ana ließ sich von seiner sanften Stimme nicht täuschen. „Erwartest du, dass ich dich auffordere, zu verschwinden und mich in Ruhe zu lassen?“, erwiderte sie spöttisch.

„Du darfst noch einmal raten.“

Ihr Magen verkrampfte sich. Luc konnte es gar nicht wissen, oder etwa doch? Es überlief sie plötzlich kalt. Während der letzten Wochen hatte sie sich zwischen Freude und Verzweiflung hin- und hergerissen gefühlt.

„Okay, ich helfe dir“, erklärte er gefährlich ruhig. „Du bekommst mein Kind.“

„Es ist auch mein Kind“, korrigierte sie ihn hitzig.

„Unser Kind. Falls du vorhast, mich meinen Sohn oder meine Tochter nur am Wochenende sehen zu lassen, spiele ich nicht mit.“

„Bist du deshalb hinter mir hergekommen? Weil ich auf einmal etwas habe, wofür du dich interessierst?“ Ihre Augen sahen aus wie dunkelblaue Saphire. Sie war zornig und hätte am liebsten geweint um das Kind, das sie bekommen würde, und um sich selbst, weil sie sich nach der Liebe des Mannes sehnte, der sie wahrscheinlich nie lieben würde.

„Lieber bin ich alleinerziehende Mutter, als dass ich mein Kind zusammen mit einem Mann großziehe, den ich mit seiner Geliebten teilen muss.“

„Seiner Geliebten?“, wiederholte er so gefährlich ruhig, dass Ana erbebte. „Beschuldigst du mich, eine Affäre zu haben?“

„Celine …“

„Ist eine Frau, mit der ich vor drei oder vier Jahren eine flüchtige Beziehung gehabt habe“, unterbrach er sie.

„Sie behauptet, die Beziehung sei noch nicht beendet.“

„Ich habe doch dich. Weshalb sollte ich eine Affäre haben?“

Ana errötete, als sie sich daran erinnerte, wie gut sie sich im Bett verstanden und was für fantastischen Sex sie gehabt hatten. „Woher soll ich das wissen?“, erwiderte sie betont gleichgültig. „Vielleicht bist du unersättlich, vielleicht reicht dir eine Frau nicht.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Provozier mich nicht, sonst sage ich noch etwas, was ich eventuell später bereue.“

„Flieg nach Sydney zurück, Luc.“ Sie kam sich vor wie ein führerloser Zug, der nicht mehr angehalten werden konnte. „Du kannst mich sowieso nicht überreden, mit dir zurückzufliegen.“

„Bist du dir da wirklich so sicher, wie du tust?“

Sie spürte seine eiserne Entschlossenheit, obwohl seine Stimme immer noch sanft klang, und ahnte nichts Gutes.

„Nötigung der eigenen Frau ist bis jetzt nicht strafbar, Betrug hingegen ist sehr wohl eine Straftat.“ Luc beobachtete Ana genau. Wusste sie, dass William Stanford in den letzten sechs Monaten falsche Buchungen vorgenommen und sich bereichert hatte?

„Wie bitte?“

Er wählte seine Worte mit Bedacht. „Die Wirtschaftsprüfer der Bank haben mehrere Ungereimtheiten festgestellt.“

„Und was soll ich damit zu tun haben?“, fragte Ana verblüfft.

„Indirekt hast du auf jeden Fall etwas damit zu tun.“

Plötzlich hatte sie einen schlimmen Verdacht. „Willst du etwa andeuten, mein Vater sei dafür verantwortlich?“ Sie sah ihn ungläubig an. „Nein, das ist unmöglich.“

Luc zog ein Dokument aus der Tasche seines Jacketts und legte es vor Ana auf den Tisch. „Das ist eine Kopie des Berichts der Revisoren.“

Zögernd nahm sie die Unterlagen in die Hand und las den Bericht, der ihren Vater belastete. Die beigefügte Aufstellung war Beweis genug. Plötzlich fühlte sie sich ganz elend. Betrug war letztlich Diebstahl und eine Straftat.

Luc betrachtete sie aufmerksam. Die widerstreitendsten Emotionen spiegelten sich in ihrem Gesicht, und ihm war klar, dass sie sich bemühte, ihrem Vater gegenüber loyal zu sein.

„Es ist geschickt gemacht“, erklärte er ironisch. Es war sogar so geschickt gemacht worden, dass es bei zwei früheren Revisionen nicht aufgefallen war. Ich kann meinem geschätzten Geschäftsführer nicht mehr vertrauen, und außerdem verlässt sich William Stanford offenbar darauf, dass ich ihn als meinen Schwiegervater nicht anzeigen werde, dachte er. Er wusste selbst nicht, welcher der beiden Punkte ihn wütender machte.

„Seit wann weißt du es?“, fragte Ana besorgt. Sie wollte nicht darüber nachdenken, welche Konsequenzen das für sie haben würde. Doch sie befürchtete, ihre schlimmsten Vermutungen würden sich bewahrheiten.

„Seit neun Tagen.“