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IMPRESSUM

JULIA EXTRA erscheint vierwöchentlich im CORA Verlag GmbH & Co. KG

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CORA Verlag GmbH & Co. KG ist ein Unternehmen der Harlequin Enterprises Ltd., Kanada

Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Cheflektorat:

Ilse Bröhl

Lektorat/Textredaktion:

Iris Paepke

Produktion:

Christel Borges, Bettina Schult

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Vertrieb:

asv vertriebs gmbh, Süderstraße 77, 20097 Hamburg Telefon 040/347-29277

Anzeigen:

Christian Durbahn

Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

 

© 2010 by Helen Bianchin

Originaltitel: „Public Marriage, Private Secrets“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: MODERN ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Übersetzung: Rita Koppers

© 2010 by Jennie Lucas

Originaltitel: „The Virgin’s Choice“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: MODERN ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Übersetzung: Rita Koppers

© 2010 by Maggie Cox

Originaltitel: „Secretary By Day, Mistress By Night“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: MODERN ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Übersetzung: Sabine Reinemuth

© 2010 by Liz Fielding

Originaltitel: „SOS: Convenient Husband Required“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Übersetzung: Elke Schuller-Wannagat

Fotos: RJB Photo Library_shutterstock

Deutsche Erstausgabe in der Reihe: JULIA EXTRA

Band 332 (7) 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Veröffentlicht im ePub Format in 07/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN : 978-3-86349-216-8

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

JULIA EXTRA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

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Helen Bianchin

Wiedersehen auf Mallorca

1. KAPITEL

Gianna verließ das Apartmentgebäude in Main Beach und ging zu Fuß das kurze Stück zum Meer hinunter. Sanft rollten die Wellen des Pazifischen Ozeans in der ewig gleichen Bewegung an den Strand. Der wolkenlose Himmel dieses frühen Morgens erstrahlte in blassem Blau, und die Frühlingssonne versprach einen warmen Tag.

Etwas Abwechslung tut einfach gut, stellte Gianna fest, als sie beschwingt durch den hellen Sand lief.

Warum sie jedoch nicht wie sonst zum Trainieren ins Fitnessstudio gegangen war, sondern einen Strandlauf an der frischen Luft vorgezogen hatte, wollte sie gar nicht weiter ergründen.

Lag es an der Mondphase? Oder an der unruhigen Nacht mit den aufregenden Träumen?

Egal – an der frischen Luft zu sein hatte auf jeden Fall seinen Reiz, und Gianna fühlte sich auf einmal in der Lage, die Dämonen der Vergangenheit zu vertreiben.

Vierzig Minuten wollte sie joggen, dann schnell einen Coffee-to-go holen, danach zurück ins Apartment – duschen, frühstücken, ankleiden und los zur Arbeit.

Bellissima – die luxuriöse Geschenkboutique, die ihr in einer der angesagtesten Vororte an der Gold Coast gehörte, genoss einen fabelhaften Ruf, was auch mit an der gelungenen Mischung aus importierten und heimischen Waren lag, die sie anbot. Exquisite Duftkerzen, orientalische Seifen, ausgefallene Gläser, kleine Skulpturen aus Kristall, Elfenbein oder Silber eigneten sich hervorragend als Geschenke. Auch bestickte Servietten aus feinstem irischen Leinen, Kissenbezüge aus Seide und exklusive Künstlerkarten fand man in der Boutique.

Gianna hatte das große Los gezogen, als das Schicksal ihr die Gelegenheit bot, das Geschäft zu erwerben, nachdem sie es zuvor fast ein Jahr lang in Abwesenheit der Eigentümerin verantwortlich geführt hatte. Nun, nach weiteren zwei Jahren, hatte sie der Boutique ein komplett neues Aussehen verpasst und das Sortiment erweitert. Außerdem gab sie zwei Mal jährlich einen Katalog heraus. Das alles hatte dazu beigetragen, dass der Umsatz gewaltig angestiegen war.

Das Leben ist doch schön, überlegte Gianna, während sie über den feuchten festen Sandboden joggte. Mit ihren achtundzwanzig Jahren war sie stolze Besitzerin eines erfolgreichen Geschäfts sowie eines Apartments in bester Lage, und damit hatte sie sich die Voraussetzungen für eine vielversprechende Zukunft geschaffen.

Der milde Seewind strich sanft über ihren wohlgeformten Körper, während ihre Gedanken weiterwanderten. Sie musste an ihre kurze Ehe denken mit dem stolzen Spanier, den sie vor vier Jahren auf einer Party während eines Mallorca-Urlaubs kennengelernt hatte.

Raúl Velez-Saldaña.

Raúl war ein attraktiver Enddreißiger, mit markanten Zügen, groß gewachsen, dunkel … und gefährlich für den Seelenfrieden jeder Frau.

Wer könnte ihm schon widerstehen? Und welche Frau wollte das überhaupt?

Ein Blick von ihm hatte genügt, um sie dahinschmelzen zu lassen. Wie zu einer unbedeutenden kleinen Pfütze zu seinen Füßen, so hatte sie damals selbstironisch gedacht.

Aber ganz so war es nicht gewesen.

Zunächst hatte sie gegen ihn angekämpft, dann gegen sich selbst. Immer in dem Bewusstsein, dass sie, wenn sie ihm nicht widerstehen würde, verloren wäre … und zwar ganz und gar.

Gianna fröstelte. Obwohl es eher wärmer wurde, war ihr plötzlich kalt, während sie den Strand in südlicher Richtung entlanglief.

Sie hatte mehr als nur Sex miteinander verbunden. Es war die vollkommene Vertrautheit gewesen … sehr intensiv. Wie hypnotisiert war sie gewesen. Sechs perfekte Monate lang hatten sie nur für den Moment gelebt, unfähig, ohne einander zu existieren.

Zu der Zeit war Raúl ständig in der Weltgeschichte unterwegs gewesen, und sie hatte Urlaubstage verschwendet, nur um ihn irgendwo treffen und bei ihm sein zu können.

Bis sie zugestimmt hatte, nach Madrid zu ziehen, zu ihm in sein Luxusapartment im Stadtteil Salamanca. Mein Gott, das Leben, das sie damals mit ihm geteilt hatte …

Dann kam der Ausrutscher, in null Komma nichts war es passiert. Um bei der Hochzeit ihres Bruders Ben dabei zu sein, war sie nach Sydney geflogen und hatte durch alle Zeitzonen hindurch während des gesamten langen Fluges geschlafen. Dabei hatte sie völlig vergessen, ihre Anti-Baby-Pille zu nehmen.

Sie konnte sich noch lebhaft an den Tag erinnern, an dem in ihr der Verdacht aufkeimte, sie könne schwanger sein. Sie wusste sogar noch genau, wann sie den Schwangerschaftstest durchgeführt hatte, der positiv ausgegangen war. Drei Mal innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden hatte sie den Test wiederholt, um sicherzugehen, dass es sich auch wirklich nicht um einen Irrtum handelte.

Tagelang hatte sie sich mit dem Wissen herumgequält, bevor sie es Raúl eröffnete. Er hatte die Nachricht ausgesprochen ruhig aufgenommen und völlig unaufgeregt eine überraschende Lösung vorgeschlagen: Heiraten.

Mit seinem „Kein Kind von mir wird unehelich geboren“ konnte Gianna nicht viel anfangen. Insgeheim hatte sie auf eine Liebeserklärung gehofft. Eine Abtreibung wäre für sie natürlich auch nicht infrage gekommen, aber dass Heiraten die einzige Lösung sein sollte, wollte sie auch nicht gleich akzeptieren.

Allerdings, welche Alternative hatte sie denn? Sollte sie als alleinerziehende Mutter nach Australien zurückkehren? Einen Kampf um das Sorgerecht gegen Raúl beginnen … den sie mit Sicherheit verlieren würde?

Raúls verwitwete Mutter lieferte mit ihren begeisterten und von Herzen kommenden Segenswünschen das überzeugendste Argument. Ein Kind verdiente es, einen Vater zu haben, in einer Familie aufzuwachsen, betonte sie.

Dieses Argument brachte eine Saite in Gianna zum Klingen, denn ihre eigene Mutter war vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Vater hatte eine andere Frau kennengelernt, war mit ihr nach Paris gezogen und hatte wieder geheiratet. Der Kontakt schlief nahezu ein … bis auf gelegentliche E-Mails mit angehängten Fotos und noch seltenere Telefonanrufe.

Nur mit Ben, ihrem Bruder, hielt sie intensiven Kontakt via Mail und Telefon.

Selbst Freundinnen hatte sie kaum … und die wenigen, die sie hatte, waren über die ganze Welt verstreut.

Absichtlich entschied sie sich für einen Neubeginn fern von Sydney, der Großstadt, in der sie geboren und aufgewachsen war. Queensland hatte sie mit seinem subtropischem Klima und seinen traumhaften Stränden gelockt, und heute, fast drei Jahre später, fühlte Gianna sich dort auch richtig zu Hause.

Raúl hatte sich um sie gekümmert, das war ihr durchaus bewusst. Was spielte es da schon für eine Rolle, ob es aus Liebe geschehen war? Fürsorge reichte doch. Und wer weiß, was daraus noch hätte werden können?

Bittersüße Gedanken waren das. Denn sieben Wochen nachdem sie Gianna Velez-Saldaña geworden war, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten.

In der Zeit danach hätte sie dringend seinen Trost benötigt. Nachts hatte sie wach gelegen, lange, nachdem er eingeschlafen war, und sich nach seiner Berührung gesehnt. Sie wollte viel mehr als nur in seinen Armen liegen.

Kummer und Sorge … und ja, leider auch die Hormone führten eine andere Entscheidung herbei. Dazu beigetragen hatte auch eine anscheinend gut gemeinte, aber dennoch herzlose Bemerkung von Sierra, einer von Raúls Exgeliebten. Sie meinte, es wäre klüger gewesen, mit der Heirat zu warten, bis die Geburt des Babys näher gerückt wäre.

Von da an ging es bergab. Raúl verbrachte zunehmend mehr Zeit im Büro und mit geschäftlichen Terminen. Meistens hatte er das Haus bereits verlassen, wenn sie aufwachte, und immer öfter kam er aus den verschiedensten Gründen nicht rechtzeitig zum Abendessen nach Hause.

Die Unterhaltung zwischen ihnen beschränkte sich aufs Nötigste. Sie waren höflich zueinander und verhielten sich in der Öffentlichkeit so, wie man es von ihnen erwartete.

Der traurige Höhepunkt des Ganzen allerdings war gekommen, als sie Raúl eines Abends auf seinem Handy anrufen wollte, während er auf einer Geschäftsreise in Argentinien weilte. Sierra ging an den Apparat und gurrte vor Vergnügen, als sie Gianna eröffnete „dass jetzt nicht gerade der passende Augenblick für ihren Anruf sei, comprende?“ Als ob dies nicht schon deutlich genug gewesen wäre, setzte sie noch eine spitze Bemerkung obendrauf. „Raúl lässt sich gerade ein Bad ein. Ich muss ja wohl nicht extra betonen, dass ich ihm gleich Gesellschaft leisten werde, oder?“

Der inneren Taubheit folgte Zorn, danach ein Tobsuchtsanfall. Dann packte Gianna in aller Ruhe die Koffer, rief ein Taxi und nahm den erstbesten Flug nach Hause.

Schnee von gestern, rief sie sich zur Ordnung. Sie hatte sich erfolgreich ein neues Leben aufgebaut und war wieder so selbstsicher wie früher.

Der schrille Ruf einer Möwe durchschnitt die Morgenstille. Gianna verfolgte mit den Augen, wie der Vogel elegant über das Wasser schwebte und im nassen Sand landete.

Apartmentgebäude säumten die Strandpromenade von Main Beach – hohe Betonbauten, die exotische Namen trugen, und die ganz unterschiedliche Architekturstile repräsentierten.

Die auflaufende Flut begann mit Wellen, die weiße Gischtkronen trugen und sanft gegen den Strand rollten – Vorboten weit mächtigerer Wellen, die ideal zum Surfen waren.

Gianna drehte vom Strand ab und lief den leichten Anstieg zur Strandpromenade hinauf, überquerte die Straße und bestellte in einem Strandcafé einen Milchkaffee zum Mitnehmen.

Es war halb acht, als sie in ihr Apartment zurückkehrte. Sie zog sich aus, nahm eine Dusche, kleidete sich neu an, nahm ein wenig Obst mit Joghurt zu sich, packte eine Tasche und den Laptop ein, fischte die Wagenschlüssel vom Regal und fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage.

Nach wenigen Minuten Fahrt parkte sie vor einem luxuriösen Einkaufszentrum, das wirkte, als ob gebogene Segel weit in den Himmel ragten. Es war architektonisch ein einzigartiges Bauwerk, das die unterschiedlichsten Boutiquen beherbergte, von denen das Bellissima eine war. Ein Lächeln huschte über Giannas Gesicht, als sie einen Augenblick die Schaufensterauslage betrachtete.

Sieht gut aus, dachte sie zufrieden, als sie sich vorbeugte, um die Eingangstür aufzuschließen. Vielleicht sollte sie die Zinn- gegen eine Kristallvase austauschen und einen Strauß Seidenblumen hineinstellen und die Teller aus gehämmertem Silber durch das bunte Glasvogelpaar ersetzen.

Ihre Geschenkboutique – exklusive Ware, außergewöhnlich geschmackvoll arrangiert – war ganz und gar durch ihren eigenen Stil geprägt. Die Beleuchtung im Laden hatte sie so arrangiert, dass die einzelnen Stücke zu erglühen und zu funkeln schienen. Gianna erlaubte sich einen kurzen Moment voller Stolz, bevor sie hinüberging zum Ladentisch und sich auf den neuen Geschäftstag vorbereitete.

Am Morgen ging es ziemlich lebhaft zu. Jedes Geschenk wurde exklusiv verpackt. Von ihren Kunden erntete sie dafür immer großes Lob. Sie legte allergrößten Wert auf aufmerksamen und freundlichen Service. Wie sehr das geschätzt wurde, zeigte die große Zahl an Stammkunden.

Gianna betrachtete ihr Geschäft als ihre Lebensaufgabe. Unablässig war sie auf der Suche nach ungewöhnlichen Artikeln. Zudem gab sie regelmäßig neue Kataloge heraus und hielt ihre Website auf dem neuesten Stand.

Dass sie dies alles völlig allein geschafft hatte – anfangs mithilfe eines Kleinkredits der Bank –, erfüllte sie mit Stolz. Die Zuschüsse, die Raúl monatlich überwies, ließ sie unangetastet auf einem separaten Konto liegen.

Die Arbeit bedeutete Gianna alles. Sie konzentrierte sich auf das Jetzt und die unmittelbare Zukunft.

Natürlich hatte sie ein paar gute Freunde, mit denen sie sich manchmal traf. Aber mit einzelnen Männern ging sie nicht mehr aus. Eine Einladung zum Abendessen und angenehme Konversation am Ende eines Arbeitstages bedeuteten schließlich nicht automatisch, dass man anschließend miteinander ins Bett ging. Jedenfalls nicht nach ihren Vorstellungen.

Ihre Freunde meinten es gut mit ihr. Sie wollten Gianna glücklich sehen, zufrieden, mit einem Mann an ihrer Seite, der wirklich zu ihr passte.

Ankündigungen wie ‚Er ist wundervoll – ein wirklicher Gentleman‘ hielten jedoch nie, was sie versprachen, das hatte sie rasch herausgefunden.

‚Du wirst ihn anhimmeln, er ist ja sooo charmant‘ … Vielleicht, wenn einem langweilige Kriecher gefielen.

Alle Vermittlungsversuche misslangen, egal, wie gut sie gemeint waren. Vielleicht war das ja auch ihre eigene Schuld … denn sie war einfach nicht in der Lage, sich innerlich von Raúl zu trennen.

Seine ständige Anwesenheit in ihren Gedanken war erdrückend. Gelegentlich stockte ihr der Atem, wenn sie zufällig einem großen breitschultrigen Mann begegnete, der ihr verteufelt vertraut vorkam. Wenige Sekunden folgten, die ihr Herz fast zum Stillstand brachten … bis er ihr sein Profil zuwandte und sie das Gesicht eines Fremden sah. Sehr schnell kehrte sie dann in die Wirklichkeit zurück.

Also stürzte sie sich in die Arbeit. Und es gab reichlich zu tun. Wareneinkauf. Auslieferung. Beratung der Kundschaft.

Beschäftigt zu sein, das war die Lösung. Ein steter Strom von Kunden stellte sicher, dass sie gar nicht erst zum Denken kam. Weil das Geschäft glücklicherweise so gut lief, hatte Gianna vor zwei Jahren Annaliese als Teilzeitkraft eingestellt. Sie arbeitete täglich von zehn Uhr dreißig bis sechzehn Uhr bei ihr.

Annaliese war intelligent, attraktiv, hatte ein sonniges Gemüt und Sinn für Humor. Sie war eine hervorragende Verkäuferin und, was das wichtigste war, mit Leib und Seele bei der Sache.

„Guten Morgen. Ein doppelter Latte macchiato für die Chefin.“

„Danke.“ Giannas Dankbarkeit war echt. Von Anfang an versorgte ihre Mitarbeiterin sie immer mit Kaffee. Mit einem warmen Lächeln auf den Lippen brachte Annaliese ihr auch an diesem Tag einen heißen Kaffee mit.

Erst am frühen Abend kam Gianna dazu, einen Blick in die Warenausgangsliste zu werfen. Sie sah sehr zufriedenstellend aus – was bedeutete, dass sie das Lager wieder auffüllen musste. Nur zu gerne rief Gianna ihre Lieferanten an, bevor sie dann bald den Laden schließen würde.

Als die automatische Ladentür aufglitt, zauberte Gianna in Erwartung eines Kunden ein Lächeln auf ihr Gesicht … das allerdings sofort gefror, als sie den Mann erkannte.

Seine kraftvolle Gestalt entsprach ganz dem Bild, das sie in Erinnerung hatte, und sein dunkles Haar schimmerte im Kunstlicht. Es betonte auch seine Züge, die hohen Wangenknochen, das energische Kinn, den olivefarbenen Teint … und Augen, die so dunkel waren, dass sie fast schwarz wirkten.

Raúl.

Exliebhaber, abgelegter Ehemann, kurzum ein Mensch, von dem sie innig gehofft hatte, sie würde ihm nie wieder begegnen.

Du lieber Himmel! Was will er hier?

Eine Schrecksekunde lang musste sie an jene Zeit denken, zu der noch perfekte Ordnung in ihrem Leben geherrscht hatte.

Bis es in wenigen Monaten in tausend Stücke zerbrach, nachdem sie eine Fehlgeburt hatte und der Schmerz darüber alles völlig durcheinander gebracht hatte.

Mehrfach hatte er sie angerufen. Doch weil sie nie abnahm, hatte er eines Tages vor der Tür gestanden und hatte von ihr verlangt, mit ihm nach Madrid zurückzukehren.

Doch sie hatte sich geweigert und Zeit und Raum für sich allein verlangt.

„Hast du mir nichts zu sagen, Gianna?“

Sein leichter Akzent machte sie nervös, und der Anblick seiner markanten Gesichtszüge brachten sie in die Wirklichkeit zurück.

Seine dunklen feurigen Augen wurden am äußeren Rand von winzigen Fältchen gerahmt. Die senkrecht verlaufenden Falten in den Wangen schienen seit ihrer letzten Begegnung tiefer geworden zu sein.

O mein Gott. Sie unterdrückte einen verzagten Seufzer. Lass dich auf nichts ein.

Es kostete sie gewaltige Anstrengung, ein schiefes Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern. „Was würdest du denn gern hören? Hallo, wie geht es dir, das scheint ja wohl …?“ Sie hielt inne.

„Unpassend?“

„Unglaublich banal“, erklärte Gianna.

Seine Augen verdunkelten sich.

Obwohl sie Schuhe mit hohen Absätzen trug, überragte Raúl sie noch. Sie musste ihren Kopf heben, um ihm in die Augen sehen zu können.

„Was führt dich hierher?“, fragte sie.

„Die Schönheit Australiens vielleicht? Die der Gold Coast im Speziellen?“, sagte er mit schleppendem Akzent. Dann machte er eine ausschweifende Bewegung mit dem Arm durch die gesamte Boutique und hob genüsslich eine Augenbraue.

„Vielleicht auch, dass ich dich wiedersehen wollte?“

„Ein Anruf hätte genügt, um mir zu sagen, was du willst.“

„Wenn du dich dazu herabgelassen hättest, ihn anzunehmen.“

Hätte ich das? Sein Name war immer noch gespeichert, damit sie es gleich sah, falls er anrief. Denn sie wollte entscheiden können, ob sie den Anruf entgegennahm oder nicht, auch wenn er es schon länger nicht mehr versucht hatte.

„Ich wüsste keinen Grund, der dein persönliches Erscheinen notwendig gemacht hätte.“

Eindringlich musterte er sie. Sie war schlanker geworden. Etwas blass unter einem dezenten Make-up, beinahe unmerkliche Schatten unter den strahlend blauen Augen. Und die Ader an ihrem Hals pulsierte verdächtig schnell.

Also ist sie doch nicht so cool, wie sie sich gibt, stellte er zufrieden fest.

Ein leises Zittern lag in ihrer Stimme, als sie sagte: „Es gibt nichts, was ich von dir hören möchte.“

Der Türsummer ertönte erneut. Sie brauchte einen Moment, um das Gefühl Muss das jetzt sein zu verdrängen, und wandte sich der Tür zu.

„Verzeihung. Haben Sie noch geöffnet?“

Mit fragendem Blick wandte sich Raúl Gianna zu. Er bewunderte, wie sie ganz schnell zu einem geschäftsmäßigen Lächeln wechselte, um die Kundin zu begrüßen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Die große rote Schale im Schaufenster – sie hat mir auf Anhieb gefallen.“

„Sehr exquisit, nicht wahr? Mundgeblasen, aus Venedig.“ Vorsichtig holte sie das gute Stück aus der Auslage.

Der stolze Preis war deutlich auf dem Schildchen sichtbar, doch die Dame schreckte das nicht ab. „Ich nehme sie.“

Gianna lächelte freundlich. „Soll ich sie als Geschenk verpacken?“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gerne.“

„Selbstverständlich.“

Innerhalb von Minuten befand sich die Schale in einer passenden Schachtel, war mit geschmackvollem Papier umwickelt und mit einer Schleife versehen. Ein Geschenk, das sicher großen Eindruck machen würde.

Nachdem die Kundin mit Kreditkarte bezahlt hatte, geleitete Gianna sie zum Ausgang und wünschte ihr einen schönen Abend. Dann schloss sie die Ladentür ab.

„Wenn du alles erledigt hast, was noch zu tun ist, gehen wir“, erklärte Raúl.

Wir?“, entgegnete Gianna genervt und ging zur Verkaufstheke hinüber. „Nirgendwohin werde ich mit dir gehen.“

„Ich denke schon.“ Seine Stimme nahm einen gefährlich weichen Klang an.

Das quittierte sie mit einem kalten Blick. „Dann nenn mir einen Grund, der mich umstimmen könnte.“

Ohne weitere Einleitung sagte Raúl nur ein einziges Wort: „Teresa.“

Giannas Augen weiteten sich und ihre Miene umwölkte sich, als sie den Namen seiner Mutter hörte. Teresa Velez-Saldaña hatte sie, als sie die Geliebte ihres Sohnes war, offen aufgenommen und ihre Heirat begrüßt, und sie hatte viele Tränen vergossen, als Gianna ihr Baby verlor.

Eine wunderbare Frau, die ihr bei jeder Gelegenheit mit Rat zur Seite gestanden und regelmäßig Kontakt zu ihr gehalten hatte. Immer wieder hatte sie auch betont, dass Gianna sie jederzeit besuchen könne.

Die Briefe hatte Gianna zunächst mit Vorsicht beantwortet. Doch als ihr klar wurde, dass Raúl darin keine Rolle spielte, hatte sie die Reserviertheit aufgegeben.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie nun daran dachte, dass Teresa krank, verletzt oder … Gott behüte … noch etwas Schlimmeres geschehen sein könnte.

„Nein.“

„Was, nein?“, gab Gianna schneidend zurück, verärgert darüber, dass er offensichtlich noch immer in der Lage war, ihre Gedanken zu lesen. Dabei hatte sie sich eingebildet, sie sei mittlerweile in der Lage, völlig ungerührt zu wirken.

Offensichtlich hatte sie sich geirrt.

Sie schaute ihn lange einfach nur an, in der Hoffnung, er würde den Blick abwenden. Doch er blieb standhaft, und ihr wurde bewusst, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. Ihr ganzer Körper schien zum Leben zu erwachen, und das Schlimmste war, dass Raúl darum wusste.

„Also, was ist mit Teresa? Sag schon, verdammt!“

Sein Blick wurde ernst. „Vor wenigen Wochen wurde bei ihr eine inoperable Krebserkrankung diagnostiziert.“

Im ersten Moment konnte sie gar nichts sagen.

„Seltsam. Sie hat in ihren Briefen kein Wort darüber verloren“, brachte sie schließlich heraus. Zuneigung, Respekt und Vertrauen zwischen den beiden Frauen hatten zu einer echten Freundschaft geführt. „Es tut mir so leid!“

„Ja, das glaube ich dir.“ Sein Blick hielt ihren fest, und die Eindringlichkeit, die darin lag, brachte sie beinahe ins Schwanken. „Meinst du“, fuhr er ruhig fort, „dass dein Mitleid weit genug geht, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen?“

Da sie befürchtete, dass ihr nicht gefallen würde, was er gleich sagen würde, achtete sie darauf, mit ruhiger Stimme und zurückhaltend zu antworten: „Wenn ich es einrichten kann.“

„Teresa sehnt sich nach deiner Gesellschaft.“

Gianna erstarrte. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht und sie hatte Mühe, die Kontrolle über ihre verrücktspielenden Nerven zu behalten.

„In Madrid?“ Die Frage war unnötig, denn sie kannte die Antwort bereits.

„Zunächst einmal, ja.“